
Warum Ray Takeyhs “Der letzte Schah” den Iran von heute erklärt und dem Westen den Spiegel vorhält.
Es gibt Bücher, die man liest, um die Vergangenheit zu verstehen. Und es gibt Bücher, die man liest, um die Gegenwart auszuloten. Ray Takeyhs Werk “The Last Shah: America, Iran, and the Fall of the Pahlavi Dynasty” gehört zu beiden Kategorien.
Was als historische Studie über den Sturz der Pahlavi-Monarchie beginnt, entfaltet sich im Licht der aktuellen Unruhen im Iran als eine Diagnose politischer Wiederholungen. Takeyhs Buch ist weniger Chronik als Seismograf: Es registriert jene tektonischen Spannungen zwischen Macht, Gesellschaft und Außenpolitik, die das Land bis heute erschüttern.
Ein Herrscher auf schwankendem Boden
Im Zentrum von Takeyhs Darstellung steht Mohammad Reza Pahlavi, Schah des Iran, Sonne der Arier und so weiter. Lange galt er im Westen als verlässlicher Verbündeter, als Garant von Stabilität, als Bollwerk gegen den Kommunismus. In der populären Erinnerung erscheint er oft als Opfer eines religiösen Fanatismus, als gestürzter Modernisierer. Takeyh widerspricht dieser Legende.
Er zeichnet das Bild eines Herrschers, der über enorme Machtmittel verfügte, aber nie über politische Souveränität im eigentlichen Sinn. Der Schah regierte autoritär, ohne sich legitimieren zu können. Er modernisierte, ohne zu integrieren. Er kontrollierte, ohne zu überzeugen.
Reformen wurden technokratisch verordnet, nicht gesellschaftlich verankert. Opposition wurde unterdrückt, nicht politisch kanalisiert. Loyalität wurde erzwungen, nicht gewonnen. So entstand ein Staat mit glänzender Fassade und hohlem Inneren. Ein System, das funktionierte, solange der Ölpreis stieg und Washington schützte. Und das kollabierte, sobald beides ins Wanken geriet.
Amerika als Schutzmacht und Projektionsfläche
Besonders eindrucksvoll ist Takeyhs Analyse der amerikanisch-iranischen Beziehung. Er beschreibt kein einfaches Abhängigkeitsverhältnis, sondern ein Geflecht aus Interessen, Illusionen und gegenseitiger Instrumentalisierung.
Die USA sahen im Iran vor allem ein geopolitisches Werkzeug. Der Schah sah in den USA vor allem eine Lebensversicherung. Beide Seiten verwechselten strategische Zweckgemeinschaft mit politischer Substanz. Der Putsch gegen den Volkstribunen Mohammad Mossadeq 1953 durch die CIA, jahrzehntelang Symbol westlicher Einmischung, erscheint bei Takeyh als frühes Menetekel: Stabilität wurde höher bewertet als Legitimität. Ordnung höher als Teilhabe. Kontrolle höher als Vertrauen. Diese Logik trug den Schah. Und sie untergrub ihn zugleich.
Die langsame Entfremdung der Gesellschaft
Takeyhs vielleicht wichtigste Leistung liegt in seiner Analyse der gesellschaftlichen Erosion. Die Revolution von 1979 war kein plötzlicher Ausbruch. Sie war das Resultat einer schleichenden Entfremdung. Religiöse Milieus fühlten sich marginalisiert. Intellektuelle erstickt. Händler durch die US-Handelsketten bedroht. Studenten radikalisiert. Die Mittelschicht politisch heimatlos.
Die „Weiße Revolution“ des Schahs, mit Landreformen und Bildungsprogrammen, wirkte wie eine Modernisierung ohne soziales Fundament. Fortschritt ohne Mitsprache. Wachstum ohne Vertrauen. In diesem Vakuum konnte Ajatollah Ruholla Khomeini zur moralischen Projektionsfläche werden. Nicht primär als religiöser Hardliner, sondern als Symbol des Widerstands gegen Entfremdung, Demütigung und politische Sprachlosigkeit.
Die Islamische Republik: Erbe und Wiederholung
Was Takeyh beschreibt, endet nicht 1979. Es setzt sich fort. Die Islamische Republik, die aus der Revolution hervorging, versprach Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Würde. Tatsächlich etablierte sie ein neues autoritäres System, das Legitimität durch Ideologie ersetzte. Auch dieses System leidet unter strukturellen Defiziten: begrenzte politische Teilhabe, starke Sicherheitsapparate, ideologische Kontrolle und schwacher Rückhalt der Mullahs bei weiten Teilen der Iraner.
Wie die Monarchie zuvor regiert auch die Islamische Republik durch Mischung aus Patronage, Repression und symbolischer Mobilisierung. Und wie damals wächst die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft. Die aktuellen Proteste sind Ausdruck dieser Kluft. Sie richten sich nicht mehr nur gegen Preise, Sanktionen oder Korruption. Sie richten sich gegen das System selbst.
