Verunsicherung, Unbehagen und der Wunsch, sich von toxischen Manfluencern zu lösen: Endlich befassen sich Männer mit struktureller Gewalt an Frauen. Dabei sollte es aber nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben


Fikri Anıl Altıntaş: Viele sprechen darüber, doch viele Männer hören nicht zu – obwohl sie einen Großteil der Täter stellen

Foto: picture alliance


Die Gewalt, die Collien Fernandes widerfahren ist, ist erschreckend. Sie macht das Ausmaß und die Grenzenlosigkeit patriarchaler Gewalt durch uns Männer einmal mehr sichtbar. Aber sie ist nicht neu. Sie sollte nicht schockierend sein. Millionen Betroffene erleben ähnliche digitale Gewalt – durch Deepfakes oder andere Formen der Entwürdigung, eine digitale Verlängerung alter Muster. Viele sprechen darüber, doch viele Männer hören nicht zu – obwohl sie einen Großteil der Täter stellen.

Seit Bekanntwerden der Tat war zu beobachten, dass sich mehr Männer als sonst öffentlich gegen Gewalt positionieren: Benjamin von Stuckrad-Barre in einem Spiegel-Text, Fahri Yardim als ehemaliger Freund und Kollege, Oliver Kalkofe wie viele andere auch auf Instagram. Ob performativ, aus Anteilnahme oder beginnender Reflexion – wichtig ist, dass wir Männer uns zur Gewalt positionieren, die vor allem durch uns ausgeübt und zugleich verharmlost wird.

Viele Männer riefen mich an, motiviert, sagten: Lass uns endlich was machen. Anlässe dazu hätte es längst gegeben. Doch der Impuls, über Veränderung zu reden und sie umsetzen zu wollen, machte mir Mut. Endlich sprechen wir über strukturelle Gewalt, über die strukturelle Verstrickung aller Männer, #allmen.

Wie komme ich mit meinen Söhnen ins Gespräch?

Ich nehme mich da nicht aus. Wir Männer, die glauben, auf der richtigen Seite zu stehen, sind Teil desselben Systems, das Gewalt ermöglicht. Verantwortung beginnt nicht beim Statement, sondern beim eigenen Verhalten – beim Zuhören, beim Eingestehen von Macht. In meinen Gesprächen mit Jugendlichen in Schulen oder Jugendzentren, mit Männern und Vätern spüre ich großen Gesprächsbedarf: Darf ich kein Mann mehr sein? Welche Vorbilder sind heute noch gut? Wie komme ich mit meinen Söhnen ins Gespräch?

Da ist Verunsicherung, ein Unbehagen – aber auch Bereitschaft, sich von toxischen Manfluencern zu lösen und ins Gespräch zu kommen. Was wir brauchen, ist ein Gegenangebot, eine Gegenerzählung, eine Gesprächskultur, die uns Druck von der Brust nimmt.

Im Zuge der Debatten wurde schnell über neue Gesetzesinitiativen zum Verbot von Deepfakes diskutiert, Abgeordnete im Bundestag wurden auf ihre Verantwortung angesprochen – es schien für einen Moment, als ginge ein überfälliger Ruck durch die Republik. Der Bundeskanzler hätte die Möglichkeit gehabt, in der Regierungsbefragung Betroffenen zu sagen: Wir geben unser Bestes, Gewaltschutz zu stärken. Wir sehen eure Angst, eure Wut, und wir glauben euch.

Merz will be Merz

Er hätte Männer in die Pflicht nehmen können – wie es Österreichs Bundespräsident Van der Bellen zum 8. März dieses Jahres tat, indem er den Kampf gegen Gewalt an Frauen als „Männerthema“ bezeichnete. Männer müssten laut für Gleichberechtigung werden. Das hätte auch Bundeskanzler Merz sagen können – tat er aber nicht. Denn Merz will be Merz. Seine Erzählung ist die immer gleiche, in der er sexualisierte Gewalt auf migrantisch markierte Männer externalisiert.

Die Tragik liegt nicht nur in seiner rassistischen Agenda, sondern darin, dass Merz ein kleines Hoffnungsfenster schließt, bevor es richtig geöffnet war. Meine Erwartung war nie groß, das stimmt. Dennoch will ich nicht an der Hoffnung sparen, denn die Wut von Betroffenen ist seit jeher laut und berechtigt. Wir Männer müssen und dürfen mehr von uns erwarten.

Das Problem sind wir, aber auch Teil der Lösung

Politisch hätten wir die Chance gehabt, die Debatte um männliche Verantwortung in die Breite zu tragen, Prävention – etwa an Schulen durch Kurse, wie in UK oder der Schweiz – politisch zu verankern und Täterarbeit auszubauen. Denn seine Äußerungen machen eines deutlich: Ihm ist seine ideologische Befindlichkeit wichtiger als die Gewalt, die Millionen Frauen täglich erleben. Die Stadtbild-Debatte war der Anfang dieser antifeministischen Rhetorik – die Regierungsbefragung muss ihr politisches Ende sein.

