Wer seinen Beruf als Journalist ernst nimmt, darf keine Angst davor haben, weh zu tun – vor allem nicht denen, die Macht haben. Sonst wird er schnell zum Propagandisten. Aber auch nicht den eigenen Lesern – denn sonst wird er schnell zum Spiegel. (Dem an der Wand, nicht dem auf Papier.) Und es gibt Situationen, in denen man als Journalist nicht schweigen darf. Auch, wenn man weiß, dass es massiven Gegenwind von eigenen Lesern geben wird.

Heute ist so eine Situation. Es geht um die massiven Angriffe aus der Luft, mit denen Russland gezielt die Energie- und Fernwärmeversorgung in großen Städten der Ukraine lahmlegt – in einem eisigen Winter mit Temperaturen von bis zu minus 16 Grad. Die meisten Wohnblocks in den großen Städten hängen dort, ebenso wie in Russland, am Fernwärmenetz. Jetzt haben unzählige Wohnungen keine Heizung mehr. Was das bedeutet, mag man sich gar nicht ausmalen: Frost in den Wohnungen, Kinder, Alte, die sich mit Decken, Mänteln und Jacken in den eigenen vier Wänden vor dem Erfrieren retten wollen. In vielen Wohnblocks gibt es auch keinen Strom mehr. Und damit meist auch kein Wasser. Und keine Toilettenspülung.

Bekannte berichten von sechs Grad Innentemperatur. Von Kindern, die sich nicht mehr ausziehen wollen. Von Eltern, die mit Tränen in den Augen ihre Steckdosen kontrollieren, in der Hoffnung, dass irgendwo wieder Strom fließt. Ich will das Elend, von dem mir Freunde berichten, und das man auch übereinstimmend in vielen Medien in unterschiedlichen Ländern nachlesen kann, gar nicht weiter beschreiben. Ich bitte Sie nur, sich vorzustellen, was es für Sie bedeuten würde, bei bis zu minus 16 Grad ohne Strom in ihrer Wohnung zu sitzen. Und keinen Ausweg zu haben. Außer ein paar Wärmezelten draußen auf der Straße, die hoffnungslos überfüllt sind.

Kopp Vertreibung 2

Ich weiß – viele meiner Leser haben in Sachen Putin und Russland eine andere Meinung als ich. Und das ist völlig legitim. Ich will niemanden bekehren, und halte mich auch nicht für unfehlbar – im Gegensatz zu vielen der „Haltungsjournalisten“ in den großen Medien. Aber ich will nicht abstumpfen. Auch nicht aus Rücksicht auf meine Leser – bei aller Liebe.

Ich kann es mir nicht verkneifen, sie zu stellen – diese Fragen, die mir den Schlaf rauben. Die nicht rhetorisch gemeint sind, sondern die mich umtreiben. Eine davon: Es ist völlig legitim, die USA nicht zu mögen und/oder die Nato. Es ist auch legitim, Verständnis für Russland zu haben. Aber kann man bei all dem wirklich solchen Terror gegen die Zivilbevölkerung gutheißen? Warum stellen manche Ideologie bzw. Weltanschauung über solches menschliches Leid? Warum sehen hier manche weg, relativieren, reden schön?

Stellen Sie sich für einen Moment vor, umgekehrt würde Kiew solches Leid anrichten, etwa indem er die Fernwärme in mehreren großen russischen Städten zerstören würde. Der Aufschrei wäre – völlig zurecht, gewaltig. Und ich würde mitschreien.

Nein, ich bin nicht Mainstream. Im Gegenteil: Ich bin jemand, der die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg sehr kritisch sieht – weil sie sich gegen die Zivilbevölkerung richtet. Ich kritisiere auch, wie stark dieses Thema verdrängt und tabuisiert ist.

Umso mehr tut es mir weh, wenn heute einige, die hier genauso wie ich eine kritische Sichtweise haben, nun bei Russlands Terror gegen Städte wegsehen oder alles schönreden. Und relativieren. Wenn andere ähnliches oder schlimmeres Unrecht verübt haben – macht das diesen Terror auch nur um ein Quent weniger unerhört?

