Nach zwei Jahren Krieg ist die Umwelt im Gazastreifen schwer geschädigt. Wissenschaftler und Naturschützer werfen Israel gezielte Angriffe gegen die Umwelt vor, Juristen streiten, ob Anklage erhoben werden sollte
Zwar schweigen die Waffen im Gazastreifen – mehr oder weniger. Für die Menschen vor Ort tobt der tägliche Kampf ums Überleben aber weiter. Mohammed Yassin lebt mit seiner Familie in Gaza-Stadt. Selbst Grundbedürfnisse zu erfüllen, sei eine tägliche Herausforderung, sagt der 32-Jährige dem Freitag in einem Video-Call: „Sauberes Trinkwasser zu bekommen, ist fast unmöglich, das verfügbare Brunnenwasser schmeckt unangenehm und hat bei Tausenden von Menschen bakterielle Infektionen und Magen-Darm-Entzündungen verursacht.“ Er selbst habe sich auf diesem Weg angesteckt und war drei Wochen im Krankenhaus. „Nicht einmal dort gab es sauberes Trinkwasser, es fehlen Hygiene-, Entsalzungs- und Sterilisationsanlagen.“
Zwei Jahre dauerte der Krieg zwischen Israel und der Hamas, auch die Luft in Gaza ist infolge der Gefechte verschmutzt. Besonders schlimm sei es unmittelbar nach dem Einsatz von weißem Phosphor gewesen, sagt Yassin. Die Organisation Human Rights Watch hat den Einsatz von weißem Phosphor durch das israelische Militär im Oktober 2023 nach eigenen Angaben auf Basis von Videoaufnahmen verifiziert. Die NGO ist seit 1978 aktiv und wurde 2008 für ihre Arbeit mit dem Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen ausgezeichnet.
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Setzte das israelische Militär wirklich diese Substanz ein, die zu schweren Verbrennungen führt? Eine Anfrage des Freitag dazu blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Für Mohammed Yassin steht der Einsatz fest: „Wir mussten Masken tragen und uns feuchte Tücher über die Nase halten, um die Schäden so gering wie möglich zu halten.“ Vor dem Krieg sei die Umgebung von Gaza-Stadt grün und üppig gewesen, die Gegend war für ihre Landwirtschaft bekannt. Auch davon sei nun nichts mehr übrig, vielmehr, sagt Mohammed Yassin, erinnere das ehemals fruchtbare Ackerland an eine karge Wüste.
„Strukturelle Gewalt“ durch Israel
Solche Zustände stuft der Kriminologe Rob White als Ökozid ein. White ist emeritierter Professor an der australischen Universität von Tasmanien, der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf dem Umweltrecht. „Ökozid beschreibt im Grunde großflächige und schwerwiegende Umweltzerstörung“, erklärt Rob White. „Es handelt sich um eine Form struktureller Gewalt, die die Zerstörung der grundlegenden Lebensgrundlagen beinhaltet. Dadurch werden Lebensräume für alle darin lebenden Organismen unbewohnbar.“ Laut White ist die aktuelle Situation in Gaza kein isoliertes Ereignis, sondern die Eskalation eines langjährigen Prozesses der Degradierung palästinensischer Gebiete.
Erdrückende Beweise für die Umweltzerstörung in Gaza liefern auch internationale Gremien. Das Umweltprogramm der UN (UNEP) schätzt das Trümmeraufkommen bis September 2025 auf rund 61 Millionen Tonnen. „Die Trümmersituation in Gaza ist in vielerlei Hinsicht beispiellos“, heißt es in einem Bericht zur Situation in Gaza vom Mai 2024. Der Schutt sei hochgradig mit Blindgängern, Chemikalien und Asbest belastet. Zudem führt der Zusammenbruch der Infrastruktur dazu, dass ungeklärtes Abwasser ungehindert in den Boden und ins Mittelmeer fließt, was die marinen Ökosysteme langfristig schädigt.
