In Frankreich tobt ein Shitstorm gegen die Bahn, seit dem in der Wagenklasse „Optimum“ Kinder nicht mehr gestattet sind. Das Signal: Mit ausreichend Kohle kann man sich die lästigen Kids vom Leib halten


In einem Zug lebt es sich wie in einer WG: Je unterschiedlicher der Lifestyle und das Alltagsverhalten, umso konfliktreicher das Zusammenleben

Foto: SNCF


Geben Sie es zu! Haben Sie nicht auch schon mal kleine Mitreisende verflucht, die es im Zug für eine prima Idee hielten, das Mobiliar in ein Schlagzeug umzufunktionieren oder ihre Anliegen nörgelnd, weinend oder schreiend vorzutragen? Haben Sie in diesem Moment nicht auch von einem kinderfreien Abteil geträumt, in dem man herrlich ungestört arbeiten, lesen und entspannen kann?

Ich gebe es zu, selbst als Mutter habe ich mir genau so einen Sitzplatz schon häufig gewünscht. Entsprechend hellhörig wurde ich, als die französische Bahngesellschaft SNCF vor wenigen Tagen eine neue Wagenklasse mit dem vielversprechenden Namen „Optimum“ gelauncht hat.

Zunächst beschränkt auf die Strecke Paris – Lyon, verspricht diese erste Klasse innerhalb der ersten Klasse noch mehr Service, Flexibilität und Gemütlichkeit. Die Werbefotos zeigen eine taffe junge Frau mit Gewinnerlächeln und Business-Bluse am Laptop. Und dann der Satz, an dem sich seitdem bei uns in Frankreich die Geister scheiden: „Um ein Maximum an Komfort zu garantieren, sind Kinder nicht gestattet.“

Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich abzeichnete, dass „Optimum“ zu einem krassen Marketing-Desaster werden würde, denn nachdem ein Eltern-Podcast das Thema aufgegriffen hatte, wütete schnell ein immenser Shitstorm gegen die SNCF.

Kinderrechtsorganisationen, Familienverbände und Influencer gingen auf die virtuellen Barrikaden. Da wurde selbst die sonst so gescholtene Deutsche Bahn (zuletzt wegen der Preiserhöhung für Familienreservierungen in der Kritik) als Referenz für kinderfreundliches Reisen zitiert. Videos von finnischen Zügen machten die Runde, mit Rutschen, Klettergerüsten und Leseecken für die Jüngsten.

Ruhebereich bei der Deutschen Bahn

Und auch wenn man seitens der SNCF schnell reagierte, indem man den umstrittenen Satz (Komfort = kinderlos) entfernte und klarstellte, dass „Optimum“ nur acht Prozent aller Plätze im Zug ausmache und es bereits vorher in der Business-Class eine Altersbeschränkung ab zwölf gegeben habe, war das Kind schon in den Brunnen oder besser gesagt aus dem Abteil gefallen.

Alarmiert zeigte sich kein Geringerer als Éric Delemar, stellvertretender Verteidiger der Kinderrechte in Frankreich. Gegenüber der AFP beklagte er die mangelnde Rücksichtnahme gegenüber Kindern, aus der „menschliche, psychologische und wirtschaftliche Kosten“ entstünden. „Kinder waren noch nie so eingeschränkt wie heute: Sie werden stigmatisiert, dürfen nicht mehr auf der Straße spielen, Lärm machen. Gleichzeitig wirft man ihnen vor, ständig zu Hause vor dem Bildschirm zu sitzen. Das ist ein Widerspruch.“

Mehr als die Kinder stören mich persönlich in der Deutschen Bahn mit ihrem merkwürdigen Konzept von Ruhe- und Handybereich ohnehin die lauten Business-Calls. In französischen Zügen wird generell darum gebeten, nicht in den Abteilen zu telefonieren, und das ist gut so, um nicht permanent akustisch von Geschäftsabschlüssen oder Beziehungsstreits fremder Menschen belästigt zu werden.

Letztlich ist ein Zug ja wie eine WG: Je unterschiedlicher der Lifestyle und das Alltagsverhalten, umso konfliktreicher das Zusammenleben. So gesehen wäre es eine kluge Idee, Reisende zusammenzusetzen, die sich ähnlich benehmen (oder eben nicht benehmen). Kinder können mit Kindern interagieren, Geschäftemacher können sich gegenseitig beim Geschäftemachen zuhören, und Schreibende können (wie in diesem Fall auf der Strecke von Paris nach Valence) in Ruhe über all das schreiben.

Es hätte wahrscheinlich gereicht, wenn die SNCF zeitgleich zu „Optimum“ ein neues Familienangebot eingeführt hätte, etwa spezielle Abteile. So bleibt der Eindruck: Mit ausreichend Kohle kann man sich die lästigen Kinder beim Reisen vom Leib halten. Tatsächlich werden die Debatten über „no kids zones“ in Frankreichwie in Deutschland immerlauter und in Zeiten sinkender Geburtenraten zu Recht geführt.