Wir Männer müssen kollektiv sagen: Dieser Kanzler spricht nicht für uns. Das Problem sind wir. Und Teil der Lösung müssen wir jetzt erst recht werden. Dazu gehört: mit Männern ins Gespräch gehen, uns gegenseitig ein fürsorgliches Vorbild werden. Denn diese Arbeit wurde zu häufig von Frauen getan. Ich bin mir sicher, wir bekommen das auch selbst hin.

Fikri Anıl Altıntaş ist Autor von Im Morgen wächst ein Birnbaum (Penguin Random House, 2023) und Zwischen uns liegt August (Verlag C.H. Beck, 2025). Zudem ist er ehrenamtlich als #HeForShe Deutschland Botschafter für UN Women Deutschland tätig.

ele Männer hören nicht zu – obwohl sie einen Großteil der Täter stellen.Seit Bekanntwerden der Tat war zu beobachten, dass sich mehr Männer als sonst öffentlich gegen Gewalt positionieren: Benjamin von Stuckrad-Barre in einem Spiegel-Text, Fahri Yardim als ehemaliger Freund und Kollege, Oliver Kalkofe wie viele andere auch auf Instagram. Ob performativ, aus Anteilnahme oder beginnender Reflexion – wichtig ist, dass wir Männer uns zur Gewalt positionieren, die vor allem durch uns ausgeübt und zugleich verharmlost wird.Viele Männer riefen mich an, motiviert, sagten: Lass uns endlich was machen. Anlässe dazu hätte es längst gegeben. Doch der Impuls, über Veränderung zu reden und sie umsetzen zu wollen, machte mir Mut. Endlich sprechen wir über strukturelle Gewalt, über die strukturelle Verstrickung aller Männer, #allmen.Wie komme ich mit meinen Söhnen ins Gespräch?Ich nehme mich da nicht aus. Wir Männer, die glauben, auf der richtigen Seite zu stehen, sind Teil desselben Systems, das Gewalt ermöglicht. Verantwortung beginnt nicht beim Statement, sondern beim eigenen Verhalten – beim Zuhören, beim Eingestehen von Macht. In meinen Gesprächen mit Jugendlichen in Schulen oder Jugendzentren, mit Männern und Vätern spüre ich großen Gesprächsbedarf: Darf ich kein Mann mehr sein? Welche Vorbilder sind heute noch gut? Wie komme ich mit meinen Söhnen ins Gespräch?Da ist Verunsicherung, ein Unbehagen – aber auch Bereitschaft, sich von toxischen Manfluencern zu lösen und ins Gespräch zu kommen. Was wir brauchen, ist ein Gegenangebot, eine Gegenerzählung, eine Gesprächskultur, die uns Druck von der Brust nimmt.Im Zuge der Debatten wurde schnell über neue Gesetzesinitiativen zum Verbot von Deepfakes diskutiert, Abgeordnete im Bundestag wurden auf ihre Verantwortung angesprochen – es schien für einen Moment, als ginge ein überfälliger Ruck durch die Republik. Der Bundeskanzler hätte die Möglichkeit gehabt, in der Regierungsbefragung Betroffenen zu sagen: Wir geben unser Bestes, Gewaltschutz zu stärken. Wir sehen eure Angst, eure Wut, und wir glauben euch.Merz will be Merz Er hätte Männer in die Pflicht nehmen können – wie es Österreichs Bundespräsident Van der Bellen zum 8. März dieses Jahres tat, indem er den Kampf gegen Gewalt an Frauen als „Männerthema“ bezeichnete. Männer müssten laut für Gleichberechtigung werden. Das hätte auch Bundeskanzler Merz sagen können – tat er aber nicht. Denn Merz will be Merz. Seine Erzählung ist die immer gleiche, in der er sexualisierte Gewalt auf migrantisch markierte Männer externalisiert.Die Tragik liegt nicht nur in seiner rassistischen Agenda, sondern darin, dass Merz ein kleines Hoffnungsfenster schließt, bevor es richtig geöffnet war. Meine Erwartung war nie groß, das stimmt. Dennoch will ich nicht an der Hoffnung sparen, denn die Wut von Betroffenen ist seit jeher laut und berechtigt. Wir Männer müssen und dürfen mehr von uns erwarten.Das Problem sind wir, aber auch Teil der LösungPolitisch hätten wir die Chance gehabt, die Debatte um männliche Verantwortung in die Breite zu tragen, Prävention – etwa an Schulen durch Kurse, wie in UK oder der Schweiz – politisch zu verankern und Täterarbeit auszubauen. Denn seine Äußerungen machen eines deutlich: Ihm ist seine ideologische Befindlichkeit wichtiger als die Gewalt, die Millionen Frauen täglich erleben. Die Stadtbild-Debatte war der Anfang dieser antifeministischen Rhetorik – die Regierungsbefragung muss ihr politisches Ende sein.Wir Männer müssen kollektiv sagen: Dieser Kanzler spricht nicht für uns. Das Problem sind wir. Und Teil der Lösung müssen wir jetzt erst recht werden. Dazu gehört: mit Männern ins Gespräch gehen, uns gegenseitig ein fürsorgliches Vorbild werden. Denn diese Arbeit wurde zu häufig von Frauen getan. Ich bin mir sicher, wir bekommen das auch selbst hin.



Source link