DDR-Kunst verschwindet leise: durch Verfall, Diebstahl, bei Sanierungen. Eine Reportage über den prägenden Arbeiterkünstler Lothar Scholz – und die Menschen, die versuchen, sein Werk gegen alle Widerstände zu retten
Das Wandbild „Manches Herrliche der Welt“ von Lothar Scholz an der Oberschule in Boizenburg
zvg
Ein Auto frisst sich durch die brandenburgische Nacht. Winter, leere Landstraßen, vor ein paar Jahren irgendwo im Landkreis Teltow Fläming. Am Steuer sitzt Martin Maleschka – Vollbart, Architekt. Er hat noch zwei Freunde im Wagen. Bevor es losging, schrieb Maleschka dem zuständigen Landeskonservator Kurznachrichten. „Gefahr im Verzug“, tippte er ins Handy. „Wir müssen schnell was machen.“ Die Antwort kam knapp: kein eingetragenes Denkmal, keine Verantwortung der Behörde. Also düsten Maleschka, der mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz geehrt wurde, und seine Freunde selber los. Jetzt drückt er das Gaspedal noch tiefer.
Kurz darauf hält der Wagen im 700-Einwohner-Ort Saalow. Vor den drei Männern liegt ein ehemaliges DDR-Pflegeheim: verlassener Gebäudekomplex, eingeschlagene Fenster, überall Graffiti. Ein Abenteuerspielplatz für urbane Entdecker – und ein Ort, an dem DDR-Kunst langsam verschwindet.
Bei den Hauseingängen entdecken sie, weswegen sie gekommen sind: die Keramikfliesenbilder von Lothar Scholz. Drei Wandbilder mit Motiven brandenburgischer Orte – weiße Zeichnungen auf rötlichen Fliesen, Wimmelbilder voller Details. Doch die einstige Pracht ist längst vergangen. Ein Bild wurde „abgestemmt“ und fehlt, eines liegt transportbereit in Einzelteilen am Boden, nur eines hängt noch. Nur durch Zufall hatten Maleschka und seine Freunde von dem Diebstahlversuch erfahren – Witterung und Vandalismus setzen den Reliefs zusätzlich zu.
Die drei Männer verpacken die auf dem Boden liegenden Fliesen sorgsam in Kartons. Der Plan: In der Scheune eines ortsansässigen Architekten sollen sie vorerst in Sicherheit gebracht, später an den Landkreis übergeben werden. Das letzte hängende Bild wollen sie mit Holzbrettern schützen. Was sie hier machen? Sie retten, was von Lothar Scholz’ Kunst noch übrig ist – weil es sonst kaum jemand tut.
Bedauerlicherweise konnte das große Wandbild nicht erhalten werden
Auch heute, im Dezember 2025, hat sich nicht viel geändert. Nach zwei Jahren Sanierungszeit wird im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen eine Schwimmhalle aus DDR-Zeiten wieder freigegeben. Die Berliner Bäderbetriebe schwärmen in einer Mitteilung von den Renovierungsarbeiten. „Bedauerlicherweise konnte jedoch das große Wandbild nicht erhalten werden“, heißt es. Hinter den Fliesen hätten sich Hohlräume gebildet.
Geschaffen hat das Werk: Lothar Scholz. An der Wand prangt nun eine schlichte Ersatzmalerei. „Weshalb muss man die ursprüngliche künstlerische Leistung mit solch einem billigen Abklatsch noch zusätzlich verhöhnen?“, fragt ein Nutzer auf Facebook.
Besuch in Boizenburg – der Stadt von Lothar Scholz
Solche Verluste sind kein Einzelfall – sie prägen den Hintergrund, vor dem sich die Erinnerung an den 2015 verstorbenen Lothar Scholz heute behaupten muss. Zumindest an einem Ort wird sie dabei noch aktiv wachgehalten: Boizenburg, eine etwa 11.000 Einwohner*innen große Stadt an der Elbe im nordwestlichen Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist der Geburtsort von Scholz, eine Fliesenfabrik – und das Erste Deutsche Fliesenmuseum. Lothar Scholz hatte das Museum in den 1990ern selbst mit aufgebaut. Auf der Vorderseite des dreistöckigen Backsteinhauses befindet sich ein von ihm hergestelltes Fliesenbild einer alten Fliesenpresse. Heute wird das Museum von einer Gruppe Ehrenamtlicher betrieben – darunter von seiner Tochter Lorén Scholz.
