In einem ausführlichen Gespräch mit Nema auf dem Kanal „Nema & Pepe“ vom 29. April 2026 analysiert der renommierte Geopolitik-Experte Pepe Escobar die jüngsten Entwicklungen im Iran-Konflikt.
Escobar spricht aus einem idyllischen Rückzugsort auf einer thailändischen Insel im Andamanischen Meer und betrachtet die Ereignisse aus der Distanz als „Beobachtungspunkt“. Das Interview dreht sich um die diplomatische Offensive Irans, die enge Abstimmung mit Russland und die strategische Isolation der USA.
Escobar beschreibt die Reise des iranischen Außenministers Abbas Araghchi (im Transkript „Arai“) als „gamechanging“ und sieht darin eine Demütigung von Trumps „Bullying-Plan“. Iran und Russland hätten die Initiative übernommen und die Straße von Hormuz als strategisches Druckmittel etabliert.
Die diplomatische Meistertour: Islamabad – Maskat – St. Petersburg
Araghchis Reise war nach Escobar minutiös geplant und umfasste drei Etappen.
Zuerst reiste er nach Islamabad, um mit pakistanischen Vermittlern zu sprechen. Dort bekräftigte er die iranischen „10 Punkte“, die Trump offenbar gelesen und teilweise akzeptiert hatte – ohne sie jedoch wirklich zu verstehen.
Anschließend ging es nach Maskat (Oman), wo Araghchi persönlich vom Emir empfangen wurde. Thema: Die künftige Organisation der Straße von Hormuz, einschließlich möglicher Zollstationen auf iranischer und omanischer Seite.
Danach kehrte Araghchi nach Islamabad zurück, um die drei zentralen iranischen Bedingungen für Verhandlungen zu verfeinern.
Die letzte und symbolträchtigste Station war St. Petersburg, wo er nicht nur mit Außenminister Sergej Lawrow, sondern auch persönlich mit Präsident Wladimir Putin zusammentraf – eineinhalb Stunden lang, was für einen Außenminister außergewöhnlich ist.
Der Flug selbst trug den Namen „Minab 168“ als Hommage an die bei US-Angriffen getöteten iranischen Schulkinder.
Die drei iranischen Bedingungen: Das Schachbrett wird umgedreht
Iran hat nach Escobar die Verhandlungsagenda komplett umgedreht:
Endgültiges Kriegsende mit schriftlichen Garantien der Großmächte und idealerweise einer UN-Sicherheitsratsresolution.
Neue Regelung für die Straße von Hormuz: Einführung einer Zollstation, Zahlung in iranischen Rial (um die Währung zu stabilisieren). Die Meerenge liegt weitgehend in territorialen Gewässern Irans und Omans (12 Seemeilen pro Seite). Iran hat das Recht auf eine solche Maßnahme.
Neues Atomabkommen („diluted JCPOA“) – erst am Ende der Agenda. Trump hatte das ursprüngliche JCPOA 2018 selbst gekündigt; ein besseres Angebot als 2015 wird es nicht geben.
Trump hat diese Bedingungen abgelehnt. Stattdessen setzt er auf die Verlängerung der völkerrechtswidrigen Blockade. Escobar sieht hier eine strategische Sackgasse: Trump brauche dringend einen „off-ramp“, könne aber weder Sieg erklären noch den Krieg risikolos fortsetzen.
Putins klare Botschaft: Respekt und strategische Partnerschaft
Putins Aussagen im Treffen mit Araghchi waren nach Escobar „scharf wie ein Dolch“:
Voller Respekt gegenüber dem iranischen Obersten Führer: Putin übermittelte Dank für eine persönliche Botschaft und wünschte Gesundheit.
Anerkennung des Kampfes: Das iranische Volk kämpfe heldenhaft für Unabhängigkeit und Souveränität.
Aktive Rolle Russlands: „Wir werden alles tun, was dem Interesse aller Völker in der Region dient.“ Russland engagiere sich direkt für eine diplomatische Lösung.
Damit habe Moskau Teheran den Rücken gestärkt. Jede künftige Lösung müsse nicht nur mit dem Iran, sondern auch mit Putin verhandelt werden.
Escobar sieht darin eine klare Botschaft an die „Abstinenz-Syndikat“ (US-Falken): Die Ära einseitiger US-Diktate ist vorbei.
Die Blockade – ineffektiv und kontraproduktiv
Die US-Blockade sei kein „eiserner Vorhang“. Iran umgehe sie bereits:
Tanker navigieren nah an iranischen/pakistanischen Territorialgewässern.
