Taraneh Alidoosti ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Irans. In einem BBC-Interview kündigt sie an: Nie wieder will sie mit Zwangs-Hijab vor der Kamera stehen. Das Interview schlägt während der aktuellen Proteste große Wellen
Taraneh Alidoosti
Foto: Julie Sebadelha/Getty Images
Alidoosti sitzt vor der Kamera und spricht ruhig, präzise und manchmal angespannt. Man meint, ihr die Haft anzusehen, ihre Erkrankung, überhaupt die Monate des Rückzugs. Aber sie hat trotz alledem weder ihr Lachen noch die Lebensfreude verloren, jenes Funkeln in den Augen, das sie seit Jahrzehnten zur Ikone des iranischen Kinos macht. Was sie in der BBC sagt, geht über ein klassisches Interview hinaus. Es ist ein politisch-cineastisches Manifest.
Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Frau-Leben-Freiheit-Bewegung von 2022. Nachdem die iranische Kurdin Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei verstarb, die sie wegen ihres falsch sitzenden Kopftuches aufgegriffen hatte, erlebte der Iran unter der Herrschaft der islamischen Republik die größte und radikalste Protestbewegung seiner Geschichte. Für Alidoosti war das kein punktueller Aufstand, kein bloßer Protest gegen die Kopftuchpflicht, sondern eine Revolution. Der Tod von Mahsa Amini habe die Gesellschaft aus einem kollektiven Verdrängungszustand gerissen. „Es war, als hätte man der Gesellschaft einen Schlag ins Gesicht versetzt: Wach auf, dieses Problem kostet Menschenleben.“
Bemerkenswert ist die analytische Klarheit, mit der Alidoosti im Interview diese Bewegung beschreibt. Der Hijab steht im Zentrum – als Symbol patriarchaler und staatlicher Gewalt –, aber er bleibt nicht das einzige Thema. „Unter dem Vorwand dieses Vorfalls konnten die Menschen auch viele andere Dinge nicht mehr akzeptieren.“ Die Bewegung verband eine Vielzahl von sozialen, politischen, ethnischen und generationellen Konflikten. Der Gegner war klar benannt: die Islamische Republik. Ihr Schluss: „Was sind das für Forderungen, die alle teilen? Das ist eine Revolution.“
Ein gefährliches Selfie, das alles verändert
Diese Revolution stellte auch für Alidoosti eine Frage:Was tun? Welche Rolle kann – oder muss – man spielen? Sie lud damals ein Foto von sich in den sozialen Medien hoch. Auf ihm sieht man Alidoosti ohne Hijab, aber mit einem Schild: Jin, Jiyan, Azadi – die kurdischen Worte für Frau, Leben, Freiheit. Heute blickt sie nüchtern und selbstkritisch auf dieses Statement. Ein Instagram-Post aus dem eigenen Wohnzimmer heraus sei nicht mit dem Risiko vergleichbar, auf der Straße zu protestieren. Schließlich sollen über 500 Demonstrierende (Quelle: Iran Human Rights) dabei ihr Leben gelassen haben. „Ich habe die Sicherheit, zu Hause zu sitzen und ein Selfie zu posten“, sagt sie. Und doch bleibt für sie eine Verantwortung, vor allem wegen ihrer großen Sichtbarkeit. Millionen Menschen folgen ihr, jede Geste hat Gewicht.
Dabei unterschätzt Alidoosti fast noch ihre eigene Bedeutung. Sie ist nicht irgendeine prominente Unterstützerin, sondern quasi das Gesicht des iranischen Kinos, international gefeiert und ausgezeichnet. Ihr Bekanntheitsgrad lässt sich mit Figuren wie Ali Daei, dem legendären ehemaligen Fußballer, vergleichen, der sich ebenfalls für die Bewegung einsetzte. Alidoostis Entscheidung, öffentlich ohne Hijab aufzutreten, war kein symbolischer Akt unter vielen – sie war ein Einschnitt mit Signalwirkung. „Wie hätte ich denn darin keine Rolle haben können?“, fragt sie. Schweigen sei keine Option gewesen.
