Ein Wintersturm bringt viel Niederschlag und Chaos im Verkehr. Und die Frage: Wo ist der Klimawandel? Der Deutsche Wetterdienst klärt auf
Winter im Hamburger Hafen
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Von einem echten „Krimi“ spricht der Meteorologe Adrian Leyser, „Sturmtief Elli übernimmt die Regie.“ Sein Kollege Georg Haas warnt vor kräftigem Dauerschneefall: „Tief Elli entwickelt sich explosionsartig“. Das „seltene Schneetief“, erklärte der Meteorologe Alexander Hildebrand, führt zu einer „gefährlichen winterlichen Wetterlage“ mit stundenlangem Schneefall.
An diesem Freitag gab es von Norddeutschland bis Berlin das, was zuletzt in der Corona-Pandemie Alltag an den Schulen war: Distanzunterricht. Die Deutsche Bahn stellte im Norden ihren Dienst gleich ganz ein. Der Spiegel hat seine Berichterstattung zum Schneesturm auf einen „Liveblog“ umgestellt. Und natürlich taucht wieder diese Frage auf: Was macht der Klimawandel?
„Bei Elli handelt es sich um ein lokal sehr starkes Sturmtief, das auf feuchte Meeresluft trifft“, sagt Andreas Walter, Sprecher des Deutschen Wetterdienstes DWD. In der Wochenmitte hatte es sich über dem Atlantik formiert und Mitteleuropa in der Nacht zum Freitag erreicht. „Mit ihm kommen teils kräftige Niederschläge“, sagt Walter. Weil Elli die Temperaturen stellenweise auf bis zu plus 10 Grad in die Höhe treiben könnte, gehen die Niederschläge recht rasch in Regen über, allerdings nicht im Osten, dort wird es den Wetterprognosen zufolge am Wochenende bitterkalt.
Aber warum wird gerade jetzt über den Klimawandel debattiert? „Wetter kann man fühlen, Klima nicht“, sagt Walter. Denn die Klimaveränderungen verlaufen über lange Zeiträume, „während der Wind uns die Kälte direkt ins Gesicht treibt.“ Klimaveränderungen seien hingegen nur messbar.
„Beispielsweise die Tage mit einer geschlossenen Schneedecke: Davon gibt es in den meteorologischen Wintermonaten Dezember, Januar und Februar heute 35 Tage weniger, als im Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990“, sagt Walter. Betrachte man die durchschnittliche Schneedecke der Jahre 1990 bis 2000, so gab es im vergangenen Winter 19 Tage weniger, die bundesweit für „Ski-und-Rodel-gut“ gesorgt hätten.
Noch ist auch der Winter 25/26 zu warm
Auch die tatsächlich gemessenen Temperaturen im Winter belegen einen eindeutigen Trend: Im Durchschnitt der Jahre 1971 bis 2000 waren sie 0,6 Grad wärmer als in der Referenzperiode 1961 bis 1990. Der Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 lag dann schon 1,4 Grad darüber, der letztjährige Winter war 2,2 Grad zu warm. DWD-Sprecher Walter: „Die wärmsten Winter, die es je in Deutschland gab, waren 2024, 2020 und 2007.“
Klimaforscher und Meteorologen nennen es „natürliche Klimavariabilität“: Beim Wetter gibt es Ausreißer nach oben und nach unten, es ist also in einem Jahr kühler, im anderen heißer als im langjährigen Mittel. Der Sommer 2003 war beispielsweise hierzulande extrem warm, ein Ausreißer nach oben. Im Winter 2010 gab es dagegen Temperaturen 1,3 Grad unter dem Referenzwert und sehr viel Schnee.
„Es tritt ein, was die Klimamodelle vorhergesagt hatten: Nicht nur die mittlere Temperatur ändert sich, sondern auch die Wetterextreme“, so Walter. Wobei die Ausreißer nach oben – also das „zu warm“ – deutlich stärker zugenommen haben, als die nach unten.
Würde es jetzt wieder einen solchen nach unten geben – „ein besonders kalter Winter“, wie Walter sagt – würde das aber nicht bedeuten, dass sich die Klimaerhitzung abgeschwächt hat. „Aber aktuell deuten unsere Messwerte nicht auf so einen Ausreißer nach unten in diesem Winter hin“, sagt Walter. So war der Dezember 2,3 Grad wärmer als im Referenzzeitraum. Walter: „Die ersten sieben Tage im Januar waren im Vergleich dazu 1,5 Grad zu kalt. Das kann sich aber sehr schnell wieder ändern.“
Schon mal den Sonntagsspaziergang planen
In Hamburg wurden wegen des Dauerfrosts die Öffnungszeiten des Winternotprogramms verlängert, auch in Berlin weitete die Kältehilfe ihr Angebot aus: Temperaturen unter minus 10 Grad sind dort möglich. Nach Erhebung der „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ leben in Deutschland mehr als eine Million Menschen auf der Straße. Und vor allem im Nordosten bleibt es knackig kalt: Hier zeigt polare Luft ihren Einfluss, die aus dem Osten kommt.
Fazit: Tief Elli ist ein winterlicher Sturm, in der Zeit vor dem Klimawandel war das ein ganz normales Wetterphänomen. Weil wir uns aber bereits an die wärmer gewordenen Winter gewöhnt haben, kommt uns die Wetterlage als etwas Außergewöhnliches vor. Am Sonntag erwartet der Deutsche Wetterdienst übrigens „einen Wintertag wie aus dem Bilderbuch“. Das immerhin ist außergewöhnlich in diesen Zeiten.