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UNOPS ist das „Büro für Projektdienste“ der Vereinten Nationen, sein Leiter Jorge Moreira da Silva machte sich Mitte Januar ein Bild von der Lage im Gazastreifen, um erste Schritte des Wiederaufbaus einzuleiten. Der Portugiese bezifferte den Schuttberg auf „mehr als 60 Millionen Tonnen“ – statistisch also 30 Tonnen pro Einwohner. Es werde voraussichtlich mehr als sieben Jahre dauern, die Trümmer zu beseitigen, erklärte Moreira da Silva.
Von einem Ökozid spricht das Umweltprogramm der UNO in seinen Berichten nicht. Ein Sprecher der Organisation teilt auf Nachfrage dazu mit: „Obwohl der Begriff Ökozid in der internationalen Rechtsdebatte an Bedeutung gewonnen hat, existiert noch keine allgemein anerkannte Definition, die im Römischen Statut oder von einem UN-Gremium formell anerkannt ist. UN-Organisationen, einschließlich des UNEP, sprechen von ‚Verbrechen, die die Umwelt betreffen‘.“ Er weist außerdem darauf hin, dass es ausschließlich den Gerichten obliege, ein Verhalten als Straftat einzustufen.
Dagegen stützen die Untersuchungen von Forensic Architecture die These eines Ökozids in Gaza. Forensic Architecture ist eine multidisziplinäre Forschungsgruppe am Goldsmiths College der Universität London, die Techniken und Technologien der Architektur einsetzt, um Fälle von staatlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzungen weltweit zu untersuchen. Die Gruppe ist seit 2010 aktiv und hat unter anderem Daten zu den andauernden Auswirkungen der Kolonialisierung Namibias durch die Deutschen gesammelt. Den Ökozid in Gaza dokumentiert Forensic Architecture seit 2014. Damals begann das israelische Militär nach Einschätzung der Wissenschaftler:innen, auf gerodeten landwirtschaftlichen Flächen und in ehemaligen Wohngebieten entlang der Ostgrenze des Gazastreifens pflanzenvernichtende Herbizide zu versprühen. Nicht nur entlang der Grenze wurde dadurch ehemals fruchtbares Land zerstört. Die Pestizide wirkten bis zu mehrere hundert Meter in den Küstenstreifen hinein und zerstörten so die Existenzgrundlage vieler Landwirte.
Fast die Hälfte der Gewächshäuser zerstört
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Seit Oktober 2023 dokumentiert Forensic Architecture die Zerstörung im Gazastreifen unter anderem mithilfe von Satellitenbildern, Geolokalisierung, Musteranalyse und „Data Mining“. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 30. Juni 2024 wurden den Forscher:innen zufolge 83 Prozent der Pflanzenwelt in Gaza zerstört. Die Forschenden haben das mithilfe des Normalized Difference Vegetation Index (NDVI) erfasst. Der NDVI wird mittels Satellitendaten erstellt, indem die Absorption von rotem Licht durch Chlorophyll mit der Reflexion von nahinfrarotem (NIR) Licht durch Zellstruktur verglichen wird. Darüber hinaus wurden 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen zerstört. Forensic Architecture hat außerdem die Zerstörung von Gewächshäusern in Gaza dokumentiert. Dafür wurde mithilfe von Satellitendaten aus dem Sommer 2023 der Bestand von 8.339 Gewächshaus-Strukturen erfasst. Als Gewächshaus wurden dabei alle Gebäude identifiziert, die über einen rechteckigen Umfang, ein durchgehendes Dach mit Kunststofffolie und eine parallele Gitterstruktur verfügen. Verifiziert wurden die lokalisierten Gewächshäuser mithilfe von Fotografien. Seit Oktober 2023 wurden 3.700 dieser Gewächshäuser zerstört oder beschädigt – 45 Prozent des Bestands.
