Zehn Jahre nach der Räumung des „Jungle“ von Calais stecken Migranten aus Afrika und Mittelasien weiter in der Klemme zwischen Grenzern, Schleusern und britischen „Patrioten“
Die Wassertemperaturen in der Straße von Dover liegen derzeit bei sieben Grad
Foto: Dan Kitwood/Getty Images
Trüb ist dieser Mittag im Januar: Gut 50 Personen in Rettungswesten stehen in einer Seitenstraße der Zone industrielle des Dunes am Rand von Calais. Es sind Geflüchtete, die in der Nacht zuvor mit einem Schlauchboot nach England wollten.
Doch die Polizei griff zu, als sie versteckt hinter dem Strand warteten, erzählt eine Frau aus Eritrea. Die Gruppe wurde festgenommen und nach Sonnenaufgang hier abgesetzt. Stunden später haben sich zwei Hilfsorganisationen eingefunden und verteilen Essenspakete.
Szenen wie diese spielen sich an den Stränden und im Hinterland der nordfranzösischen Küste regelmäßig ab, wobei im Winter das Wetter wenig geeignet ist für eine Überquerung der Straße von Dover, die hier nur 30 Kilometer breit ist.
Wenige hundert Meter entfernt lag einst das größte inoffizielle Camp, in dem sich Geflüchtete aus Nordafrika und Mittelasien am Ärmelkanal niederließen. Zeitweise lebten dort über 10.000 Menschen. Die Räumung des weithin als „Jungle“ bekannten Gebiets sorgte Ende 2016 weltweit für Schlagzeilen.
Heute springen auf diesem Terrain vor allem die zahllosen Zäune ins Auge. Sie sollen dafür sorgen, dass die dahinterliegenden Flächen nicht mehr von Migranten auf dem Weg nach England genutzt werden können. Die Planierung des „Jungle“ wurde zum Versuch der Behörden, die Migrationskrise, wie sie diese Region seit zwei Jahrzehnten erfasst, ad acta zu legen. Dass nun erneut Menschen in einer Schlange für Essen anstehen, weist darauf hin, wie sehr das misslungen ist.
In der Öffentlichkeit steht die Bezeichnung „Calais“ inzwischen für ein Gebiet, das sich erheblich ausgedehnt hat. Es reicht über 150 Kilometer hinweg von der belgischen Grenze im Nordosten über Boulogne-sur-Mer bis hinunter zur Somme-Mündung.
Auf der anderen Seite des Kanals veröffentlichte die britische Regierung zum Jahreswechsel eine Statistik, aus der hervorging: 41.472 Personen überquerten 2025 in „small boats“ den Kanal, fast 5.000 mehr als im Jahr zuvor, die zweithöchste je ermittelte Zahl. Seit dem Winter 2018/19 haben Boote die zuvor als Versteck benutzten Trucks nicht vollständig, aber weitgehend als Transportmittel abgelöst.
Boote sind vielfach Ramschware aus China
Die Chance, England zu erreichen, ist so gestiegen. Zwar ist die Überfahrt auf teils völlig seeuntauglichen Schlauchbooten lebensgefährlich, doch wer einmal britische Gewässer erreicht hat, wird von der Küstenwache aufgenommen und sicher nach Dover gebracht.
Mangels offizieller Routen hat sich daraus ein lukratives Geschäft für professionelle Schleuser entwickelt. Die Boote sind vielfach Ramschware aus China, die nicht zuletzt über Deutschland an den Kanal gebracht wird. Die Preise für das „Paket“ – Boot, Motor und ein Satz Rettungswesten – variieren derzeit zwischen 4.500 und 6.000 Euro.
Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Mitglieder von Schleuser-Netzwerken zu langen Haftstrafen verurteilt. Im Herbst 2023 traf es eine irakisch-kurdische Zelle, die laut der britischen National Crime Agency für 10.000 Überquerungen verantwortlich war und in britischen Medien als „Lieferdienst des Menschenhandels“ firmierte. Anfang Januar berichtete die BBC, der türkische Staatsbürger Adem Savas, der zwischen 2019 und 2024 „Tausende von Booten und Motoren“ an den Kanal habe schmuggeln lassen, müsse für elf Jahre ins Gefängnis.
