„Narzissmus“ ist ein Thema, das für viele Menschen eine seltsame Faszination zu haben scheint oder von dem sich viele Menschen auf die ein oder andere Weise betroffen fühlen. Eine solche Betroffenheit dürfte meistens in der Weise bestehen, dass jemand eine persönliche Beziehung mit jemandem anderem unterhalten und gestalten will, soll oder muss, den er für narzisstisch hält. Vielleicht handelt es sich dabei um ein Familienmitglied, einen Arbeitskollege, den eigenen Lebenspartner, vielleicht um das eigene Kind. Die schiere Zahl der Bücher, die sich mit Narzissmus beschäftigen oder speziell damit, wie man einem Narzissten begegnen solle bzw. mit ihm umgehen solle, spricht dafür, dass das so ist.
Narzissmus im Bundestag
Dabei bleibt häufig ziemlich unklar, was Narzissmus „ist“ oder vielmehr: was das Konstrukt „Narzissmus“ eigentlich beschreiben soll. Dementsprechend besteht die Gefahr, dass als Narzisst jeder bezeichnet werden kann, der jemand anderem übertrieben selbstbewusst vorkommt, geltungssüchtig, arrogant u.ä.m. Zweifellos kann es sehr schwierig sein, mit Personen zurechtzukommen, die übertrieben selbstbewusst, geltungssüchtig, arrogant etc. sind (oder einem zumindest so erscheinen), und es ist notwendig, Strategien im Umgang mit solchen Personen zu entwickeln. Aber wenn solche Personen als „Narzissten“ bezeichnet werden, dann wird der Begriff als Alltagsbegriff benutzt, der sich u.U. stark von dem Begriff „Narzissmus“ im fachpsychologischen Sinn unterscheidet.
In der Psychologie bezeichnet Narzissmus eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur, deren Vorliegen dadurch festgestellt wird, dass jemand auf einer entsprechenden Mess-Skala eine hinreichend hohe Punktzahl erreicht. Diese Mess-Skala ist das „Narcissistic Personality Inventory“ (NPI), d.h. das „Narisstische Persönichkeitsinventar“, das von Raskin und Hall (1979) entwickelt wurde und seitdem – in verschiedenen Varianten – das Standardinstrument ist, wenn es darum geht, eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur festzustellen bzw. festzustellen, wie stark die narzisstischen Tendenzen in der Persönlichkeit eines Menschen sind. Dabei werden verschiedene Dimensionen der Persönlichkeit eines Menschen berücksichtigt: „Narzissmus“ liegt vor, wenn jemand eine Selbstwahrnehmung als grandios (ggf. inklusive Eitelkeit) aufweist, ein hohes Anspruchsdenken, eine verminderte Empathie und eine (erhöhte) Bereitschaft, andere auszubeuten sowie ein starkes Kontroll- und Dominanzbedürfnis (zur dimensonalen Struktur des NPI s. Ackerman et al. 2011; Kubarych et al. 2004; Raskin & Terry 1988).
Psychologen unterscheiden zwischen nicht-pathologischem bzw. subklinischem Narzissmus und pathologischem bzw. klinischem Narzissmus. Im zweiten Fall wird von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gesprochen (NPS oder NPD, für die englischsprachige Bezeichnung „narcissistic personality disorder“), wie sie in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, aktuell: dem ICD-10-GM-2026, unter der Rubrik „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ unter Punkt F60.8 genannt ist. Die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erfordert den Einsatz spezieller, anderer Instrumente als das NPI. Anders gesagt: das NPI ist kein Instrument zur Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Narzissmus, sei es als subklinisch oder klinisch definierter Narzissmus, wird in jedem Fall (und anders als ein gesundes Selbstwertgefühl) als problematisch erachtet, nicht nur für den Narzissten selbst, sondern auch (und vielleicht vor allem) für seine soziale Umwelt, die Menschen, die mit ihm zu tun haben und ggf. mit ihm auskommen müssen.
