Warum Vampire? fragt Slavoj Zizek sich
Montage: der Freitag, Material: Getty Images
Vampirfilme erzählen viel über Eliten und Klassen. Oscar-Favorit „Sinners“ ist nicht nur in dieser Hinsicht einzigartig und außergewöhnlich. Über Kants Nichtsterblichkeit, das Dilemma im Blues und die Philosphie der Untoten
Der Film Sinners von Ryan Coogler, der mit allen liberalen Klischees Hollywoods bricht, verdient seine Rekordzahl von 16 Oscar-Nominierungen. Eine komplexe Analyse würde zu weit führen, daher konzentriere ich mich auf einen Aspekt: die seltsame Präsenz von Vampiren in dieser Geschichte über die brutale Realität in den USA der 1930er Jahre. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Schwarzen, deren einziger Trost die Zuflucht in der Bluesmusik ist.
Im Jahr 1932 kehren die Zwillinge Elijah „Smoke“ und Elias „Stack“ Moore nach Jahren in Chicago nach Clarksdale, Mississippi, zurück. Mit gestohlenem Geld kaufen sie vom Grundbesitzer Hogwood ein Sägewerk, um einen Juke Joint für die Schwarze Community zu eröffnen. Ihr Cousin Sammie, Sänger und Gitarrist, schließt sich an, obwohl sein Vater, der Priester Jedidiah, vor dem sündhaften Blues warnt. Sammies transzendente Musik ruft Geister herbei, die sich unter das Publikum mischen.
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Die Sounds ziehen auch den irischen Einwanderer und Vampir-Anführer Remmick und sein Gefolge an. Er will die Menschen verführen und überzeugen, sich ihm anzuschließen, und macht ihnen die Vorteile des Vampirseins schmackhaft: Unsterblichkeit und Freiheit statt Verfolgung.
Er möchte dank Sammie die Geister seiner verlorenen Community beschwören. Außerdem verrät er, dass Hogwood Anführer des örtlichen Ku-Klux-Klans ist. Es kommt zum finalen Kampf, nach dem fast alle (Schwarze und Weiße, Menschen und Vampire) tot sind. Nur Sammie geht nach Chicago und startet eine erfolgreiche Musikerkarriere.
In der letzten Szene, die 1992 spielt, bekommt der gealterte Sammie Besuch von Stack und Mary, seiner weißen Geliebten, die als Vampire zeitlos jung sind. Sammie lehnt das Angebot ab, unsterblich zu werden. Dann spielt er für sie.
Zum Abschied gesteht Sammie, dass trotz der schrecklichen Erinnerungen an diese Nacht der Tag bis zum Gewaltausbruch der beste seines Lebens war.
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Die Seele ist nichtsterblich
Warum also Vampire? Kommen wir auf Immanuel Kant zurück: In seiner Philosophie wird der Raum, in dem Erscheinungen wie Vampire entstehen können, durch die Unterscheidung zwischen negativem und unbestimmtem Urteil eröffnet. Das von Kant zur Veranschaulichung dieser Unterscheidung verwendete Beispiel ist aufschlussreich: das positive Urteil, durch das dem (logischen) Subjekt ein Attribut im Sinne von Eigenschaft zugeschrieben wird. „Die Seele ist sterblich“ ist die negative Beurteilung, durch die dem Subjekt ein Attribut abgesprochen wird. „Die Seele ist nicht sterblich“ ist das unbestimmte Urteil, mit dem wir, anstatt ein Attribut zu negieren, eine bestimmte Nicht-Eigenschaft bekräftigen. In Kants Kritik der reinen Vernunft heißt es daher: „Die Seele ist nichtsterblich“ und nicht unsterblich.
Dieser subtile Unterschied kommt mit Sprachwitz zum Tragen. Erinnern wir uns an Marx’ ironische Kritik an den französischen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon. Marx kritisiert dessen Werk Philosophie des Elends. Marx analysiert in seiner Schrift Das Elend der Philosophie (die Umkehrung findet bereits im Titel selbst statt): „Anstelle des gewöhnlichen Individuums mit seiner gewöhnlichen Art zu sprechen und zu denken, haben wir nichts als diese gewöhnliche Art an sich – ohne das Individuum.“
Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: „Er ist ein Mensch voller idiotischer Eigenschaften“. Dies kann auf gewöhnliche Weise negiert werden: „Er ist ein Mensch ohne idiotische Eigenschaften“; die Negation kann jedoch auch so aussehen: „Er ist voller idiotischer Eigenschaften, ohne ein Mensch zu sein.“ Diese Verlagerung der Negation von der Eigenschaft auf das Subjekt liefert die logische Matrix dessen, was oft das unvorhergesehene Ergebnis unserer Pädagogik ist – sich von den Zwängen der Vorurteile und Klischees zu befreien: Das Ergebnis ist kein Mensch, der sich entspannt und ungezwungen ausdrücken kann, sondern ein automatisiertes Bündel (neuer) Klischees, hinter denen wir keine „echte Person“ mehr wahrnehmen.