Auf das Evin-Gefängnis folgte eine Krankheit
Die Konsequenzen folgten erwartungsgemäß: Verhaftung, Einzelzelle, das berüchtigte Evin-Gefängnis. Alidoosti beschreibt diese Erfahrung nicht pathetisch, sondern konkret: die Enge der Zellen, die Überfüllung, die Angst, aber auch die Solidarität unter den Gefangenen. „Dein Herz verlässt niemals wirklich die Zelle.“ Der Staat habe sie nicht zum Schweigen gebracht – im Gegenteil. Die Haft habe ihr noch deutlicher gemacht, auf welcher Seite sie steht.
Hinzu kam eine schwere Autoimmunreaktion, ausgelöst durch Medikamente, die sie zeitweise entstellte und lähmte, und zwar so deutlich, dass sie sich selbst im Spiegel kaum mehr erkannte. Spuren davon sind im Interview noch deutlich an ihrer Haut zu erkennen. „Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder wie ich selbst aussehen würde.“ Eine solche Erkrankung ist für alle Menschen schrecklich, aber für eine Schauspielerin sind damit noch einmal ganz andere Existenzängste verbunden. Fast ein Jahr zog Aliddosti sich ganz zurück. Dann kam sie zurück vor die Kamera – bewusst, sichtbar, ohne Schutz.
Der radikalste Teil des Interviews beginnt dort, wo Alidoosti über ihre Arbeit als Schauspielerin spricht. Seit über zwei Jahrzehnten spielt sie immer wieder Frauenfiguren, die gegen Einschränkungen anlebten: junge Mädchen, Ehefrauen, Töchter, Schwestern, die sich weigerten, still zu funktionieren. Sie beschreibt diese Rollen selbst als feministisch – und zugleich blickt sie kritisch zurück auf die ästhetischen Kompromisse, die das iranische Kino dabei einging oder glaubte eingehen zu müssen.
Betrug am Kinozuschauer?
Über Jahre hinweg habe man versucht, das Publikum visuell „mitdenken zu lassen“: Kopftücher, die nicht dazugehören sollten, wurden mit Bandagen, Hüten, Mänteln, Frisuren überformt, sei es in Asghar Farhadis 2017 mit dem internationalen Oscar ausgezeichneten The Salesman oder in der ungeheuer populären Streamingserie Shahrzad (2015–2018), oder im 2012 auf der Berlinale vorgestellten Modest Reception. Besonders drastisch wirkt ihre Rückschau auf den Film Orca (2021) in dem sie die Schwimmerin Elham Asghari verkörpert und mit Kopftuch im Meer zu sehen ist. „Heute ist das nicht mehr vermittelbar.“
Dann zieht Alidoosti eine Linie, klar und endgültig: „Ich werde unter keinen Umständen mehr mit dem Hijab schauspielen.“
Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Entscheidung. Er bedeutet faktisch das endgültige Ende ihrer Karriere im offiziellen iranischen Kino – zumindest solange die Zwangsverschleierung gilt. Alidoosti formuliert das ohne Pathos. Sie sagt, sie habe keine Angst davor, keine Schauspielerin mehr zu sein. Wichtiger ist ihr etwas anderes: Das Kino dürfe der Gesellschaft nicht hinterherhinken. „Etwas, das hinter den Menschen zurückbleibt, ist kein Kino.“
„Unser iranisches Kino ist verschwunden“
Mit diesem Satz richtet sich Alidoosti nicht nur an sich selbst, sondern an eine ganze Branche. „Unser Kino ist verschwunden“, sagt sie – nicht als Abgesang, sondern als Diagnose. Die iranischen Filmemacher, die in den letzten Jahren Preise auf internationalen Festivals gewannen, müssen im Untergrund oder im Ausland arbeiten und werden mit Haftstrafen und Arbeitsverbot belegt, wie etwa Mohammad Rasoulof, der mit Die Saat des heiligen Feigenbaums im vergangenen Jahr für Deutschland ins Oscarrennen ging, oder Jafar Panahi, dessen Ein einfacher Unfall im Mai die Goldene Palme gewann und nun von Frankreich für den Oscar eingereicht wird.
