Geplanter sozialer Wandel „von oben“ ist ein politisches Ziel in vielen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, von der Wohnungspolitik über die Bildungspolitik bis zur Stellenbesetzungspolitik in öffentlichen Einrichtungen und in privaten Unternehmen u.v.a.m. Er zielt darauf ab, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse, die als problematisch oder unerwünscht eingeordnet werden, zu verändern oder ihnen Abhilfe zu schaffen. Zu diesem Zweck müssen konkrete (Zwischen-/)Ziele formuliert werden, wie bereits der politisch links gerichtete Kurt Lewin, 1890 in Deutschland (bzw. dem heutigen Polen) als Sohn jüdischer Eltern geborener und im Jahr 1933 in die USA geflohener Psychologe, betonte:

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„Geplantes soziales Handeln [absichtliche Veränderung] entsteht meist aus einer mehr oder weniger vagen ‚Idee‘. Ein Ziel erscheint in der trüben Form eines Traums oder Wunsches, der kaum als Ziel bezeichnet werden kann. Um real zu werden und Maßnahmen steuern zu können, muss etwas entwickelt werden, das man als ‚Plan‘ bezeichnen könnte“.

Im Original:

„Planned social action [intentional change] usually emerges from a more or less vague ‚idea‘. An objective appears in the cloudy form of a dream or wish, which can hardly be called a goal. To become real, to be able to steer action, something has to be developed which might be called a ‚plan’“ (Lewin 1947: 147).

Ist ein „Plan“ entwickelt, wird er durch Zwangsmaßnahmen oder durch Veränderungen von Rechtsregeln umgesetzt oder durch ein Arsenal von – auf die individuelle Ebene durchgreifende – positiven oder negativen Sanktionierungsmaßnahmen, d.h. Anreizen für ein bestimmtes Handeln oder Abschreckung von einem bestimmten Handeln.

Geplanter sozialer Wandel involviert also eine Art Sozialtechnologie. „Sozialtechnologie“ bzw. „social engineering“ wurde im (seit 2022 leider geschlossenen) Lexico’s Oxford English-Wörterbuch definiert als

„[d]er Einsatz zentralisierter Planung im Zuge des Versuches, sozialen Wandel zu steuern [oder zu bewältigen] und die zukünftige Entwicklung und das Verhalten einer Gesellschaft zu regulieren“ [„[t]he use of centralized planning in an attempt to manage social change and regulate the future development and behaviour of a society“].

Zum Instrumentarium, das dabei zum Einsatz kommt, gehören vor allem Gesetze und andere rechtliche Regelungen:

„Das Recht ist seit langem als Mechanismus zur Regulierung menschlichen Verhaltens etabliert, aber seine Rolle geht weit über die Aufrechterhaltung der Ordnung hinaus – es prägt und transformiert aktiv die Gesellschaft“.

Im Original:

„Law has long been established as a mechanism to regulate human conduct, but its role extends far beyond maintaining order – it actively shapes and transforms society“ (Martin 2025: 444).

Quelle

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Quelle

Gesetze als Instrumente von Sozialtechnologie werden in der Regel mit dem Namen von Roscoe Pound, einem U.S.-amerikanischen Juristen, der von 1870 bis 1964 gelebt hat, in Verbindung gebracht. Er kann schwerlich als Repräsentant dessen angesehen werden, wie Gesetze heutzutage in sozialtechnologischer Absicht benutzt oder erst geschaffen werden, aber er hat dies vorbereitet, nicht nur terminologisch, indem er den Begriff immer wieder benutzt hat, sondern auch im Geiste: Pound war der Auffassung, dass Gesetze nicht mit Bezug auf ihre Rechtmäßigkeit hinsichtlich der Passung aneinander oder hinsichtlich ihrer Passung zu einem „natürlichen Recht“ zu beurteilen seien, sondern danach, wie funktional sie zur Erreichung bestimmter Ziele seien, und solche Ziele waren für Pound der Ausgleich von konfligierenden Interessen oder – in der Praxis normalerweise – die Durchsetzung bestimmter Interessen gegenüber anderen.

