
Eine polyamore Trauung mit vier Männern und einer Frau. Quo vadis, Evangelische Kirche?
Als der Autor dieser Zeilen als einziger Mann vor langer Zeit aus Neugier in einem Seminar zur feministischen Theologie an der Humboldt-Universität saß, referierte die Dozentin über ihre Reise nach Israel. Jeder nicht-feministische Theologe hätte Heiliges Land gesagt, aber je mehr sie über ihre Eindrücke plauderte, je mehr war klar: ums Heilige ging es ihr nicht. Auf die Frage des Autors, was sie gefühlt hätte, als sie an den Schauplätzen Jesu wie in Bethlehem wandelte, meinte die Nachwuchs-Feministin verwundert: „Wie? Was soll ich denn gefühlt haben??“ Weitere Fragen erübrigten sich.
Vom Paulus zum Saulus?
Früher stritt die Evangelische Kirche über die richtige Auslegung von Paulus. Heute eher darüber, ob man das Evangelium überhaupt noch braucht, wenn man stattdessen den Instagram-Account der Kirchenjugend zeitgeistig bespielt. Und während die Kirchenbänke sich stärker leeren als die Mitgliederzahlen der FDP-Jugend, findet man bei den Evangelen in Berlin immer neue Wege, Relevant-Sein zu spielen.
Jüngster Versuch: Polyamore Trauung mit sakralem Gütesiegel. Vier Männer sind von einer feministischen Pfarrerin zu einem Paar vor dem Altar verbunden worden. Lena Müller ist hauptsächlich Landesjugendpfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kurz: EKBO. Diese EKBO, ein Kürzel, das eher klingt wie eine Dienststelle zur Abschaffung des Protestantismus, verliert unter allen Landeskirchen mit die meisten Schäfchen. Woran es wohl liegen mag?!
Jene evangelische Landeskirche blinkt mittlerweile so konsequent links, dass selbst die Grünen beim Vorbeifahren kurz überlegen, ob sie rechts überholen sollen. Die Logik dahinter ist einfach, wenn sich die Kirche zunehmend als NGO mit Kerzenständern versteht, dann muss jede gesellschaftliche Debatte in liturgischer Form nachinszeniert werden. Ob Migration, Klima, Gender, Kapitalismuskritik – jetzt eben auch spezielle Beziehungsmodelle. Alles bekommt eine Fürbitte. Und zwar mit dem festen Unterton: „Wer dagegen ist, hat einfach das Evangelium nicht verstanden.“
Auf der schiefen Bahn
Die evangelische Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten in eine Art moralisch-progressiven Kulturverein verwandelt, der weniger die Bibel als vielmehr die digitalen Trends des vergangenen Monats zur Grundlage theologischer Entscheidungen macht. „Was steht in der Schrift?“, ist passé. „Wie könnte das in den Feuilletons wirken?“, ist die neue Leitfrage. Martin Luther, dem das Bonmot zugeschrieben wird, den Leuten aufs Maul zu schauen, um den richtigen moralischen Kompass zu finden, hat in der EKBO ausgedient. Und nicht nur dort.
Diese Trauung, die nun durch die Medien wandert, war nicht nur ein Akt zwischen vier Menschen. Sie war eine liturgische Demonstration. Ein sakraler Kommentar zum Zeitgeist. Ein „Seht, wir können uns noch steigern!“ Das Problem ist: Je stärker die Kirche versucht, gesellschaftlicher Vorreiter zu sein, desto mehr verliert sie ihre Wurzeln. Anstatt Halt zu geben, will sie gefallen. Anstatt Orientierung zu bieten, spiegelt sie Stimmungen. Anstatt etwas Ewiges zu vertreten, hängt sie Plakate auf, die aussehen wie Ergebnisse von Projektwochen am Gymnasium.
