Zwischen Plattenbau und Provinz, Dorfdisco und Dosenbier entsteht mit der Hinterlandgang eine neue Stimme der ostdeutschen Jugend. Ihr neues Album „Vielleicht wird alles gut“ verhandelt Herausforderung und Hoffnung neuer Lebensrealitäten
Immer mitten in die Fresse rein: Die Rap-Band Hinterlandgang (Pablo Himmelspach und Albert Münzberg) engagiert sich aus dem Osten für den Osten
Foto: Bastian Bochinski
Wo ist das Hinterland? Vielleicht in Demmin, einer Kleinstadt irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist er nämlich, der abgehängte Osten, von dem immer geredet wird. Die Hansestadt ging in die Geschichtsbücher ein mit einem der größten Massensuizide im Jahr 1945, den die Einwohner aus Angst vor Übergriffen durch die Rote Armee begingen. Nazis marschieren dort seit den Nullerjahren regelmäßig auf mit vermeintlichen Trauermärschen.
Demmin ist auch die Heimat von Albert Münzberg und Pablo Himmelspach, die sich Hinterlandgang nennen und deutschsprachigen Rap mit elektronischen Club-Beats machen. Ihr neues Album Vielleicht wird alles gut (Audiolith) ist auch Anlass, über junge, ostdeutsche Lebensrealitäten nachzudenken, und ein Beweis, dass Rap nicht zwingend den urbanen Raum als Inspiration benötigt. In elf Songs werden wie zuvor auf Rosa Mitsubishis und Maschendraht Themen wie Dorfjugend, Herkunft, Alkohol, Gewalt, aber auch persönliche Verluste und Hoffnungsschimmer verhandelt.
Musikalisch ist das gar nicht so neu: Ein bisschen pathetisch ballern die Bassdrums und Synthiesounds – und lyrisch geht es weniger um Bissigkeit und Ironie (wie bei Labelmate Pöbel MC). „Du bist nicht zu dick, du bist nicht zu dünn, du bist genau richtig, du bist perfekt“, singen sie aufrichtig in Keine Angst und „Das ist für alle, die auch samstags auf dem Bau malochen. Ich hoffe, irgendwann bringt euch euer Traum nach oben“ im Musikvideo zu Für alle vor der Plattenbaukulisse in Rostock-Lütten Klein.
Die Gen Z in Ostdeutschland entdeckt ihre Identität neu
Hinterlandgang nennen in ihren Songs und Interviews Vorbilder wie Feine Sahne Fischfilet und Zugezogen Maskulin. Dabei sind sie gut zehn Jahre jünger. Von der sogenannten Ostfluencerin Olivia Schneider alias @tumvlt auf Instagram bis hin zu Betterov und eben Hinterlandgang ist es interessant, wie die Gen Z Teile ihrer Ostidentität entdeckt und verarbeitet.
Das kann man verwunderlich finden: Müsste nicht die ostdeutsche Identitätssuche und Nabelschau – und das darf man vielleicht nur als ostsozialisiertes Nach-Wendekind sagen – auch mal ein Ende finden? Müssten die jungen Leute nicht mal nach vorn schauen?
Aber dann sieht man die hellblauen Wahlergebnisse, die vielzitierte Perspektivlosigkeit und frakturbeschriebene Heckscheiben mit „Ostdeutschland“ und erkennt, dass das alles gar nicht so einfach ist. „Gerade aus der Generation Hendrik Bolz sind fast alle weggezogen. Bei uns verspüre ich eher einen Stimmungswechsel. Auf einmal stehen Tausende junge Menschen auf einem Konzert und rufen ‚Ostdeutschland!‘“, sagte Albert in einem Interview.
Das eine ist braun gefärbter Lokalpatriotismus, das andere etwas augenzwinkerndes Representen seiner Hood im Rap. Was das Wegziehen betrifft, fühlt man sich als Mittdreißigerin, die ihre Ex-DDR-Dorfjugend schon lange hinter sich gelassen hat, ertappt. Denn die zwei Rapper sind ihrem Hinterland treu geblieben. Sie touren fleißig durch die kleinen Städte mit ihren Jugendzentren als letzte Bastion, und sie stellen selbst etwas auf die Beine: Das 100 Tage Sommer Open-Air fand nun schon mehrere Jahre in Demmin statt mit starkem lokalen Bezug und erinnert an die kulturreiche Geschichte der Stadt.