Ähnlich sieht es beim Thema Wasser aus: Mehr als 47 Prozent der Grundwasserbrunnen und 65 Prozent der Wassertanks wurden zerstört. Forensic Architecture hat außerdem dokumentiert, dass die Zerstörung von landwirtschaftlich genutztem Land in Gaza einem sich wiederholenden Muster folgt. Für die Einwohner Gazas ist das existenzbedrohend, denn schon vor dem Terrorangriff der Hamas und dem Gaza-Krieg waren sie zum Überleben auf Hilfslieferungen mit Lebensmitteln aus dem Ausland angewiesen.
Auch das „Palestinian Environmental NGOs Network“ (PENGON) spricht von einem Ökozid, der jüngst im Gazastreifen stattgefunden hat. PENGON koordiniert die Arbeit der verschiedenen Umwelt-NGOs in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Organisation erhält unter anderem Fördergelder von der EU. Im Oktober 2024 hat PENGON in Zusammenarbeit mit der Universität Newcastle einen Bericht veröffentlicht. „Die Grundvoraussetzungen für ein Leben in Gaza – Unterkunft, Wasser, Nahrung, gesunde Umwelt – sind nicht mehr für die gesamte Bevölkerung zugänglich“, heißt es darin. Ökozid sei eng mit dem Begriff des Genozids verbunden, erklärt Rob White: „Beide Begriffe bezeichnen systematische Versuche, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu vernichten und zu erniedrigen, und sind ein integraler Bestandteil des Kolonisierungsprozesses im besetzten Palästina.“
Dass Israel explizit für die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in Gaza angeklagt wird, ist unwahrscheinlich. Ökozid ist bisher nämlich kein anerkannter, internationaler Straftatbestand. Die Stiftung „Stop Ecocide International“ kämpft aber dafür, dass sich das ändert und Ökozid als eigenständiges Verbrechen ins Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs aufgenommen wird. Das Römische Statut bildet die vertragliche Grundlage des Internationalen Strafgerichtshofs. Derzeit umfasst es vier Straftatbestände: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen der Aggression.
Erste Erfolge im internationalen Recht
Mit der Aufnahme des Ökozids ins Römische Statut will die Stiftung eine durchsetzbare Rechenschaftspflicht für schwere und langfristige Umweltschäden erreichen. Dafür hat sie eine rechtliche Ökozid-Definition erarbeitet, betreibt Vernetzungs- und Aufklärungsarbeit. Erste Erfolge konnte Stop Ecocide International bereits erzielen: Anfang Dezember hat die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs IStGH eine umfangreiche Richtlinie zum Umgang mit ökologischen Schäden veröffentlicht. Darin legt das Den Haager Tribunal detailliert dar, wie schwere Umweltschäden bestimmte Straftaten begründen können, die gemäß dem Römischen Statut in die Zuständigkeit des IStGH fallen. Zum Straftatbestand des Genozids heißt es zum Beispiel: „Solange die erforderliche Absicht besteht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören, kann Völkermord durch Umweltschäden oder durch Handlungen, die Umweltschäden verursachen, begangen werden.“
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Für Stop Ecocide International ist mit der Veröffentlichung der Richtlinie ein wichtiges Etappenziel erreicht: „Diese systematische Analyse ist neu und schafft einen klaren rechtlichen Weg, um verschiedene Arten großflächiger ökologischer Zerstörung im Rahmen des bestehenden Völkerstrafrechts zu ahnden.“