„Er [Pound] bezieht sich ständig auf das Recht als einen Prozess der Sozialtechnik. Dies ist jedoch etwas irreführend. Die Analogie zum Ingenieurwesen ist nicht sofort ersichtlich. Ingenieurwesen ist eine praktische Kunst, die darauf abzielt, einen im Voraus im Detail konzipierten und ausgearbeiteten Plan konkret umzusetzen. Es ist schwer vorstellbar, dass Pound das Recht als Streben nach einem geordneten Plan betrachtet, der im Voraus gut formuliert wurde. Er bestreitet ausdrücklich, dass das Gesetz ein Spiegelbild der göttlichen Vernunft ist, die das Universum regiert, oder eine von Gott gegebenen Ordnung. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess der sozialen Anpassung; ein System praktischer Kompromisse zwischen widersprüchlichen und sich überschneidenden Interessen … Es sei falsch, sagt uns Pound, von Rechten zu sprechen, bevor Interessen gesetzlich definiert, abgegrenzt und anerkannt seien. Sobald dies geschehen ist, sind ‚Rechte‘ das Mittel, mit dem Interessen gesichert werden … Für Pound ist ein natürliches Recht nichts anderes als ein Interesse, von dem wir finden, dass es gesichert werden sollte, eine Forderung, von der wir finden, dass sie befriedigt werden sollte. Ein Interesse besteht unabhängig von jedem Gesetz und ist kein Geschöpf des Staates, aber es ist ein Fehler zu glauben, dass es irgendeine bindende Kraft hätte, bis es durch das Gesetz definiert, abgegrenzt und anerkannt wird“ (McManaman 1958: 16-17: Kursivsetzung d.d.A.).

Im Original:

„He [Pound] constantly refers to law as a process of social engineering. This, however, is somewhat misleading. The analogy with engineering is not immediately evident. Engineering is a practical art which seeks to bring into concrete existence a plan which has been conceived and drawn up in detail in advance. It is difficult to see that Pound looks upon law as striving to achieve an orderly plan which has been well formulated in advance. He expressly denies that law is a reflection of divine reason governing the universe or of a God-given order. Rather it is a process of social adjusting; a system of practical compromises of conflicting and overlapping interests … It is incorrect, Pound tells us, to speak of rights before interests have been defined, delimited, and recognized by law. Once this has been done, „rights“ are the means by which interests are secured … For Pound a natural right is nothing other than an interest which we think should be secured, a demand which we think ought to be satisfied. An interest exists independently of any law and is not a creature of the state, but it is an error to think that it has any binding force until defined, delimited, and recognized by the law“ (McManaman 1958: 16-17).

Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist natürlich, wer im konkreten Fall als „wir“ gelten soll. In einer Demokratie wäre „wir“ die Bevölkerung, aber sie hat (auch) in demokratisch verfassten Gesellschaften höchst selten die Möglichkeit, über Gesetze abzustimmen. „Wir“ kann sich alternativ auf diejenigen beziehen, die die Bürger repräsentieren (sollen!), also auf Parlamentarier, oder „wir“ wird auf andere Weise als Teilmenge der Bürger aufgefasst, etwa als Lobbyisten oder Mitglieder sozialer Bewegungen. In jedem Fall sind Gesetze – hinsichtlich ihrer Auslegung oder hinsichtlich ihrer Schaffung oder Streichung – interessengesteuert, und daher bilden Gesetze ab, wessen Interessen sich haben durchsetzen können bzw. welche Interessen Ideologen (u.a. in politisch verantwortlich Positionen) oder Lobbyisten (mit welchen Mitteln auch immer) durchgesetzt haben.

