Juli Zeh spricht über AfD-Wähler in ihrem Dorf in Brandenburg – und erntet Vorwürfe. Dabei betreibt die Schriftstellerin keine Verharmlosung, sondern sendet ein notwendiges Störsignal in einen gefährlichen Diskurs urbaner Abgehobenheit
„Demokratie ist nicht, wenn Menschen Dinge wählen, die man selbst gut und richtig findet“, sagt die Schriftstellerin Juli Zeh
Foto: Imago/Emmanuele Contini
Die Reaktionen auf Juli Zehs Interview über ihr Dorf in Brandenburg sagen mindestens so viel über den Zustand der politischen Öffentlichkeit wie über die AfD. Kaum hatte Zeh in der taz beschrieben, wie sie seit Jahren mit Nachbarinnen und Nachbarn zusammenlebt, von denen viele AfD wählen, setzte ein vertrautes Muster ein: Empörung, Warnungen vor Verharmlosung, der Vorwurf gefährlicher Naivität. Wieder einmal schien festzustehen, dass jemand „den Ernst der Lage“ nicht begriffen habe.
Dabei liegt der eigentliche Ernst der Lage woanders.
Zeh spricht in dem Interview nicht über die AfD als politische Organisation, nicht über ihre Programmatik, ihre Netzwerke oder ihre autoritären Ambitionen. Sie spricht über Menschen. Über Nachbarschaft, Alltag, geteilte Räume, über soziale Beziehungen, die politische Differenzen aushalten müssen, wenn Gesellschaft mehr sein soll als ein moralisch sortierter Debattenraum. Diese Perspektive ist keine Verdrängung, sondern eine empirisch geerdete Nahbeobachtung – und gerade deshalb politisch verdienstvoll. Denn sie richtet sich gegen einen Diskurs, der sich in Teilen des linksliberalen Milieus längst verselbständigt hat.
Der urbanen Gewissheit zum Trotz: Gesellschaftliche Konflikte lassen sich nicht durch moralische Distanzierung bearbeiten
In den großen Städten, in Redaktionen, Talkshows und sozialen Medien hat sich ein Ton etabliert, der politische Klarheit mit moralischer Zuspitzung verwechselt. AfD-Wählerinnen und -Wähler erscheinen darin weniger als soziale Akteure mit widersprüchlichen Motiven denn als abstrakte Gefahrenquelle. Die eigene Position wird dabei nicht selten aus einer Haltung moralischer Überlegenheit heraus formuliert, die wenig Interesse an sozialen Realitäten jenseits der urbanen Erfahrungsräume erkennen lässt.
Zehs Intervention stellt diesem Diskurs etwas entgegen, das dort selten geworden ist: die Zumutung der Nähe. Sie beschreibt Menschen, die man kennt, mit denen man feiert, streitet, diskutiert – und deren Wahlentscheidung nicht automatisch in Feindschaft übersetzt werden kann. Das ist kein politisches Plädoyer für die AfD, sondern eine Absage an die bequeme Vorstellung, man könne gesellschaftliche Konflikte durch moralische Distanzierung bearbeiten.
Die teils hysterischen Reaktionen auf das Interview bestätigen diese Diagnose eher, als dass sie sie widerlegen. Wer aus der Beschreibung eines Dorfalltags sofort eine politische Entlastung der AfD herausliest, verwechselt Analyse mit Loyalität. Und er offenbart ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Perspektive, die nicht der eigenen moralischen Dramaturgie folgt.
Stadt und Land: Politische Urteile entstehen nicht, wo Leitartikel geschrieben werden, sondern dort, wo Menschen ihren Alltag organisieren
Das zentrale Problem, das in Zehs Interview sichtbar wird, ist weniger die AfD selbst als die kommunikative Entfremdung zwischen gesellschaftlichen Räumen. Stadt und Land sprechen seit Jahren übereinander, aber kaum noch miteinander. Politische Deutungen zirkulieren in medialen Echokammern, während soziale Erfahrungen sich weiter voneinander entfernen.
Zehs Dorfbeschreibung wirkt deshalb wie ein Störsignal in einem Diskurs, der sich an die eigene Abgehobenheit gewöhnt hat. Sie erinnert daran, dass politische Urteile nicht dort entstehen, wo Leitartikel geschrieben werden, sondern dort, wo Menschen ihren Alltag organisieren: bei der Frage nach Schulwegen, Arbeitsplätzen, medizinischer Versorgung, Mobilität. Dass Menschen, die sich dauerhaft übergangen fühlen, politische Angebote wählen, die ihren Frust artikulieren, ist keine Rechtfertigung – aber eine Erklärung.
Wer diese Erklärung verweigert, ersetzt Politik durch Moral. Und treibt jene, die sich ohnehin ausgeschlossen fühlen, weiter an den Rand.