Denn eigentlich ist es ja andersrum: „Yes kids“ wäre die richtige Haltung für eine Gesellschaft, die auf bessere Zeiten hofft. Denn Investitionen in Kinderfreundlichkeit sind Investitionen in die Zukunft unserer Volkswirtschaft. Spätestens hier müsste doch der Reisende in der „Optimum“-Klasse aufhorchen und freiwillig seinen Platz räumen. Der aber – pssstttt!!! – ist schon bei Fahrtantritt vor lauter Ruhe und Komfort total unproduktiv eingeschlafen.

erste Klasse innerhalb der ersten Klasse noch mehr Service, Flexibilität und Gemütlichkeit. Die Werbefotos zeigen eine taffe junge Frau mit Gewinnerlächeln und Business-Bluse am Laptop. Und dann der Satz, an dem sich seitdem bei uns in Frankreich die Geister scheiden: „Um ein Maximum an Komfort zu garantieren, sind Kinder nicht gestattet.“Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich abzeichnete, dass „Optimum“ zu einem krassen Marketing-Desaster werden würde, denn nachdem ein Eltern-Podcast das Thema aufgegriffen hatte, wütete schnell ein immenser Shitstorm gegen die SNCF.Kinderrechtsorganisationen, Familienverbände und Influencer gingen auf die virtuellen Barrikaden. Da wurde selbst die sonst so gescholtene Deutsche Bahn (zuletzt wegen der Preiserhöhung für Familienreservierungen in der Kritik) als Referenz für kinderfreundliches Reisen zitiert. Videos von finnischen Zügen machten die Runde, mit Rutschen, Klettergerüsten und Leseecken für die Jüngsten.Ruhebereich bei der Deutschen BahnUnd auch wenn man seitens der SNCF schnell reagierte, indem man den umstrittenen Satz (Komfort = kinderlos) entfernte und klarstellte, dass „Optimum“ nur acht Prozent aller Plätze im Zug ausmache und es bereits vorher in der Business-Class eine Altersbeschränkung ab zwölf gegeben habe, war das Kind schon in den Brunnen oder besser gesagt aus dem Abteil gefallen.Alarmiert zeigte sich kein Geringerer als Éric Delemar, stellvertretender Verteidiger der Kinderrechte in Frankreich. Gegenüber der AFP beklagte er die mangelnde Rücksichtnahme gegenüber Kindern, aus der „menschliche, psychologische und wirtschaftliche Kosten“ entstünden. „Kinder waren noch nie so eingeschränkt wie heute: Sie werden stigmatisiert, dürfen nicht mehr auf der Straße spielen, Lärm machen. Gleichzeitig wirft man ihnen vor, ständig zu Hause vor dem Bildschirm zu sitzen. Das ist ein Widerspruch.“Mehr als die Kinder stören mich persönlich in der Deutschen Bahn mit ihrem merkwürdigen Konzept von Ruhe- und Handybereich ohnehin die lauten Business-Calls. In französischen Zügen wird generell darum gebeten, nicht in den Abteilen zu telefonieren, und das ist gut so, um nicht permanent akustisch von Geschäftsabschlüssen oder Beziehungsstreits fremder Menschen belästigt zu werden.Letztlich ist ein Zug ja wie eine WG: Je unterschiedlicher der Lifestyle und das Alltagsverhalten, umso konfliktreicher das Zusammenleben. So gesehen wäre es eine kluge Idee, Reisende zusammenzusetzen, die sich ähnlich benehmen (oder eben nicht benehmen). Kinder können mit Kindern interagieren, Geschäftemacher können sich gegenseitig beim Geschäftemachen zuhören, und Schreibende können (wie in diesem Fall auf der Strecke von Paris nach Valence) in Ruhe über all das schreiben.Es hätte wahrscheinlich gereicht, wenn die SNCF zeitgleich zu „Optimum“ ein neues Familienangebot eingeführt hätte, etwa spezielle Abteile. So bleibt der Eindruck: Mit ausreichend Kohle kann man sich die lästigen Kinder beim Reisen vom Leib halten. Tatsächlich werden die Debatten über „no kids zones“ in Frankreichwie in Deutschland immerlauter und in Zeiten sinkender Geburtenraten zu Recht geführt.Denn eigentlich ist es ja andersrum: „Yes kids“ wäre die richtige Haltung für eine Gesellschaft, die auf bessere Zeiten hofft. Denn Investitionen in Kinderfreundlichkeit sind Investitionen in die Zukunft unserer Volkswirtschaft. Spätestens hier müsste doch der Reisende in der „Optimum“-Klasse aufhorchen und freiwillig seinen Platz räumen. Der aber – pssstttt!!! – ist schon bei Fahrtantritt vor lauter Ruhe und Komfort total unproduktiv eingeschlafen.



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