Aber selbst wenn Israel für die Zerstörung der Lebensgrundlagen in Gaza oder gar wegen Ökozids angeklagt wird, verbessert das die Situation für die Menschen im Gazastreifen nicht. Denn das fruchtbare Land bleibt für sehr lange Zeit kontaminiert. Mohammed Yassin zeigt im Video seine Aussicht: Er ist umgeben von Trümmerbergen, dazwischen spielen Kinder im Dreck. „Siehst du das?“, fragt er und zeigt auf ein eingestürztes Gebäude, „dort drüben liegen meine Nachbarn verschüttet.“ Yassin hat daher vor allem einen Wunsch: „Dass die Welt uns als Menschen sieht, uns mit Freundlichkeit behandelt und uns den Härten dieses Krieges nicht allein überlässt.“
e Waffen im Gazastreifen – mehr oder weniger. Für die Menschen vor Ort tobt der tägliche Kampf ums Überleben aber weiter. Mohammed Yassin lebt mit seiner Familie in Gaza-Stadt. Selbst Grundbedürfnisse zu erfüllen, sei eine tägliche Herausforderung, sagt der 32-Jährige dem Freitag in einem Video-Call: „Sauberes Trinkwasser zu bekommen, ist fast unmöglich, das verfügbare Brunnenwasser schmeckt unangenehm und hat bei Tausenden von Menschen bakterielle Infektionen und Magen-Darm-Entzündungen verursacht.“ Er selbst habe sich auf diesem Weg angesteckt und war drei Wochen im Krankenhaus. „Nicht einmal dort gab es sauberes Trinkwasser, es fehlen Hygiene-, Entsalzungs- und Sterilisationsanlagen.XX-replace-me-XXX8220;Zwei Jahre dauerte der Krieg zwischen Israel und der Hamas, auch die Luft in Gaza ist infolge der Gefechte verschmutzt. Besonders schlimm sei es unmittelbar nach dem Einsatz von weißem Phosphor gewesen, sagt Yassin. Die Organisation Human Rights Watch hat den Einsatz von weißem Phosphor durch das israelische Militär im Oktober 2023 nach eigenen Angaben auf Basis von Videoaufnahmen verifiziert. Die NGO ist seit 1978 aktiv und wurde 2008 für ihre Arbeit mit dem Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen ausgezeichnet.Placeholder image-3Setzte das israelische Militär wirklich diese Substanz ein, die zu schweren Verbrennungen führt? Eine Anfrage des Freitag dazu blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Für Mohammed Yassin steht der Einsatz fest: „Wir mussten Masken tragen und uns feuchte Tücher über die Nase halten, um die Schäden so gering wie möglich zu halten.“ Vor dem Krieg sei die Umgebung von Gaza-Stadt grün und üppig gewesen, die Gegend war für ihre Landwirtschaft bekannt. Auch davon sei nun nichts mehr übrig, vielmehr, sagt Mohammed Yassin, erinnere das ehemals fruchtbare Ackerland an eine karge Wüste.„Strukturelle Gewalt“ durch IsraelSolche Zustände stuft der Kriminologe Rob White als Ökozid ein. White ist emeritierter Professor an der australischen Universität von Tasmanien, der Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf dem Umweltrecht. „Ökozid beschreibt im Grunde großflächige und schwerwiegende Umweltzerstörung“, erklärt Rob White. „Es handelt sich um eine Form struktureller Gewalt, die die Zerstörung der grundlegenden Lebensgrundlagen beinhaltet. Dadurch werden Lebensräume für alle darin lebenden Organismen unbewohnbar.“ Laut White ist die aktuelle Situation in Gaza kein isoliertes Ereignis, sondern die Eskalation eines langjährigen Prozesses der Degradierung palästinensischer Gebiete.Erdrückende Beweise für die Umweltzerstörung in Gaza liefern auch internationale Gremien. Das Umweltprogramm der UN (UNEP) schätzt das Trümmeraufkommen bis September 2025 auf rund 61 Millionen Tonnen. „Die Trümmersituation in Gaza ist in vielerlei Hinsicht beispiellos“, heißt es in einem Bericht zur Situation in Gaza vom Mai 2024. Der Schutt sei hochgradig mit Blindgängern, Chemikalien und Asbest belastet. Zudem führt der Zusammenbruch der Infrastruktur dazu, dass ungeklärtes Abwasser ungehindert in den Boden und ins Mittelmeer fließt, was die marinen Ökosysteme langfristig schädigt.Placeholder image-4UNOPS ist das „Büro für Projektdienste“ der Vereinten Nationen, sein Leiter