Ein Kino aber, das weiterhin Frauen zeigt, wie sie staatlich gewünscht sind, nicht wie sie leben, verliere seine Legitimität. Der Maßstab habe sich verschoben. Nicht sie, Aliddosti, sei zu radikal geworden, sondern die Realität habe das Kino überholt.
Dabei verweigert sie sich der Logik von Aktualität und Produktionsdruck. Drei Jahre seien nichts in der Kulturgeschichte eines Landes. Vielleicht brauche es zehn. Visuelle Gewohnheiten, sagt sie, müssten komplett neu gelernt werden – innerhalb einer Generation. Das sei schmerzhaft, aber notwendig.
Neue Proteste: Die Revolution geht im Iran weiter
Schon vor und auch nach der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung brodelt der Iran innenpolitisch. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen gehen auf die Straße. Seit 2017 ist der Konsens unmissverständlich: Nieder mit der islamischen Republik. Seit sechs Tagen gehen Bazaris, Einzelhändler und nun auch Studierende im ganzen Land auf die Straße. Sie streiken und demonstrieren gegen explodierende Preise und eine katastrophale wirtschaftliche Lage.
Doch das ist nur der Anlass, der diesmalige Auslöser: Sobald etwas passiert, kommen viele Menschen, Massen, aus den Häusern und protestieren gegen das Regime als solches. Viele Dinge, die nicht mehr zu akzeptieren seien, wie Alidoosti diagnostizierte. Die Aufstände in diesen Tagen zeigen erneut: Der Protest ist vielfältig, der Riss zwischen Bevölkerung und Regime ist irreparabel.
Dass dieses Interview in drei Tagen 40 Millionen Mal angesehen wurde, zeigt, wie sehr Alidoostis Worte einen Nerv treffen. Ihre Prominenz schützt sie – vorerst. Doch wichtiger ist etwas anderes: Frauen gehen im Iran weiterhin ohne Kopftuch auf die Straße. Ein stiller, alltäglicher Akt – und ein revolutionärer. Nicht nur in den großen Städten, sondern überall. Das Regime kriegt dieses Problem faktisch nicht unter Kontrolle. Das ist die neue Realität, die Alidoosti meint.
Taraneh Alidoosti macht in diesem Interview deutlich: Frau-Leben-Freiheit ist kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist ein Maßstab. Für Politik. Für Gesellschaft. Und für ein Kino, das erst wieder entstehen muss.
hsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei verstarb, die sie wegen ihres falsch sitzenden Kopftuches aufgegriffen hatte, erlebte der Iran unter der Herrschaft der islamischen Republik die größte und radikalste Protestbewegung seiner Geschichte. Für Alidoosti war das kein punktueller Aufstand, kein bloßer Protest gegen die Kopftuchpflicht, sondern eine Revolution. Der Tod von Mahsa Amini habe die Gesellschaft aus einem kollektiven Verdrängungszustand gerissen. „Es war, als hätte man der Gesellschaft einen Schlag ins Gesicht versetzt: Wach auf, dieses Problem kostet Menschenleben.“Bemerkenswert ist die analytische Klarheit, mit der Alidoosti im Interview diese Bewegung beschreibt. Der Hijab steht im Zentrum – als Symbol patriarchaler und staatlicher Gewalt –, aber er bleibt nicht das einzige Thema. „Unter dem Vorwand dieses Vorfalls konnten die Menschen auch viele andere Dinge nicht mehr akzeptieren.“ Die Bewegung verband eine Vielzahl von sozialen, politischen, ethnischen und generationellen Konflikten. Der Gegner war klar benannt: die Islamische Republik. Ihr Schluss: „Was sind das für Forderungen, die alle teilen? Das ist eine Revolution.