Ein Gastbeitrag von Bodo Neumann
Die Auswirkungen auf die menschliche Psyche, wenn Arbeit und Geld weniger zentrale Rollen spielen, sind tiefgreifend und betreffen nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch das kollektive Leben in der Gesellschaft. Ein Leben ohne die Notwendigkeit zu arbeiten könnte zu tiefen psychologischen und emotionalen Herausforderungen führen.
In einer Welt, die von Künstlicher Intelligenz (KI) und Automatisierung geprägt wird, stehen wir vor der Frage, wie sich die Bedeutung von Arbeit im Leben der Menschen verändern wird. „Können wir eine Welt haben, in der Arbeit für viele Menschen nicht die zentrale Rolle haben muss, die sie heute hat, in der Menschen ihre Sinnquelle woanders finden? Oder in der es bei Arbeit um andere Dinge geht? Dass es mehr um Erfüllung geht als um wirtschaftliches Überleben?“ Diese Fragen stellt sich Dario Amodei, der zu den einflussreichsten Köpfen in der Entwicklung sicherer Künstlicher Intelligenz (KI) gehört und der sich intensiv mit den Chancen und Risiken dieser bahnbrechenden Technologie auseinandergesetzt hat.
Elon Musk hat in der Vergangenheit die Vision geäußert, dass Geld und Arbeit irgendwann irrelevant werden könnten, vor allem durch die Einführung eines universellen Grundeinkommens. Doch diese Vorstellung birgt ein psychologisches Dilemma: Arbeit bedeutet für viele mehr als nur Einkommensquelle und soziale Anerkennung. Sie ist ein entscheidender Faktor für den Lebenssinn, das Gefühl der Selbstverwirklichung und der psychischen Gesundheit. Wenn Arbeit und Geld entkoppelt werden, könnte dies tiefgreifende Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden und die gesellschaftliche Kohäsion haben.
Arbeit als Quelle von Struktur und Identität
Arbeit gibt dem Leben eine Struktur. Für viele Menschen ist der Arbeitstag eine verlässliche Routine, die den Tag gliedert und einen Sinn stiftet. Der Zeitpunkt, zu dem man aufsteht, und die Art und Weise, wie man den Tag gestaltet, hängen häufig davon ab, welche Aufgaben auf einen warten. Diese Struktur hilft, den Tag zu organisieren und gibt dem Leben eine Richtung. In einer Zukunft, in der Arbeit möglicherweise weniger relevant ist, könnte dieses fundamentale Bedürfnis nach Struktur verloren gehen.
Psychologisch gesehen können solche Veränderungen zu einem Gefühl der Orientierungslosigkeit führen. Ohne Arbeit als festen Bestandteil des Lebens könnte die Grenze zwischen „freien“ und „verpflichteten“ Zeiten verschwimmen. Das Fehlen einer klaren Aufgabenstellung kann zu einem Gefühl der Leere führen – eine Leere, die die Menschen oft als Existenzangst oder eine Art Identitätskrise erleben.
Der Verlust von Selbstachtung und sozialer Bestätigung
Ein wichtiger psychologischer Aspekt der Arbeit ist ihr Einfluss auf das Selbstwertgefühl. In vielen Gesellschaften ist der Job nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit, sondern auch ein Ausdruck der eigenen Identität. Wer arbeitet, fühlt sich gebraucht und respektiert. Menschen definieren sich häufig über ihre berufliche Rolle und diese Definition ist tief in der sozialen Struktur verankert.
In einer Zukunft, in der KI und Automatisierung viele berufliche Aufgaben übernehmen, könnte das Gefühl, gebraucht zu werden, schwinden. Das Resultat ist oft ein Verlust an Selbstachtung und Selbstwertgefühl. Wer keine „sichtbare“ Arbeit verrichtet, könnte sich als unnütz oder irrelevant empfinden, was zu negativen psychischen Auswirkungen wie Depression, Ängsten oder einem gesenkten Selbstwert führen kann. Diese psychologischen Effekte könnten sich besonders in Gesellschaften verstärken, die stark von den Konzepten des „Erfolgs“ und der „Produktivität“ geprägt sind.
Entfremdung und das Fehlen von Sinn
Arbeit ist für viele Menschen ein Prozess der Selbstverwirklichung. Sie bietet Raum, Fähigkeiten zu entwickeln, Herausforderungen zu meistern und Erfolge zu erleben. Wenn dieser Prozess durch automatisierte Systeme ersetzt wird, könnte dies zu einem Verlust der Erfahrung führen, die für die Schaffung von Sinn notwendig ist. Der Psychologe Viktor Frankl, der sich intensiv mit dem Thema Lebenssinn auseinandersetzte, argumentierte, dass der Mensch oft am meisten wächst, wenn er eine sinnvolle Aufgabe hat – sei es durch Arbeit, soziale Interaktion oder die Bewältigung von Herausforderungen.