Die Faszination, die das Thema „Narzissmus“ für viele Menschen hat, ist sicherlich teilweise und vielleicht größtenteils aus konkreten Erfahrungen im Umgang mit Personen gespeist, die aufgrund von Eigenschaften, wie sie in den oben genannten Dimensionen des psychologischen Konzeptes „Narzissmus“ genannt sind, als schwierig empfunden werden. Hinzu kommt aber eine weitere Komponente, nämlich der Eindruck, dass Narzissmus zunimmt und das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft auf grundlegende Weise verändert.
Von zunehmendem „Narzissmus“ als einem gesellschaftlichen Problem wurde und wird im Westen seit den 1970er-Jahren gesprochen. Christopher Lasch hat im Jahr 1978 ein Buch mit dem Titel „The Culture of Narcissism“ veröffentlicht, in dem er Narzissmus als ein „soziales und kulturelles Phänomen“ („social and cultural phenomenon“; Lasch 1978: 35) bezeichnet hat insofern für ihn Narzissmus im psychologischen Sinn, d.h. im Sinn des Konstruktes von der narzisstischen Persönlichkeit, eine Art psychologische Anpassung oder Reaktion auf bestehende gesellschaftliche Verhältnisse ist.
Seiner Meinung nach war das gesellschaftliche Klima in den USA damals – nach dem misslungenen Vietnamkrieg und angesichts eines gedrosselten Wirtschaftswachstums sowie angesichts eines (im Zusammenhang damit und anderen Ereignissen) allgemeinen gesellschaftlichen Erschöpfungszustandes am Ende der 1960erJahre – ein insgesamt „pessimistisches“ gewesen. Die Amerikaner hätten Zuversicht und Vertrauen in ihren gesellchaftspolitischen Entwurf und ihre Zukunft als Nation verloren, was wiederum zu einer verringerten psychologischen Widerstandskraft (bzw. Resilienz) geführt habe, die mit einer reduzierten Produktivität und Kreativität einhergehe, auch mit Bezug auf die Lösung alltäglicher eigener Probleme. Für Lasch ist „Narzissmus“ die „psychologische Dimension“ der Abhängigkeit von Experten, die seiner Meinung nach aus dem Verlust der eigenen produktiven Fähigkeiten (und – für Lasch nicht weniger wichtig – der re-produktiven Fähigkeiten in Form des Zeugens und Aufziehens von Kindern) resultiert (Lasch 1978: xiii).
„Narzissmus“ (in diesem Sinn) umfasst den Rückzug in und den Bezug auf sich selbst, eine Veränderung des Blickes von außen nach innen, weg von gesellschaftlichen Belangen, inklusive der Politik, und hin zu individuellen Wünschen und Bedürfnissen, also Egozentriertheit. Und er umfasst nach Lasch eine Lebensphilosophie, deren Kern darin besteht, angesichts der Desillusionierung mit Bezug auf Welt, die einen umgibt, nur im Augenblick und für den Moment zu leben (Lasch 1978: 12).
Interessanterweise hat Lasch politischen Radikalismus als eine extreme Form des Narzissmus angesehen: Auch er sei Mittel, Leere zu füllen und ein Gefühl eigener Wichtigkeit zu vermitteln. Politisches oder soziales Engagement sei nicht das Gegenteil von Egozentriertheit, sondern ein Mittel, die Illusion eigener Bedeutsamkeit herzustellen oder zu erhalten, nicht zuletzt dadurch, dass durch das vorgebliche politische oder soziale Engagement das Bedürfnis nach Bestätigung durch den jeweiligen ideologischen oder Gruppenführer befriedigt werden könne (Lasch 1978: 7).