Es hat mich sehr traurig gemacht, dass manche die Festnahme von Maduro in Venezuela durch die USA mit Putins Krieg gegen die Ukraine gleichgesetzt haben. Kritik an dieser Aktion ist legitim. Aber sie mit Terror gegen ganze Städte gleichzusetzen – das befremdet mich.

Ich schreibe diesen Text sehr traurig. Denn ich denke: Ganz egal, wo man politisch steht, ob bei Moskau, oder bei den USA, oder dazwischen – Terror gegen Zivilbevölkerung geht gar nicht. Und so wenig ich irgendjemand vorhalte, wenn er eine andere Meinung zu Putin hat als ich – so traurig macht es mich, wenn jemand deswegen die Augen verschließt vor diesem Leiden oder es schönredet.

Denn das hier ist kein Text gegen Putin. Es ist ein Text gegen unsere eigene Abstumpfung. Auch gegen meine – es hat viel zu lange gedauert, bis ich mich durchgerungen habe, diesen Text zu schreiben. Allein, dass ich dabei zögerte, erschreckt mich zutiefst – über mich selbst.

Gerade wer Putin sonst verteidigt, sollte jetzt sagen können: Diesen Terror gegen Zivilisten – den trage ich nicht mit, und den rede ich auch nicht schön und relativiere ihn auch nicht – bei allem sonstigen Verständnis.

Ich schreibe das nicht, um jemanden zu bekehren. Ich schreibe es, weil ich nicht mehr schweigen kann. Denn wer nicht bereit ist, gegen den eigenen Stamm aufzustehen, wenn Unrecht geschieht, ist kein Freigeist – sondern ein Mitläufer. Und das will ich nicht sein. Nicht jetzt. Nicht, wenn Babys und Greise bei minus 16 Grad in ihren Wohnungen frieren müssen, weil ein Angreifer gezielt Heizsysteme zerstört.

PS: Dass ich diesen Text so geschrieben habe, liegt an einem der Menschen, der mir am wertvollsten war in meinem Leben, und der mir zum väterlichen Freund wurde: Der große russische Schriftsteller und Dissident Wladimir Wojnowitsch. Er brachte mir bei:

„Sie dürfen nur auf Ihr Gewissen hören! Sonst nichts! Man muss tun, was man tun muss, und komme, was wolle!“

Ich hoffe, Wladimir Wojnowitsch schaut jetzt von irgendwo da oben zufrieden auf mich herunter. Warum und wie er mich prägte, können Sie in diesem Text lesen, der gleichzeitig ein Glaubensbekenntnis ist: „Warum Schweigen Verrat wäre – Der russische Schriftsteller, der mich prägte“.

Was mich traurig macht: Solche Texte wie dieser fehlen in weiten Teilen der sogenannten alternativen Medienszene. Dabei weiß ich, dass es dort Kollegen gibt, die ähnlich empfinden – aber sich nicht trauen, es zu schreiben. Aus Rücksicht. Aus Taktik. Aus Angst vor der eigenen Community. Vielleicht auch aus Bequemlichkeit. Und genau das ist das eigentlich Erschreckende.

Im Dezember 2019 ging meine Seite an den Start – damals mit einem alten Laptop am Küchentisch. Heute erreicht sie regelmäßig mehr Leser als manch großer Medienkonzern. Und trotzdem: Der Küchentisch ist geblieben. Denn eines hat sich nicht geändert – meine Unabhängigkeit. Kein Verlag, keine Zwangsgebühren, keine Steuermittel. Nur Herzblut – und Sie.

Mein Ziel: 

Sie kritisch durch den Wahnsinn unserer Zeit zu lotsen.
Ideologiefrei, unabhängig, furchtlos.

Ohne staatliche Subventionen, ohne Abo-Zwang, ohne Paywall. Niemand muss zahlen, um meine Seite zu lesen – aber ich bin unendlich dankbar für jede Unterstützung, die freiwillig kommt. Sie trägt mich. Denn sie zeigt: Ich habe Rückhalt. Und mein Einsatz – mit allen Risiken, Angriffen und schlaflosen Nächten – ist nicht vergeblich.

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Dafür: Ein großes Dankeschön– von ganzem Herzen!

Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.

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Bild: Screenshot Youtube

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