„It is a truth universally acknowledge, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Es ist eine universelle Konstante, dass ein unverheirateter und wohlhabender Mann auf der Suche nach einer Frau sein muss.
Das ist einer, wenn nicht der berühmteste Anfang eines Buches, hier der Novelle „Pride and Prejudice“ von Jane Austen, die 1813 veröffentlicht wurde. Und es geht weiter:
„However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.“
Wie wenig auch über Gefühle oder Ansichten eines solchen Mannes bekannt sein möge, wenn er erstmals eine Nachbarschaft betritt, diese Wahrheit ist so in den Köpfen der darin angesiedelten Familien verhaftet, dass er als rechtmäßiges Eigentum der einen oder anderen ihrer Töchter angesehen wird.
Ich kenne keinen anderen Autoren, der es wie Jane Austen geschafft hat, bereits auf den wenigen Zeilen eines Buchanfangs die an Sarkasmus heranreichende Ironie, die ihn auszeichnet, derart gekonnt auf den Punkt zu bringen: Ironie und eine scharfe Beobachtungsgabe, im Hinblick auf den Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, die vielen kleinen Rituale, die Gewohnheiten und Traditionen, die oft genug auf der Vorderbühne mit der Maske der Täuschung ausgeführt und von gar nicht edlen, in aller Regel opportunistischen Motiven, die sich auf der Hinterbühne finden, getrieben werden, sind das Markenzeichen von Austen.
„No one who had ever seen Catherine Morland in her infancy would have supposed her born to be a heroine. Her situation in life, the character of her father and mother, her own person and disposition, were all equally against her.“
Niemand, der Catherine Morland seit ihrer Kindheit kennt, käme auf die Idee, sie wäre zur Heldin geboren. Ihre Lebenssituation, der Charakter ihres Vaters und ihrer Mutter, sie selbst und ihre Disposition, das alles sprach gleichermaßen gegen sie.
Ein weiterer großartiger Auftakt zu einem Feuerwerk an Ironie, vertrieben im Cover von Northanger Abbey, der vielleicht bissigsten Geschichte, die Jane Austen geschrieben hat. Eine Geschichte voller Habenichtse auf der Suche nach dem reichen Heiratspartner. Eine Geschichte der Missverständnisse, falschen Annahmen und vor allem der Täuschung, der guten Miene, mit der der auf Pump lebende Habenichts in der Gesellschaft von Bath versucht, einen guten Match zu machen, eine Tochter oder einen Sohn aus reicher Familie zu ergattern.
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Northanger Abbey ist das Gegenstück zu Persuasion. Die Geschichte von Anne Elliot, die ihre erste Liebe, Frederick Wentworth zunächst abweisen muss, weil der arme Schlucker ihrer Familie, deren Oberhaupt „Sir Walter Elliot of Kellynch Hall“, ein Wastrel und eitler Pfau ist, der mit dem Geld, das er sich leiht, den Glanz vergangener Tage gaukelt, zu arm ist. Wentworth geht zur See, wird Kapitän und als solcher reich, kehrt zurück, versöhnt sich mit Anne und heirat die Tochter von Elliot, die zwischenzeitlich zum Zielobjekt eines verarmten Nebensprosses der Familie geworden ist, der wiederum dem Irrtum aufsitzt „Sir Walter“ sei im Besitz ausreichenden Kapitals.
„Sir Walter Elliot, of Kellynch Hall, in Sommersetshire, was a man who for his own amusement never took up any book but the Baronetage, there he found occupation for the idle hour, and consolation in a distressed one, there his faculties were roused into admiration and respect, by contemplating the limited remnant of the earliest patents, there any unwelcome sensations, arising from domestic affairs, changed naturally into pity and contempt as he turned over the almost endless creations of the last century; and there, if every other leaf were powerless, he could read his own history with an interest which never failed. This was the page at which the favorite volume always opened: Elliot of Kellynch Hall, Walter Elliot, born March 1, 1760 …“
Das kürzeste Psychogramm in der Literaturgeschichte, die Beschreibung eines Narzissten, der sich an sich selbst berauscht und in der Vergangenheit lebt, der sich der veränderten Welt der Gegenwart entzieht, weil er so umfassend erfolglos und fehl am Platze in ihr ist.
