Karel Beckman

„Sie dachten, Russland sei nichts weiter als eine Tankstelle mit Atomwaffen“

Der sich abzeichnende russische Sieg im Ukraine-Krieg und die Sperrung des Luftraums über Venezuela durch den amerikanischen Präsidenten Trump sind zwei „geopolitische Erdbeben“, die den Beginn einer neuen Weltordnung ankündigen. Das ist die Sichtweise zweier renommierter, unabhängiger Analysten: des Politikwissenschaftlers John Mearsheimer und des ehemaligen Obersts und Autors Douglas Macgregor.

„Die Ereignisse der vergangenen Tage markieren eine endgültige Veränderung der Weltordnung. Wir haben eine Schwelle überschritten, die das Establishment in Washington, London und Paris verzweifelt zu ignorieren versucht“, erklärt Douglas Macgregor, ein ehemaliger Oberst, der eine Zeit lang in der ersten Trump-Regierung mitwirkte, inzwischen jedoch kritisch gegenüber dem Präsidenten ist, dem er vorwirft, zu sehr auf die neokonservativen Falken in Washington zu hören. Macgregor, der im ersten Golfkrieg 1990–91 als Kommandeur diente, wird regelmäßig auf verschiedenen Videokanälen interviewt, etwa auf denen des norwegischen Politikwissenschaftlers Glenn Diesen und des amerikanischen Richters Andrew Napolitano. „Als der Konflikt in der Ukraine eskalierte“, sagt Macgregor, „beschlagnahmten die USA und ihre europäischen Vasallen russische Vermögenswerte. Sie schlossen russische Banken vom Zahlungssystem Swift aus. Sie verhängten Tausende von Sanktionen gegen Russland, in der Annahme, der Rubel werde zusammenbrechen und es werde zu einem Regimewechsel in Moskau kommen. Sie dachten, Russland sei nichts weiter als eine Tankstelle mit Atomwaffen.“ Das Gegenteil trat ein, stellt Macgregor fest, „und genau das weigern sich die westlichen Medien ehrlich zu analysieren. Die russische Wirtschaft brach nicht zusammen. Russland passte sich an. Und zeigte damit, dass die westliche wirtschaftliche Macht auf Luft basiert. Wir stellten fest, dass Sanktionen auf ein Land keine Wirkung haben, das die Nahrungsmittel, den Dünger, die Energie und die Rohstoffe produziert, die die Welt braucht. Man kann Dollars drucken, aber kein Erdgas, keinen Weizen, kein Palladium. Die USA entdeckten, dass eine auf Dienstleistungen, Apps, Beratungsfirmen und Finanzspekulation basierende Wirtschaft in einem Abnutzungskrieg gegen eine echte Industriemacht nutzlos ist.“

Das Scheitern des Sanktionsregimes „hat genau das beschleunigt, was die USA jahrzehntelang zu verhindern versucht haben“, so Macgregor: „die Bildung eines parallelen globalen Wirtschaftssystems. Russland, China, Iran und der Globale Süden bauen eine Finanzarchitektur auf, die New York und London umgeht. Die USA müssen mit ansehen, wie eine neue, multipolare Welt entsteht, in der Länder keine Angst mehr vor amerikanischer finanzieller Aggression haben. Die USA müssen deshalb auf militärische Einschüchterung zurückgreifen. Aber was passiert, wenn ein Rivale Waffensysteme entwickelt, die diese Einschüchterung wirkungslos machen?“

Russland hat nicht nur den Krieg in der Ukraine gewonnen, behauptet Macgregor. Die Russen haben auch neue Waffen entwickelt, „die für die westlichen Ambitionen tödlich sind“. Eine davon ist die Oreschnik, eine hyperschallschnelle ballistische Mittelstreckenrakete. „Als die Oreschnik am 21. November 2024 mit einer Geschwindigkeit von Mach 10 ein Ziel in der ukrainischen Stadt Dnipro traf, wurde nicht nur ein Fabrikkomplex zerstört, sondern die gesamte Strategie der NATO. Der russische Präsident erklärte ausdrücklich, dass er Regierungszentren in London und Paris als legitime Ziele betrachte. Dies ist die Folge der rücksichtslosen Entscheidung der Briten und Franzosen, Storm Shadows und Scalp-Raketen an die Ukraine zu liefern. Wenn man hochentwickelte Waffen auf eine Atommacht abfeuert, sagt man damit, dass man ihre Atomwaffen nicht mehr fürchtet. Man setzt seine Zivilisation darauf, dass der Gegner blufft. Der Angriff mit der Oreschnik, die mit Atomwaffen bestückt werden kann, zeigt, dass er nicht blufft. Diese Waffe ist in der Lage, Ziele mit einer Geschwindigkeit von drei Kilometern pro Sekunde zu treffen. Kein westliches Abwehrsystem kann dem etwas entgegensetzen. Sie ist die Verkörperung der neuen multipolaren Ordnung, in der die USA und ihre Vasallen nicht länger das Monopol auf Gewalt besitzen.“