Juli Zehs analytische Leerstelle – und ihr Preis
Allerdings bleibt Zehs Perspektive nicht ohne Probleme. Ihre Konzentration auf soziale Normalität blendet reale autoritäre Dynamiken aus. Die AfD ist nicht nur ein Resonanzraum für Unzufriedenheit, sondern ein politischer Akteur mit einem Projekt, das auf institutionelle Erosion zielt. Dass viele ihrer Wählerinnen und Wähler subjektiv keine Extremisten sind, macht dieses Projekt nicht harmlos. Macht wirkt unabhängig von Motiven.
Auch Zehs Skepsis gegenüber Brandmauer und Verbotsdebatte ist weniger defensiv, als viele Kritiker behaupten. Die Brandmauer fungiert längst nicht mehr nur als taktisches Instrument, sondern als Element eines performativen Antifaschismus, mit dem sich Parteien und politische Milieus moralisch absichern, während sie zugleich selbst eine restriktive Migrationspolitik, die Militarisierung der Gesellschaft und autoritäre Verschiebungen vorantreiben. In dieser Konstellation wird die Brandmauer zur symbolischen Handlung, die demokratische Haltung demonstriert, ohne die politischen Ursachen des Rechtsrucks zu bearbeiten. Dass sie die AfD bislang nicht geschwächt hat, ist daher kein Zufall, sondern Ausdruck ihrer begrenzten Reichweite: Sie stabilisiert das Selbstbild der demokratischen Mitte, verändert aber weder soziale Verhältnisse noch politische Praxis.
Wenn moralische Selbstvergewisserung die Analyse zunehmend ersetzt, ist Zehs Beitrag ein notwendiges Gegengewicht
Diese Leerstellen sind real. Aber sie wiegen weniger schwer als der Schaden, den ein moralisch überhitzter Diskurs anrichtet, der große Teile der Gesellschaft nur noch als Problemzone wahrnimmt. Wer ausschließlich über Gefahren spricht, ohne soziale Realitäten ernst zu nehmen, verliert nicht nur politische Anschlussfähigkeit, sondern auch demokratische Substanz.
Juli Zeh erklärt, warum Menschen AfD wählen können, ohne durch und durch abgrundtief schlechte Menschen zu sein. Sie behauptet nicht, dass die AfD dadurch weniger gefährlich wäre. Aber beides muss gesagt werden. Dennoch: In einer Situation, in der moralische Selbstvergewisserung die Analyse zunehmend ersetzt, ist ihr Beitrag ein notwendiges Gegengewicht.
Viele verkennen Zehs eigentliche Provokation
Zeh verteidigt keine Partei. Sie verteidigt eine Form des Sprechens über Politik, die den Menschen nicht vorab aus der demokratischen Gemeinschaft ausschließt. Sie erinnert daran, dass Demokratie nicht nur aus Institutionen besteht, sondern aus Beziehungen. Dass politische Konflikte nicht allein durch Abgrenzung bearbeitet werden können. Und dass Verstehen keine Zustimmung ist.
Wer Zehs Intervention vorschnell als Verharmlosung abtut, verkennt ihre eigentliche Provokation. Sie richtet sich nicht an die AfD, sondern an jene, die glauben, Demokratie ließe sich ohne soziale Nähe, ohne Selbstzweifel und ohne die Zumutung widersprüchlicher Erfahrungen verteidigen.
Das ist unbequemer als jede Alarmrhetorik. Und gerade deshalb notwendig.
#252;ber ihre Programmatik, ihre Netzwerke oder ihre autoritären Ambitionen. Sie spricht über Menschen. Über Nachbarschaft, Alltag, geteilte Räume, über soziale Beziehungen, die politische Differenzen aushalten müssen, wenn Gesellschaft mehr sein soll als ein moralisch sortierter Debattenraum. Diese Perspektive ist keine Verdrängung, sondern eine empirisch geerdete Nahbeobachtung – und gerade deshalb politisch verdienstvoll. Denn sie richtet sich gegen einen Diskurs, der sich in Teilen des linksliberalen Milieus längst verselbständigt hat.Der urbanen Gewissheit zum Trotz: Gesellschaftliche Konflikte lassen sich nicht durch moralische Distanzierung bearbeitenIn den großen Städten, in Redaktionen, Talkshows und sozialen Medien hat sich ein Ton etabliert, der politische Klarheit mit moralischer Zuspitzung verwechselt. AfD-Wählerinnen und -Wähler erscheinen darin weniger als soziale Akteure mit widersprüchlichen Motiven denn als abstrakte Gefahrenquelle. Die eigene Position wird dabei nicht selten aus einer Haltung moralischer Überlegenheit heraus formuliert, die wenig Interesse an sozialen Realitäten jenseits der urbanen Erfahrungsräume erkennen lässt.Zehs Intervention stellt diesem Diskurs etwas entgegen, das dort selten geworden ist: die Zumutung der Nähe. Sie beschreibt Menschen, die man kennt, mit denen man feiert, streitet, diskutiert – und deren Wahlentscheidung nicht automatisch in Feindschaft übersetzt werden kann. Das ist kein politisches Plädoyer für die AfD, sondern eine Absage an die bequeme Vorstellung, man könne gesellschaftliche