Die Faszination der Untoten
Denken wir an das psychologische Training, das darauf abzielt, Menschen aus den Zwängen ihres alltäglichen Denkens zu befreien und ihr „wahres Selbst“ mit all seinen Potenzialen freizusetzen: Sobald aber der Einzelne sich von den alten Klischees befreit hat, die noch in der Lage waren, die dialektische Spannung zwischen ihm und der dahinterstehenden „Persönlichkeit“ aufrechtzuerhalten, treten an ihre Stelle neue Klischees, die genau diese „Tiefe“ der dahinterstehenden Persönlichkeit aufheben. Das Individuum wird zu einem Monster, einer Art von „lebendem Toten“.
Wo stehen, bezogen auf diese Unterscheidungen, Vampire? Lacan definiert „objets a“ als Objekte, die „im Spiegel nicht erfasst werden können“, da sie – wie Vampire – „kein Spiegelbild haben.“ Aber was, wenn sie das genaue Gegenteil sind: das virtuelle Wesen, das nur im Spiegel sichtbar ist, aber in Wirklichkeit nicht vorhanden, wie in den Horrorfilmen? Ein solch paradoxes Objekt, das gerade für die Abwesenheit eines Objekts steht, kann nicht nur auf der Ebene des Inhalts (ein System von Zeichen oder Objekten) verwendet werden – man muss auch das Subjekt einbeziehen, da es nur durch dessen Blick existiert.
Die Tatsache, dass Vampire und andere „lebende Tote“ gewöhnlich als „Dinge“ bezeichnet werden, muss in ihrer kantischen Bedeutung wiedergegeben werden: Ein Vampir ist ein Ding, das wie wir aussieht und sich wie wir verhält, aber keiner von uns ist
Die Beschwörung von Vampiren ist kein Zufall: In unserer Sprache greifen wir auf unbestimmte Urteile zurück, wenn wir Grenzphänomene verstehen wollen, die etablierte Unterschiede untergraben, wie den zwischen Lebenden und Toten: In der Populärkultur werden unheimliche Wesen wie Vampire als „Untote“ bezeichnet. Obwohl sie nicht tot sind, sind sie ganz klar auch nicht lebendig. Die Tatsache, dass Vampire und andere „lebende Tote“ gewöhnlich als „Dinge“ bezeichnet werden, muss in ihrer kantischen Bedeutung wiedergegeben werden: Ein Vampir ist ein Ding, das wie wir aussieht und sich wie wir verhält, aber keiner von uns ist.
Der Unterschied zwischen Vampiren und Lebenden ist der zwischen unbestimmtem und negativem Urteil: Ein Verstorbener verliert die Eigenschaften eines Lebewesens, bleibt jedoch dieselbe Person. Ein Untoter hingegen behält alle Eigenschaften eines Lebewesens, ohne selbst eines zu sein. Wie in dem Marx’schen Witz erhalten wir mit dem Vampir „die gewöhnliche Art zu sprechen und zu denken, rein und einfach – ohne das Individuum“.
Who wants to live forever?
Der Traum von Unsterblichkeit ist lebendig wie eh und je. Xi Jinping wurde ertappt, wie er mit Putin darüber sprach, 150 Jahre alt zu werden, als sie eine Militärparade in Peking verfolgten. Zu hören war, wie ein Putin-Übersetzer dann sagte: „In einigen Jahren können Organe ständig transplantiert werden, sodass Menschen immer länger leben und unsterblich werden können.“ Werden unsterbliche Wesen Menschen sein? In welcher Beziehung stehen Kapitalismus und die Aussicht auf eine posthumane Zukunft zueinander?