Jorge Moreira da Silva machte sich Mitte Januar ein Bild von der Lage im Gazastreifen, um erste Schritte des Wiederaufbaus einzuleiten. Der Portugiese bezifferte den Schuttberg auf „mehr als 60 Millionen Tonnen“ – statistisch also 30 Tonnen pro Einwohner. Es werde voraussichtlich mehr als sieben Jahre dauern, die Trümmer zu beseitigen, erklärte Moreira da Silva.Von einem Ökozid spricht das Umweltprogramm der UNO in seinen Berichten nicht. Ein Sprecher der Organisation teilt auf Nachfrage dazu mit: „Obwohl der Begriff Ökozid in der internationalen Rechtsdebatte an Bedeutung gewonnen hat, existiert noch keine allgemein anerkannte Definition, die im Römischen Statut oder von einem UN-Gremium formell anerkannt ist. UN-Organisationen, einschließlich des UNEP, sprechen von ‚Verbrechen, die die Umwelt betreffen‘.“ Er weist außerdem darauf hin, dass es ausschließlich den Gerichten obliege, ein Verhalten als Straftat einzustufen.Dagegen stützen die Untersuchungen von Forensic Architecture die These eines Ökozids in Gaza. Forensic Architecture ist eine multidisziplinäre Forschungsgruppe am Goldsmiths College der Universität London, die Techniken und Technologien der Architektur einsetzt, um Fälle von staatlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzungen weltweit zu untersuchen. Die Gruppe ist seit 2010 aktiv und hat unter anderem Daten zu den andauernden Auswirkungen der Kolonialisierung Namibias durch die Deutschen gesammelt. Den Ökozid in Gaza dokumentiert Forensic Architecture seit 2014. Damals begann das israelische Militär nach Einschätzung der Wissenschaftler:innen, auf gerodeten landwirtschaftlichen Flächen und in ehemaligen Wohngebieten entlang der Ostgrenze des Gazastreifens pflanzenvernichtende Herbizide zu versprühen. Nicht nur entlang der Grenze wurde dadurch ehemals fruchtbares Land zerstört. Die Pestizide wirkten bis zu mehrere hundert Meter in den Küstenstreifen hinein und zerstörten so die Existenzgrundlage vieler Landwirte.Fast die Hälfte der Gewächshäuser zerstörtPlaceholder image-2Seit Oktober 2023 dokumentiert Forensic Architecture die Zerstörung im Gazastreifen unter anderem mithilfe von Satellitenbildern, Geolokalisierung, Musteranalyse und „Data Mining“. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 30. Juni 2024 wurden den Forscher:innen zufolge 83 Prozent der Pflanzenwelt in Gaza zerstört. Die Forschenden haben das mithilfe des Normalized Difference Vegetation Index (NDVI) erfasst. Der NDVI wird mittels Satellitendaten erstellt, indem die Absorption von rotem Licht durch Chlorophyll mit der Reflexion von nahinfrarotem (NIR) Licht durch Zellstruktur verglichen wird. Darüber hinaus wurden 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen zerstört. Forensic Architecture hat außerdem die Zerstörung von Gewächshäusern in Gaza dokumentiert. Dafür wurde mithilfe von Satellitendaten aus dem Sommer 2023 der Bestand von 8.339 Gewächshaus-Strukturen erfasst. Als Gewächshaus wurden dabei alle Gebäude identifiziert, die über einen rechteckigen Umfang, ein durchgehendes Dach mit Kunststofffolie und eine parallele Gitterstruktur verfügen. Verifiziert wurden die lokalisierten Gewächshäuser mithilfe von Fotografien. Seit Oktober 2023 wurden 3.700 dieser Gewächshäuser zerstört oder beschädigt – 45 Prozent des Bestands.