
Argentiniens Präsident Milei wollte den Staat zerschlagen. Er predigt Freiheit und marktradikale Parolen. Tatsächlich hängt Argentinien mit ihm am Tropf der USA.
Javier Milei inszenierte sich als radikaler Befreier. Als Anti-Politiker, Anti-Staatler, Anti-Establishment. Anti-alles und jeden. Mit der Kettensäge in der Hand, mit marktradikalen Parolen auf den Lippen und mit dem Versprechen, Argentinien endlich von Jahrzehnten des Missmanagements, des Peronismus und der Schuldenpolitik zu erlösen. Doch was bleibt von diesem Freiheitsversprechen, wenn der Präsident sein Land inzwischen an eine politische und finanzielle Rettungsleine aus Washington bindet?
Der Kahlschlag im Inneren, die Hilfe von außen
Milei hat geliefert, wofür ihn seine Anhänger feierten: drastische Kürzungen, Subventionsabbau, Entlassungen im öffentlichen Dienst, eine Schocktherapie für Staat und Gesellschaft. Für viele Argentinier bedeutete das sinkende Reallöhne, explodierende Preise und soziale Unsicherheit. Der Widerstand war einkalkuliert – Milei wollte ihn „zersägen“.
Doch wirtschaftlich erwies sich der radikale Kurs schneller als erwartet als instabil. Der Peso blieb schwach, die Inflation hoch, die Staatsfinanzen fragil. Und der Dollar ist immer noch inoffizielle Zweitwährung. Das libertäre Versprechen, ohne neue Abhängigkeiten auszukommen, hielt nicht stand. Argentinien brauchte Geld. Viel Geld. Und dieses Geld kam – politisch gefärbt, strategisch motiviert und nicht ohne Gegenleistung.
Milei und Trump: Ideologie trifft Machtpolitik
Die Nähe Mileis zu Donald Trump ist kein Zufall und kein Folklore-Phänomen. Milei bewundert Trump offen, stilisiert ihn zum Vorbild und nominierte ihn für den Friedensnobelpreis. Ein großer Pluspunkt in den Augen des US-Präsidenten. Was wie schrille Symbolik wirkt, ist in Wahrheit eine politische Standortbestimmung: Milei sucht Schutz bei einem starken Partner, der ideologisch passt – und der bereit ist, Machtpolitik zu betreiben.
Die US-amerikanische Unterstützung für Argentinien – ob über IWF-Kanäle, bilaterale Kreditlinien oder Währungs-Swap-Vereinbarungen – ist mehr als ökonomische Stabilisierung. Sie ist geopolitische Einflussnahme. Washington erwartet im Gegenzug politische Loyalität, wirtschaftliche Öffnung für US-Interessen und eine klare Abgrenzung Argentiniens von China. Milei akzeptiert diesen Deal bereitwillig. Aus dem selbsternannten Souveränisten wird ein Juniorpartner im geopolitischen Spiel der USA.
Der Widerspruch im Kern des Milei-Projekts
Hier liegt der zentrale Widerspruch seiner Präsidentschaft: Ein Präsident, der den Staat schwächen will, macht sein Land abhängiger von externer Macht. Ein Libertärer, der Eliten bekämpfen will, bindet sich an die mächtigste politische Elite der Welt. Ein Anti-System-Politiker, der das Establishment verachtet, überlebt nur dank dessen Hilfe.
Milies Fans sprechen von Pragmatismus. Kritiker sehen darin eine gefährliche Selbsttäuschung. Denn Kredite sind nie neutral – schon gar nicht, wenn sie mit politischen Erwartungen, strategischen Interessen und ideologischer Nähe verknüpft sind. Argentinien kennt diese Dynamik. Die Geschichte des Landes ist voll von IWF-Programmen, Rettungspaketen und externen Versprechen, die am Ende Souveränität kosteten und Krisen vertieften.
Freiheit nach US-Rezept?
Milei verkauft seine Politik als alternativlos. Doch in Wahrheit tauscht er alte Abhängigkeiten gegen neue. Statt populistischer Staatswirtschaft nun marktradikale Disziplin unter US-Aufsicht. Statt peronistischer Netzwerke nun geopolitische Loyalitäten. Der Preis ist hoch: politische Handlungsspielräume schrumpfen, soziale Spannungen wachsen, außenpolitische Optionen verengen sich. Argentiniens Zukunft wird nicht mehr nur in Buenos Aires verhandelt – sondern auch in Washington,
Gescheitert auf halber Strecke?
Javier Milei wollte Argentinien von allem befreien. Am Ende befreit er vor allem die USA von einem unzuverlässigen Partner und macht sein Land berechenbar – für fremde Interessen. Auch der MAGA-Szene stößt es sauer auf, dass Trump US-Steuergelder nach Argentinien schafft, wo doch Einmischung in fremde Interessen ein No-Go für sie ist.
Für Trump wird das noch nicht gefährlich. Für Milei schon: Die Kettensäge mag im Wahlkampf Eindruck gemacht haben. Doch wer den eigenen Staat zerlegt, ohne ein stabiles Fundament zu schaffen, landet zwangsläufig dort, wo Macht und Geld verfügbar sind. Mileis größte Illusion ist nicht der Markt. Es ist der Glaube, Abhängigkeit lasse sich als Freiheit verkaufen. Die Antwort auf die Eingangsfrage ist ernüchternd: Mileis Revolution endet nicht in Souveränität, sondern in Abhängigkeit – und sie trägt den Namen Donald Trump.