SciFi-Supt
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Erwartungsgemäß hat das Buch auch Kritik, zuweilen heftige und ins Persönliche reichende Kritik, geerntet. So hat z.B. Fred Siegel (1980) Lasch im Rahmen einer Besprechung von „The Culture of Narcissism“ gesellschaftliche und intellektuelle Isolation unterstellt; Lasch fehle die „intellektuelle Autorität der Vergangenheit“ (Siegel 1980: 295). Siegel unterstellte Lasch auch, selbst narzistische Tendenzen zu haben und durch das, was er schreibe, bloß Anerkennung durch Andere zu suchen. Robert Erwin hat in Reaktion auf solche Kritik an Laschs Buch seinerseits den Verdacht geäußert, dass ein großer Teil der Kritik and Laschs Buch darauf zurückzuführen sei, dass es die radikale Linke verärgert habe und ihre Quelle der Wertschätzung verletzt habe (Erwin 2004: 291, zitiert nach Scott 2007: 145).
Möglicherweise hat diese heftige Reaktion auf Laschs Thesen (wie andere vergleichbare Reaktionen vielleicht auch) tatsächlich zumindest eine Ursache darin, dass Lasch seine eigene Behandlung von „Narzissmus“ als im Gegensatz zur bisherigen, die lediglich „moralisierend unter dem Deckmantel psychiatrischen Jargons“ sei, stehend sah (wobei Lasch vor allem Autoren aus dem Bereich der Psychoanalyse im Auge hatte). Es sei nicht genug, „Narzissmus“ als Persönlichkeitsstruktur von Individuen zu betrachten oder ihn als Metapher für menschlichen Egoismus zu benutzen – und ihn zu beklagen, denn als solche habe „Narzissmus“ keine gesellschaftliche Relevanz; wichtig sei vielmehr, wie sich „Narzissmus“ sozial manifestiere (Lasch 1978: 25; 33).
Mit der Idee, dass gesellschaftliche Strukturen und Persönlichkeitsstrukturen der Mitglieder der Gesellschaft einen Zusammenhang aufweisen, war Lasch keineswegs allein; beispielsweise wurde sie von Fritz (der sich in Amerika in „Frederic“ umbenannte) Perls zum Grundsatz seiner Anthropologie und (damit) seiner Gestalttherapie gemacht:
„Aber wenn wir vernünftige Institutionen hätten, so gäbe es auch keine Neurotiker. Wie die Dinge liegen, sind unsere Institutionen nicht einmal mehr ‚bloß‘ biologisch gesund, und die Formen der individuellen Symptome sind Reaktionsbildungen auf schwere gesellschaftliche Irrtümer“ (Perls 1991[1951]: 98).
Laschs Narzissmus-Begriff ist einigermaßen weit entfernt von dem, der in der zeitgenössischen Psychologie durch das Narisstische Persönlichkeitsinventar (NPI) konstituiert wird. Auch dann, wenn man Laschs Darstellung in vielen Hinsichten nachvollziehen und durch eigene Beobachtungen plausibilisieren kann, bleibt die Frage, wie sich seine Thesen mit Hilfe des wissenschaftlichen Forschungsinstrumentariums überprüfen lassen können. Laschs Darstellung ist vorrangig eine Gesellschaftskritik und keine psychologische, psychoanalytische oder gestalttherapeutische Analyse. Aber als solche beinhaltet sie Spekulationen hinsichtlich der statistisch im Prinzip messbaren Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen.
Diese Spekulationen können de facto aber nicht direkt überprüft werden, weil Lasch „Narzissmus“ als Persönlichkeitsstruktur nicht klar definiert hat. Auch dann, wenn man als Definition die narzisstische Persönlichkeitsstruktur gemäß des NPI zugrunde legen wollte oder zumindest die Teile des Konstruktes der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur, die bei Lasch erkennbar angesprochen sind, müsste eine Überprüfung von Laschs These von der Zunahme von „Narzissmus“ daran scheitern, dass die entsprechenden Daten nicht verfügbar sind; man würde ja Daten nicht nur über die Persönlichkeitsstruktur derer verfügbar haben, die sich in den 1960er- und der 1970er-Jahre im Erwachsenenalter befunden haben, sondern auch solche über die Persönlichkeitsstruktur der Angehörigen der vorhergehenden Generation(en), und man müsste sicherstellen, dass das, was Lasch beobachtet hat, nicht ein Effekt der Veränderung der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen im Lebensverlauf ist, wie sie jeder Mensch im Zuge eines persönlichen Reifungsprozesses erfährt, unabhängig von den speziellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Persönlichkeitsstruktur von Menschen beeinflussen (können/sollen).