Jane Austen ist ein Meister der Soziologie, mit Charles Dickens wohl der beste Beobachter der britischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, des moralischen Bodens dieser Gesellschaft. Und die Themen, die Austen interessieren, sie kreisen um die Frage, ob es besser ist, zu heiraten, um versorgt zu sein oder Heirat auf Basis von Liebe ein „Muss“, ob gesellschaftliche Schichten durchlässig, sozialer Aufstieg möglich und vor allem: sinnvoll sein soll und vor allem, wie die in der Oberen Gesellschaft Versammelten versuchen, den Anschein eigener Wichtigkeit in einer sich änderenden Welt, in der viele von ihnen jeden Tag ein Stück unwichtiger werden, aufrecht zu erhalten.
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Viele dieser Fragen beginnen bei Austen selbst. Die Tochter des Reverend George Austen, wurde am 16. Dezember 1775 in Steventon geboren. Ihr Geburtstag hat sich gerade zum 250. Mal gejährt. 1801 zieht die Familie nach Bath. Austens Vater hat seinen Job an den Nagel gehängt und lebt nun als Rentier, bis er 1805 stirbt und eine Famlie in finanzieller Not zurücklässt.
Den fünf Bennett-Töchtern in Pride and Prejudice, deren House „Longborne“ „entailed away“ ist, dem nächsten männlichen Sproß in der Famlie, dem pompösen Sykophanten Mr. Collins (unvergessen in der Facette, die ihm David Bamber verliehen hat), zufällt, droht ein ähnliches Schicksal, wenn es ihnen nicht gelingt, einen reichen Mann auf dem Heiratsmarkt, der in Herfordshire so eng ist, dass sich die Mütter wie Hyänen auf Neuankömmlinge stürzen, an Land zu ziehen. Ein Thema, um das sich Pride and Prejudice dreht: Was ist wichtiger, die Pflicht gegenüber der eigenen Familie oder die Heirat aus Liebe?
Die Lösung die Austen ihrer Novelle gegeben hat, dürfte weithin bekannt sein: Sieg für die Liebe, die sich die Protagonisten indes VERDIENEN müssen, auf fast der ganzen Linie, mit der Zugabe von Pemberley. Eine Lösung, die Austen auch für sich vorgezogen hat. 1802 macht ihr Harris Bigg-Wither (1781–1833), der Erbe von Manydown Park in Hampshire und vielleicht das Vorbild für James Rushworth in Mansfield Park, ein Heiratsangebot, das Austen erst annimmt. Eine schlaflose Nacht reicht, die Zusage zurückzuziehen und das Angebot, wegen fehlender affektiver Zuneigung, abzulehnen.
Da ist es wieder, das Thema, das Jane Austen beschäftigt hat: Liebe oder Verantwortung gegenüber der eigenen Famlien. Ein Thema, das in Mansfield Park eine interessante Wendung erhält. Nicht nur, weil die Protaginistin in Mansfield Park, Fanny Price, nach langem Anlauf am Ende den von Mary Crawford und ihren modernen Ansichten über die Rolle und Verantwortung von verheirateten und unverheirateten Frauen und Männern, enttäuschten Liebhaber, Cousin Edmund, an Land ziehen kann, sondern auch deswegen, weil die Ehebrecher Henry Crawford und Maria Bertram die heile Welt von Sir Thomas Bertram unwiderbringlich zerstören. Das Moderne zerstört das Althergebrachte.
Für Austen eine Vorstellung, die ihr zuwider ist, wie demjenigen, der Emma gelesen hat, schnell anhand der Katastrophe, die Emma mit ihrem Versuch anrichtet, eine Angehörige der unteren Klasse (Harriet Smith, schon der Name ist gewöhnlich) aus derselben in die eigene zu holen und als Heiratspartner für Reverend Philip Elton zu installieren, der wiederum, in der irrigen Annahme, die Aufmerksamkeit, die ihm widerfährt, könne nur der Tatsache geschuldet sein, dass Emma ihn als Heiratspartner für sich selbst ins Auge gefasst hat, weil er sich nicht im Traum vorstellen kann, sozial unter sich zu heiraten, seine entsprechenden Illusionen in sein eigenes Fiasko führt.
Jede einzelne der Novellen, die Austen geschrieben hat, dreht sich mehr oder weniger um die sozialen Veränderungen, denen sich soziale Klassen ausgesetzt sehen, die Notwendigkeit der Gentry, sich zu diesen Veränderungen zu stellen und eingebettet darin die Probleme, die denen daraus erwachsen, die auf dem Heiratsmarkt nach einer Versorgung für die Zukunft und nach Liebe Ausschau halten.