Konflikte durch moralische Distanzierung bearbeiten.Die teils hysterischen Reaktionen auf das Interview bestätigen diese Diagnose eher, als dass sie sie widerlegen. Wer aus der Beschreibung eines Dorfalltags sofort eine politische Entlastung der AfD herausliest, verwechselt Analyse mit Loyalität. Und er offenbart ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Perspektive, die nicht der eigenen moralischen Dramaturgie folgt.Stadt und Land: Politische Urteile entstehen nicht, wo Leitartikel geschrieben werden, sondern dort, wo Menschen ihren Alltag organisierenDas zentrale Problem, das in Zehs Interview sichtbar wird, ist weniger die AfD selbst als die kommunikative Entfremdung zwischen gesellschaftlichen Räumen. Stadt und Land sprechen seit Jahren übereinander, aber kaum noch miteinander. Politische Deutungen zirkulieren in medialen Echokammern, während soziale Erfahrungen sich weiter voneinander entfernen.Zehs Dorfbeschreibung wirkt deshalb wie ein Störsignal in einem Diskurs, der sich an die eigene Abgehobenheit gewöhnt hat. Sie erinnert daran, dass politische Urteile nicht dort entstehen, wo Leitartikel geschrieben werden, sondern dort, wo Menschen ihren Alltag organisieren: bei der Frage nach Schulwegen, Arbeitsplätzen, medizinischer Versorgung, Mobilität. Dass Menschen, die sich dauerhaft übergangen fühlen, politische Angebote wählen, die ihren Frust artikulieren, ist keine Rechtfertigung – aber eine Erklärung.Wer diese Erklärung verweigert, ersetzt Politik durch Moral. Und treibt jene, die sich ohnehin ausgeschlossen fühlen, weiter an den Rand.Juli Zehs analytische Leerstelle – und ihr PreisAllerdings bleibt Zehs Perspektive nicht ohne Probleme. Ihre Konzentration auf soziale Normalität blendet reale autoritäre Dynamiken aus. Die AfD ist nicht nur ein Resonanzraum für Unzufriedenheit, sondern ein politischer Akteur mit einem Projekt, das auf institutionelle Erosion zielt. Dass viele ihrer Wählerinnen und Wähler subjektiv keine Extremisten sind, macht dieses Projekt nicht harmlos. Macht wirkt unabhängig von Motiven.Auch Zehs Skepsis gegenüber Brandmauer und Verbotsdebatte ist weniger defensiv, als viele Kritiker behaupten. Die Brandmauer fungiert längst nicht mehr nur als taktisches Instrument, sondern als Element eines performativen Antifaschismus, mit dem sich Parteien und politische Milieus moralisch absichern, während sie zugleich selbst eine restriktive Migrationspolitik, die Militarisierung der Gesellschaft und autoritäre Verschiebungen vorantreiben. In dieser Konstellation wird die Brandmauer zur symbolischen Handlung, die demokratische Haltung demonstriert, ohne die politischen Ursachen des Rechtsrucks zu bearbeiten. Dass sie die AfD bislang nicht geschwächt hat, ist daher kein Zufall, sondern Ausdruck ihrer begrenzten Reichweite: Sie stabilisiert das Selbstbild der demokratischen Mitte, verändert aber weder soziale Verhältnisse noch politische Praxis.Wenn moralische Selbstvergewisserung die Analyse zunehmend ersetzt, ist Zehs Beitrag ein notwendiges GegengewichtDiese Leerstellen sind real. Aber sie wiegen weniger schwer als der Schaden, den ein moralisch überhitzter Diskurs anrichtet, der große Teile der Gesellschaft nur noch als Problemzone wahrnimmt. Wer ausschließlich über Gefahren spricht, ohne soziale Realitäten ernst zu nehmen, verliert nicht nur politische Anschlussfähigkeit, sondern auch demokratische Substanz.Juli Zeh erklärt, warum Menschen AfD wählen können, ohne durch und durch abgrundtief schlechte Menschen zu sein. Sie behauptet nicht, dass die AfD dadurch weniger gefährlich wäre. Aber beides muss gesagt werden. Dennoch: In einer Situation, in der moralische Selbstvergewisserung die Analyse zunehmend ersetzt, ist ihr Beitrag ein notwendiges Gegengewicht.Viele verkennen Zehs eigentliche ProvokationZeh verteidigt keine Partei. Sie verteidigt eine Form des Sprechens über Politik, die den Menschen nicht vorab aus der demokratischen Gemeinschaft ausschließt. Sie erinnert daran, dass Demokratie nicht nur aus Institutionen besteht, sondern aus Beziehungen. Dass politische Konflikte nicht allein durch Abgrenzung bearbeitet werden können. Und dass Verstehen keine Zustimmung ist.Wer Zehs Intervention vorschnell als Verharmlosung abtut, verkennt ihre eigentliche Provokation. Sie richtet sich nicht an die AfD, sondern an jene, die glauben, Demokratie ließe sich ohne soziale Nähe, ohne Selbstzweifel und ohne die Zumutung widersprüchlicher Erfahrungen verteidigen.Das ist unbequemer als jede Alarmrhetorik. Und gerade deshalb notwendig.