Nun war Lasch aber keineswegs der einzige oder letzte, der eine Kultur des Narzissmus postuliert hat. Im 21. Jahrhundert sind Jean M. Twenge und W. Keith Campbell mit ihren Büchern bekannt geworden, die ebenfalls eine Zunahme von „Narzissmus“, sogar eine „Narcissism Epidemic“ behauptet haben (Twenge & Campbell 2006; 2009) – und diese Autoren tragen eine Vielzahl von statistischen Daten zusammen, auf die sie sich berufen, darunter solche, die in Studien erhoben wurden, in denen das Narisstische Persönichkeitsinventar zum Einsatz kam, und solche, die Veränderungen einzelner Dimensionen von „Narzissmus“ im Zeitverlauf testeten, z.B. Empathie (s. z.B. Konrath et al. 2010).
Eine Reihe von Studien, die im Anschluss an die Veröffentlichungen von Twenge und Campbell durchgeführt wurden, konnte die Ergebnisse, auf die sich die Autoren in ihren Büchern berufen haben, nicht replizieren. Ein Beispiel:
„Donnellan et al. gathered NPI scores of US students: Berkeley students were sampled in 1996, and UC Davis students were sampled between 2002 and 2008. Donnellan et al. found weak increases in narcissism, suggesting that the ’narcissism epidemic‘ hypothesis had little support“ (Kuzman 2025: 3),
d.h.
„Donnellan et al. sammelten NPI-Werte von US-Studenten: Berkeley-Studenten wurden 1996 und UC Davis-Studenten zwischen 2002 und 2008 befragt. Donnellan et al. stellten einen schwachen Anstieg des Narzissmus fest, was darauf hindeutet, dass die Hypothese der ‚Narzissmus-Epidemie‘ wenig Unterstützung hatte“ (Kuzman 2025: 3).
Das ist natürlich ein Fehlschluss auf Seiten von Kuzman: Erstens ist schwierig nachzuvollziehen, warum Kuzman meint, das Ergebnis einer einzigen Studie der Vielzahl von Studienergebnissen vorziehen zu können, auf die sich Twenge und Campbell berufen haben, und zweitens ist es durchaus möglich, dass eine Zunahme von Narzissmus bis etwa in die 1990er-Jahre hinein stattgefunden hat, danach aber keine Zunahme mehr stattgefunden hat.
Diesbezüglich aufschlussreicher ist die Studie von Oberleiter et al. (2025), in deren Rahmen sie eine Zusammenschau von 1.105 einzelnen Studien mit insgesamt 546.225 Befragten aus vielen verschiedenen Ländern, in denen Narzissmus-Werte, die anhand des NPI gewonnen wurde, erhoben wurden, präsentieren. Die Autoren beobachteten überwiegend stabile Narzissmuswerte während der 1980er- und 1990er-Jahre und speziell für die USA in der Zeit von 1982 bis 2008, also die Zeit vor der globalen Finanzkrise,
„… trivial effects that yielded inconsistent signs between subsamples of students vs. all participants and different NPI formats … No significant and meaningful effects were observed in global analyses …, except a small, positive, and statistically significant effect for student samples across all NPI formats … However, following the onset of the GFC in 2008, negative cross-temporal changes in narcissism scores emerged across both U.S.-based and global student and overall samples, irrespective of the used NPI format“ (Oberleiter et al. 2025: 889-890),
d.h.