Sowohl Personen in politischer Verantwortung als auch Lobbyisten können durch persönliche Ideologien zu ihrem Tun motiviert sein, aber sie können daneben oder statt dessen eigene materielle Interessen damit verfolgen. Ob sie am Bau einer „guten“ Gesellschaft tatsächlich oder nur vorgeblich interessiert sind, macht in der Praxis keinen Unterschied, denn kein sozialtechnologisches Programm, keine sozialtechnologische Maßnahme kommt ohne Finanzierung aus, so dass dafür geworben werden muss, und zwar überall dort, wo Haushaltsmittel verteilt werden können – in der Regel: Steuergelder – oder wo Personen Einfluss auf andere Personen ausüben können, die ihrerseits Haushaltsmittel verteilen können. Und weil sich Haushaltsmittel für Programme oder Maßnahmen um so einfacher in die eigene Tasche kanalisieren lassen, je (vermeintlich) wissenschaftlich fundierter ein Programm/eine Maßnahme ist oder je (vermeintlich) zuverlässiger ein Programm/eine Maßnahmen den erwünschten Effekt erzielen kann, gesellt sich eine Schicht von Akademikern hinzu, die instrumentalisiert wird, um Programmen oder Maßnahmen den Schein der Wissenschaftlichkeit oder zumindest einer Art intellektueller Durchdringung zu geben und im Gegenzug Anregungen dahingehend erhält, womit sie ihrerseits Fördermittel für Forschungsprojekte einwerben können, die heutzutage für eine akademische Karriere unerlässlich sind (womit die Instrumentalisierung nicht unbedingt ohne eigenen Nutzen für die entsprechenden Akademiker erfolgt).

Geplanter sozialer Wandel wird deshalb in aller Regel von einer Art unheiliger Dreifaltigkeit getragen, bestehend aus Ideologen, wirtschaftlichen Nutznießern aus der Ideologie per Ersinnung oder Durchführung von Projekten oder Maßnahmen zum gesellschaftlichen Umbau und Akademikern mit Legitimierungsauftrag.

Beispielsweise ist die Einführung von Frauenquoten in Insitutionen und Organisationen vieler europäischer Länder (und ohne demokratische Legitimation durch die Bevölkerung) das Ergebnis von Feminismus und dem Benachteiligungsdiskurs, auf dem er beruht. Sie haben die ideologische Basis für eine ganze Reihe von wirtschaftlichen (und wahrscheinlich psychologischen) Nutznießern bereitgestellt, so z.B. Frauen, die von der Einrichtung neuer Stellen u.a. als Frauenbeauftragte profitiert haben und Frauen, die z.B. in sogenannten Doppelspitzen politische Posten einnehmen konnten, die vorher nicht existierten. Von diesen Stellen aus wurden Frauenquoten (weiter) beworben, denn die eigene Stelle war ja an die Beförderung der Sache „der“ Frau gebunden, und den Schein von wissenschaftlicher Legitimation für diese Bewerbung von Frauenquoten und anderen „goodies“ speziell für Frauen wurde von Akademikerinnen geliefert, die keine eigenen etablierten Forschungsideen hatten oder mit der Besetzung des neuen Themas Hoffnung auf Mittel für Forschungsprojekte in diesem Themenbereich verbanden oder ihrerseits schon Quotenfrauen in der Wissenschaft waren, die es ohne Quote nicht in die akademische Position geschafft hätten, in der sie sich nun wiederfanden – und vermutlich nicht über die notwendigen Qualifikationen verfügten, tatsächlich Wissenschaft zu betreiben, so dass sie auf ein ideologisches Thema, das jedoch inzwischen (fälschlich) an Universitäten verankert worden war, ausweichen konnten. Auf diese Weise ist auf der ideologischen Basis des Feminismus eine ganze neue Industrie geschaffen worden, die die partikularen Interessen von „Frauen“, d.h. in aller Regel von Mittelschichtsfrauen oder Akademikerinnen ohne Befähigung zu oder Lust auf wissenschaftliche Arbeit, bedient. Dies wäre ohne die Formulierung und Durchsetzung neu ersonnener „Rechte“ nicht möglich gewesen.