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Sonst wird davon ausgegangen, dass der Kapitalismus (eher) historisch ist und Menschlichkeit, einschließlich geschlechtlicher Unterschiede, grundlegender, sogar ahistorisch. Was wir jedoch erleben, ist der Versuch, den Übergang zur Posthumanität in den Kapitalismus zu integrieren.
Darum geht es Milliardären wie Elon Musk: Ihre Vorhersage, dass der Kapitalismus, „wie wir ihn kennen“, zu Ende geht, bezieht sich auf den „menschlichen“ Kapitalismus. Der Übergang, von dem sie sprechen, ist der zum posthumanen Kapitalismus.
Wie in Blade Runner 2049: Hier setzt ein Unternehmer Waisenkinderarbeit ein, um Maschinen zu verschrotten. Aus marxistischer Sicht stellen sich kuriose Fragen: Wenn Androiden arbeiten, findet noch Ausbeutung statt?
Erzeugt ihre Arbeit einen Mehrwert, der über ihren Warenwert hinausgeht, sodass er von ihren Eigentümern als Mehrwert angeeignet werden kann? Die Idee, menschliche Fähigkeiten zu verbessern, um posthumane perfekte Arbeiter oder Soldaten zu schaffen, hat im 20. Jahrhundert eine lange Geschichte.
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In den 1920er Jahren unterstützte Stalin das Affenmenschen-Projekt des Biologen Ilja Iwanow. Durch die Kreuzung von Menschen und Affen wollte er perfekte Arbeiter und Soldaten schaffen, die unempfindlich gegenüber Schmerzen und Müdigkeit sind. Die Experimente scheiterten. Später setzten Nazis Drogen ein, um die Fitness ihrer Soldaten zu steigern. Die US-Armee experimentiert derzeit mit genetischen Veränderungen.
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In der Fiktion treten Untote entweder als Vampire oder Zombies auf. Sie spiegeln Klassenunterschiede wider: Vampire sind kultiviert und aristokratisch, während Zombies unbeholfen und schmutzig sind, eine primitive Revolte der Ausgestoßenen. In Edgar G. Ulmers The Black Cat (1934) zeigt die Gegensätzlichkeit zwischen dem von Bela Lugosi gespielten Werdegast und dem von Boris Karloff gespielten Poelzig beide Arten von Untoten. Lugosi ist der gespenstische, vampirhafte Untote, der von seiner traumatischen Vergangenheit besessen ist, Karloff ein maschinenähnliches Frankenstein-Monster. In der finalen Folterszene beginnt Lugosi, dem lebenden Karloff die Haut abzuziehen. Ist das nicht der auf das Minimum reduzierte Klassenkampf, der Gegensatz zwischen aristokratischem Vampir und dem proletarischen lebenden Toten?
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Die Gleichsetzung von Zombies und der Arbeiterklasse findet sich auch in White Zombie von Victor Halperin (1932). Bezeichnenderweise wird der Hauptschurke, der die Zombies kontrolliert, von Bela Lugosi gespielt, der ein Jahr zuvor als Dracula berühmt geworden war.
White Zombie spielt auf einer Plantage in Haiti, dem Ort der berühmtesten Sklavenrebellion.
Lugosi zeigt einem anderen Plantagenbesitzer seine Zuckerfabrik, in der die Arbeiter Zombies sind, die sich nicht über lange Arbeitszeiten beschweren, keine Gewerkschaften fordern, nie streiken, sondern einfach weiter und weiter arbeiten.
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Was Vampire als Vertreter der Oberschicht betrifft, sei an die beiden 2012 erschienenen Filme über Abraham Lincoln erinnert: Spielbergs Lincoln und sein „lächerlicher Cousin“ Abraham Lincoln Vampirjäger. Der Gewerkschafter und Autor Louis Nayman stellte dazu Folgendes fest:
In Spielbergs Lincoln gelingt es durch „geschickte Rechtsauslegung, Günstlingswirtschaft und Willen, das Verbot der Sklaverei gegen Eliteninteressen durchzusetzen“, so Nayman. Im Gegensatz dazu zeige Abraham Lincoln Vampirjäger, wie „revolutionäre Veränderungen durch die Militanz und Mobilisierung von Außenseitern und Unterdrückten erreicht werden“. Lincoln, dessen Mutter von Vampiren getötet wurde, entdeckt, dass diese auch hinter den Sezessionisten der Konföderation stehen.