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Die 68-Jährige, kurze Haare und tropfenförmige Ohrringe, öffnet die Tür und führt durch das Gebäude. In Glasvitrinen findet man historische Werke der Fliesenkunst, einer der Räume ist Lothar Scholz gewidmet. Tafeln informieren über sein Leben, hinter Glas liegen Brille, Pinsel und ein Aschenbecher. „Mein Vater war humorvoll, charismatisch – und ein guter Organisator“, erzählt Lorén Scholz. Die Mangelwirtschaft in der DDR? „Er hat immer ein bisschen mehr bestellt und die Materialien gehortet“, sagt sie und lacht. Zugleich habe die Arbeit für Lothar Scholz immer klar im Vordergrund gestanden. „Als Familienmensch habe ich ihn nicht so verehrt, als Künstler schon.“
Als Künstler zeigte sich Scholz hochproduktiv. Nach dem Studium an der Kunsthochschule Weißensee zum Diplom-Baukeramiker war er ab 1958 Mitbegründer und Leiter einer Mosaikwerkstatt im berühmten VEB Stuck und Naturstein, später freiberuflicher Künstler mit Atelier und Werkstätten in Berlin-Lichtenberg. In seinen unterschiedlichen Rollen beteiligte sich Scholz letztlich an der Gestaltung von mehr als 600 DDR-Bauwerken – der Großteil öffentliche Aufträge. Seine Fliesenkunst fand sich dabei an verschiedensten Gebäuden. Zu den bekannteren Projekten zählt unter anderem das 900 m² große Mosaikfries am „Haus des Lehrers“ am Berliner Alexanderplatz, der Entwurf kam von Walter Womacka, die Umsetzung wie so oft von Scholz.
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1980 begann Lorén, gemeinsam mit ihrem Vater zu arbeiten, später verfolgte sie auch eigene Projekte, vor allem im Keramik-Bereich. „Wir waren nicht nur Familie, sondern ebenso Kollegen und Kumpels“, sagt sie. Was nicht immer leicht war. „Lothar hatte klare Vorstellungen und war streng: Wenn ich alles nach Plan umgesetzt hatte, war ich die Perle.“ Ein paar neue Techniken habe sie gleichwohl durchsetzen können.
Bei uns lief das eigentlich wie Malen nach Zahlen
Im Innenhof des Museums steht eine alte Fliesenpresse – das Original, das auf der Außenwand verewigt wurde. „Bei uns lief das eigentlich wie Malen nach Zahlen“, erzählt Lorén Scholz. Für ein großes Fliesenbild hatte ihr Vater zuerst einen genauen Entwurf mit einem maßstabgerechten Raster angefertigt. Daraufhin legte das Team die unglasierten Fliesen auf einem sehr großen Arbeitstisch aus. Um zu prüfen, ob die einzelnen Fliesen heil oder kaputt waren, wurden sie „abgeklingelt“, dann auf der Rückseite nummeriert. In einem nächsten Schritt übertrug das Team die Linien vom Entwurf mit einem Bleistift, Stück für Stück. Die verschiedenen Glasurfarben kamen in die passenden Felder. „Beim Glasieren mussten die Fliesen mit Abstand liegen, damit nichts verläuft“, betont Scholz. Zum Schluss zwei Tage brennen im Ofen. „Eine extrem anstrengende Arbeit.“
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Dann kam die Wende. Lothars Stern begann zu sinken, von nun an dominierten Aufgaben im privaten und denkmalpflegerischen Bereich. Lorén betrieb die Berliner Werkstätten noch bis 1993 und musste dann schließen. Immer mehr Werke wurden zerstört oder verschwanden – es war schwierig, die Übersicht zu behalten. „Lothar war sehr traurig und hatte große Angst.“ Einmal, als ihr Vater schon nicht mehr Autofahren konnte, sei Lorén mit ihm in den Berliner Tierpark gefahren, wo es ebenfalls Wandgestaltungen von ihm gab. „Der damalige Direktor versprach meinem Vater, dass die Bilder bleiben – Lothar hat dann geweint und ihn umarmt.“ 34 Fliesenbilder mit exotischen Vögeln hängen im Tierpark-Café noch immer an den Wänden.