Wenn nämlich der Wessi Björn Höcke mit einer Simson S51 Wahlkampf macht, ist man irgendwie dankbar, dass zwei junge Menschen „Faschos boxen“ als Sport im Osten deuten – auch wenn das klischeehaft hart und männlich daherkommt. Irgendwo sitzt nämlich genau jetzt ein Teenager im ostdeutschen Niemandsland und braucht diese Zeilen so sehr wie Albert und Pablo damals Plattenbau O.S.T. von Zugezogen Maskulin.
nken, und ein Beweis, dass Rap nicht zwingend den urbanen Raum als Inspiration benötigt. In elf Songs werden wie zuvor auf Rosa Mitsubishis und Maschendraht Themen wie Dorfjugend, Herkunft, Alkohol, Gewalt, aber auch persönliche Verluste und Hoffnungsschimmer verhandelt.Musikalisch ist das gar nicht so neu: Ein bisschen pathetisch ballern die Bassdrums und Synthiesounds – und lyrisch geht es weniger um Bissigkeit und Ironie (wie bei Labelmate Pöbel MC). „Du bist nicht zu dick, du bist nicht zu dünn, du bist genau richtig, du bist perfekt“, singen sie aufrichtig in Keine Angst und „Das ist für alle, die auch samstags auf dem Bau malochen. Ich hoffe, irgendwann bringt euch euer Traum nach oben“ im Musikvideo zu Für alle vor der Plattenbaukulisse in Rostock-Lütten Klein.Die Gen Z in Ostdeutschland entdeckt ihre Identität neuHinterlandgang nennen in ihren Songs und Interviews Vorbilder wie Feine Sahne Fischfilet und Zugezogen Maskulin. Dabei sind sie gut zehn Jahre jünger. Von der sogenannten Ostfluencerin Olivia Schneider alias @tumvlt auf Instagram bis hin zu Betterov und eben Hinterlandgang ist es interessant, wie die Gen Z Teile ihrer Ostidentität entdeckt und verarbeitet.Das kann man verwunderlich finden: Müsste nicht die ostdeutsche Identitätssuche und Nabelschau – und das darf man vielleicht nur als ostsozialisiertes Nach-Wendekind sagen – auch mal ein Ende finden? Müssten die jungen Leute nicht mal nach vorn schauen?Aber dann sieht man die hellblauen Wahlergebnisse, die vielzitierte Perspektivlosigkeit und frakturbeschriebene Heckscheiben mit „Ostdeutschland“ und erkennt, dass das alles gar nicht so einfach ist. „Gerade aus der Generation Hendrik Bolz sind fast alle weggezogen. Bei uns verspüre ich eher einen Stimmungswechsel. Auf einmal stehen Tausende junge Menschen auf einem Konzert und rufen ‚Ostdeutschland!‘“, sagte Albert in einem Interview.Das eine ist braun gefärbter Lokalpatriotismus, das andere etwas augenzwinkerndes Representen seiner Hood im Rap. Was das Wegziehen betrifft, fühlt man sich als Mittdreißigerin, die ihre Ex-DDR-Dorfjugend schon lange hinter sich gelassen hat, ertappt. Denn die zwei Rapper sind ihrem Hinterland treu geblieben. Sie touren fleißig durch die kleinen Städte mit ihren Jugendzentren als letzte Bastion, und sie stellen selbst etwas auf die Beine: Das 100 Tage Sommer Open-Air fand nun schon mehrere Jahre in Demmin statt mit starkem lokalen Bezug und erinnert an die kulturreiche Geschichte der Stadt.Wenn nämlich der Wessi Björn Höcke mit einer Simson S51 Wahlkampf macht, ist man irgendwie dankbar, dass zwei junge Menschen „Faschos boxen“ als Sport im Osten deuten – auch wenn das klischeehaft hart und männlich daherkommt. Irgendwo sitzt nämlich genau jetzt ein Teenager im ostdeutschen Niemandsland und braucht diese Zeilen so sehr wie Albert und Pablo damals Plattenbau O.S.T. von Zugezogen Maskulin.