Deren Anführer schließt einen Pakt mit Jefferson Davis: Die Vampire helfen der konföderierten Armee, solange diese Sklaven als Blutquelle liefert. Lincoln nutzt die Silberreserven der USA, um Kugeln für die Armee herzustellen, und sichert so den Sieg in Gettysburg – lächerlich? Ja, aber diese Lächerlichkeit ist selbst Symptom ideologischer Unterdrückung oder gar psychotischer Verdrängung. Was aus dem Symbolischen ausgeschlossen ist – der Klassenkampf in seiner Brutalität –, kehrt im Realen einer Halluzination zurück.
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Angekommen im Establishment
Zurück zu Sinners. Es gibt keine Zombies, und die Vampire selbst wechseln die Seiten im Klassenkampf. Auch hier kehrt das, was aus dem Symbolischen ausgeschlossen ist, im Realen einer Halluzination zurück. Dieses Reale ist jedoch nicht mehr der Klassenkampf in seiner ganzen Brutalität, sondern – und das schreibe ich ernsthaft, wenn auch mit aller Ironie – das, wovon Martin Luther King in seiner berühmten Rede träumte: eine Gesellschaft, in der Hautfarbe und soziale Unterschiede keine Rolle mehr spielen.
So präsentiert Remmick die Welt der Vampire: eine der Gleichheit und Unsterblichkeit, befreit von der Angst vor dem Tod. Warum kommt dieser ultimative Emanzipationstraum in Gestalt von Wesen, die unser Blut saugen und in unserer Vorstellung als feudale Grafen oder anonyme Macht des Kapitals erscheinen? Erinnern wir, wie Marx in Übereinstimmung mit dem posthegelianischen Realismus das „tatsächliche Leben“ als positiven Prozess außerhalb der Bewegung des Kapitals, als dessen wesentliche Voraussetzung, auffasste: Das „Leben“ des Kapitals ist ein geisterhaftes Pseudoleben, ein Parasit des tatsächlichen Lebens, eine Art Vampir, der dem tatsächlichen Leben das Leben aussaugt.
Die Herrschaft des Kapitals ist die eines monströsen Subjekts, das aus dem tatsächlichen Leben hervorgeht und dieses seiner eigenen Bewegung unterwirft. Und wie inszeniert Sinners die Verbindung zwischen Blues und Vampiren? Sammies Vater verbietet seinem Sohn den Blues. Als Anhänger patriarchalischer puritanischer Autorität findet er, die Freude am Blues sei sündhaft, gerade weil sie uns aus dem Alltagselend in eine glückselige Ewigkeit entführt, die vergangene und zukünftige Glückseligkeit in einer ewigen Gegenwart wieder zum Leben erweckt.
In gewisser Weise hat er recht, denn ebendiese Eigenschaften des Blues ziehen Vampire an, die Gewalt und Angst ins Haus bringen. Allerdings liegt Sammies Vater darin falsch, weil er nicht sieht, dass Vampire ausschließlich aus der Perspektive der brutalen Welt des Rassismus und Klassenkampfs, die sich eine echte globale Emanzipation nicht einmal vorstellen kann, als Fortsetzung des Blues erscheinen (aus dem Grund sieht er nicht, dass seine Moralität solidarisch mit der Unterdrückung der Schwarzen durch Weiße ist: ihre internalisierte Version).
In ,Sinners‘ sind Vampire nicht Teil der sozialen Realität, sondern eine fantasmatische Ergänzung. Vampire spielen eine ähnliche Rolle wie die reaktionären Visionen einer kommunistischen Gesellschaft als Terror-Gesellschaft, in der die neuen (stalinistischen) Herrscher Menschen aussaugten
In Sinners sind Vampire nicht Teil der sozialen Realität, sondern eine fantasmatische Ergänzung, die den leeren Raum einer emanzipatorischen Zukunft ausfüllt. Vampire spielen eine ähnliche Rolle wie die reaktionären Visionen einer kommunistischen Gesellschaft als Terror-Gesellschaft, in der die neuen (stalinistischen) Herrscher gewöhnliche Menschen aussaugten. Und wenn meist die Realität kommunistischer Gesellschaften ein Albtraum war, bestätigt das, dass die kommunistische Realität selbst ein Verrat ihres emanzipatorischen Potenzials war. Löst Sammie, der sowohl den Vampiren als auch der Unterdrückung durch seinen Vater entkam, diese Spannung?
