Wir sind müde und abgekämpft, und dann noch der kalte Winter. Aber Stress muss nicht immer nur zermürbend sein! Unsere Autorin erklärt, wie wir Adrenalin und Deadlines kreativ nutzen können
Voll konzentriert statt ständig erschöpft – mehr solchen Stress bitte!
Foto: furkanvari/unsplash
Mein Augenlid zuckt, so als würde es mir etwas sagen wollen. Vielleicht sowas wie: „Hey du, mach mal langsam!“ oder „Zeit für eine Pause!“. Zeit für eine Pause, die gab es in der Tat schon länger nicht mehr, die Deadlines ziehen an meiner begrenzten Aufmerksamkeitsspanne wie an einem Tau.
Der Alltag in dieser Welt – voller Termine und Erledigungen und Papierkram und Mails und Geldsorgen und Arztbesuche und Einkaufen und Bewegung und irgendwie nebenbei noch Spaß haben und Freundschaften pflegen und vielleicht einem Hobby nachgehen oder doch einfach mal entspannen. Und habe ich eigentlich schon Geldsorgen erwähnt? Wie ein Vollzeitjob fühlt sich das Erwachsenendasein manchmal an und das Überwasserbleiben im Kapitalismus bedeutet oft vor allem eines, nämlich Stress.
Treibstoff im Tank – wie vor einem Date
Dieser Stress, der uns von innen auffrisst, nächtelang wie hypnotisiert an die Zimmerdecke starren lässt und den Magen dabei von links auf rechts dreht, den kennen wir alle. Einige stehen dauerhaft in Alarmbereitschaft, weil es für sie ums Überleben geht. Andere wiederum befinden sich im Nine-to-five-Hamsterrad der Lohnarbeit und gehen nachts im Traum mit ihren To-do-Listen spazieren. Um diesen fiesen Stress, jenen, der uns krank macht, um den soll es hier aber nicht gehen.
Sondern den, der einen packt und schüttelt und antreibt, so, als hätte man wieder Treibstoff im Tank. Vielleicht kam einem unter der Dusche eine zündende Idee. Sie lässt einen aufgescheucht von Raum zu Raum tänzeln, weil man gar nicht weiß, wohin mit dieser ungeahnten Wucht an Energie.
Oder diese Aufregung vor einem Date oder einem Auftritt auf großer oder kleiner Bühne. Auch wenn wir uns verlieben, befindet sich unser Körper in einem permanenten Stresszustand. Wir stehen unter Strom, und auch wenn wir die ganze Welt umarmen könnten, ist auch dieser Zustand nicht gerade erholsam.
Situationen, die uns nicht überwältigen sollten
Dieser Strom, diese Anspannung, dieses Kribbeln nennt sich „positiver Stress“, jener, der einen antreibt und anschubst, Dinge zu tun. Großartige Dinge vielleicht sogar. Genau genommen hat diese Art von Stress einen Namen, nämlich Eustress. Aber wie unterscheidet er sich von seinem unliebsamen Gegenspieler, dem sogenannten Distress, den wir um jeden Preis vermeiden wollen?
Körperlich unterscheiden sich beide Stressarten eigentlich kaum voneinander. Die wichtigsten Stresshormone Cortisol, Noradrenalin und Adrenalin schießen in beiden Zuständen durch unsere Körper und sorgen für Fokus und Energie. Der Puls steigt, das Herz beginnt zu rennen, so, als hätte es gerade jemand wachgeschüttelt.
Mit „positivem Stress“ sind Situationen gemeint, in denen Anforderungen uns zwar fordern, aber nicht überwältigen, erklärt Prof. Eva Asselmann. Die Diplom-Psychologin beschäftigt sich auch in ihren Büchern mit Stress und Resilienz, im März erscheint Too much: Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden (dtv). „Wir sind angespannt, aber wach; unter Druck, aber handlungsfähig. Ein typisches Beispiel ist die Aufregung vor einer wichtigen Entscheidung. Im Körper steigen Herzschlag und Aufmerksamkeit, Energie wird mobilisiert“, sagt Asselmann.
Ohne Erholung werden wir krank
Psychologisch würden wir uns dann eher herausgefordert als bedroht fühlen. Negativer Stress hingegen entsteht dann, wenn diese Aktivierung zu stark wird, zu lange anhält oder wir das Gefühl verlieren, Einfluss nehmen zu können. „Der Körper reagiert dann ähnlich, aber ohne Erholung, und das macht uns auf Dauer krank“, sagt Asselmann.
Stress hilft uns also, wenn er zeitlich begrenzt ist und „wenn wir wissen, wofür wir uns anstrengen“. Viele erleben das vor einer Deadline, sagt sie. „Die Konzentration steigt, Ablenkungen treten in den Hintergrund, man kommt ins Tun.“
Belastungen sortieren, Termin verschieben
Problematisch werde es, „wenn mehrere Deadlines zusammenkommen, Pausen wegfallen und das Gefühl entsteht, ständig reagieren zu müssen.“ Aus der Anspannung, dem einstigen Kribbeln, wird dann der allseits bekannte zermürbende Stresszustand. Erschöpfung macht sich breit. „Die Leistung nimmt ab, obwohl man sich mehr anstrengt – ein klassisches Warnsignal“, betont die Professorin.