Verschwindet einfach alles? Von den Widersprüchen der Restaurierung
Wenn man sucht, kann man in vielen ostdeutschen Städten die Spuren von Lothar Scholz entdecken – noch. Beispielsweise in Halle. Am Riebeckplatz nahe des Bahnhofs steht ein mit Glasfenstern modernisiertes Bürogebäude. Man würde nicht ahnen, dass es noch aus der DDR stammt – bis man über dem Eingang ein Wandmosaik von Lothar Scholz findet, der Entwurf stammte vonJosé Renau. „Es ist das letzte Stück authentischer DDR-Fassade dieses gesamten Platzes, über den Rest hat sich architektonisch der Westen gelegt“, sagt Martin Maleschka. Der 43-Jährige steht unter dem farbintensiven Mosaik und betrachtet die Verfallsspuren. Einzelne Risse, braun angelaufene Fugen, im unteren Bereich sind bereits Teile herausgebrochen. „An diesen Stellen setzt sich das Regenwasser ab und greift das Mosaik von unten an.“
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Ein paar Kilometer entfernt, im Plattenbaugebiet von Halle-Neustadt. Hier finden sich zwei 35 Meter hohe und sieben Meter breite Wandbilder von Scholz und Renau in einem ehemaligen Bildungszentrum, heute Teil der Stadtverwaltung. Sie wirken futuristisch, mit rund 11.000 Fliesen jeweils monumental. Das linke Bild zeigt Raketen und Wolkenkratzer, das rechte unten Demonstrationen, ganz oben der Kopf von Karl Marx. Verfallsspuren findet man indes nur wenige: Das linke Bild wurde 2005 restauriert, das rechte 2022. Verantwortlich für Letzteres war hauptsächlich die Wüstenrot-Stiftung aus Baden-Württemberg.
Es wäre doch toll, wenn ostdeutsche Städte und Kommunen ihre eigenen Kunstwerke selbst wiederentdecken und wahren
Lorén Scholz blickt ambivalent auf die Restaurierung: „Dass sich überhaupt um das Wandbild gekümmert wurde, ist gut“, sagt sie. Gleichzeitig sei jedoch bei der Festveranstaltung die Rolle ihres Vaters ignoriert worden. „Der Arbeiter wird nicht gewürdigt.“ Sie betont allein die Mühen, die schweren Fliesenkisten und den Mörtel auf die 40 Meter hohe Rüstung zu schleppen – ohne Kran. Dazu die Herstellung von Tausenden handbemalten Fliesen. „Dass das alles keine Erwähnung findet, hat schon sehr wehgetan.“ Ähnlich sieht es auch Martin Maleschka. Er weist zudem auf die Rolle der Auftraggeber hin. „Es wäre doch toll, wenn ostdeutsche Städte und Kommunen ihre eigenen Kunstwerke selbst wiederentdecken und wahren.“ Dies könne gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und etwa den Austausch über Wenderfahrungen fördern.
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Unklare Zukunft in Boizenburg – die Expertise ist noch da
Maleschkas Aussage verweist auf ein tieferliegendes Problem: Es geht nicht nur um den Sitz von Auftraggebern und zur Verfügung stehende Finanzmittel, sondern auch um Wertschätzung und die Weitergabe von Wissen.
Ganz konkret stellt sich in Boizenburg die Frage, wie es überhaupt weitergeht. „Wir sind eine Handvoll Ehrenamtliche im Museumsverein, und ich muss bald darüber nachdenken, meine Rolle abzugeben“, sagt Lorén Scholz. Zugleich hat die Boizenburger Fliesenfabrik 2023 Insolvenz angemeldet – nach 120 Jahren Existenz. Anwohner*innen verweisen im Gespräch auf gestiegene Energiepreise, aber auch schlechte Management-Entscheidungen. Die Hallen, in denen Lothar Scholz seine erste Ausbildung machte, stehen leer.