Es ist die Logik der Dauerperformanz: Man muss stets ein Stück radikaler, weiter, mutiger voranschreiten, denn sonst könnte irgendjemand behaupten, man sei „nicht progressiv genug“. Theologische Traditionen, die einst über Jahrhunderte reiften, werden dabei behandelt wie alte Prospekte im Gemeindebüro: „Kann weg, wir machen das jetzt anders.“
Dabei sehnt sich die Gesellschaft – erstaunlich deutlich – gerade heute nach etwas anderem: Nach Verlässlichkeit. Nach Orientierung. Nach Ritualen, die gerade deshalb Halt geben, weil sie nicht jeden zweiten Monat neu interpretiert werden. Doch insbesondere die Evangelische Kirche verwechselt diese Sehnsucht mit reaktionärem Verhalten. Und glaubt, alles, was nach Beständigkeit klingt, müsse unbedingt revidiert werden – im Zweifel durch eine Kommissionsrunde „Zukunft der Liturgie“ mit 17 Workshops und einem „Awareness-Konzept“.
Wir sind die besseren Christen
Es ist dieser moralische Hochton, der so anstrengend ist. Nicht der Segen für diese vier Menschen. Nicht einmal die Frage, ob das Eheversprechen noch irgendetwas von Exklusivität enthält. Sondern die Gewissheit, mit der von der Kanzel herab verkündet wird: Das ist jetzt die einzig wahre Fortschrittsrichtung. Widerspruch? Skepsis? Theologische Debatte? Ach bitte. Wer heute im Kirchenvorstand einen Gedanken äußert, der nicht nach progressiver Selbstüberbietung klingt, kann sich schon mal auf das freundlich-patronisierende „Wir müssen da pastoral drüber reden“ gefasst machen, was in der Praxis heißt: Du hast Unrecht, aber wir sagen’s nicht direkt.
Und so steht die Evangelische Kirche nun da wie ein hyperaktiver Kulturverein, der krampfhaft beweist, dass er noch „mitten im Leben“ steht. Dabei merkt jeder: Je lauter die Kirche ruft, dass sie relevant ist, desto weniger hallt es im Kirchenschiff. Die Ironie liegt auf der Hand: Während die Menschen sich nach Orientierung sehnen, nach Ritualen, nach Bindung und Verlässlichkeit, erklärt die Kirche, Bindung sei ab jetzt optional und Verlässlichkeit eine Frage des Gefühlsmanagements. Kurz gesagt: Man möchte modern sein und hat dabei vergessen, wozu man überhaupt da ist.
Aber vielleicht, ganz vielleicht, kommt irgendwann der Moment, in dem die Kirche sich daran erinnert, dass sie nicht jeden gesellschaftlichen Trend seelsorgerlich zertifizieren muss. Bei den Katholiken, vor allem jenen in Deutschland, gibt es ab und an ähnliche Neo-Protestantismen. Allerdings zertifiziert die Zentrale in Rom diese Irrwege nicht und hat bislang nicht dem Katechismus entsprechende Akte verworfen. Häresie schwingt wieder mit, wenn es in der Katholischen Kirche um das Land Martin Luthers geht.
Und die Mitglieder?
Die verabschieden sich leise, aber stetig ausgerechnet in den Momenten, in denen sie Orientierung erhofften. Denn wer nur das bestätigt, was sowieso schon Trend ist, braucht keine Kirche. Dafür reicht eine Kommentarspalte in der taz oder ein Stuhlkreis im Kulturzentrum. Die Tragik liegt darin: Die Kirche will gesehen werden und wird deshalb immer unsichtbarer. Sie will modern wirken und wirkt deshalb austauschbar. Sie will politisch sein und verliert dabei das Spirituelle.
Vielleicht kommt irgendwann der Moment, in dem sie innehält. Und erkennt, dass man Menschen nicht erreicht, indem man ihre Lebensmodelle liturgisch nachbildet, sondern indem man ihnen etwas anbietet, das sie nirgendwo sonst bekommen: Halt. Tiefe. Trost. Und ein Evangelium, das nicht täglich die Richtung wechselt. Bis dahin: alle Fragen offen.