Explosive Außenpolitik als Ersatz für Legitimität
Hier berührt Takeyhs Analyse die Gegenwart besonders scharf. Schon der Schah nutzte Außenpolitik, um innere Schwäche zu kompensieren: Aufrüstung, regionale Ambitionen, enge Allianzen. Stärke nach außen sollte Mangel nach innen verdecken. Die Islamische Republik folgt demselben Muster, mit umgekehrten Vorzeichen.
Heute ist Außenpolitik für Teheran Überlebensstrategie, und zwar als Konfrontation mit dem Westen, als regionale Stellvertreterpolitik, als Raketen- und Atomprogramm und nicht zuletzt als ideologische Mobilisierung. Je größer der innere Druck, desto aggressiver das äußere Auftreten. Außenpolitik wird zum Ventil. Takeyhs Buch macht verständlich, warum diese Dynamik kein Zufall ist. Systeme ohne gesellschaftliche Verankerung können sich nur über Konflikte stabilisieren.
Die Erschöpfung der revolutionären Identität
Vier Jahrzehnte nach 1979 ist die revolutionäre Erzählung verbraucht. Antiimperialismus, Märtyrerkult und Widerstandsrhetorik gegen “den Westen” mobilisieren kaum noch. Vor allem junge Iraner empfinden sie als leere Rituale. Das Regime reagiert darauf mit Repression statt Erneuerung. Die Folge ist politische Erstarrung.
Der Iran ist heute ist wirtschaftlich geschwächt, diplomatisch stark isoliert, technologisch abhängig von den wenigen Verbündeten wie China und gesellschaftlich stärker fragmentiert als zu Zeiten der Monarchie. Takeyhs historische Perspektive zeigt: Auch der Schah glaubte, Stabilität sei dauerhaft erzwingbar. Auch er unterschätzte die Ermüdung der Gesellschaft.
Neue Abhängigkeiten: China und Russland
Die Abkehr vom Westen hat den Iran in neue Abhängigkeiten geführt. China und Russland sind heute wichtigste Partner. Doch diese Beziehungen sind asymmetrisch. Teheran liefert Energie, geopolitische Dienste und regionale Hebel. Es erhält begrenzte Unterstützung und diplomatische Rückendeckung. Keine strategische Gleichberechtigung. Takeyhs Analyse der amerikanisch-iranischen Beziehung mahnt: Auch vermeintlich stabile Partnerschaften können trügerisch sein. Der Schah glaubte an amerikanische Garantien. Sie verschwanden, als sie politisch unbequem wurden.
Die Proteste als geopolitisches Risiko
Die aktuellen Unruhen haben internationale Folgen. Sie destabilisieren Handelsrouten, verunsichern Investoren, erhöhen Eskalationsrisiken. Sie zwingen westliche Staaten in ein moralisches Dilemma zwischen Menschenrechtsrhetorik und strategischer Zurückhaltung. Schon in den 1970er Jahren schwankte der Westen zwischen Reformappellen und Stabilitätsdenken. Das Ergebnis war Kontrollverlust. Takeyhs Buch zeigt, wie gefährlich diese Unentschlossenheit ist.
Die Wiederkehr des Scheiterns
Die größte Stärke von “Der letzte Schah” liegt in seiner Gegenwartsfähigkeit. Es offenbart ein wiederkehrendes Muster: Autoritäre Macht ohne Legitimität. Modernisierung ohne Partizipation. Außenpolitik als Kompensation. Wachsende Isolation. Plötzlicher Zusammenbruch. Der Iran bewegt sich erneut in diesem Zyklus. Die Formen haben sich geändert. Die Logik nicht.
Fazit: Geschichte als Warnsystem
Ray Takeyhs Buch ist keine nostalgische Abrechnung mit der Monarchie. Es ist eine Analyse politischer Selbstzerstörung. Es zeigt, wie Systeme zerfallen, wenn sie Macht über Vertrauen stellen. Wie Außenpolitik zur Ersatzreligion wird. Wie Stabilität ohne Legitimität zur Illusion verkommt. Im Licht der heutigen Krise wird „Der letzte Schah“ zu einer Warnschrift. Nicht nur für den Iran. Sondern für alle politischen Ordnungen, die glauben, gesellschaftliche Zustimmung durch Kontrolle ersetzen zu können.
Takeyhs Buch erklärt, warum der Iran heute nervös, defensiv-aggressiv und strategisch unberechenbar wirkt. Und es legt nahe: Ohne innere Öffnung bleibt jede außenpolitische Entspannung fragil. Geschichte, so zeigt dieses Werk, ist kein Archiv. Sie ist immer ein Echo. Und im Iran hallt sie besonders laut.