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Monic Schröter ist mit beiden Schicksalen verbunden. Die 35-jährige Boizenburgerin, blonde Haare und Nasenpiercing, engagiert sich ehrenamtlich im Fliesenmuseum – beim Sommerfest mithelfen, Fliesen umlagern, Buchhaltung. Zugleich hat sie bis zur Insolvenz in der Fliesenfabrik gearbeitet und dort die Finanzen verantwortet. Ihr Sohn spielt Fußball im Stadion, das nach den Fliesenwerken benannt ist.
Das darf nicht passieren, dass alles einfach aufhört
Dass es diesen Ort nicht mehr gibt, kann sie kaum fassen. „Es wurde für die Sanierung des Elbtunnels noch ein Auftrag hier gemacht – sonst hatte man niemanden gefunden, der die Formate noch beherrscht“, sagt sie. Schröter betont, dass sie und weitere ehemalige Kolleg*innen sofort dabei wären, wenn es eine neue Perspektive gebe. „Es ist alles da – es muss bloß jemand kommen, der wirklich Liebe zum Ort hat.“ Schröter erinnert sich an eine Museumsführung, die sie älteren Menschen aus der Region gegeben hatte. „Die Besucher*innen hatten Tränen in den Augen, als sie gesehen hatten, dass hier noch jemand die Traditionen kennt“, sagt sie. „Das darf nicht passieren, dass alles einfach aufhört.“
Gegen das Vergessen – doch wer fühlt sich zuständig?
Auch Martin Maleschka und Lorén Scholz hoffen auf eine fortgesetzte Fliesentradition in Boizenburg – und auf die ernsthafte Wertschätzung des Künstlers Lothar Scholz. Maleschka weist auf eine langsame Mentalitätsveränderung hin. „Es gibt jüngere Menschen, auch in den Behörden, die brennen dafür“, sagt er. Lokale Initiativen von Anwohner*innen und Universitätsprojekte könnten auch helfen, gefährdete Kunstwerke zu sichern. „Letztlich braucht es aber auf Bundesebene einen Beauftragten für ostmoderne Denkmalwürdigkeit, der Kunstwerke wie von Scholz kontextualisieren und retten kann.“
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Bis heute liegen die Fliesen aus Saalow in Kartons, eingelagert, nummeriert, wartend. Die Originale aus der Schwimmhalle in Berlin-Hohenschönhausen wurden derweil entsorgt, heißt es von den Berliner Bäderbetrieben zum Freitag – auf Nachfrage. Die Werke von Lothar Scholz verschwinden selten spektakulär, meist geräuschlos: bei Sanierungen, in Lagerhallen, inmitten leer stehender Ruinen. Ob sie bleiben, entscheidet sich nicht an feierlichen Reden über Erinnerungskultur, sondern daran, wer sich zuständig fühlt – und wer nicht.
gt ein ehemaliges DDR-Pflegeheim: verlassener Gebäudekomplex, eingeschlagene Fenster, überall Graffiti. Ein Abenteuerspielplatz für urbane Entdecker – und ein Ort, an dem DDR-Kunst langsam verschwindet.Bei den Hauseingängen entdecken sie, weswegen sie gekommen sind: die Keramikfliesenbilder von Lothar Scholz. Drei Wandbilder mit Motiven brandenburgischer Orte – weiße Zeichnungen auf rötlichen Fliesen, Wimmelbilder voller Details. Doch die einstige Pracht ist längst vergangen. Ein Bild wurde „abgestemmt“ und fehlt, eines liegt transportbereit in Einzelteilen am Boden, nur eines hängt noch. Nur durch Zufall hatten Maleschka und seine Freunde von dem Diebstahlversuch erfahren – Witterung und Vandalismus setzen den Reliefs zusätzlich zu.Die drei Männer verpacken die auf dem Boden liegenden Fliesen sorgsam in Kartons. Der Plan: In der Scheune eines ortsansässigen Architekten sollen sie vorerst in Sicherheit gebracht, später an den Landkreis übergeben werden. Das letzte hängende Bild wollen sie mit Holzbrettern schützen. Was sie hier machen? Sie retten, was von Lothar Scholz’ Kunst noch übrig ist – weil es sonst kaum jemand tut.Bedauerlicherweise