Es ist ein Politikum – und es betrifft auch die Bundesrepublik. Das russische Staatsunternehmen Rosatom hat im Februar an der ungarischen Donau damit begonnen, die erste Stahlbeton-Fundamentplatte des neuen Atomkraftwerks Paks II zu gießen. Die beiden Kraftwerksblöcke des russischen Typs WWER-1200 sind bereits seit 2014 geplant.
Lange hatte es so ausgesehen, als werde die deutsche Firma „Siemens Energy“ Teile des Prozessleitsystems liefern. Rechtlich schien das möglich, denn die Firma Rosatom steht nicht auf der EU-Sanktionsliste. Dann aber machte Rosatom selbst einen Rückzieher und kündigte den Vertrag mit dem Lieferanten „aufgrund seiner Unfähigkeit, seine vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen“.
Nun bleiben alle Beteiligten wortkarg: Siemens Energy teilt mit, Fragen zur Aufkündigung der Zusammenarbeit seien an Rosatom, die Bundesregierung und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zu stellen. Aber auch das Wirtschaftsministerium bittet nur „um Verständnis, dass die Bundesregierung zur Wahrung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen keine Auskunft zu etwaigen konkreten Ausfuhranträgen geben kann“. Fast wortgleich äußert sich das BAFA.
Klar ist nur: Die beiden ungarischen Reaktorblöcke werden jetzt ohne deutsche Technik gebaut. Die Komponenten hätten ohnehin „weniger als vier Prozent der gesamten für das Projekt erforderlichen Ausrüstung“ ausgemacht, schreibt Rosatom.
Es ist ein altes Projekt. Schon Ende der 1990er Jahre gab es Pläne für weitere Reaktoren am Standort, wobei anfangs auch der US-Konzern Westinghouse als Erbauer infrage kam, wahlweise auch das kanadische Staatsunternehmen AECL, das auf Schwerwasserreaktoren vom Typ Candu setzte. Doch 2014 schloss der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán überraschend einen Vertrag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ab – somit werden es nun Reaktoren russischer Bauart in der EU.
Mehr Reaktoren werden abgeschaltet als neu gebaut
Es dürfte ein teures Projekt werden, wenn man sich die anderen Reaktor-Neubauten in Europa aus jüngster Zeit betrachtet. Der französische Block Flamanville, der nach 17 Jahren Bauzeit – statt der geplanten 4,5 Jahre – Ende 2024 ans Netz ging, kostete laut dem französischen Rechnungshof inklusive Zinsen 23,7 Milliarden Euro. Ursprünglich war man von 3,3 Milliarden ausgegangen. Ähnlich in Großbritannien.
Das Projekt Hinkley Point C mit zwei Blöcken, dessen Baubeginn 2018 erfolgte, wird bis zu 55 Milliarden Euro kosten und nach derzeitigen Plänen erst 2030 ans Netz gehen. Die britische Regierung hatte dem Betreiber eine Mindestvergütung von anfangs umgerechnet 10,3 Cent je Kilowattstunde zugesichert. Da die garantierten Zahlungen mit der britischen Inflationsrate steigen, liegen sie inzwischen schon bei fast 15 Cent. Hinkley Point soll außerdem nicht der letzte Neubau in Großbritannien sein: Sizewell C ist als weiteres Projekt geplant und wird mit rund 45 Milliarden Euro veranschlagt.
Trotz einzelner Projekte kann aufgrund der hohen Kosten und der langen Bauzeiten von einer „Renaissance der Atomkraft“, wie sie die Nuklearlobby gerne beschwört, keine Rede sein. Das zeigt auch der jüngste „World Nuclear Industry Status Report“, wonach in den vergangenen 20 Jahren weltweit 104 neue Projekte begonnen, aber zugleich 106 Reaktoren abgeschaltet wurden. Bemerkenswert dabei: Fast die Hälfte der Neubauten in diesem Zeitraum, nämlich 51, entfällt auf China.
Derzeit sind weltweit 66 Reaktoren in Bau, allein in China 36. Wenn man zugleich vor Augen hat, dass im Jahr 1979 weltweit beachtliche 234 Reaktoren im Bau waren, haben die aktuellen Zahlen mit einer Renaissance wenig zu tun. Im Jahr 2025 gab es weltweit gerade elf Baustarts, davon fanden neun in China statt; ohne China würde die weltweite Reaktorflotte längst deutlich schrumpfen.