Ähnlich sieht es beim Thema Wasser aus: Mehr als 47 Prozent der Grundwasserbrunnen und 65 Prozent der Wassertanks wurden zerstört. Forensic Architecture hat außerdem dokumentiert, dass die Zerstörung von landwirtschaftlich genutztem Land in Gaza einem sich wiederholenden Muster folgt. Für die Einwohner Gazas ist das existenzbedrohend, denn schon vor dem Terrorangriff der Hamas und dem Gaza-Krieg waren sie zum Überleben auf Hilfslieferungen mit Lebensmitteln aus dem Ausland angewiesen.Auch das „Palestinian Environmental NGOs Network“ (PENGON) spricht von einem Ökozid, der jüngst im Gazastreifen stattgefunden hat. PENGON koordiniert die Arbeit der verschiedenen Umwelt-NGOs in den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Organisation erhält unter anderem Fördergelder von der EU. Im Oktober 2024 hat PENGON in Zusammenarbeit mit der Universität Newcastle einen Bericht veröffentlicht. „Die Grundvoraussetzungen für ein Leben in Gaza – Unterkunft, Wasser, Nahrung, gesunde Umwelt – sind nicht mehr für die gesamte Bevölkerung zugänglich“, heißt es darin. Ökozid sei eng mit dem Begriff des Genozids verbunden, erklärt Rob White: „Beide Begriffe bezeichnen systematische Versuche, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu vernichten und zu erniedrigen, und sind ein integraler Bestandteil des Kolonisierungsprozesses im besetzten Palästina.“Dass Israel explizit für die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen in Gaza angeklagt wird, ist unwahrscheinlich. Ökozid ist bisher nämlich kein anerkannter, internationaler Straftatbestand. Die Stiftung „Stop Ecocide International“ kämpft aber dafür, dass sich das ändert und Ökozid als eigenständiges Verbrechen ins Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs aufgenommen wird. Das Römische Statut bildet die vertragliche Grundlage des Internationalen Strafgerichtshofs. Derzeit umfasst es vier Straftatbestände: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen der Aggression.Erste Erfolge im internationalen RechtMit der Aufnahme des Ökozids ins Römische Statut will die Stiftung eine durchsetzbare Rechenschaftspflicht für schwere und langfristige Umweltschäden erreichen. Dafür hat sie eine rechtliche Ökozid-Definition erarbeitet, betreibt Vernetzungs- und Aufklärungsarbeit. Erste Erfolge konnte Stop Ecocide International bereits erzielen: Anfang Dezember hat die Anklagebehörde des Internationalen Strafgerichtshofs IStGH eine umfangreiche Richtlinie zum Umgang mit ökologischen Schäden veröffentlicht. Darin legt das Den Haager Tribunal detailliert dar, wie schwere Umweltschäden bestimmte Straftaten begründen können, die gemäß dem Römischen Statut in die Zuständigkeit des IStGH fallen. Zum Straftatbestand des Genozids heißt es zum Beispiel: „Solange die erforderliche Absicht besteht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören, kann Völkermord durch Umweltschäden oder durch Handlungen, die Umweltschäden verursachen, begangen werden.“Placeholder image-1Für Stop Ecocide International ist mit der Veröffentlichung der Richtlinie ein wichtiges Etappenziel erreicht: „Diese systematische Analyse ist neu und schafft einen klaren rechtlichen Weg, um verschiedene Arten großflächiger ökologischer Zerstörung im Rahmen des bestehenden Völkerstrafrechts zu ahnden.“Aber selbst wenn Israel für die Zerstörung der Lebensgrundlagen in Gaza oder gar wegen Ökozids angeklagt wird, verbessert das die Situation für die Menschen im Gazastreifen nicht. Denn das fruchtbare Land bleibt für sehr lange Zeit kontaminiert. Mohammed Yassin zeigt im Video seine Aussicht: Er ist umgeben von Trümmerbergen, dazwischen spielen Kinder im Dreck. „Siehst du das?“, fragt er und zeigt auf ein eingestürztes Gebäude, „dort drüben liegen meine Nachbarn verschüttet.“ Yassin hat daher vor allem einen Wunsch: „Dass die Welt uns als Menschen sieht, uns mit Freundlichkeit behandelt und uns den Härten dieses Krieges nicht allein überlässt.“