Positiver Stress fühle sich meist wie ein inneres „Ich schaffe das“ an, negativer hingegen wie ein permanentes „Ich komme nicht hinterher“. Schönreden kann man sich letzteren leider nicht, sagt die Psychologin. Um ihn zumindest etwas zu entschärfen, sollte man seine Belastungen sortieren, Prioritäten klären und bewusst kleine Handlungsspielräume schaffen. „Schon das Gefühl, wieder entscheiden zu können – etwa eine Aufgabe aufzuteilen oder einen Termin zu verschieben – verändert die Stressreaktion messbar. Aus lähmendem Druck wird dann zumindest wieder ein bewältigbares Problem“, so Asselmann.
Lösbare Krisen stärken das Vertrauen in uns selbst
Wie sich mögliche Stresssituationen wie ein Vortrag oder ein volles E-Mail-Postfach auf jeden Einzelnen auswirken, hängt auch mit der eigenen Selbstwahrnehmung zusammen. „Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und völlig unterschiedlich reagieren. Wer Anspannung sofort als Gefahr deutet, gerät schneller in Stress, wer sie jedoch als Signal versteht, dass gerade etwas Wichtiges ansteht, bleibt oft gelassener“, sagt Asselmann. Wie wir Stress wahrnehmen, beeinflusst also direkt, wie stark er uns belastet.
Wir können aber auch wachsen an unserem Stress. An Herausforderungen etwa, die uns zunächst vielleicht stressen. Sie fordern unsere ganze Aufmerksamkeit, überfordern uns jedoch nicht. Wir sind fokussiert. Wir sind voll bei der Sache. „Ein neuer Job, eine neue Verantwortung oder eine schwierige, aber lösbare Krise, können Erfahrungen sein, mit denen wir unser Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken“, so Asselmann.
Anspannung, Erholung, immer im Wechsel
Auch kreative Prozesse profitieren häufig von einem gewissen Druck, etwa wenn eine Idee unter Zeitvorgaben entstehen muss, so die Professorin. „Entscheidend ist jedoch, dass auf Phasen hoher Anspannung, bald Erholungsphasen folgen. Ohne dieses Gleichgewicht wird selbst ‚positiver‘ Stress langfristig zur Belastung“, sagt sie.
Dass sich dieser Text hier so kurz vor der Deadline fast wie von Zauberhand schrieb, habe ich vermutlich meiner Nebenniere zu verdanken. Denn Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, die Hormone, die man für einen ordentlichen Stresszustand braucht, schießen genau von dort aus in unsere Körper wie ein Feuerwerk in den Blutkreislauf, um schließlich in alle Organe zu gelangen. Bei mir kribbelt es dann im Bauch, dabei sitze ich dann meist kerzengerade, wie sonst nie, im Bildschirmlicht. Dank meines Stresses. Jetzt aber, Laptop zu und Pause – mein Augenlid wird das sicher freuen.
ismus bedeutet oft vor allem eines, nämlich Stress. Treibstoff im Tank – wie vor einem DateDieser Stress, der uns von innen auffrisst, nächtelang wie hypnotisiert an die Zimmerdecke starren lässt und den Magen dabei von links auf rechts dreht, den kennen wir alle. Einige stehen dauerhaft in Alarmbereitschaft, weil es für sie ums Überleben geht. Andere wiederum befinden sich im Nine-to-five-Hamsterrad der Lohnarbeit und gehen nachts im Traum mit ihren To-do-Listen spazieren. Um diesen fiesen Stress, jenen, der uns krank macht, um den soll es hier aber nicht gehen.Sondern den, der einen packt und schüttelt und antreibt, so, als hätte man wieder Treibstoff im Tank. Vielleicht kam einem unter der Dusche eine zündende Idee. Sie lässt einen aufgescheucht von Raum zu Raum tänzeln, weil man gar nicht weiß, wohin mit dieser ungeahnten Wucht an Energie. Oder diese Aufregung vor einem Date oder einem Auftritt auf großer oder kleiner Bühne. Auch wenn wir uns verlieben, befindet sich unser Körper in einem permanenten Stresszustand. Wir stehen unter Strom, und auch wenn wir die ganze Welt umarmen könnten, ist auch dieser Zustand nicht gerade erholsam. Situationen, die uns nicht überwältigen solltenDieser Strom, diese Anspannung, dieses Kribbeln nennt sich „positiver Stress“, jener, der einen antreibt und anschubst, Dinge zu tun. Großartige Dinge vielleicht sogar. Genau genommen hat diese Art von Stress einen Namen, nämlich Eustress. Aber wie unterscheidet er sich von seinem unliebsamen Gegenspieler, dem sogenannten Distress, den wir um jeden Preis vermeiden wollen?Körperlich unterscheiden sich beide Stressarten eigentlich kaum voneinander. Die wichtigsten Stresshormone Cortisol, Noradrenalin und Adrenalin schießen in