Fraglos profitieren diese Netzwerke von einem immer repressiveren Grenzregime am Kanal, an dessen Gestaden der britische Druck auf Frankreich, die Boote zurückzuhalten, stetig wächst. Für Migranten macht das die Situation noch unerträglicher. Im Brachland bei Grande-Synthe, einem Städtchen nahe Dunkerque, wo sich Mitte Dezember etwa 1.500 Menschen in einfachsten Zelten zwischen Matsch und Abfall aufhielten, kam es zu nächtlichen Schießereien rivalisierender Schleusergruppen.
Im Sommer 2025 gab es bei vergleichbaren Auseinandersetzungen drei Todesopfer. Die Mitarbeiterin einer NGO beschreibt die Situation in diesem neuen „Jungle“: „In Calais achten Medien und Bürger darauf, was dort geschieht. Hier in Dunkerque aber schaut niemand so genau hin. Schleuser haben großen Einfluss.“ Ein somalischer Familienvater meint im Gespräch: „Dies ist kein normaler Ort, die Leute hier haben sich nur angepasst.“ Mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern wartet er auf die Nachricht, dass ihr Boot in Richtung England startet. Wann das sein wird? Wer weiß?
In Malo-les-Bains, dem Strandviertel von Dunkerque, finden sich in den Dünen die Spuren von Abfahrten: ein weißer Sneaker, eine dicke schwarz-rote Kapuzenjacke, eine rote Mütze, ein Strumpf in Lila, eine Hose. Noch eine Kapuzenjacke. Auch eine Tube Zahnpasta erinnert an die Menschen, die sich hier versteckt hielten. Im Strandhafer liegt eine tote Möwe, man sieht einen Leuchtturm und dahinter die Kräne des Hafens von Dunkerque.
„Taxi-Boote“ holen Passagiere im strandnahen, knietiefen Wasser ab
In diesem Winter ist es der nördliche Teil des Küstenabschnitts, an dem die meisten Boote ablegen, betroffen sind Malo-les-Bains, die Nachbarstadt Leffrinckoucke und Gravelines, wo gleich hinter dem breiten Strand ein Kernkraftwerk steht. Die Hilfsorganisation „Utopia 56“, die hier Migranten beisteht, berichtet, man habe 2025 mehr Personen nach gescheiterten Überfahrten versorgt als im Jahr zuvor.
Die französische Polizei, die Boote nach dem Ablegen aus Sicherheitsgründen nicht mehr aufhalten darf, versuche daher, die Passagiere mit Pfefferspray zu verjagen, notfalls die Boote zu zerstören, bevor sie ins Wasser geschoben werden. Weil sich dadurch deren Zahl reduziert, steigt die der Passagiere von bisher durchschnittlich 60 auf zuweilen 70 Personen – mit fatalen Folgen, denn zwölf der mindestens 41 Menschen, die 2025 auf der Ärmelkanal-Route starben, fielen dem Gedränge beim Einsteigen oder der Überfüllung an Bord zum Opfer.
Inzwischen haben die Polizeieinsätze dazu geführt, dass zumindest im Sommer Überfahrten deutlich weiter südlich gestartet sind. Dort jedoch ist der Kanal breiter, was die Risiken aus anderen Gründen erhöht. Als Reaktion auf die vielen Boote, die von der Polizei abgefangen und zerstört wurden, haben sich auch die Schleuser angepasst, indem sie verstärkt auf „Taxi-Boote“ setzen, mit denen sie Passagiere im strandnahen, knietiefen Wasser spontan abholen. Ende November kündigte die Polizei an, sie werde das unterbinden, bevor Passagiere an Bord gehen können.
Unterdessen setzt sich auf der britischen Seite, wo Gegner jeder Migration seit Jahren die Angst vor einer „Invasion“ durch die Bootsflüchtlinge schüren, die Erfahrung durch, dass es der Labour-Regierung ebenso wenig gelingt wie den konservativen Vorgängern, dem Ziel „Stop the boats“ näher zu kommen. Die rechtsextremen Hardliner von „Raise the Colours“ sehen darin ein abgekartetes Spiel unter Beteiligung von Küstenwache und Hilfsorganisationen. „Die illegale Invasion“, so ein Video zum Jahreswechsel, müsse aufhören. Aktivisten wurden nach Frankreich geschickt, um „eine große Sache“ vorzubereiten, für die Freiwillige gesucht werden. Man wolle selbst „die eigenen Frauen und Kinder schützen“ und „die Boote stoppen“.
