
Was dabei herauskommt, wenn Journalisten ihre Arbeit nur noch als Meinungsmache verstehen, bewies der frühere „Stern“-Vize Hans-Ulrich Jörges bei der „Welt“ in bester Stammtisch-Manier.
Der frühere „Stern“-Vize Hans-Ulrich Jörges rechnet mit den hochgelobten Ergebnissen der NRW-Kommunal-Wahlen ab. Er spricht von einer gefühlten Handlungsunfähigkeit des Kanzlers und von Kultur-Antisemitismus. Er äußert sich zu russischen Drohnen über Polen, zum Bombenangriff gegen Hamas-Führer in Doha und überrascht mit seinem seltsamen Verständnis von der Souveränität Katars. All das tat Jörges jetzt in bester Stammtisch-Manier bei der „Welt“.
Vorab aber ein paar Fakten zu den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen. Das Land hat insgesamt 427 Kommunen, darunter 396 Städte und Gemeinden sowie 31 Kreise, die ebenfalls als Kommunen gelten. Daraus folgt, dass jede Kommune ein eigenes Wahlergebnis erzielt hat, wobei Stichwahlen in 21 Städten erst am 28. September stattfinden.
Jörges will Merz arbeiten sehen
Natürlich kann man alle einzelnen kommunalen Ergebnisse addieren und sich daraus auf das Bundesland bezogen als Wahlsieger feiern. Dies scheint aber der Sache nicht wirklich gerecht zu werden. Tatsächlich unterscheidet sich der kommunale institutionelle Aufbau im Vergleich zu Bund und Land: Statt einem Parlament, dass eine Regierung wählt und stützt, gibt es hier den getrennt gewählten Rat und (Ober-)Bürgermeister. Die Dezernenten oder Beigeordneten-Posten (als Ministerposten die Verteilungsmasse der Koalitionäre auf Landesebene) sind nicht zwingend an die Wahl geknüpft.
Aufgrund dieser Besonderheiten sind kommunale Koalitionen, anders als im Bund oder auf Landesebene, jedoch weniger gut dokumentiert. Während klassische Koalitionen in der Mehrheit der Kreise und kreisfreie Städte vorkommen, sind diese auf Gemeinde- und Stadt-Ebene deutlich seltener vorzufinden.
Doch nun zu Jörges: Er sieht die AfD auch im Westen auf dem Vormarsch. Wer übrigens nicht? Und er rät dem Kanzler, jetzt endlich mal die Hände aus dem Schoß zu nehmen und mit der Arbeit zu beginnen. Seiner Ansicht nach redet Merz zwar viel, bleibt aber tatenlos.
Beim Thema Antisemitismus kritisiert Jörges meines Erachtens völlig korrekt die Ausladung des israelischen Chef-Dirigenten Lahav Shani der Münchner Philharmoniker beim Flanders Festival Ghent. Dabei vergisst er jedoch geflissentlich, dass sich die Münchener Philharmoniker von ihrem ehemaligen russischen Chefdirigenten Valery Gergiev trennten, der zur Aufforderung, sich von seinem Freund Putin zu distanzieren, geschwiegen hatte.
Mit doppeltem Maß gemessen
Der doppelte Standard wird allerdings noch deutlicher, wenn man die bei der Tagesschau vorgeführte wütende Reaktion des in Russland geborenen Starpianisten und politischem Aktivisten Levit zu dessen Haltung zur Absage des belgischen Veranstalters mit seinen Einlassungen zur Ausladung russischer Musiker vergleicht. Levit: „Musiker zu sein befreit dich nicht davon, Bürger zu sein und Verantwortung zu übernehmen.“ Es sei inakzeptabel, sich nicht gegen die Politik eines Staatsoberhauptes aus der eigenen Heimat zu positionieren, der einen Krieg gegen ein anderes Land beginnt, so Levit. Man dürfe sich nicht hinter der Musik und dem Musikerdasein verstecken.
Auch zum Thema russische Drohnen in den polnischen Luftraum gibt Jörges etwas zum Besten. Dabei übernimmt er das hysterisch anmutende Narrativ der Bellizisten und unterschlägt, dass es 19 unbewaffnete Gerbera-Drohnen aus Polyurethanschaum, Polystyrol und anderen Materialien mit geringer Dichte waren, die Russland in den polnischen Luftraum geflogen hatte und wovon vier „abgeschossen“ wurden und fast unbeschädigt zu Boden gingen.
Scharf geschossen
Aus Polen war diesbezüglich zu hören, man hätte die Drohnen mit AIM-9X Sidewinder-Raketen abgeschossen, die von F-16-Kampfflugzeugen abgefeuert wurden. Der Sprengkopf der Rakete enthält 9,4 kg Sprengstoff, dessen Explosion die Drohne in Tausende brennende Teile zerreißt.
Die von den Polen vorgelegten Fotos zeigen jedoch auf dem Boden liegend saubere und unbeschädigte Drohnen. Sieht aus, als hätten sie nach dem Raketenbeschuss ihre Flugfähigkeit nicht verloren. Selbst der Aufprall auf den Boden hat keine Beschädigungen an den Drohnen verursacht.
Bemerkenswert erscheint, dass am Tag des Absturzes/Abschusses ein Manöver mit Polen, Litauen und der Nato stattfand, an denen 30.000 polnische Soldaten beteiligt waren. Außerdem stand das russisch-weißrussische Manöver Zapad 2025 unmittelbar bevor. Einige Beobachter vermuten daher, dass es sich entweder um eine gezielte Provokation Russlands oder eine verpatzte Aufklärungsmission gehandelt habe.
Katar soll sich nicht so haben
Von offenbar etwas überforderten Berichterstattern war zu hören, dass die Drohnen weit jenseits ihrer Reichweite von 700 Kilometern von ukrainischem Territorium kommend bis zu 300 Kilometer tief in Polen eingedrungen sein. Ungeachtet dieser offensichtlich logischen Widersprüche zum offiziellen Narrativ scheinen solche Fragen bei den Nato-Falken jedenfalls keine Rolle zu spielen.
Zu guter Letzt nun also zu Jörger und der Souveränität Katars. Jörges spielt die Verletzung der Souveränität Katars herunter und verweist auf die Tötung bin Ladens auf pakistanischem Territorium. Im Lichte diese Einschätzung möchte man ihm zurufen: „Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich!“