Leider nein. Am Ende spielt er in einem angesehenen Club für die Oberschicht. Seine Musik klingt nicht mehr subversiv. Er behauptet, der Abend im Jahr 1932, bevor die Gewalt ausbrach, sei der schönste Tag seines Lebens gewesen. Warum? Erinnern wir uns an Adornos viel geschmähten Essay über Jazz, in dem er diesen als pseudo-authentische Unterhaltung für das gebildete weiße Publikum ablehnt. In der letzten Szene des Films macht Sammie genau das – nicht jedoch in jener schicksalhaften Nacht 1932, in der ein Wunder geschieht.
röffnen. Ihr Cousin Sammie, Sänger und Gitarrist, schließt sich an, obwohl sein Vater, der Priester Jedidiah, vor dem sündhaften Blues warnt. Sammies transzendente Musik ruft Geister herbei, die sich unter das Publikum mischen.Placeholder image-1Die Sounds ziehen auch den irischen Einwanderer und Vampir-Anführer Remmick und sein Gefolge an. Er will die Menschen verführen und überzeugen, sich ihm anzuschließen, und macht ihnen die Vorteile des Vampirseins schmackhaft: Unsterblichkeit und Freiheit statt Verfolgung.Er möchte dank Sammie die Geister seiner verlorenen Community beschwören. Außerdem verrät er, dass Hogwood Anführer des örtlichen Ku-Klux-Klans ist. Es kommt zum finalen Kampf, nach dem fast alle (Schwarze und Weiße, Menschen und Vampire) tot sind. Nur Sammie geht nach Chicago und startet eine erfolgreiche Musikerkarriere.In der letzten Szene, die 1992 spielt, bekommt der gealterte Sammie Besuch von Stack und Mary, seiner weißen Geliebten, die als Vampire zeitlos jung sind. Sammie lehnt das Angebot ab, unsterblich zu werden. Dann spielt er für sie.Zum Abschied gesteht Sammie, dass trotz der schrecklichen Erinnerungen an diese Nacht der Tag bis zum Gewaltausbruch der beste seines Lebens war.!—- Parallax text ends here —-!Die Seele ist nichtsterblichWarum also Vampire? Kommen wir auf Immanuel Kant zurück: In seiner Philosophie wird der Raum, in dem Erscheinungen wie Vampire entstehen können, durch die Unterscheidung zwischen negativem und unbestimmtem Urteil eröffnet. Das von Kant zur Veranschaulichung dieser Unterscheidung verwendete Beispiel ist aufschlussreich: das positive Urteil, durch das dem (logischen) Subjekt ein Attribut im Sinne von Eigenschaft zugeschrieben wird. „Die Seele ist sterblich“ ist die negative Beurteilung, durch die dem Subjekt ein Attribut abgesprochen wird. „Die Seele ist nicht sterblich“ ist das unbestimmte Urteil, mit dem wir, anstatt ein Attribut zu negieren, eine bestimmte Nicht-Eigenschaft bekräftigen. In Kants Kritik der reinen Vernunft heißt es daher: „Die Seele ist nichtsterblich“ und nicht unsterblich.Dieser subtile Unterschied kommt mit Sprachwitz zum Tragen. Erinnern wir uns an Marx’ ironische Kritik an den französischen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon. Marx kritisiert dessen Werk Philosophie des Elends. Marx analysiert in seiner Schrift Das Elend der Philosophie (die Umkehrung findet bereits im Titel selbst statt): „Anstelle des gewöhnlichen Individuums mit seiner gewöhnlichen Art zu sprechen und zu denken, haben wir nichts als diese gewöhnliche Art an sich – ohne das Individuum.“Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: „Er ist ein Mensch voller idiotischer Eigenschaften“. Dies kann auf gewöhnliche Weise negiert werden: „Er ist ein Mensch ohne idiotische Eigenschaften“; die Negation kann jedoch auch so aussehen: „Er ist voller idiotischer Eigenschaften, ohne ein Mensch zu sein.