In einem kürzlichen Interview mit dem Journalisten Danny Haiphong analysiert der renommierte Geopolitik-Experte Pepe Escobar die aktuellen Spannungen zwischen Iran und den USA. Escobar, der gerade aus Hongkong zurückgekehrt ist, beleuchtet den Rückzug der US-Marine, die Rolle von China, Russland und den BRICS-Staaten sowie die prekäre Lage von Präsident Donald Trump. Basierend auf diesem Gespräch entsteht ein detaillierter Überblick über die geopolitischen Dynamiken in Westasien und ihre globalen Auswirkungen.

Der Rückzug der US-Marine: Ein Zeichen der Schwäche?

Die Spannungen im Persischen Golf haben in den letzten Monaten eine dramatische Wendung genommen. Die USS Lincoln, das Flaggschiff einer mächtigen US-Armada, hat sich etwa 1400 Kilometer von der iranischen Küste in das Arabische Meer zurückgezogen. Dieser Schritt wird von Pepe Escobar als klares Zeichen interpretiert, dass Iran die Bedingungen diktiert. Nicht nur die US-Navy, sondern auch kommerzielle Schiffe unter US-Flagge wurden angewiesen, sich so weit wie möglich vom Strait of Hormuz fernzuhalten – einer strategisch entscheidenden Meerenge, durch die ein Großteil des globalen Öltransports fließt. Diese Maßnahmen stammen aus einer offiziellen US-Maritime-Advisory und unterstreichen die wachsende Unsicherheit in der Region.

Escobar betont, dass Iran den „Bluff“ von Präsident Trump – den er spöttisch als „Neo Caligula“ bezeichnet – durchschaut hat. Trump stehe nun vor einer unlösbaren Dilemma: Angreifen würde eine massive Vergeltung provozieren, einschließlich des potenziellen Versenkens von US-Flugzeugträgern oder Angriffe auf Tel Aviv. Nichts zu unternehmen, würde jedoch seine Drohungen als leer entlarven und seine Position im Globalen Süden schwächen. Die Iraner haben wiederholt signalisiert, dass sie auf jede Aggression mit voller Härte reagieren würden, was die USA in eine Position „zwischen Hammer und Amboss – auf Steroiden“ bringt.

Chinas Solidarität mit Iran: Von Satellitenbildern bis zu Militärmodellen

Ein weiterer Aspekt, der die multipolare Weltordnung unterstreicht, ist die wachsende Unterstützung Chinas für Iran. Escobar hebt hervor, wie der chinesische Militärbotschafter der iranischen Luftwaffe ein Modell des J-20-Stealth-Kampfjets überreichte – ein Akt, der auf Social Media verspottet wurde, aber tiefergehende Kooperation andeutet. Chinesische Satellitenbilder haben öffentlich sensible Informationen über US-THAAD-Raketenabwehrsysteme preisgegeben, die als „freie Zielkoordinaten“ für Iran dienen könnten. Dies sei ein klares Signal der Solidarität.

China sieht Iran als zentralen Partner im Belt-and-Road-Initiative (BRI), insbesondere als Transitkorridor von Ost nach West über Zentralasien. Die umfassende strategische Partnerschaft zwischen den beiden Ländern umfasst militärische Austausche auf höchster Ebene, einschließlich Elektroniksysteme und Gegenintelligenz. Escobar merkt an, dass chinesische Akademiker Trumps Bluff offen kritisieren, während die offizielle Position Pekings – ein Schweigen, das Bände spricht – auf nationale Sicherheitsinteressen hinweist. Sollte Iran fallen, wären Russland und China die nächsten Ziele, was die Notwendigkeit einer engen Allianz unterstreicht.

Russlands Rolle: Militärhilfe und BRICS-Agenda

Ähnlich engagiert ist Russland. Escobar erwähnt tägliche Landungen russischer IL-76-Transportflugzeuge in Iran, deren Ladung – militärische Geheimnisse – unbekannt bleibt, aber Teil einer strategischen Partnerschaft ist. Russland und China bieten Iran alles Nötige, von Satellitendaten bis zu fortschrittlicher Technologie, um gegen US-Drohungen standzuhalten.