Inzwischen sei auch Amerika selbst durch Russland bedroht, so Macgregor. „In Washington wird in letzter Zeit intensiv über eine neue russische Waffe spekuliert – einen elektromagnetischen Impuls, einen EMP. Die Russen wären möglicherweise in der Lage, mit nur wenigen Atomraketen, die von einem U-Boot aus auf strategische Punkte abgefeuert werden, elektromagnetische Impulse zu erzeugen, die die Stromversorgung in ganz Amerika auf einen Schlag lahmlegen würden. Das ist der ultimative Albtraum des Establishments in Washington. Jetzt wird ihnen klar, dass die Barbaren nicht über die Mauern klettern müssen, um das Reich zu zerstören. Sie müssen nur die Wasserversorgung vergiften. Die Bedrohung für den Westen ist nicht mehr ein nuklearer Winter durch einen Atomangriff, sondern ein Angriff mit Gammastrahlen, die eine elektromagnetische Flutwelle erzeugen. In einer Sekunde gehen die Lichter aus. Nicht nur die Lichter. Alles. Das gesamte Finanzsystem bricht zusammen. Deshalb herrscht Panik in den westlichen Hauptstädten.“

Macgregors Fazit lautet, dass wir uns „in der Dämmerung der amerikanischen Vorherrschaft befinden. Die USA haben lange geglaubt, sie seien etwas Besonderes, dass sie immun seien gegen die historischen Gesetzmäßigkeiten, die für frühere Reiche wie das Römische, das Britische und das Osmanische galten. Dieser Glaube stammt aus dem sogenannten unipolaren Moment im Jahr 1990, als die Sowjetunion zusammenbrach und Washington sich einbildete, es könne seine Macht in jedem Winkel der Welt ausüben, ohne jemals wieder Konkurrenz zu erfahren. Diese Arroganz zeigte sich in der Art und Weise, wie die NATO expandierte und immer mehr Länder verschlang, ohne Rücksicht auf das Gleichgewicht der Kräfte zu nehmen.“

Macgregor weist auf die Heuchelei der westlichen Politik hin. „Seit 1823 betrachtet die USA die gesamte westliche Hemisphäre als ihre Einflusssphäre. Das nennt man die Monroe-Doktrin. Washington hat Regierungen gestürzt, Putsche unterstützt und Volkswirtschaften zerstört, von Kuba bis Chile, um zu verhindern, dass Rivalen auf dem amerikanischen Kontinent Fuß fassen. Gleichzeitig beanspruchen sie das Recht, Russland von allen Seiten zu bedrohen, bis direkt an die russische Grenze heran. Sie haben die Ukraine in eine vorgeschobene Militärbasis verwandelt. Und nun sind sie schockiert, dass Russland reagiert.“ Dieses Messen mit zweierlei Maß sei laut Macgregor nicht nur heuchlerisch. „Es ist gefährlich. Es beruht auf der Annahme, dass Russland keine Großmacht ist, dass es bereit wäre, eine Niederlage zu akzeptieren, um eine Eskalation zu vermeiden.“ Die unvermeidliche Niederlage der NATO in der Ukraine zeige nach Macgregors Auffassung „das Verderben im Herzen der neoliberalen Weltordnung. Es ist eine Ordnung, die auf Zwang basiert, nicht auf Zustimmung. Es ist eine Ordnung, die vorgibt, für die Souveränität von Staaten einzutreten, diese Souveränität aber selbst in Serbien, Irak, Libyen, Syrien und Afghanistan verletzt. Es ist eine Ordnung, die von Menschenrechten spricht, aber ihre finanzielle Macht nutzt, um Länder zu unterwerfen und Bevölkerungen auszuhungern.“ Die große Frage, so Macgregor, sei, ob die USA in der Lage sein werden, die Entstehung einer multipolaren Welt zu akzeptieren – oder ob sie dennoch versuchen werden, ihre Hegemonie mit militärischen Mitteln aufrechtzuerhalten.



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