Das ist natürlich komplex.
Und alles, was komplex ist, ist denen, die einfache Wahrheiten suchen, denen, die ismen aller Art anhängen oder ismen aller Art als Waffe ins Feld führen, ein Dorn im Auge. Entsprechend findet sich die folgende Passage zu Jane Austen in einem Beitrag bei der ARD-tagesschau, einem Beitrag, dessen Sinn sich mir bislang nicht erschlossen hat:
„Dabei hat Jane Austen die Welt der englischen Oberschicht in ihren Romanen aufs Korn genommen. Sie hätte vielleicht sogar gerne selbst mit den Verkleideten getauscht – für eine Zukunft, in der Frauen so viel mehr Freiheiten haben. Denn ihre Unterdrückung, die Einengung durch die Ehe, waren zentrale Themen ihrer Bücher.
[…]
Geboren am 16. Dezember 1775 im südenglischen Dorf Steventon, wo ihr Vater Pfarrer war, merkte Austen schnell, dass sie gerne las und mit Sprache spielte. So gerne, dass sie mit den damaligen Normen brach und Ehe sowie die damit verbundene finanzielle Sicherheit ablehnte.
Lieber konzentrierte sie sich aufs Schreiben. Der Umzug nach Bath im Jahr 1801, damals eine blühende Kurstadt und Hotspot für die Oberschicht, bot ausreichend Themen. 1811 erschien Austens erstes Werk „Sinn und Sinnlichkeit [Sense and Sensibility – übersetzt: Vernunft und Sensibilität – ab 1809 lebte Austen in Chawton, Hampshire – alle ihre Novellen wurden in Chawton verfasst] – allerdings anonym, nur mit der Angabe „published by a lady“.“
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Derart Dünngeistiges hätte Jane Austen vermutlich amüsiert, vielleicht auch verärgert – vor allem im Hinblick auf die Normen, mit denen sie angeblich gebrochen hat, mit Ehenormen. Nach der kurzen Einführung in das Werk von Jane Austen, die wir oben gegeben haben, dürfte klar sein, dass Jane Austen keine Kämpferin für das ehelose Dasein, die unverheiratete Kohabitation gewesen ist. Die moralische Ablehnung, die sie Henry Crawford und Mary Bertram zuteil werden lässt, die unverheiratet zusammenleben, macht dies insbesondere deutlich. Davon abgesehen sprechen alle Bücher von Austen dafür, dass sie derart primitive Sichtweisen auf die Welt zwar sehr gut gekannt hat, aber es genau diese Sichtweisen waren, über die sie sich in ihren Büchern gekonnt lustig gemacht hat.
Insofern wäre Franziska Hoppen, die sich für die ARD-tagesschau diesen Mist aus den Fingern saugen musste, sicher unter denen zu finden, die Austen mit der ihr eigenen Ironie in die engen Schranken von deren Geist verweist. Vermutlich ist die Vorstellung für Leute, die sich mit einfachen Dichotomien durch die Welt zu schlagen versuchen, zu kompliziert, die Vorstellung, dass Austen die Unabhängigkeit und die Freiheit, die ihr ein gut betuchter Bruder finanziell ermöglicht hat, genutzt hat, um ihre Tage mit dem zu füllen, was sie gerne tut und ansonsten der Dinge zu harren, die da kommen. Die wenigsten von uns, die nicht ideologisch verblödet sind, wissen bei heutigen Entscheidungen, welche Auswirkungen diese Entscheidungen in der Zukunft haben werden. Dass nach Bigg-Wither kein weiterer Heiratspartner im kleinen Dorf Chawton in Hampshire aufgetaucht ist, in dem Austen von 1809 bis unmittelbar vor ihrem Tod in Winchester am 18. Juli 1817 gelebt hat, war vermutlich nicht vorherzusehen.
Und so teilt Austen das Schicksal so vieler Autoren, die von Leuten für ihre jeweiligen ideologischen Spleens missbraucht werden, Spleens, die dazu führen, dass ausgerechnet Jane Austen zu einer Vorkämpferin der ehelosen Beziehung gemacht wird, eine Behauptung, die falscher nicht sein könnte, aber offenkundig dann, wenn man im feministischem Stumpfsinn ideologisch verödetern, neuronaler Felder unterwegs ist, aufgestellt werden kann.
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