“ Diese Verlagerung der Negation von der Eigenschaft auf das Subjekt liefert die logische Matrix dessen, was oft das unvorhergesehene Ergebnis unserer Pädagogik ist – sich von den Zwängen der Vorurteile und Klischees zu befreien: Das Ergebnis ist kein Mensch, der sich entspannt und ungezwungen ausdrücken kann, sondern ein automatisiertes Bündel (neuer) Klischees, hinter denen wir keine „echte Person“ mehr wahrnehmen.Die Faszination der UntotenDenken wir an das psychologische Training, das darauf abzielt, Menschen aus den Zwängen ihres alltäglichen Denkens zu befreien und ihr „wahres Selbst“ mit all seinen Potenzialen freizusetzen: Sobald aber der Einzelne sich von den alten Klischees befreit hat, die noch in der Lage waren, die dialektische Spannung zwischen ihm und der dahinterstehenden „Persönlichkeit“ aufrechtzuerhalten, treten an ihre Stelle neue Klischees, die genau diese „Tiefe“ der dahinterstehenden Persönlichkeit aufheben. Das Individuum wird zu einem Monster, einer Art von „lebendem Toten“.Wo stehen, bezogen auf diese Unterscheidungen, Vampire? Lacan definiert „objets a“ als Objekte, die „im Spiegel nicht erfasst werden können“, da sie – wie Vampire – „kein Spiegelbild haben.“ Aber was, wenn sie das genaue Gegenteil sind: das virtuelle Wesen, das nur im Spiegel sichtbar ist, aber in Wirklichkeit nicht vorhanden, wie in den Horrorfilmen? Ein solch paradoxes Objekt, das gerade für die Abwesenheit eines Objekts steht, kann nicht nur auf der Ebene des Inhalts (ein System von Zeichen oder Objekten) verwendet werden – man muss auch das Subjekt einbeziehen, da es nur durch dessen Blick existiert.Die Tatsache, dass Vampire und andere „lebende Tote“ gewöhnlich als „Dinge“ bezeichnet werden, muss in ihrer kantischen Bedeutung wiedergegeben werden: Ein Vampir ist ein Ding, das wie wir aussieht und sich wie wir verhält, aber keiner von uns istDie Beschwörung von Vampiren ist kein Zufall: In unserer Sprache greifen wir auf unbestimmte Urteile zurück, wenn wir Grenzphänomene verstehen wollen, die etablierte Unterschiede untergraben, wie den zwischen Lebenden und Toten: In der Populärkultur werden unheimliche Wesen wie Vampire als „Untote“ bezeichnet. Obwohl sie nicht tot sind, sind sie ganz klar auch nicht lebendig. Die Tatsache, dass Vampire und andere „lebende Tote“ gewöhnlich als „Dinge“ bezeichnet werden, muss in ihrer kantischen Bedeutung wiedergegeben werden: Ein Vampir ist ein Ding, das wie wir aussieht und sich wie wir verhält, aber keiner von uns ist.Der Unterschied zwischen Vampiren und Lebenden ist der zwischen unbestimmtem und negativem Urteil: Ein Verstorbener verliert die Eigenschaften eines Lebewesens, bleibt jedoch dieselbe Person. Ein Untoter hingegen behält alle Eigenschaften eines Lebewesens, ohne selbst eines zu sein. Wie in dem Marx’schen Witz erhalten wir mit dem Vampir „die gewöhnliche Art zu sprechen und zu denken, rein und einfach – ohne das Individuum“.Who wants to live forever?Der Traum von Unsterblichkeit ist lebendig wie eh und je. Xi Jinping wurde ertappt, wie er mit Putin darüber sprach, 150 Jahre alt zu werden, als sie eine Militärparade in Peking verfolgten. Zu hören war, wie ein Putin-Übersetzer dann sagte: „In einigen Jahren können Organe ständig transplantiert werden, sodass Menschen immer länger leben und unsterblich werden können.“ Werden unsterbliche Wesen Menschen sein? In welcher Beziehung stehen Kapitalismus und die Aussicht auf eine posthumane Zukunft zueinander?Placeholder image-2Sonst wird davon ausgegangen, dass der Kapitalismus (eher) historisch ist und Menschlichkeit, einschließlich geschlechtlicher Unterschiede, grundlegender, sogar ahistorisch. Was wir jedoch erleben, ist der Versuch, den Übergang zur Posthumanität in den Kapitalismus zu integrieren. Darum geht es Milliardären wie Elon Musk: Ihre Vorhersage, dass der Kapitalismus, „wie wir ihn kennen“, zu Ende geht, bezieht sich auf den „menschlichen“ Kapitalismus. Der Übergang, von dem sie sprechen, ist der zum posthumanen Kapitalismus.Wie in Blade Runner 2049: Hier setzt ein Unternehmer Waisenkinderarbeit ein, um Maschinen zu verschrotten. Aus marxistischer Sicht stellen sich kuriose Fragen: Wenn Androiden arbeiten, findet noch Ausbeutung statt?Erzeugt ihre Arbeit einen Mehrwert, der über ihren Warenwert hinausgeht, sodass er von ihren Eigentümern als Mehrwert angeeignet werden kann? Die Idee, menschliche Fähigkeiten zu verbessern, um posthumane perfekte Arbeiter oder Soldaten zu schaffen, hat im 20. Jahrhundert eine lange Geschichte.!