Für die Zukunft setzt die Atomlobby nun auf SMRs: „Small Modular Reactors“. „Sie können in einer Fabrik vorgefertigt und dann zum Einsatzort transportiert werden“, erklärt Siemens Energy. Die meisten SMR-Konzepte seien darauf ausgelegt, 200 bis 300 Megawatt an elektrischer Leistung zu liefern. Allerdings könne die Frage, wie viel Atommüll SMRs im Vergleich zu herkömmlichen Reaktoren produzieren, „heute noch nicht abschließend beantwortet werden“, räumt Siemens Energy ein.
Der nukleare „Status Report“ jedenfalls beschreibt in seiner jüngsten Ausgabe die SMRs „als potemkinsches Dorf“. Obwohl die hohen Kosten und die langen Bauzeiten potenzieller Anlagen immer deutlicher erkennbar würden, stellten Industrie, Politik und Investoren die Blöcke gerne als vielversprechende Energiequelle dar. Aber es gibt daran viel Kritik.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schrieb bereits 2023, der „SMR-Hype“ sei „unbegründet“, weil es sich „um alte Reaktorkonzepte handelt, die sich aufgrund von ökonomischen Nachteilen durch die geringeren Leistungen nicht etabliert haben“. Die Anlagen seien auch weiterhin „radiologisch gefährlich, da sich die Probleme des vermehrten Transports und der Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle vervielfachen würden“.
In einer aktuellen Dissertation an der TU Berlin, gefördert durch das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), schreibt dazu die Autorin Fanny Böse: „Obwohl SMR-Konzepte seit Jahrzehnten bekannt sind, steht derzeit kein Konzept für einen großflächigen Einsatz zur Verfügung.“ Die Arbeit zitiert Untersuchungen, wonach die „einzigen Zukunftsperspektiven der Kernenergie in staatlich kontrollierten ‚Nischen‘ liegen“. Angesichts zunehmender Konkurrenz durch erneuerbare Energien seien SMRs in liberalisierten Märkten nicht wettbewerbsfähig, selbst wenn bei den Erneuerbaren die Kosten der Systemintegration berücksichtigt würden.
Einen erfolglosen Vorstoß, modulare Reaktoren in den Markt zu bringen, gab es übrigens bereits in den 1980er Jahren: Ingenieure dachten an Reaktoren mit 80 bis 200 Megawatt thermischer Leistung, die stadtnah eingesetzt werden sollten. Hochtemperaturreaktor-Modul, kurz „HTR-Modul“, nannten sie die Blöcke damals, an denen die Siemens-Ableger KWU und „Interatom“ zusammen mit der Firma ABB arbeiteten. Mit diesem „standardisierten Vielzweckreaktor“ sollte gar ein standortunabhängiges Genehmigungsverfahren möglich werden.
Die Isar-Amperwerke in München, die Hannoverschen Stadtwerke, der Chemiekonzern Hoechst und das DDR-Chemiekombinat Leuna zeigten Interesse an der Erprobung – doch nach der Katastrophe von Tschernobyl und weil der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop sich als technisches Fiasko entpuppte, wurde Ende 1988 das in Niedersachsen laufende Genehmigungsverfahren für einen standortunabhängigen Vorbescheid abgebrochen.
Viel mehr Strom aus Wind und Sonne im Jahr 2024
Heute treffen die Bemühungen um den SMR auf eine massiv veränderte Energielandschaft. Die absolute Menge an erzeugtem Atomstrom stagniert seit 20 Jahren, ihr Anteil an der globalen Stromerzeugung sinkt zugleich stetig und liegt aktuell bei nur noch neun Prozent. Zugleich legen die Erneuerbaren seit Jahren kräftig zu.
Seit 2019 erzeugen die Erneuerbaren zusammen weltweit mehr Strom als die Atomkraftwerke. Nach den letzten Zahlen von 2024 standen Wind und Photovoltaik bereits kurz davor, jeweils allein die Atomkraft zu überflügeln. Das dürfte ihnen angesichts der Ausbauzahlen spätestens im Jahr 2026 gelingen; im Jahr 2024 stand einer kumulierten Erzeugung der Atomkraft von 2.677 Terawattstunden (TWh) eine Windstromerzeugung von 2.486 TWh und eine Solarstromerzeugung von 2.091 TWh gegenüber.
Die Entwicklung resultiert daraus, dass seit zwei Jahrzehnten die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien jene übersteigen, die in die Atomkraft fließen, wie der „World Nuclear Industry Status Report“ darlegt. Nach Zahlen der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena) wurden im Jahr 2024 weltweit 807 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien investiert, während in die Atomkraft nicht einmal ein Zehntel dieser Summe floss.