Aber nicht immer wird geplanter sozialer Wandel vorrangig auf der Basis von neu formulierten „Rechten“ vorangetrieben. Ein Beispiel hierfür liefert der Bereich der Stadtentwicklung. Hier ist es der Glaube an Segnungen sogenannter sozialer Mischung (statt räumlicher Segregation), der den Bau der „guten“ Stadt, die als „Integrationsmaschine“ (Heitmeyer 1998: 443) vorgestellt wird, anleitet. Was genau unter „Integration“ zu verstehen ist, bleibt dabei gewöhnlich offen – Ideologen genügt häufig der Wohlfühl-Wert eines Begriffs; es wird vage darauf hingewiesen, dass „Integration“ für den sozialen Zusammenhalt wichtig sei, sie Spannungen zwischen verschiedenen sozialen oder ethnischen Gruppen vorbeuge oder sie abbaue, indem sie soziale Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen fördere (s. z.B. Liu & Bolt 2026), dass sie Chancen- oder Einkommensgleichheit fördere (s. z.B. Premrov & Schnetzer 2022), „ausgeglichene, widerstandsfähige Gemeinden“ („balanced, resilient communities„; was auch immer das bedeuten mag) schaffe oder den Ruf von Wohngegenden mit eher schlechtem Ruf verbessere (s. z.B. Fell & Widell 2024) – alles Dinge, von denen die Ideologen vermuten, dass sie nicht näher begründet oder ihre Nutzen (für wen) durch empirische Daten belegt werden müssten. Und die Rigidität ihres Denkens macht hier nicht unbedingt halt.

So verspricht sich Häußermann von „Integration“ verschiedener sozialer Gruppen „Toleranz und kulturelle Produktivität“:

„Toleranz und kulturelle Produktivität entwickeln sich unter dem Zwang zur räumlichen Nähe bei gleichzeitigem Wunsch zur sozialen Distanz. In diesem Sinne war die europäische Stadt eine Erziehungsanstalt – im gelungenen Fall“ (Häußermann 2011: 26).

Häußermann hat nicht nur keine Schwierigkeiten, die Behandlung erwachsener Menschen in einer „Erziehungsanstalt“ gutzuheißen; er hält auch „Zwang“ zu etwas bei gleichzeitigem Wunsch von Menschen, sich eben diesem etwas zu entziehen, nicht nur für legitim, sondern für notwendig, damit sie gefälligst das lernen oder entwickeln, was Häußermann aus ungenannten Gründen positiv bewertet, nämlich „Toleranz“, was immer das bedeuten mag, denn wenn jeder tolerant gegenüber jedem anderen ist, dann macht jeder was er will wann immer und wo er es will, und es herrscht Chaos.

Davon abgesehen argumentiert Häußermann hier tautologisch: es muss zwanghaft räumliche Nähe gegen den Wunsch der Leute geschaffen werden, damit die Leute zu „Toleranz“ erzogen werden, aber „Toleranz“ wäre (in diesem Ausmaß) gar nicht notwendig, wenn die Leute nicht in räumliche Nähe zueinander gezwungen würden, was für (relativ) segregierte Wohngebiete für (relativ) homogene Bevölkerungsgruppen spricht. Offenbar steht hinter Häußermanns Zitat der irrationale Glaube an soziale Mischung als ein positives Gut an sich. Und dieser Glaube so stark, dass er in seinen Augen auch Zwang bzw. Zwangs„erziehung“ von erwachsenen Menschen als Mittel legitimiert.

Häußermann vertrat aber nicht nur die Ideologie von sozialer Mischung als an sich „gut“; die Tatsache, dass der im Jahr 2011 verstorbene Stadtsoziologie Häußermann von 1993 bis 2008 den Lehrbereich für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin leitete, versetzte ihn auch in die Lage, für diese Ideologie die vermeintlich wissenschaftliche Legitimation zu beschaffen – kraft des Fehlschlusses ad auctoritatem, denn empirische Daten, die belegen, dass zwanghafte Nähe „Toleranz“ – und nicht vielleicht vielmehr Ablehnung oder gar Hass – befördert, liegen nicht vor (und die entsprechende Forschung fiele nicht in den Kompetenzbereich der Stadtsoziologie, sondern in den Bereich der Sozialpsychologie oder der allgemeinen empirischen Sozialforschung). Dennoch hat sich Häußermann nicht gescheut, seine Glaubenssätze als Tatsachen auszugeben und an Studenten vermutlich als solche weiterzuvermitteln.