In einer Zukunft, in der Maschinen die meisten Tätigkeiten übernehmen, könnten Menschen in eine existenzielle Krise geraten, da ihnen die Möglichkeit genommen wird, durch ihre eigenen Anstrengungen und Erfahrungen Sinn zu stiften. Ein Leben ohne Herausforderungen und ohne die Möglichkeit, sich selbst durch Arbeit zu beweisen, könnte die psychische Gesundheit der Menschen erheblich belasten.
Ein weiteres psychologisches Risiko ist die Entfremdung: Wenn Menschen ihre Arbeit nicht mehr selbst erledigen, sondern diese Aufgabe Maschinen überlassen, verlieren sie den Zugang zu einem entscheidenden Teil ihres „Selbst“. Der Mensch neigt dazu, sich mit den Tätigkeiten zu identifizieren, die er ausführt – das „Was“ und „Wie“ seiner Arbeit formt sein „Wer“. Wenn KI diese Identifikationsmöglichkeiten reduziert, kann dies das Gefühl von Entfremdung und Isolation verstärken.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und sozialer Kohäsion
Arbeit ist auch ein zentraler Bestandteil der sozialen Bindungen. Am Arbeitsplatz entstehen Freundschaften, Netzwerke und eine gemeinsame Identität. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einer Gemeinschaft kann entscheidend für das psychische Wohlbefinden eines Individuums sein. Wenn immer mehr Arbeit durch Maschinen ersetzt wird, besteht die Gefahr, dass diese sozialen Bindungen schwächer werden. Die Bedeutung von „Zusammenarbeit“ und „Gemeinschaft“ könnte in einer automatisierten Welt abnehmen, und viele Menschen könnten sich sozial isoliert fühlen.
Psychologische Forschung zeigt, dass das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe eines der grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse ist. Wenn dieses Bedürfnis nicht mehr durch die Arbeit erfüllt wird, müssen neue soziale Räume und Möglichkeiten zur Verbindung geschaffen werden, um psychische Gesundheitsprobleme wie Vereinsamung und Depression zu vermeiden.
Leistungsmotivation und das Streben nach Erfüllung
Ein weiterer Aspekt, den wir nicht übersehen dürfen, ist die menschliche Motivation. Viele Menschen arbeiten nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch, weil sie einen inneren Antrieb verspüren, etwas zu erreichen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Arbeit ist eine Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, persönliche Ziele zu verfolgen und das eigene Leben mit Bedeutung zu füllen. Dieser intrinsische Motivationsfaktor ist ein wichtiger Bestandteil des psychologischen Wohlbefindens.
Insbesondere für Menschen mit ausgeprägten Leistungs- und Aufstiegsambitionen ist beruflicher Erfolg eng mit der eigenen Identität verknüpft. Karriereziele, Statusgewinne und ein hohes Einkommen fungieren hierbei als starke Motivationsquellen und als Maßstab persönlicher Leistung. Anerkennung, Macht über Ressourcen und die Möglichkeit, den eigenen Lebensstandard deutlich zu erhöhen, werden als Resultate harter Arbeit verstanden und legitimieren zugleich den hohen zeitlichen und psychischen Einsatz.
Wenn der Großteil der Arbeit durch KI übernommen wird, könnte es für viele Menschen schwierig werden, eine neue Quelle der intrinsischen Motivation zu finden. Ohne die Notwendigkeit, täglich herausfordernde Aufgaben zu lösen, könnten Menschen das Gefühl haben, „stecken zu bleiben“ oder „unnötig“ zu sein, was zu Frustration und innerer Unruhe führen kann. Psychologisch gesehen kann dies das Gefühl der Erfüllung im Leben stark beeinträchtigen.
Machtmotivation im Spannungsfeld von Psychologie und künstlicher Intelligenz
In diesem Zusammenhang spielt auch die Machtmotivation eine zentrale Rolle. Arbeit bietet nicht nur die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, sondern auch ein institutionalisiertes Feld zur Ausübung und Legitimation von Einfluss. Für machtmotivierte Personen ist der berufliche Kontext besonders attraktiv, da er hierarchische Strukturen, formale Entscheidungsbefugnisse und den Zugang zu knappen Ressourcen bündelt. Führung von Mitarbeitern, Kontrolle über Budgets oder strategische Weichenstellungen werden nicht allein als funktionale Aufgaben verstanden, sondern als Ausdruck persönlicher Wirksamkeit und sozialer Bedeutung.