beiden Zuständen durch unsere Körper und sorgen für Fokus und Energie. Der Puls steigt, das Herz beginnt zu rennen, so, als hätte es gerade jemand wachgeschüttelt. Mit „positivem Stress“ sind Situationen gemeint, in denen Anforderungen uns zwar fordern, aber nicht überwältigen, erklärt Prof. Eva Asselmann. Die Diplom-Psychologin beschäftigt sich auch in ihren Büchern mit Stress und Resilienz, im März erscheint Too much: Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden (dtv). „Wir sind angespannt, aber wach; unter Druck, aber handlungsfähig. Ein typisches Beispiel ist die Aufregung vor einer wichtigen Entscheidung. Im Körper steigen Herzschlag und Aufmerksamkeit, Energie wird mobilisiert“, sagt Asselmann.Ohne Erholung werden wir krankPsychologisch würden wir uns dann eher herausgefordert als bedroht fühlen. Negativer Stress hingegen entsteht dann, wenn diese Aktivierung zu stark wird, zu lange anhält oder wir das Gefühl verlieren, Einfluss nehmen zu können. „Der Körper reagiert dann ähnlich, aber ohne Erholung, und das macht uns auf Dauer krank“, sagt Asselmann.Stress hilft uns also, wenn er zeitlich begrenzt ist und „wenn wir wissen, wofür wir uns anstrengen“. Viele erleben das vor einer Deadline, sagt sie. „Die Konzentration steigt, Ablenkungen treten in den Hintergrund, man kommt ins Tun.“ Belastungen sortieren, Termin verschieben Problematisch werde es, „wenn mehrere Deadlines zusammenkommen, Pausen wegfallen und das Gefühl entsteht, ständig reagieren zu müssen.“ Aus der Anspannung, dem einstigen Kribbeln, wird dann der allseits bekannte zermürbende Stresszustand. Erschöpfung macht sich breit. „Die Leistung nimmt ab, obwohl man sich mehr anstrengt – ein klassisches Warnsignal“, betont die Professorin. Positiver Stress fühle sich meist wie ein inneres „Ich schaffe das“ an, negativer hingegen wie ein permanentes „Ich komme nicht hinterher“. Schönreden kann man sich letzteren leider nicht, sagt die Psychologin. Um ihn zumindest etwas zu entschärfen, sollte man seine Belastungen sortieren, Prioritäten klären und bewusst kleine Handlungsspielräume schaffen. „Schon das Gefühl, wieder entscheiden zu können – etwa eine Aufgabe aufzuteilen oder einen Termin zu verschieben – verändert die Stressreaktion messbar. Aus lähmendem Druck wird dann zumindest wieder ein bewältigbares Problem“, so Asselmann.Lösbare Krisen stärken das Vertrauen in uns selbstWie sich mögliche Stresssituationen wie ein Vortrag oder ein volles E-Mail-Postfach auf jeden Einzelnen auswirken, hängt auch mit der eigenen Selbstwahrnehmung zusammen. „Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und völlig unterschiedlich reagieren. Wer Anspannung sofort als Gefahr deutet, gerät schneller in Stress, wer sie jedoch als Signal versteht, dass gerade etwas Wichtiges ansteht, bleibt oft gelassener“, sagt Asselmann. Wie wir Stress wahrnehmen, beeinflusst also direkt, wie stark er uns belastet.Wir können aber auch wachsen an unserem Stress. An Herausforderungen etwa, die uns zunächst vielleicht stressen. Sie fordern unsere ganze Aufmerksamkeit, überfordern uns jedoch nicht. Wir sind fokussiert. Wir sind voll bei der Sache. „Ein neuer Job, eine neue Verantwortung oder eine schwierige, aber lösbare Krise, können Erfahrungen sein, mit denen wir unser Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken“, so Asselmann.Anspannung, Erholung, immer im Wechsel Auch kreative Prozesse profitieren häufig von einem gewissen Druck, etwa wenn eine Idee unter Zeitvorgaben entstehen muss, so die Professorin. „Entscheidend ist jedoch, dass auf Phasen hoher Anspannung, bald Erholungsphasen folgen. Ohne dieses Gleichgewicht wird selbst ‚positiver‘ Stress langfristig zur Belastung“, sagt sie.Dass sich dieser Text hier so kurz vor der Deadline fast wie von Zauberhand schrieb, habe ich vermutlich meiner Nebenniere zu verdanken. Denn Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, die Hormone, die man für einen ordentlichen Stresszustand braucht, schießen genau von dort aus in unsere Körper wie ein Feuerwerk in den Blutkreislauf, um schließlich in alle Organe zu gelangen. Bei mir kribbelt es dann im Bauch, dabei sitze ich dann meist kerzengerade, wie sonst nie, im Bildschirmlicht. Dank meines Stresses. Jetzt aber, Laptop zu und Pause – mein Augenlid wird das sicher freuen.