Pro-Europa-Parteien liegen bei regionalen Voten um die fünf Prozent, doch leistet das keiner pro-russischen Stimmung Vorschub. Die Parlamentswahlen 2026 werden zeigen, ob der Marsch nach Europa begonnen hat oder mehr deklariert wird


Das Rathaus von Gjumri

Foto: Itar-Tass/Imago Images


Die zweitgrößte Stadt Armeniens heißt Gjumri, wie viele ältere Semester in der 1.500 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Gegend nenne ich sie aber bei ihrem sowjetischen Namen – Leninakan. Ich nehme mir das heraus, weil die sonst beinahe erloschene KP Armeniens bei der Lokalwahl im April 21 Prozent errang und dem klientelistischen Ex-Bürgermeister Vardan Ghukasjan mit drei nationalpopulistischen Listen zum Comeback verhalf.

Ghukasjan, der mal die Verbrennung von Transsexuellen gefordert hatte, erweckte Aufsehen mit der Forderung, Armenien möge dem Unionsstaat von Russland und Belarus beitreten. Die für Bürgerrechte und EU-Beitritt einstehende „Euroallianz“ scheiterte mit 4,45 Prozent.

Jahrzehntelang galt die Devise, „solange der Russe an unserer Grenze steht, frisst uns nicht der Türke“

Der Zauber des Neubeginns währte nicht lange: Da der abgehörte Oberbürgermeister am Telefon Schmiergeld verlangte, wurde er am 20. Oktober verhaftet, zusammen mit Getreuen wie seinem Großneffen Gework, der eine Demonstration anführte, um die Festnahme zu verhindern.

Trotzdem wird das Wahlergebnis als Menetekel für die Parlamentswahl 2026 gesehen: Wegen eines ansehnlichen Wirtschaftswachstums und eines wahren Wunders im Straßenbau werden der prowestlichen Regierungspartei „Bürgervertrag“ von Premier Nikol Paschinjan eigentlich gute Chancen eingeräumt. Gemäß der seit dem Völkermord von 1915 gültigen Nationaldoktrin – „solange der Russe an unserer Grenze steht, frisst uns nicht der Türke“ – gibt es in Leninakan die 102. russische Armeebasis. Mit ihren immerhin 2.500 Soldaten ist sie ein wichtiger Arbeitgeber, freilich nicht mehr so beliebt wie einst.

Als 2015 in einer Januarnacht ein junger transbaikalischer Soldat ausriss, durchs Zentrum lief und – angeblich, weil er „was trinken“ wollte – eine schlafende siebenköpfige Familie erschoss, brannte die russische Trikolore. Während der verlorenen Karabach-Kriege 2020 und 2023 brach das Vertrauen in die russische „Schutzmacht“ weiter ein.

In einem hübschen Vintage-Anbau erwartet mich der Listenführer der „Euroallianz“, Levon Barseghjan, ein Endfünfziger in schwarzem Rolli. Er führt hier eine hybride NGO, die zu 99 Prozent von der EU finanziert wird und – bis zu deren Zerschlagung durch Donald Trump – von USAID. Barseghjan, Chefredakteur eines 2020 eingegangenen Monatsblatts, war ein Gesicht der „Samtenen Revolution“ von 2018. Er kritisiert den nach seiner Ansicht „evolutionär agierenden Revolutionsführer Paschinjan“ für viele Fehler. Obwohl eine der Anklagen gegen Ex-Bürgermeister Ghukasjan nach politischer Verfolgung klingt (Vergehen gehen Armeniens Souveränität), fürchtet der Bürgerrechtler kein Abgleiten des Landes ins Autoritäre: „Wir lassen das nicht zu.“

Grund für die Populismusanfälligkeit sei die Armutsquote von 40 Prozent, sagt Levon Barseghjan

Ich mache etwas Ekelhaftes und schreibe eine Zahl hin: 4,45. „Ja, genau“, sagt Barseghjan, „ich war nicht überrascht“. Er habe es zwar 2012 bis 2021 ins Stadtparlament geschafft, sei diesmal aber nicht durchgedrungen gegen „kriminelle Clans“, die gestohlenes Geld in Medien und Stimmenkauf investierten, während „wir niemals eine populistische Sprache benutzt haben“. Im Gegenteil, er habe gefordert, dass die Gastronomen, die dank Verbandelung keine Kommunalsteuer zahlen, doch zahlen müssen. Grund für die Populismusanfälligkeit sei die Armutsquote von 40 Prozent. Er zeigt auf das Fenster und einen Hof mit rausgehängter Wäsche. Seine Nachbarn hätten geglaubt: „Wenn Paschinjan zu schwach ist, um Ghukasjan vor der Wahl zu bestrafen, wird Ghukasjan sie nach seiner Rückkehr bestrafen.“

Da seine Wortwahl von NGO-Begriffen wie „implementing“, „gender issues“ und „public awareness“ durchzogen ist, frage ich ihn, ob seine Wahlkampagne die Menschen erreicht habe. Er bejaht heftig: „Ich habe mich natürlich nicht wie ein Akademiker ausgedrückt, sogar den Dialekt von Gjumri gesprochen!“ Authentisch prorussisch seien in Gjumri „maximal 25 Prozent, etwa fünf Prozent mehr als im armenischen Schnitt. Die Hälfte ist für ein besseres Verhältnis zur EU, mindestens für Visafreiheit.“ Eine von ihm mit initiierte Petition („60.000 Unterschriften“) habe im März den Beschluss eines Ein-Satz-Gesetzes erreicht, wonach „die Republik Armenien den Beitrittsprozess zur EU startet“. Gewiss, seither sei nichts Konkretes passiert. Aber: „Everyone dreaming for Europe.“

Alltagskulturell gibt ihm das von klassischem Tuffstein geprägte Zentrum recht: Obwohl ganz Leninakan Russisch spricht, sind Symbole russischer Kultur nicht einmal in Spurenelementen zu finden. Dafür gibt es eine mit schaurigen Rasputin-Porträts aufwartende „Bar Rasputin“, die allein englischsprachigen Pop spielt.