Selbst der jüngste „Status Report“ zeigt sich daher hinsichtlich einer globalen Energiewende optimistisch: „Insbesondere Solarenergie in Kombination mit Speichern könnte sich rasch zu einem globalen Treiber der Energiewende entwickeln.“
ichen Verpflichtungen zu erfüllen“.Nun bleiben alle Beteiligten wortkarg: Siemens Energy teilt mit, Fragen zur Aufkündigung der Zusammenarbeit seien an Rosatom, die Bundesregierung und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zu stellen. Aber auch das Wirtschaftsministerium bittet nur „um Verständnis, dass die Bundesregierung zur Wahrung von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen keine Auskunft zu etwaigen konkreten Ausfuhranträgen geben kann“. Fast wortgleich äußert sich das BAFA.Klar ist nur: Die beiden ungarischen Reaktorblöcke werden jetzt ohne deutsche Technik gebaut. Die Komponenten hätten ohnehin „weniger als vier Prozent der gesamten für das Projekt erforderlichen Ausrüstung“ ausgemacht, schreibt Rosatom.Es ist ein altes Projekt. Schon Ende der 1990er Jahre gab es Pläne für weitere Reaktoren am Standort, wobei anfangs auch der US-Konzern Westinghouse als Erbauer infrage kam, wahlweise auch das kanadische Staatsunternehmen AECL, das auf Schwerwasserreaktoren vom Typ Candu setzte. Doch 2014 schloss der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán überraschend einen Vertrag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ab – somit werden es nun Reaktoren russischer Bauart in der EU.Mehr Reaktoren werden abgeschaltet als neu gebautEs dürfte ein teures Projekt werden, wenn man sich die anderen Reaktor-Neubauten in Europa aus jüngster Zeit betrachtet. Der französische Block Flamanville, der nach 17 Jahren Bauzeit – statt der geplanten 4,5 Jahre – Ende 2024 ans Netz ging, kostete laut dem französischen Rechnungshof inklusive Zinsen 23,7 Milliarden Euro. Ursprünglich war man von 3,3 Milliarden ausgegangen. Ähnlich in Großbritannien.Das Projekt Hinkley Point C mit zwei Blöcken, dessen Baubeginn 2018 erfolgte, wird bis zu 55 Milliarden Euro kosten und nach derzeitigen Plänen erst 2030 ans Netz gehen. Die britische Regierung hatte dem Betreiber eine Mindestvergütung von anfangs umgerechnet 10,3 Cent je Kilowattstunde zugesichert. Da die garantierten Zahlungen mit der britischen Inflationsrate steigen, liegen sie inzwischen schon bei fast 15 Cent. Hinkley Point soll außerdem nicht der letzte Neubau in Großbritannien sein: Sizewell C ist als weiteres Projekt geplant und wird mit rund 45 Milliarden Euro veranschlagt. Trotz einzelner Projekte kann aufgrund der hohen Kosten und der langen Bauzeiten von einer „Renaissance der Atomkraft“, wie sie die Nuklearlobby gerne beschwört, keine Rede sein. Das zeigt auch der jüngste „World Nuclear Industry Status Report“, wonach in den vergangenen 20 Jahren weltweit 104 neue Projekte begonnen, aber zugleich 106 Reaktoren abgeschaltet wurden. Bemerkenswert dabei: Fast die Hälfte der Neubauten in diesem Zeitraum, nämlich 51, entfällt auf China.Derzeit sind weltweit 66 Reaktoren in Bau, allein in China 36. Wenn man zugleich vor Augen hat, dass im Jahr 1979 weltweit beachtliche 234 Reaktoren im Bau waren, haben die aktuellen Zahlen mit einer Renaissance wenig zu tun. Im Jahr 2025 gab es weltweit gerade elf Baustarts, davon fanden neun in China statt; ohne China würde die weltweite Reaktorflotte längst deutlich schrumpfen.Für die Zukunft setzt die Atomlobby nun auf SMRs: „Small Modular Reactors“. „Sie können in einer Fabrik vorgefertigt und dann zum Einsatzort transportiert werden“, erklärt Siemens Energy. Die meisten SMR-Konzepte seien darauf ausgelegt, 200 bis 300 Megawatt an elektrischer Leistung zu liefern. Allerdings könne die Frage, wie viel Atommüll SMRs im Vergleich zu herkömmlichen Reaktoren produzieren, „heute noch nicht abschließend beantwortet werden“, räumt Siemens Energy ein.Der nukleare „Status Report“ jedenfalls beschreibt in seiner jüngsten Ausgabe die SMRs „als potemkinsches Dorf“. Obwohl die hohen Kosten und die langen Bauzeiten potenzieller Anlagen immer deutlicher erkennbar würden, stellten Industrie, Politik und Investoren die Blöcke gerne als vielversprechende Energiequelle dar. Aber es gibt daran viel Kritik.Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schrieb bereits 2023, der „SMR-Hype“ sei „unbegründet“, weil es sich „um alte Reaktorkonzepte handelt, die sich aufgrund von ökonomischen Nachteilen durch die geringeren Leistungen nicht etabliert haben“. Die Anlagen seien auch weiterhin „radiologisch gefährlich, da sich die Probleme des vermehrten Transports und der Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle vervielfachen würden“.In einer aktuellen Dissertation an der TU Berlin, gefördert durch das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), schreibt dazu die Autorin Fanny Böse: „Obwohl SMR-Konzepte seit Jahrzehnten bekannt sind, steht derzeit kein Konzept für einen großflächigen Einsatz zur Verfügung.“ Die Arbeit zitiert Untersuchungen, wonach die „einzigen Zukunftsperspektiven der Kernenergie in staatlich kontrollierten ‚Nischen‘ liegen“. Angesichts zunehmender Konkurrenz durch erneuerbare Energien seien SMRs in liberalisierten Märkten nicht wettbewerbsfähig, selbst wenn bei den Erneuerbaren die Kosten der Systemintegration berücksichtigt würden.Einen erfolglosen Vorstoß, modulare Reaktoren in den Markt zu bringen, gab es übrigens bereits in den 1980er Jahren: Ingenieure dachten an Reaktoren mit 80 bis 200 Megawatt thermischer Leistung, die stadtnah eingesetzt werden sollten. Hochtemperaturreaktor-Modul, kurz „HTR-Modul“, nannten sie die Blöcke damals, an denen die Siemens-Ableger KWU und „Interatom“ zusammen mit der Firma ABB arbeiteten. Mit diesem „standardisierten Vielzweckreaktor“ sollte gar ein standortunabhängiges Genehmigungsverfahren möglich werden.Die Isar-Amperwerke in München, die Hannoverschen Stadtwerke, der Chemiekonzern Hoechst und das DDR-Chemiekombinat Leuna zeigten Interesse an der Erprobung – doch nach der Katastrophe von Tschernobyl und weil der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop sich als technisches Fiasko entpuppte, wurde Ende 1988 das in Niedersachsen laufende Genehmigungsverfahren für einen standortunabhängigen Vorbescheid abgebrochen.Viel mehr Strom aus Wind und Sonne im Jahr 2024Heute treffen die Bemühungen um den SMR auf eine massiv veränderte Energielandschaft. Die absolute Menge an erzeugtem Atomstrom stagniert seit 20 Jahren, ihr Anteil an der globalen Stromerzeugung sinkt zugleich stetig und liegt aktuell bei nur noch neun Prozent. Zugleich legen die Erneuerbaren seit Jahren kräftig zu.Seit 2019 erzeugen die Erneuerbaren zusammen weltweit mehr Strom als die Atomkraftwerke. Nach den letzten Zahlen von 2024 standen Wind und Photovoltaik bereits kurz davor, jeweils allein die Atomkraft zu überflügeln. Das dürfte ihnen angesichts der Ausbauzahlen spätestens im Jahr 2026 gelingen; im Jahr 2024 stand einer kumulierten Erzeugung der Atomkraft von 2.677 Terawattstunden (TWh) eine Windstromerzeugung von 2.486 TWh und eine Solarstromerzeugung von 2.091 TWh gegenüber.Die Entwicklung resultiert daraus, dass seit zwei Jahrzehnten die weltweiten Investitionen in erneuerbare Energien jene übersteigen, die in die Atomkraft fließen, wie der „World Nuclear Industry Status Report“ darlegt. Nach Zahlen der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena) wurden im Jahr 2024 weltweit 807 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien investiert, während in die Atomkraft nicht einmal ein Zehntel dieser Summe floss. Selbst der jüngste „Status Report“ zeigt sich daher hinsichtlich einer globalen Energiewende optimistisch: „Insbesondere Solarenergie in Kombination mit Speichern könnte sich rasch zu einem globalen Treiber der Energiewende entwickeln.“