konnte das große Wandbild nicht erhalten werdenBerliner Bäderbetriebe 2025Auch heute, im Dezember 2025, hat sich nicht viel geändert. Nach zwei Jahren Sanierungszeit wird im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen eine Schwimmhalle aus DDR-Zeiten wieder freigegeben. Die Berliner Bäderbetriebe schwärmen in einer Mitteilung von den Renovierungsarbeiten. „Bedauerlicherweise konnte jedoch das große Wandbild nicht erhalten werden“, heißt es. Hinter den Fliesen hätten sich Hohlräume gebildet.Geschaffen hat das Werk: Lothar Scholz. An der Wand prangt nun eine schlichte Ersatzmalerei. „Weshalb muss man die ursprüngliche künstlerische Leistung mit solch einem billigen Abklatsch noch zusätzlich verhöhnen?“, fragt ein Nutzer auf Facebook.Besuch in Boizenburg – der Stadt von Lothar ScholzSolche Verluste sind kein Einzelfall – sie prägen den Hintergrund, vor dem sich die Erinnerung an den 2015 verstorbenen Lothar Scholz heute behaupten muss. Zumindest an einem Ort wird sie dabei noch aktiv wachgehalten: Boizenburg, eine etwa 11.000 Einwohner*innen große Stadt an der Elbe im nordwestlichen Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist der Geburtsort von Scholz, eine Fliesenfabrik – und das Erste Deutsche Fliesenmuseum. Lothar Scholz hatte das Museum in den 1990ern selbst mit aufgebaut. Auf der Vorderseite des dreistöckigen Backsteinhauses befindet sich ein von ihm hergestelltes Fliesenbild einer alten Fliesenpresse. Heute wird das Museum von einer Gruppe Ehrenamtlicher betrieben – darunter von seiner Tochter Lorén Scholz.Placeholder image-7Die 68-Jährige, kurze Haare und tropfenförmige Ohrringe, öffnet die Tür und führt durch das Gebäude. In Glasvitrinen findet man historische Werke der Fliesenkunst, einer der Räume ist Lothar Scholz gewidmet. Tafeln informieren über sein Leben, hinter Glas liegen Brille, Pinsel und ein Aschenbecher. „Mein Vater war humorvoll, charismatisch – und ein guter Organisator“, erzählt Lorén Scholz. Die Mangelwirtschaft in der DDR? „Er hat immer ein bisschen mehr bestellt und die Materialien gehortet“, sagt sie und lacht. Zugleich habe die Arbeit für Lothar Scholz immer klar im Vordergrund gestanden. „Als Familienmensch habe ich ihn nicht so verehrt, als Künstler schon.“Als Künstler zeigte sich Scholz hochproduktiv. Nach dem Studium an der Kunsthochschule Weißensee zum Diplom-Baukeramiker war er ab 1958 Mitbegründer und Leiter einer Mosaikwerkstatt im berühmten VEB Stuck und Naturstein, später freiberuflicher Künstler mit Atelier und Werkstätten in Berlin-Lichtenberg. In seinen unterschiedlichen Rollen beteiligte sich Scholz letztlich an der Gestaltung von mehr als 600 DDR-Bauwerken – der Großteil öffentliche Aufträge. Seine Fliesenkunst fand sich dabei an verschiedensten Gebäuden. Zu den bekannteren Projekten zählt unter anderem das 900 m² große Mosaikfries am „Haus des Lehrers“ am Berliner Alexanderplatz, der Entwurf kam von Walter Womacka, die Umsetzung wie so oft von Scholz.Placeholder image-51980 begann Lorén, gemeinsam mit ihrem Vater zu arbeiten, später verfolgte sie auch eigene Projekte, vor allem im Keramik-Bereich. „Wir waren nicht nur Familie, sondern ebenso Kollegen und Kumpels“, sagt sie. Was nicht immer leicht war. „Lothar hatte klare Vorstellungen und war streng: Wenn ich alles nach Plan umgesetzt hatte, war ich die Perle.