Serie Europa Transit

Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa

Armenien möge dem Unionsstaat von Russland und Belarus beitreten. Die für Bürgerrechte und EU-Beitritt einstehende „Euroallianz“ scheiterte mit 4,45 Prozent.Jahrzehntelang galt die Devise, „solange der Russe an unserer Grenze steht, frisst uns nicht der Türke“Der Zauber des Neubeginns währte nicht lange: Da der abgehörte Oberbürgermeister am Telefon Schmiergeld verlangte, wurde er am 20. Oktober verhaftet, zusammen mit Getreuen wie seinem Großneffen Gework, der eine Demonstration anführte, um die Festnahme zu verhindern.Trotzdem wird das Wahlergebnis als Menetekel für die Parlamentswahl 2026 gesehen: Wegen eines ansehnlichen Wirtschaftswachstums und eines wahren Wunders im Straßenbau werden der prowestlichen Regierungspartei „Bürgervertrag“ von Premier Nikol Paschinjan eigentlich gute Chancen eingeräumt. Gemäß der seit dem Völkermord von 1915 gültigen Nationaldoktrin – „solange der Russe an unserer Grenze steht, frisst uns nicht der Türke“ – gibt es in Leninakan die 102. russische Armeebasis. Mit ihren immerhin 2.500 Soldaten ist sie ein wichtiger Arbeitgeber, freilich nicht mehr so beliebt wie einst.Als 2015 in einer Januarnacht ein junger transbaikalischer Soldat ausriss, durchs Zentrum lief und – angeblich, weil er „was trinken“ wollte – eine schlafende siebenköpfige Familie erschoss, brannte die russische Trikolore. Während der verlorenen Karabach-Kriege 2020 und 2023 brach das Vertrauen in die russische „Schutzmacht“ weiter ein.In einem hübschen Vintage-Anbau erwartet mich der Listenführer der „Euroallianz“, Levon Barseghjan, ein Endfünfziger in schwarzem Rolli. Er führt hier eine hybride NGO, die zu 99 Prozent von der EU finanziert wird und – bis zu deren Zerschlagung durch Donald Trump – von USAID. Barseghjan, Chefredakteur eines 2020 eingegangenen Monatsblatts, war ein Gesicht der „Samtenen Revolution“ von 2018. Er kritisiert den nach seiner Ansicht „evolutionär agierenden Revolutionsführer Paschinjan“ für viele Fehler. Obwohl eine der Anklagen gegen Ex-Bürgermeister Ghukasjan nach politischer Verfolgung klingt (Vergehen gehen Armeniens Souveränität), fürchtet der Bürgerrechtler kein Abgleiten des Landes ins Autoritäre: „Wir lassen das nicht zu.“Grund für die Populismusanfälligkeit sei die Armutsquote von 40 Prozent, sagt Levon BarseghjanIch mache etwas Ekelhaftes und schreibe eine Zahl hin: 4,45. „Ja, genau“, sagt Barseghjan, „ich war nicht überrascht“. Er habe es zwar 2012 bis 2021 ins Stadtparlament geschafft, sei diesmal aber nicht durchgedrungen gegen „kriminelle Clans“, die gestohlenes Geld in Medien und Stimmenkauf investierten, während „wir niemals eine populistische Sprache benutzt haben“. Im Gegenteil, er habe gefordert, dass die Gastronomen, die dank Verbandelung keine Kommunalsteuer zahlen, doch zahlen müssen. Grund für die Populismusanfälligkeit sei die Armutsquote von 40 Prozent. Er zeigt auf das Fenster und einen Hof mit rausgehängter Wäsche. Seine Nachbarn hätten geglaubt: „Wenn Paschinjan zu schwach ist, um Ghukasjan vor der Wahl zu bestrafen, wird Ghukasjan sie nach seiner Rückkehr bestrafen.“Da seine Wortwahl von NGO-Begriffen wie „implementing“, „gender issues“ und „public awareness“ durchzogen ist, frage ich ihn, ob seine Wahlkampagne die Menschen erreicht habe. Er bejaht heftig: „Ich habe mich natürlich nicht wie ein Akademiker ausgedrückt, sogar den Dialekt von Gjumri gesprochen!“ Authentisch prorussisch seien in Gjumri „maximal 25 Prozent, etwa fünf Prozent mehr als im armenischen Schnitt. Die Hälfte ist für ein besseres Verhältnis zur EU, mindestens für Visafreiheit.“ Eine von ihm mit initiierte Petition („60.000 Unterschriften“) habe im März den Beschluss eines Ein-Satz-Gesetzes erreicht, wonach „die Republik Armenien den Beitrittsprozess zur EU startet“. Gewiss, seither sei nichts Konkretes passiert. Aber: „Everyone dreaming for Europe.“Alltagskulturell gibt ihm das von klassischem Tuffstein geprägte Zentrum recht: Obwohl ganz Leninakan Russisch spricht, sind Symbole russischer Kultur nicht einmal in Spurenelementen zu finden. Dafür gibt es eine mit schaurigen Rasputin-Porträts aufwartende „Bar Rasputin“, die allein englischsprachigen Pop spielt.



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