Mitte Januar hat Frankreich gegen zehn dieser „Patrioten“ ein Einreiseverbot verhängt. Deren aggressive Agitation ist damit nicht aus der Welt und bleibt von der Idee besessen: Entschlossene Grenzwächter wie sie würden gebraucht, um einer „Notsituation“ Herr zu werden.
das Wetter wenig geeignet ist für eine Überquerung der Straße von Dover, die hier nur 30 Kilometer breit ist.Wenige hundert Meter entfernt lag einst das größte inoffizielle Camp, in dem sich Geflüchtete aus Nordafrika und Mittelasien am Ärmelkanal niederließen. Zeitweise lebten dort über 10.000 Menschen. Die Räumung des weithin als „Jungle“ bekannten Gebiets sorgte Ende 2016 weltweit für Schlagzeilen.Heute springen auf diesem Terrain vor allem die zahllosen Zäune ins Auge. Sie sollen dafür sorgen, dass die dahinterliegenden Flächen nicht mehr von Migranten auf dem Weg nach England genutzt werden können. Die Planierung des „Jungle“ wurde zum Versuch der Behörden, die Migrationskrise, wie sie diese Region seit zwei Jahrzehnten erfasst, ad acta zu legen. Dass nun erneut Menschen in einer Schlange für Essen anstehen, weist darauf hin, wie sehr das misslungen ist.In der Öffentlichkeit steht die Bezeichnung „Calais“ inzwischen für ein Gebiet, das sich erheblich ausgedehnt hat. Es reicht über 150 Kilometer hinweg von der belgischen Grenze im Nordosten über Boulogne-sur-Mer bis hinunter zur Somme-Mündung.Auf der anderen Seite des Kanals veröffentlichte die britische Regierung zum Jahreswechsel eine Statistik, aus der hervorging: 41.472 Personen überquerten 2025 in „small boats“ den Kanal, fast 5.000 mehr als im Jahr zuvor, die zweithöchste je ermittelte Zahl. Seit dem Winter 2018/19 haben Boote die zuvor als Versteck benutzten Trucks nicht vollständig, aber weitgehend als Transportmittel abgelöst.Boote sind vielfach Ramschware aus ChinaDie Chance, England zu erreichen, ist so gestiegen. Zwar ist die Überfahrt auf teils völlig seeuntauglichen Schlauchbooten lebensgefährlich, doch wer einmal britische Gewässer erreicht hat, wird von der Küstenwache aufgenommen und sicher nach Dover gebracht.Mangels offizieller Routen hat sich daraus ein lukratives Geschäft für professionelle Schleuser entwickelt. Die Boote sind vielfach Ramschware aus China, die nicht zuletzt über Deutschland an den Kanal gebracht wird. Die Preise für das „Paket“ – Boot, Motor und ein Satz Rettungswesten – variieren derzeit zwischen 4.500 und 6.000 Euro.Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Mitglieder von Schleuser-Netzwerken zu langen Haftstrafen verurteilt. Im Herbst 2023 traf es eine irakisch-kurdische Zelle, die laut der britischen National Crime Agency für 10.000 Überquerungen verantwortlich war und in britischen Medien als „Lieferdienst des Menschenhandels“ firmierte. Anfang Januar berichtete die BBC, der türkische Staatsbürger Adem Savas, der zwischen 2019 und 2024 „Tausende von Booten und Motoren“ an den Kanal habe schmuggeln lassen, müsse für elf Jahre ins Gefängnis.Fraglos profitieren diese Netzwerke von einem immer repressiveren Grenzregime am Kanal, an dessen Gestaden der britische Druck auf Frankreich, die Boote zurückzuhalten, stetig wächst. Für Migranten macht das die Situation noch unerträglicher. Im Brachland bei Grande-Synthe, einem Städtchen nahe Dunkerque, wo sich Mitte Dezember etwa 1.500 Menschen in einfachsten Zelten zwischen Matsch und Abfall aufhielten, kam es zu nächtlichen Schießereien rivalisierender Schleusergruppen.Im Sommer 2025 gab es bei vergleichbaren Auseinandersetzungen drei Todesopfer. Die Mitarbeiterin einer NGO beschreibt die Situation in diesem neuen „Jungle“: „In Calais achten Medien und Bürger darauf, was dort geschieht. Hier in Dunkerque aber schaut niemand so genau hin. Schleuser haben großen Einfluss.