Auf breiterer Ebene beschleunigt Russland die BRICS-Agenda. Außenminister Sergej Lawrow und sein Stellvertreter Sergej Rjabkow haben in jüngsten Interviews klare Worte gefunden: Die USA praktizieren „reinen Bidenismus“ durch Sanktionen und einseitige Forderungen, was die Beziehungen vergiftet. BRICS konzentriere sich auf die Integration neuer Mitglieder (nun 10 Staaten plus 10 Partner) und die Schaffung widerstandsfähiger Finanzmechanismen gegen externe Druck. Rjabkow betont Fortschritte bei Zahlungssystemen in nationalen Währungen und einer einheitlichen Stimme zu internationalen Krisen – von Venezuela bis zum Nahen Osten.

Lawrow geht weiter: BRICS und der Shanghai Cooperation Organization (SCO) zielen auf eine Architektur ab, die immun gegen „illegale Aktionen des Westens“ ist. Dies sei ein Manifest für die multipolare Welt, koordiniert von Russland und China. Escobar sieht hier eine organische Allianz zwischen Russland, Indien, China und potenziell Iran (RIIC), die auf Trumps Drohungen reagiert.

Die Regionalen und Globalen Implikationen: Ein Krieg für den Globalen Süden?

Escobar warnt, dass ein Angriff auf Iran nicht auf Westasien beschränkt bliebe, sondern den gesamten Globalen Süden betreffen würde. Yemen, Hisbollah und irakische Milizen würden involviert, wie Iran versprochen hat. Die jüngste Treffen zwischen dem iranischen Außenminister Araghchi und dem jemenitischen Gesandten in Muskat unterstreichen diese Einheit. Der Globale Süden beobachtet genau: Irans Souveränität lehrt Lektionen über Widerstand gegen Hegemonie.

Wirtschaftlich eskaliert die Dedollarisierung. Russland überholt Saudi-Arabien als Chinas größter Öllieferant, während China seinen Handel mit Iran ausbaut. Saudi-Arabien, in einer heiklen Position, plädiert für Diplomatie, da ein Konflikt den Persischen Golf zerstören würde. Escobar betont, dass der Strait of Hormuz nur im Extremfall geschlossen würde – nach Rücksprache mit China und Russland –, was zu Ölpreisen von bis zu 700 Dollar pro Barrel und einem Kollaps des Derivatemarkts führen könnte.

Trumps Dilemma: Von Netanyahu bis Bad Bunny

Trump, gefangen in seiner Unsicherheit, trifft Netanyahu, der ein „Triad“ von Forderungen stellt: Keine Urananreicherung, keine Unterstützung für „Proxies“ und ein minimales Raketenprogramm. Verhandlungen in Oman (nicht Istanbul, da Iran Erdogan misstraut) drehen sich um begrenzte Anreicherung (bis 60 %), aber Iran lehnt Sanktionsaufhebung ab – ein No-Go für die USA.

Escobar kritisiert Trumps fehlende Strategie: Entscheidungen basieren auf Launen, Fox News oder Einflüssen wie Netanyahus. Die US-Militärindustrie ignoriere die strategischen Allianzen Irans. Domestisch sinken Trumps Umfragewerte auf 37-44 %, verschärft durch Skandale wie „Bad Bunny“. Dies zerstöre MAGA und mache Trump zu einem „Lame Duck“.

Der Moralische Verfall des Westens und die Multipolarität

Escobar sieht einen tieferen Kontext: Den totalen Nihilismus des Westens, symbolisiert durch den Gaza-Genozid, Epstein-Skandale und den Zusammenbruch der „regelbasierten Ordnung“. Eliten wie der ehemalige Bank-of-England-Chef geben zu, das System manipuliert zu haben. BRICS biete eine Alternative: Souveränität und Kooperation.

Escobars Reisen: Ein Blick in die Zukunft der Seidenstraßen

Abschließend teilt Escobar Eindrücke aus seinen Reisen. In Chongqing, dem „Ground Zero“ der Neuen Seidenstraßen, sah er den Logistikpark, wo Frachtzüge nach Europa starten. Das Akronym „Yuxinou“ (Chongqing-Xinjiang-Europa) symbolisiert Konnektivität. Trotz Sanktionen wachsen Korridore, und Firmen wie Porsche und Audi produzieren dort. China repräsentiere Fortschritt, Kreativität und Frieden – ein Kontrast zu westlichem Chaos.

Insgesamt malt Escobar ein Bild einer Welt im Wandel: Iran, unterstützt von Russland und China, widersteht US-Druck, während BRICS die multipolare Ordnung festigt. Die Frage bleibt, ob Trump den Konflikt eskaliert oder zurückweicht – mit globalen Konsequenzen.



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