—- Parallax text ends here —-!In den 1920er Jahren unterstützte Stalin das Affenmenschen-Projekt des Biologen Ilja Iwanow. Durch die Kreuzung von Menschen und Affen wollte er perfekte Arbeiter und Soldaten schaffen, die unempfindlich gegenüber Schmerzen und Müdigkeit sind. Die Experimente scheiterten. Später setzten Nazis Drogen ein, um die Fitness ihrer Soldaten zu steigern. Die US-Armee experimentiert derzeit mit genetischen Veränderungen.Placeholder image-3In der Fiktion treten Untote entweder als Vampire oder Zombies auf. Sie spiegeln Klassenunterschiede wider: Vampire sind kultiviert und aristokratisch, während Zombies unbeholfen und schmutzig sind, eine primitive Revolte der Ausgestoßenen. In Edgar G. Ulmers The Black Cat (1934) zeigt die Gegensätzlichkeit zwischen dem von Bela Lugosi gespielten Werdegast und dem von Boris Karloff gespielten Poelzig beide Arten von Untoten. Lugosi ist der gespenstische, vampirhafte Untote, der von seiner traumatischen Vergangenheit besessen ist, Karloff ein maschinenähnliches Frankenstein-Monster. In der finalen Folterszene beginnt Lugosi, dem lebenden Karloff die Haut abzuziehen. Ist das nicht der auf das Minimum reduzierte Klassenkampf, der Gegensatz zwischen aristokratischem Vampir und dem proletarischen lebenden Toten?Placeholder image-4Die Gleichsetzung von Zombies und der Arbeiterklasse findet sich auch in White Zombie von Victor Halperin (1932). Bezeichnenderweise wird der Hauptschurke, der die Zombies kontrolliert, von Bela Lugosi gespielt, der ein Jahr zuvor als Dracula berühmt geworden war.White Zombie spielt auf einer Plantage in Haiti, dem Ort der berühmtesten Sklavenrebellion.Lugosi zeigt einem anderen Plantagenbesitzer seine Zuckerfabrik, in der die Arbeiter Zombies sind, die sich nicht über lange Arbeitszeiten beschweren, keine Gewerkschaften fordern, nie streiken, sondern einfach weiter und weiter arbeiten.!—- Parallax text ends here —-!Was Vampire als Vertreter der Oberschicht betrifft, sei an die beiden 2012 erschienenen Filme über Abraham Lincoln erinnert: Spielbergs Lincoln und sein „lächerlicher Cousin“ Abraham Lincoln Vampirjäger. Der Gewerkschafter und Autor Louis Nayman stellte dazu Folgendes fest:In Spielbergs Lincoln gelingt es durch „geschickte Rechtsauslegung, Günstlingswirtschaft und Willen, das Verbot der Sklaverei gegen Eliteninteressen durchzusetzen“, so Nayman. Im Gegensatz dazu zeige Abraham Lincoln Vampirjäger, wie „revolutionäre Veränderungen durch die Militanz und Mobilisierung von Außenseitern und Unterdrückten erreicht werden“. Lincoln, dessen Mutter von Vampiren getötet wurde, entdeckt, dass diese auch hinter den Sezessionisten der Konföderation stehen.Deren Anführer schließt einen Pakt mit Jefferson Davis: Die Vampire helfen der konföderierten Armee, solange diese Sklaven als Blutquelle liefert. Lincoln nutzt die Silberreserven der USA, um Kugeln für die Armee herzustellen, und sichert so den Sieg in Gettysburg – lächerlich? Ja, aber diese Lächerlichkeit ist selbst Symptom ideologischer Unterdrückung oder gar psychotischer Verdrängung. Was aus dem Symbolischen ausgeschlossen ist – der Klassenkampf in seiner Brutalität –, kehrt im Realen einer Halluzination zurück.Placeholder image-5Angekommen im EstablishmentZurück zu