“Ein gefährliches Selfie, das alles verändertDiese Revolution stellte auch für Alidoosti eine Frage:Was tun? Welche Rolle kann – oder muss – man spielen? Sie lud damals ein Foto von sich in den sozialen Medien hoch. Auf ihm sieht man Alidoosti ohne Hijab, aber mit einem Schild: Jin, Jiyan, Azadi – die kurdischen Worte für Frau, Leben, Freiheit. Heute blickt sie nüchtern und selbstkritisch auf dieses Statement. Ein Instagram-Post aus dem eigenen Wohnzimmer heraus sei nicht mit dem Risiko vergleichbar, auf der Straße zu protestieren. Schließlich sollen über 500 Demonstrierende (Quelle: Iran Human Rights) dabei ihr Leben gelassen haben. „Ich habe die Sicherheit, zu Hause zu sitzen und ein Selfie zu posten“, sagt sie. Und doch bleibt für sie eine Verantwortung, vor allem wegen ihrer großen Sichtbarkeit. Millionen Menschen folgen ihr, jede Geste hat Gewicht.Dabei unterschätzt Alidoosti fast noch ihre eigene Bedeutung. Sie ist nicht irgendeine prominente Unterstützerin, sondern quasi das Gesicht des iranischen Kinos, international gefeiert und ausgezeichnet. Ihr Bekanntheitsgrad lässt sich mit Figuren wie Ali Daei, dem legendären ehemaligen Fußballer, vergleichen, der sich ebenfalls für die Bewegung einsetzte. Alidoostis Entscheidung, öffentlich ohne Hijab aufzutreten, war kein symbolischer Akt unter vielen – sie war ein Einschnitt mit Signalwirkung. „Wie hätte ich denn darin keine Rolle haben können?“, fragt sie. Schweigen sei keine Option gewesen.Auf das Evin-Gefängnis folgte eine KrankheitDie Konsequenzen folgten erwartungsgemäß: Verhaftung, Einzelzelle, das berüchtigte Evin-Gefängnis. Alidoosti beschreibt diese Erfahrung nicht pathetisch, sondern konkret: die Enge der Zellen, die Überfüllung, die Angst, aber auch die Solidarität unter den Gefangenen. „Dein Herz verlässt niemals wirklich die Zelle.“ Der Staat habe sie nicht zum Schweigen gebracht – im Gegenteil. Die Haft habe ihr noch deutlicher gemacht, auf welcher Seite sie steht.Hinzu kam eine schwere Autoimmunreaktion, ausgelöst durch Medikamente, die sie zeitweise entstellte und lähmte, und zwar so deutlich, dass sie sich selbst im Spiegel kaum mehr erkannte. Spuren davon sind im Interview noch deutlich an ihrer Haut zu erkennen. „Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder wie ich selbst aussehen würde.“ Eine solche Erkrankung ist für alle Menschen schrecklich, aber für eine Schauspielerin sind damit noch einmal ganz andere Existenzängste verbunden. Fast ein Jahr zog Aliddosti sich ganz zurück. Dann kam sie zurück vor die Kamera – bewusst, sichtbar, ohne Schutz.Der radikalste Teil des Interviews beginnt dort, wo Alidoosti über ihre Arbeit als Schauspielerin spricht. Seit über zwei Jahrzehnten spielt sie immer wieder Frauenfiguren, die gegen Einschränkungen anlebten: junge Mädchen, Ehefrauen, Töchter, Schwestern, die sich weigerten, still zu funktionieren. Sie beschreibt diese Rollen selbst als feministisch – und zugleich blickt sie kritisch zurück auf die ästhetischen Kompromisse, die das iranische Kino dabei einging oder glaubte eingehen zu müssen.Betrug am Kinozuschauer?Über Jahre hinweg habe man versucht, das Publikum visuell „mitdenken zu lassen“: Kopftücher, die nicht dazugehören sollten, wurden mit Bandagen, Hüten, Mänteln, Frisuren überformt, sei es in Asghar Farhadis 2017 mit dem internationalen Oscar ausgezeichneten The Salesman oder in der ungeheuer populären Streamingserie Shahrzad (2015–2018), oder im 2012 auf der Berlinale vorgestellten Modest Reception. Besonders drastisch wirkt ihre Rückschau auf den Film Orca (2021) in dem sie die Schwimmerin Elham Asghari verkörpert und mit Kopftuch im Meer zu sehen ist. „Heute ist das nicht mehr vermittelbar.