„… triviale Effekte, die zu inkonsistenten Vorzeichen zwischen Teilstichproben von Studierenden vs. allen Teilnehmern und verschiedenen NPI-Formaten führten… In globalen Analysen wurden keine signifikanten und bedeutsamen Effekte beobachtet …, außer einem kleinen, positiven und statistisch signifikanten Effekt für Studentenstichproben über alle NPI-Formate hinweg … Nach dem Beginn der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 traten jedoch negative zeitübergreifende Veränderungen der Narzissmuswerte sowohl in US-amerikanischen als auch in globalen Studenten- und Gesamtstichproben auf, unabhängig vom verwendeten NPI-Format“.
Die Autoren halten auf der Basis ihrer Ergebnisse fest, dass
„… there remains only little support for a Narcissism Epidemic over the past decades on a global scale. These results broadly generalize across different regions, countries, and sample types. We observed meaningful negative time trends in virtually all trajectories of NPI-based narcissism self-reports from 1982 to 2023“ (Oberleiter et al. 2025: 890),
d.h.
„… es […] für die [These von der] Narzissmus-Epiedemie in den letzten Jahrzehnten auf globaler Ebene nur noch wenig Unterstützung [gibt]. Diese Ergebnisse lassen sich weitgehend auf verschiedene Regionen, Länder und Stichprobentypen übertragen. Wir haben in praktisch allen Verläufen von NPI-basierten Narzissmus-Selbstberichten von 1982 bis 2023 bedeutsame negative Zeittrends beobachtet“.
Auf der Basis ihrer Analyse postulieren die Autoren also einen insgesamt eher stagnierenden und in den letzten Jahrzehnten geringfügig abnehmenden Narzissmus (wie er durch das NPI gemessen wird. Und während sie zwei Erklärungen dafür vorschlagen, warum Narzissmus in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen sein könnte (durch die Zunahme von Depressionen und die idealisierten Darstellungen anderer Personen in den sozialen Medien, die den Selbstwert der Nutzer verringern könnten; s. Seite 892), bemühen sie sich nicht um eine Erklärung für die positiven Befunde, die Twenge und Campbell in ihren Büchern angeführt haben. Was den Widerspruch in der Befundlage betrifft, so ist m.E. wichtig, was Oberleiter et al. (2025: 893) am Ende ihrer Diskussion der Befunde ansprechen, nämlich das Folgende:
„Finally, cross-temporal narcissism values appeared to be stable according to the subdomains authority, exhibitionism, self-sufficiency, and vanity. However, superiority scores significantly decreased while entitlement and exploitativeness scores appeared to increase. However, due to the rather low numbers of studies that reported subscale scores and the uneven distribution of these studies according to data collection year, the meaningfulness of these findings remains uncertain“ (Oberleiter et al. 2025: 893),
d.h.
„Schließlich schienen die Werte des zeitübergreifenden Narzissmus entsprechend den Unterdomänen Autorität, Exhibitionismus, Selbstgenügsamkeit und Eitelkeit stabil zu sein. Allerdings sanken die Überlegenheitswerte deutlich, während die Anspruchs- und Ausbeutungswerte zu steigen schienen. Aufgrund der eher geringen Anzahl von Studien, die über Subskalenwerte berichteten, und der ungleichmäßigen Verteilung dieser Studien nach Datenerhebungsjahr bleibt die Aussagekraft dieser Ergebnisse jedoch ungewiss“.
Möglicherweise sind aber gerade diese Ergebnisse bedeutsam, denn es ist nicht notwendigerweise so, dass das Verhältnis, in dem verschiedene Dimensionen des Narzissmus-Konstruktes (gemäß des NPI) zueinander stehen, unveränderlich ist; ob es das ist, ist eine empirische Frage, die aber mangels Daten – wie die Autoren selbst festhalten – nicht zuverlässig beantwortet werden kann.