Sofern die Frage, warum „social mix“-Programme für wen von Vorteil sein sollen, überhaupt einigermaßen konkret angesprochen wird, wird sie regelmäßig einseitig zugunsten derjenigen beantwortet, die als „sozial Schwache“ der zumindest die vergleichsweise sozial Schwächeren angesehen werden, seien es Geringverdiener, Arbeitslose oder anerkannte Asylbewerber, um nur einige zu nennen. Aber die Nutznießer aus Programmen, die sozialen Mix in Wohngebieten oder Nachbarschaften herstellen wollen, sind regelmäßig nicht sozial Schwache. Vielmehr scheinen es vor allem Gemeinden und Investoren in Immobilien zu sein, die aus Programmen zum sozialem Mix Nutzen ziehen. So schrieben Bricocoli und Cucca bereits im Jahr 2016 mit Bezug auf Mailand, Italien:

„Im Mittelpunkt der Debatte und der lokalen Programme stehen die Wirtschaftlichkeit und kurzfristige Rentabilität der Projekte für die Projektträger. Dies hat zu einer allgemeinen Regel geführt, die die Planung von Sozialwohnungsprojekten auf Grundstücken im Besitz der Stadt regelt und die den Anteil der zu Sozialkosten vermieteten Sozialwohnungen im Vergleich zur Quote der vom Bauträger gebauten und zu Marktpreisen verkauften Wohnungen stark begrenzt … Wir können beobachten, dass Sozialwohnungsprojekte nur eine geringe Quote an sozialen Mietwohnungen bieten und gleichzeitig erhebliche Chancen für Bauträger darstellen, die in einer Zeit der Wirtschaftskrise, in der der Markt definitiv nicht die hohen Gewinne der jüngsten Vergangenheit bietet, erhebliche öffentliche Unterstützung und direkte Vorteile erhalten“.

Im Original:

„At the core of the debate and of local programmes, the main issues are the economic feasibility and short-term rentability of projects for the promoters. This has resulted in a general rule which regulates social housing projects being planned in plots owned by the city and which is very much limiting the ratio of social housing dwellings rented at social costs in comparison with the quota of flats which are built by the developer and sold at market prices … We can observe that social housing projects are providing a small quota of social rental flats while representing significant opportunities for developers who are granted significant public support and direct benefits at a time of economic crisis, in which the market is definitely not offering the high profits of the recent past“ (Bricocoli & Cucca 2016: 86).

Und:

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Quelle: x

„Trotz der enormen Nachfrage sozial benachteiligter Menschen nach Wohnraum drängt die staatliche Wohnungsbaugesellschaft zunehmend auf eine lohnendere Nutzung der von ihr kontrollierten Bestände. Wesentliche Teile des Wohnungsbestands wurden für andere Nutzer reserviert. In vielen Fällen richtete sich die Zuweisung an diejenigen, die Arbeitsplätze haben, die für die Stadt als wertvoll gelten (Polizisten, Krankenschwestern, Busfahrer), sowie an Studenten. Trotz der begrenzten individuellen Ressourcen der Studierenden erlauben die zwischen der Wohnungsgesellschaft, den staatlichen Universitäten und der Stadt getroffenen Vereinbarungen in der Regel deutlich höhere Mieten als die der Sozialmieter“.

Im Original:

„In spite of the tremendous demand for housing by socially deprived people, the publicly owned housing company has been increasingly urging more rewarding uses of the stock in its control. Significant parts of the housing stock have been reserved for other users. In many cases the allocation has targeted those who have jobs which are considered valuable to the city (the police, nurses, bus drivers) as well as students. Despite the limited individual resources of students, the agreements developed between the housing company, the state universities and the city generally allow much higher rents than those paid by the social tenants“ (Bricocoli & Cucca 2016: 84).