“ Ein paar neue Techniken habe sie gleichwohl durchsetzen können.Bei uns lief das eigentlich wie Malen nach ZahlenLorén ScholzIm Innenhof des Museums steht eine alte Fliesenpresse – das Original, das auf der Außenwand verewigt wurde. „Bei uns lief das eigentlich wie Malen nach Zahlen“, erzählt Lorén Scholz. Für ein großes Fliesenbild hatte ihr Vater zuerst einen genauen Entwurf mit einem maßstabgerechten Raster angefertigt. Daraufhin legte das Team die unglasierten Fliesen auf einem sehr großen Arbeitstisch aus. Um zu prüfen, ob die einzelnen Fliesen heil oder kaputt waren, wurden sie „abgeklingelt“, dann auf der Rückseite nummeriert. In einem nächsten Schritt übertrug das Team die Linien vom Entwurf mit einem Bleistift, Stück für Stück. Die verschiedenen Glasurfarben kamen in die passenden Felder. „Beim Glasieren mussten die Fliesen mit Abstand liegen, damit nichts verläuft“, betont Scholz. Zum Schluss zwei Tage brennen im Ofen. „Eine extrem anstrengende Arbeit.“Placeholder image-4Dann kam die Wende. Lothars Stern begann zu sinken, von nun an dominierten Aufgaben im privaten und denkmalpflegerischen Bereich. Lorén betrieb die Berliner Werkstätten noch bis 1993 und musste dann schließen. Immer mehr Werke wurden zerstört oder verschwanden – es war schwierig, die Übersicht zu behalten. „Lothar war sehr traurig und hatte große Angst.“ Einmal, als ihr Vater schon nicht mehr Autofahren konnte, sei Lorén mit ihm in den Berliner Tierpark gefahren, wo es ebenfalls Wandgestaltungen von ihm gab. „Der damalige Direktor versprach meinem Vater, dass die Bilder bleiben – Lothar hat dann geweint und ihn umarmt.“ 34 Fliesenbilder mit exotischen Vögeln hängen im Tierpark-Café noch immer an den Wänden.Verschwindet einfach alles? Von den Widersprüchen der RestaurierungWenn man sucht, kann man in vielen ostdeutschen Städten die Spuren von Lothar Scholz entdecken – noch. Beispielsweise in Halle. Am Riebeckplatz nahe des Bahnhofs steht ein mit Glasfenstern modernisiertes Bürogebäude. Man würde nicht ahnen, dass es noch aus der DDR stammt – bis man über dem Eingang ein Wandmosaik von Lothar Scholz findet, der Entwurf stammte vonJosé Renau. „Es ist das letzte Stück authentischer DDR-Fassade dieses gesamten Platzes, über den Rest hat sich architektonisch der Westen gelegt“, sagt Martin Maleschka. Der 43-Jährige steht unter dem farbintensiven Mosaik und betrachtet die Verfallsspuren. Einzelne Risse, braun angelaufene Fugen, im unteren Bereich sind bereits Teile herausgebrochen. „An diesen Stellen setzt sich das Regenwasser ab und greift das Mosaik von unten an.“Placeholder image-3Ein paar Kilometer entfernt, im Plattenbaugebiet von Halle-Neustadt. Hier finden sich zwei 35 Meter hohe und sieben Meter breite Wandbilder von Scholz und Renau in einem ehemaligen Bildungszentrum, heute Teil der Stadtverwaltung. Sie wirken futuristisch, mit rund 11.000 Fliesen jeweils monumental. Das linke Bild zeigt Raketen und Wolkenkratzer, das rechte unten Demonstrationen, ganz oben der Kopf von Karl Marx. Verfallsspuren findet man indes nur wenige: Das linke Bild wurde 2005 restauriert, das rechte 2022. Verantwortlich für Letzteres war hauptsächlich die Wüstenrot-Stiftung aus Baden-Württemberg.Es wäre doch toll, wenn ostdeutsche Städte und Kommunen ihre eigenen Kunstwerke selbst wiederentdecken und wahrenMartin Maleschka, Architekt und Chronist der Ostmoderne Lorén Scholz blickt ambivalent auf die Restaurierung: „Dass sich überhaupt um das Wandbild gekümmert wurde, ist gut“, sagt sie. Gleichzeitig sei jedoch bei der Festveranstaltung die Rolle ihres Vaters ignoriert worden. „Der Arbeiter wird nicht gewürdigt.“ Sie betont allein die Mühen, die schweren Fliesenkisten und den Mörtel auf die 40 Meter hohe Rüstung zu schleppen – ohne Kran. Dazu die Herstellung von Tausenden handbemalten Fliesen. „Dass das alles keine Erwähnung findet, hat schon sehr wehgetan.