Und:
Wenn die „Anspruchs- und Ausbeutungs“-Aspekte von Narzissmus gestiegen sind, dann steht zumindest das deutlich im Einklang mit dem, was Twenge besonders in ihrem Buch „Generation Me“ aus dem Jahr 2006 beschrieben hat. So betrachtet scheint es voreilig, der These vom zunehmenden Narzissmus in allen Belangen ein „Farewell“, ein „Lebwohl“, sagen zu wollen, wie es der Titel des Artikels von Oberleiter et al. suggeriert, dem die Autoren allerdings und bezeichnenderweise ein Fragezeichen angefügt haben.
Was die Frage nach dem Zusammenhang zwischen narzisstischer Persönlichkeitsstruktur und gesellschaftlichen Bedingungen betrifft, so war es nicht das Ziel von Oberleiter et al., ihn zu untersuchen. Aber eine Reihe ihrer Befunde und Überlegungen deutet darauf hin, dass ein solcher Zusammenhang besteht. Sollte es Zufall sein, das sich nach dem Beginn der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 negative Veränderungen der Narzissmuswerte sowohl in US-amerikanischen als auch in globalen Studenten- und Gesamtstichproben und unabhängig vom verwendeten NPI-Format zeigten?!
Und wenn die Autoren darüber spekulieren, ob idealisierte Darstellungen anderer Personen im Internet den Selbstwert der Nutzer beschädigen könnte, so dass ihren narzisstischen Tendenzen entgegengewirkt werden oder ihr Auftreten verhindert wird, dann beziehen sie sich ebenfalls auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen in einer digitalisierten Gesellschaft.
Wenn solche Zusammenhänge bestehen, wie Christopher Lasch dies bereits im Jahr 1978 vermutet hat, ist Narzissmus nicht bloß ein Problem für Narzissten und die Menschen in ihrer unmittelbaren umgebenden Lebenswelt, sondern geht uns alle an.
Zitierte Literatur
Ackerman, Robert A., Witt, Edward, Donnellan, M. Brent, et al., 2011: What Does the Narcissistic Personality Inventory Really Measure? Assessment 18(1): 67-87
Konrath, Sara H., O’Brien, Edward H., & Hsing, Courtney, 2010: Changes in the Dispositional Empathy in American College Students Over Time: A Meta-analysis. Personality and Social Psychology Review 15(2): 180-198
Kubarych, Thomas S., Deary, Ian J., & Austin, Elizabeth, 2004: The Narcissistic Personality Inventory: Factor Structure in a Non-clinical Sample. Personality and Individual Differences 36(4): 857-872
Kuzman, Svetozar, 2025: Narcissism Epidemic: In Search of an Elusive Generational Issue. Premier Journal of Social Science 2025; 3: 100010
Lasch, Christopher, 1978: The Culture of Narcissism: American Life in an Age of Diminishing Expectations. New York: W. W. Norton and Co.
Oberleiter, Sandra, Stickel, Paul, & Pietschnig, Jakob, 2025: A Farewell to the Narcissism Epidemic? A Cross-Temporal Meta-Analysis of Global NPI Scores (1982-2023). Journal of Personality 93(4): 884-894
Raskin, Robert N., & Hall, Calvin S., 1979: A Narcissistic Personality Inventory. Psychological Reports 45(2): 590
Raskin, Robert N., & Terry, Howard, 1988: A Principle Components Analysis of the Narcissistic Personality Inventory and Further Evidence of its Construct Validity. Journal of Personality and Social Psychology 54(5): 890-902
Scott, Sonya Leigh, 2007: The Emergence of Narcissism in American Culture: The Lamentations of Christopher Lasch in The Culture of Narcissism. Historia 16: 134-157
Siegel, Fred, 1980: The Agony of Christopher Lasch. Reviews in American History 8(3): 285-295
Twenge, Jean M., 2006: Generation Me: Why Today’s Young Americans Are More Confident, Assertive, Entitled – and More Miserable Than Ever Before. New York: Free Press
Twenge, Jean M., & Campbell, W. Keith, 2009: The Narcissism Epidemic: Living in the Age of Entitlement. New York: Free Press
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