“Dann zieht Alidoosti eine Linie, klar und endgültig: „Ich werde unter keinen Umständen mehr mit dem Hijab schauspielen.“Dieser Satz ist mehr als eine persönliche Entscheidung. Er bedeutet faktisch das endgültige Ende ihrer Karriere im offiziellen iranischen Kino – zumindest solange die Zwangsverschleierung gilt. Alidoosti formuliert das ohne Pathos. Sie sagt, sie habe keine Angst davor, keine Schauspielerin mehr zu sein. Wichtiger ist ihr etwas anderes: Das Kino dürfe der Gesellschaft nicht hinterherhinken. „Etwas, das hinter den Menschen zurückbleibt, ist kein Kino.“„Unser iranisches Kino ist verschwunden“Mit diesem Satz richtet sich Alidoosti nicht nur an sich selbst, sondern an eine ganze Branche. „Unser Kino ist verschwunden“, sagt sie – nicht als Abgesang, sondern als Diagnose. Die iranischen Filmemacher, die in den letzten Jahren Preise auf internationalen Festivals gewannen, müssen im Untergrund oder im Ausland arbeiten und werden mit Haftstrafen und Arbeitsverbot belegt, wie etwa Mohammad Rasoulof, der mit Die Saat des heiligen Feigenbaums im vergangenen Jahr für Deutschland ins Oscarrennen ging, oder Jafar Panahi, dessen Ein einfacher Unfall im Mai die Goldene Palme gewann und nun von Frankreich für den Oscar eingereicht wird.Ein Kino aber, das weiterhin Frauen zeigt, wie sie staatlich gewünscht sind, nicht wie sie leben, verliere seine Legitimität. Der Maßstab habe sich verschoben. Nicht sie, Aliddosti, sei zu radikal geworden, sondern die Realität habe das Kino überholt.Dabei verweigert sie sich der Logik von Aktualität und Produktionsdruck. Drei Jahre seien nichts in der Kulturgeschichte eines Landes. Vielleicht brauche es zehn. Visuelle Gewohnheiten, sagt sie, müssten komplett neu gelernt werden – innerhalb einer Generation. Das sei schmerzhaft, aber notwendig.Neue Proteste: Die Revolution geht im Iran weiterSchon vor und auch nach der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung brodelt der Iran innenpolitisch. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen gehen auf die Straße. Seit 2017 ist der Konsens unmissverständlich: Nieder mit der islamischen Republik. Seit sechs Tagen gehen Bazaris, Einzelhändler und nun auch Studierende im ganzen Land auf die Straße. Sie streiken und demonstrieren gegen explodierende Preise und eine katastrophale wirtschaftliche Lage.Doch das ist nur der Anlass, der diesmalige Auslöser: Sobald etwas passiert, kommen viele Menschen, Massen, aus den Häusern und protestieren gegen das Regime als solches. Viele Dinge, die nicht mehr zu akzeptieren seien, wie Alidoosti diagnostizierte. Die Aufstände in diesen Tagen zeigen erneut: Der Protest ist vielfältig, der Riss zwischen Bevölkerung und Regime ist irreparabel.Dass dieses Interview in drei Tagen 40 Millionen Mal angesehen wurde, zeigt, wie sehr Alidoostis Worte einen Nerv treffen. Ihre Prominenz schützt sie – vorerst. Doch wichtiger ist etwas anderes: Frauen gehen im Iran weiterhin ohne Kopftuch auf die Straße. Ein stiller, alltäglicher Akt – und ein revolutionärer. Nicht nur in den großen Städten, sondern überall. Das Regime kriegt dieses Problem faktisch nicht unter Kontrolle. Das ist die neue Realität, die Alidoosti meint.Taraneh Alidoosti macht in diesem Interview deutlich: Frau-Leben-Freiheit ist kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist ein Maßstab. Für Politik. Für Gesellschaft. Und für ein Kino, das erst wieder entstehen muss.