Sinners. Es gibt keine Zombies, und die Vampire selbst wechseln die Seiten im Klassenkampf. Auch hier kehrt das, was aus dem Symbolischen ausgeschlossen ist, im Realen einer Halluzination zurück. Dieses Reale ist jedoch nicht mehr der Klassenkampf in seiner ganzen Brutalität, sondern – und das schreibe ich ernsthaft, wenn auch mit aller Ironie – das, wovon Martin Luther King in seiner berühmten Rede träumte: eine Gesellschaft, in der Hautfarbe und soziale Unterschiede keine Rolle mehr spielen.So präsentiert Remmick die Welt der Vampire: eine der Gleichheit und Unsterblichkeit, befreit von der Angst vor dem Tod. Warum kommt dieser ultimative Emanzipationstraum in Gestalt von Wesen, die unser Blut saugen und in unserer Vorstellung als feudale Grafen oder anonyme Macht des Kapitals erscheinen? Erinnern wir, wie Marx in Übereinstimmung mit dem posthegelianischen Realismus das „tatsächliche Leben“ als positiven Prozess außerhalb der Bewegung des Kapitals, als dessen wesentliche Voraussetzung, auffasste: Das „Leben“ des Kapitals ist ein geisterhaftes Pseudoleben, ein Parasit des tatsächlichen Lebens, eine Art Vampir, der dem tatsächlichen Leben das Leben aussaugt.Die Herrschaft des Kapitals ist die eines monströsen Subjekts, das aus dem tatsächlichen Leben hervorgeht und dieses seiner eigenen Bewegung unterwirft. Und wie inszeniert Sinners die Verbindung zwischen Blues und Vampiren? Sammies Vater verbietet seinem Sohn den Blues. Als Anhänger patriarchalischer puritanischer Autorität findet er, die Freude am Blues sei sündhaft, gerade weil sie uns aus dem Alltagselend in eine glückselige Ewigkeit entführt, die vergangene und zukünftige Glückseligkeit in einer ewigen Gegenwart wieder zum Leben erweckt.In gewisser Weise hat er recht, denn ebendiese Eigenschaften des Blues ziehen Vampire an, die Gewalt und Angst ins Haus bringen. Allerdings liegt Sammies Vater darin falsch, weil er nicht sieht, dass Vampire ausschließlich aus der Perspektive der brutalen Welt des Rassismus und Klassenkampfs, die sich eine echte globale Emanzipation nicht einmal vorstellen kann, als Fortsetzung des Blues erscheinen (aus dem Grund sieht er nicht, dass seine Moralität solidarisch mit der Unterdrückung der Schwarzen durch Weiße ist: ihre internalisierte Version).In ,Sinners‘ sind Vampire nicht Teil der sozialen Realität, sondern eine fantasmatische Ergänzung. Vampire spielen eine ähnliche Rolle wie die reaktionären Visionen einer kommunistischen Gesellschaft als Terror-Gesellschaft, in der die neuen (stalinistischen) Herrscher Menschen aussaugtenIn Sinners sind Vampire nicht Teil der sozialen Realität, sondern eine fantasmatische Ergänzung, die den leeren Raum einer emanzipatorischen Zukunft ausfüllt. Vampire spielen eine ähnliche Rolle wie die reaktionären Visionen einer kommunistischen Gesellschaft als Terror-Gesellschaft, in der die neuen (stalinistischen) Herrscher gewöhnliche Menschen aussaugten. Und wenn meist die Realität kommunistischer Gesellschaften ein Albtraum war, bestätigt das, dass die kommunistische Realität selbst ein Verrat ihres emanzipatorischen Potenzials war. Löst Sammie, der sowohl den Vampiren als auch der Unterdrückung durch seinen Vater entkam, diese Spannung?Leider nein. Am Ende spielt er in einem angesehenen Club für die Oberschicht. Seine Musik klingt nicht mehr subversiv. Er behauptet, der Abend im Jahr 1932, bevor die Gewalt ausbrach, sei der schönste Tag seines Lebens gewesen. Warum? Erinnern wir uns an Adornos viel geschmähten Essay über Jazz, in dem er diesen als pseudo-authentische Unterhaltung für das gebildete weiße Publikum ablehnt. In der letzten Szene des Films macht Sammie genau das – nicht jedoch in jener schicksalhaften Nacht 1932, in der ein Wunder geschieht.