Machtmotivation äußert sich dabei nicht zwangsläufig in dominanter Machtausübung, sondern häufig in dem Bestreben, Prozesse zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Einflussbereich kontinuierlich auszudehnen. Der berufliche Erfolg dient in diesem Sinne als sichtbarer Beleg für Durchsetzungsfähigkeit und Kompetenz. Titel, Positionen und organisatorische Reichweite fungieren als symbolische Marker, die soziale Anerkennung sichern und die eigene Identität stabilisieren. Arbeit wird so zum zentralen Medium, über das Einfluss nicht nur ausgeübt, sondern auch sozial legitimiert und internalisiert wird.
Gerade in leistungsorientierten Arbeitskulturen verschränkt sich Machtmotivation eng mit normativen Erwartungen an Produktivität und Engagement. Hoher Einsatz, lange Arbeitszeiten und permanente Verfügbarkeit werden nicht nur als Mittel zur Zielerreichung akzeptiert, sondern als notwendige Voraussetzung für den Ausbau von Einfluss und Entscheidungsspielräumen interpretiert. Auf diese Weise trägt Arbeit wesentlich dazu bei, Machtstreben in sozial akzeptierte Bahnen zu lenken und es zugleich als individuelle Leistung erscheinen zu lassen. Das Machtmotiv besitzt daher eine hohe Psychodynamik im Rahmen des beruflichen Handelns, wird diese blockiert, können Frustration und Aggression entstehen.
Die Blockierung der Machtmotivation von Führungskräften durch KI ist ein ernstzunehmender psychosozialer Risikofaktor. Frustration und Aggression sind dabei keine individuellen Schwächen, sondern nachvollziehbare Reaktionen auf strukturelle Veränderungen. Entscheidend ist, ob Organisationen Macht transformieren, statt sie nur technisch zu ersetzen.
Psychologische Herausforderungen in einer KI-gesättigten Zukunft
Die Vision einer Zukunft ohne Arbeit und Geld mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, eine Welt, in der jeder Mensch seine Grundbedürfnisse ohne Anstrengung decken kann. Doch aus psychologischer Sicht wurde hier deutlich, dass eine solche Welt erhebliche Herausforderungen mit sich bringen kann. Der Verlust von Struktur, Selbstachtung, sozialer Anerkennung und der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung könnte zu tiefgreifenden psychischen Krisen führen.
Die Lösung liegt nicht darin, Arbeit und Geld gänzlich abzuschaffen, sondern darin, neue Formen der Arbeit und des Lebenssinns zu schaffen, die mit der fortschreitenden Automatisierung und KI koexistieren. Menschen müssen auch in einer von Technologie dominierten Welt die Möglichkeit haben, ihre Identität zu entwickeln, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und Bedeutung zu finden, nicht nur durch Konsum und Freizeit, sondern auch durch die schöpferische, soziale und sinnstiftende Arbeit.
Die psychologische Herausforderung der Zukunft wird darin bestehen, den Menschen in einer Welt der Technologie so zu unterstützen, dass sie weiterhin in der Lage sind, ihre Lebensziele zu verfolgen und zu einem erfüllten Leben zu finden. KI sollte nicht als Bedrohung für den Lebenssinn betrachtet werden, sondern als eine Chance, neue Formen von Arbeit und Selbstverwirklichung zu entdecken.
Ein integratives psychologisches Modell, das KI in den Lebensalltag der Menschen einbezieht, könnte ein wichtiger Schritt sein, um die psychischen Auswirkungen der Automatisierung und KI-Integration in die Gesellschaft zu adressieren. Dieses Modell müsste sowohl die individuellen Bedürfnisse und psychologischen Mechanismen des Menschen berücksichtigen als auch die Rolle der KI als unterstützendes Werkzeug, das den Menschen nicht ersetzt, sondern in seiner Selbstverwirklichung unterstützt.
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Bodo Neumann ist promovierter Diplompsychologe. Er verfügt über langjährige Beratungs- und Forschungserfahrungen, die er einsetzt für Menschen in Veränderungssituationen, die ihre Signatur-Stärken entfalten wollen und somit lernen, ihre Erfolgspotentiale zu erkennen und zu entwickeln. Sein neuestes Buch Charachtertest Corona finden Sie hier.
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