Pätzold et al. (2015: 22) stellen im Endbericht zum Forschungsprojekt.“Nutzungsmischung und soziale Vielfalt im Stadtquartier – Bestandsaufnahme, Beispiele, Steuerungsbedarf“ im Auftrag des MBWSV Nordrheinwestfalen fest, dass

„[d]as Bekenntnis zu den Prinzipien von Mischung und Vielfalt […] auf hegemonial geteilten normativen Vorstellungen (der Kommunen) über eine gewünschte Richtung der Stadtentwicklung [beruht]“,

und fügen direkt an:

„Es ist damit mehr als eine Glaubensfrage. Es ist vielmehr eine Chance …, die von Mischung und Vielfalt erwarteten Effekte für die Stadtentwicklung zu konkretisieren und daraus Ziele abzuleiten“ (Pätzold, Bunzel, Spars et al. 2015: 22).

In diesem Zitat kommt m.E. sehr schön zum Ausdruck, wie von geplantem sozialen Wandel im Zuge von Sozialtechnologie profitiert wird: Man postuliert einen ideologisch motivierten (oder genehmen) Zusammenhang, der durch keinerlei empirischen Daten belegbar ist, und erklärt ihn einfach zu „mehr“ als einem bloßen Glauben, weil er „Chancen“ bietet. Diese „Chancen“ mögen tatsächlich nicht für diejenigen bestehen, die im Rahmen der Ideologie als Adressaten und Nutznießer eines Programmes oder einer Maßnahme vorgestellt werden. Aber die Beschwörung von „Chancen“ für sozial Schwache oder tatsächlich Benachteiligte oder Personengruppen, die sich als benachteiligt konstruieren lassen, bilden die Legitimation für Programme und Maßnahmen, die in der Praxis eine massive Umverteilung von Steuergeldern zugunsten partikularer Interessen anderer Personengruppen als den vorgeblichen Adressaten dieser Programme und Maßnahmen bedeuten.


Literatur

Bricocoli, Massimo, & Cucca, Roberta, 2014: Social Mix and Housing Policy: Local Effects of a Misleading Rhetoric: The Case of Milan. Urban Studies 53(1): 77-91

Fell, Terence, & Widell, Lars M., 2024: Social Mix with a Twist: Exploring New Ways to Alleviate Pressure on Stigmatized Lower-class Neighbourhoods. Cities 147: 104781. https://doi.org/10.1016/j.cities.2023.104781

Häußermann, Hartmut, 2011: Was bleibt von der europäischen Stadt?, S. 23-35 in: Frey, Oliver, & Koch, Florian, (Hrsg.): Die Zukunft der europäischen Stadt: Stadtpolitik, Stadtplanung und Stadtgesellschaft im Wandel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Heitmeyer, Wilhelm, 1998: Versagt die „Integrationsmaschine“ Stadt? Zum Problem der ethnisch-kulturellen Segregation und ihrer Konfliktfolgen, S. 443-467 in: Backes, Otto, Dollase, Rainer, & Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Die Krise der Städte: Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnischkulturelle Zusammenleben. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Lewin, Kurt, 1947: Frontiers in Group Dynamics. II: Channels of Group Life; Social Planning and Action Research. Human Relations 1(2): 143-153

Liu, Caixia, & Bolt, Gideon, 2026: Magic Mix: A Catalyst for Social Integration of Refugees? Cities 169: 106570. https://doi.org/10.1016/j.cities.2025.106570

McManaman, Linus J., 1958: Social Engineering: The Legal Philosophy of Roscoe Pound. St. John’s Law Review 33(1): Article 1.  https://scholarship.law.stjohns.edu/lawreview/vol33/iss1/1

Premrov, Tamara, & Schnetzer, Matthias, 2022: Social Mix and the City: Council Housing and Neighbourhood Income Inequality in Vienna. Urban Studies 60(4): 752-769.

Rosh, Martin, 2025: Law as a Tool for Social Engineering. Indian Journal of Integrated Research in Law V(II): 444-451. doi: IJIRL/V5-I2/A35

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