Sechs neue Überlandkorridore über Pakistan (Öl per Bahn, chinesische Güter in Containern).
Gas-Swaps über Turkmenistan nach Westchina.
China-Iran-Eisenbahn (fertig seit ca. August 2025) und Kaspische Routen.
Gerüchte über eine bevorstehende Speicherkrise und Zwangsabschaltungen von Ölfeldern bezeichnet Escobar als „Hoax“ aus US-Quellen.
Iran habe jahrelange Erfahrung mit Sanktionen und wisse, wie man mit solchen Situationen umgehe.
Die Blockade schade vor allem dem globalen Süden, Europa, Japan und Südkorea – und treibe die Welt gegen die USA zusammen.
SCO-Treffen in Kirgisistan: Geteilte Anti-Blockade-Erfahrung
Parallel zur Russland-Reise trafen sich die Verteidigungsminister der SCO-Staaten (inkl. Russland, China, Indien, Pakistan, Iran) in Kirgisistan.
Der iranische Verteidigungsminister bot an, die Erfahrungen im „Besiegen der Amerikaner“ zu teilen.
Escobar interpretiert das als Warnsignal: Der US-Krieg richte sich gegen eurasische Integration, BRICS, SCO und die Neuen Seidenstraßen.
Das „neue Primakow-Dreieck“ (Iran-Russland-China) stehe im Fokus.
Von Hormuz zu Malakka: Die chinesische Obsession
Die Blockade sei ein Testlauf für eine mögliche globale US-Blockade.
China beobachte das genau wegen der „Malakka-Falle“ (80 % seines Energieimports aus dem Golf passieren die Malakka-Straße).
Peking habe seit Jahren Gegenmaßnahmen aufgebaut: Pipelines, alternative Routen, erneuerbare Energien und gute Beziehungen zu Malaysia/Indonesien.
Escobar warnt: Eine US-Eskalation in Malakka könnte zu einem direkten Konflikt mit China führen.
Interne Spaltungen im Golf: UAE verlässt OPEC+
Die Vereinigten Arabischen Emirate (vor allem Abu Dhabi) wollen OPEC+ verlassen, um mehr Öl zu exportieren und Preise zu senken – ein Schritt aus Gier und Verzweiflung.
Escobar sieht darin einen Witz der Region: „Bald annexiert Saudi-Arabien sie vielleicht.“
Die UAE setzten weiter auf Israel und die USA (IMEC-Korridor), während Saudi-Arabien eher auf Deeskalation mit Iran setze.
Dubai als Geschäftsmodell sei bereits tot.
Libanon und die Achse des Widerstands
Kurz thematisiert Escobar die Lage im Libanon:
Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen Dörfer und Städte im Süden.
Nur Hisbollah leiste Widerstand.
Iran sehe den Konflikt ganzheitlich – eine Lösung müsse die gesamte „Achse des Widerstands“ (inkl. Gaza) einschließen.
Mit einer von Israel kontrollierten Trump-Administration sei das unrealistisch.
Fazit: Strategische Niederlage der USA und der Aufstieg Eurasiens
Pepe Escobar zeichnet ein klares Bild: Iran gewinne diesen Krieg strategisch, weil keines der US-Ziele erreicht wurde.
Die Reise Araghchis und die Putin-Unterstützung hätten die Machtverhältnisse verschoben.
Trump sitze in der Falle – zwischen einer unpopulären Blockade, die den Weltwirtschaftskreislauf stört, und der Unmöglichkeit, den Krieg risikolos wieder aufzunehmen.
Die globale Reaktion (Global South, Asien, Europa) werde die Blockade nicht lange tolerieren.
Für Escobar ist dies kein isolierter Nahost-Konflikt, sondern ein Angriff auf die eurasische Integration. Russland, China und Iran stünden enger zusammen als je zuvor. Indien bleibe der unsichere Faktor in BRICS und SCO.
Die USA versuchten mit imperialer „Divide-and-Rule“-Logik, die multipolare Welt aufzuhalten – doch die Reaktionen zeigten, dass das Projekt scheitere.
Das Interview unterstreicht Escobars zentrale These: Die Ära der US-Unipolarität neigt sich dem Ende zu. Iran und Russland haben Trumps Plan nicht nur abgewehrt, sondern die Initiative ergriffen.
Die volle Kontrolle über Hormuz – symbolisch und praktisch – markiert einen Wendepunkt. Ob Trump das erkennt und einen geordneten Rückzug findet, bleibt offen.
Die Uhr tickt für die globale Wirtschaft und die Stabilität der Region.