“ Ähnlich sieht es auch Martin Maleschka. Er weist zudem auf die Rolle der Auftraggeber hin. „Es wäre doch toll, wenn ostdeutsche Städte und Kommunen ihre eigenen Kunstwerke selbst wiederentdecken und wahren.“ Dies könne gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und etwa den Austausch über Wenderfahrungen fördern.Placeholder image-2Unklare Zukunft in Boizenburg – die Expertise ist noch daMaleschkas Aussage verweist auf ein tieferliegendes Problem: Es geht nicht nur um den Sitz von Auftraggebern und zur Verfügung stehende Finanzmittel, sondern auch um Wertschätzung und die Weitergabe von Wissen.Ganz konkret stellt sich in Boizenburg die Frage, wie es überhaupt weitergeht. „Wir sind eine Handvoll Ehrenamtliche im Museumsverein, und ich muss bald darüber nachdenken, meine Rolle abzugeben“, sagt Lorén Scholz. Zugleich hat die Boizenburger Fliesenfabrik 2023 Insolvenz angemeldet – nach 120 Jahren Existenz. Anwohner*innen verweisen im Gespräch auf gestiegene Energiepreise, aber auch schlechte Management-Entscheidungen. Die Hallen, in denen Lothar Scholz seine erste Ausbildung machte, stehen leer. Placeholder image-1Monic Schröter ist mit beiden Schicksalen verbunden. Die 35-jährige Boizenburgerin, blonde Haare und Nasenpiercing, engagiert sich ehrenamtlich im Fliesenmuseum – beim Sommerfest mithelfen, Fliesen umlagern, Buchhaltung. Zugleich hat sie bis zur Insolvenz in der Fliesenfabrik gearbeitet und dort die Finanzen verantwortet. Ihr Sohn spielt Fußball im Stadion, das nach den Fliesenwerken benannt ist.Das darf nicht passieren, dass alles einfach aufhörtMonic Schröter, Ehrenamtliche Dass es diesen Ort nicht mehr gibt, kann sie kaum fassen. „Es wurde für die Sanierung des Elbtunnels noch ein Auftrag hier gemacht – sonst hatte man niemanden gefunden, der die Formate noch beherrscht“, sagt sie. Schröter betont, dass sie und weitere ehemalige Kolleg*innen sofort dabei wären, wenn es eine neue Perspektive gebe. „Es ist alles da – es muss bloß jemand kommen, der wirklich Liebe zum Ort hat.“ Schröter erinnert sich an eine Museumsführung, die sie älteren Menschen aus der Region gegeben hatte. „Die Besucher*innen hatten Tränen in den Augen, als sie gesehen hatten, dass hier noch jemand die Traditionen kennt“, sagt sie. „Das darf nicht passieren, dass alles einfach aufhört.“Gegen das Vergessen – doch wer fühlt sich zuständig?Auch Martin Maleschka und Lorén Scholz hoffen auf eine fortgesetzte Fliesentradition in Boizenburg – und auf die ernsthafte Wertschätzung des Künstlers Lothar Scholz. Maleschka weist auf eine langsame Mentalitätsveränderung hin. „Es gibt jüngere Menschen, auch in den Behörden, die brennen dafür“, sagt er. Lokale Initiativen von Anwohner*innen und Universitätsprojekte könnten auch helfen, gefährdete Kunstwerke zu sichern. „Letztlich braucht es aber auf Bundesebene einen Beauftragten für ostmoderne Denkmalwürdigkeit, der Kunstwerke wie von Scholz kontextualisieren und retten kann.“Placeholder image-6Bis heute liegen die Fliesen aus Saalow in Kartons, eingelagert, nummeriert, wartend. Die Originale aus der Schwimmhalle in Berlin-Hohenschönhausen wurden derweil entsorgt, heißt es von den Berliner Bäderbetrieben zum Freitag – auf Nachfrage. Die Werke von Lothar Scholz verschwinden selten spektakulär, meist geräuschlos: bei Sanierungen, in Lagerhallen, inmitten leer stehender Ruinen. Ob sie bleiben, entscheidet sich nicht an feierlichen Reden über Erinnerungskultur, sondern daran, wer sich zuständig fühlt – und wer nicht.