“ Ein somalischer Familienvater meint im Gespräch: „Dies ist kein normaler Ort, die Leute hier haben sich nur angepasst.“ Mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern wartet er auf die Nachricht, dass ihr Boot in Richtung England startet. Wann das sein wird? Wer weiß?In Malo-les-Bains, dem Strandviertel von Dunkerque, finden sich in den Dünen die Spuren von Abfahrten: ein weißer Sneaker, eine dicke schwarz-rote Kapuzenjacke, eine rote Mütze, ein Strumpf in Lila, eine Hose. Noch eine Kapuzenjacke. Auch eine Tube Zahnpasta erinnert an die Menschen, die sich hier versteckt hielten. Im Strandhafer liegt eine tote Möwe, man sieht einen Leuchtturm und dahinter die Kräne des Hafens von Dunkerque.„Taxi-Boote“ holen Passagiere im strandnahen, knietiefen Wasser abIn diesem Winter ist es der nördliche Teil des Küstenabschnitts, an dem die meisten Boote ablegen, betroffen sind Malo-les-Bains, die Nachbarstadt Leffrinckoucke und Gravelines, wo gleich hinter dem breiten Strand ein Kernkraftwerk steht. Die Hilfsorganisation „Utopia 56“, die hier Migranten beisteht, berichtet, man habe 2025 mehr Personen nach gescheiterten Überfahrten versorgt als im Jahr zuvor.Die französische Polizei, die Boote nach dem Ablegen aus Sicherheitsgründen nicht mehr aufhalten darf, versuche daher, die Passagiere mit Pfefferspray zu verjagen, notfalls die Boote zu zerstören, bevor sie ins Wasser geschoben werden. Weil sich dadurch deren Zahl reduziert, steigt die der Passagiere von bisher durchschnittlich 60 auf zuweilen 70 Personen – mit fatalen Folgen, denn zwölf der mindestens 41 Menschen, die 2025 auf der Ärmelkanal-Route starben, fielen dem Gedränge beim Einsteigen oder der Überfüllung an Bord zum Opfer.Inzwischen haben die Polizeieinsätze dazu geführt, dass zumindest im Sommer Überfahrten deutlich weiter südlich gestartet sind. Dort jedoch ist der Kanal breiter, was die Risiken aus anderen Gründen erhöht. Als Reaktion auf die vielen Boote, die von der Polizei abgefangen und zerstört wurden, haben sich auch die Schleuser angepasst, indem sie verstärkt auf „Taxi-Boote“ setzen, mit denen sie Passagiere im strandnahen, knietiefen Wasser spontan abholen. Ende November kündigte die Polizei an, sie werde das unterbinden, bevor Passagiere an Bord gehen können.Unterdessen setzt sich auf der britischen Seite, wo Gegner jeder Migration seit Jahren die Angst vor einer „Invasion“ durch die Bootsflüchtlinge schüren, die Erfahrung durch, dass es der Labour-Regierung ebenso wenig gelingt wie den konservativen Vorgängern, dem Ziel „Stop the boats“ näher zu kommen. Die rechtsextremen Hardliner von „Raise the Colours“ sehen darin ein abgekartetes Spiel unter Beteiligung von Küstenwache und Hilfsorganisationen. „Die illegale Invasion“, so ein Video zum Jahreswechsel, müsse aufhören. Aktivisten wurden nach Frankreich geschickt, um „eine große Sache“ vorzubereiten, für die Freiwillige gesucht werden. Man wolle selbst „die eigenen Frauen und Kinder schützen“ und „die Boote stoppen“.Mitte Januar hat Frankreich gegen zehn dieser „Patrioten“ ein Einreiseverbot verhängt. Deren aggressive Agitation ist damit nicht aus der Welt und bleibt von der Idee besessen: Entschlossene Grenzwächter wie sie würden gebraucht, um einer „Notsituation“ Herr zu werden.