Wer von Deutschland aus nur die Emissionen von Milliardären kritisiert, macht es sich in Sachen Klimaschutz zu leicht, sagt die Biologin Uta Eser, die Mitglied des Ethikrats ist. Heute lebten zu viele Menschen so wie Könige vor 250 Jahren


„Menschen in Hochhäusern ohne Grün leiden stärker unter dem Klimawandel“, sagt Uta Eser

Foto: Paulina Hildesheim für der Freitag


An der Marburger Universität findet im laufenden Wintersemester das Studium Generale unter dem Motto „Resilienz in der 2,5°-Welt“ statt. Dort referieren Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Fachrichtungen darüber, wie man sich am besten auf die Folgen einer ungebremsten Erderwärmung vorbereiten kann. Die Umweltethikerin Uta Eser ist eine der Referentinnen und spricht vorab über die Klimakrise und die Anpassung daran: als eine Frage der Gerechtigkeit.

der Freitag: Frau Eser, in der Vortragsreihe, an der Sie teilnehmen, geht es um die Frage, wie Menschen in einer Welt überleben, die 2,5 Grad wärmer wäre. Wie müssen wir uns das denn vorstellen? Und warum ist die Rede von Resilienz?

Uta Eser: Der Begriff „Resilienz“ wird von der Klimakrise bis zur psychischen Gesundheit für sehr unterschiedliche Phänomene angewendet. Solche Breitbandkonzepte sind mir etwas suspekt. Sie klingen wissenschaftlich, aber sagen wenig aus. Deshalb frage ich in meinem Vortrag nicht, wie eine resiliente Welt aussehen kann, sondern warum die Anpassung an den Klimawandel eine ethische Frage ist. Die Frage: „Wie können wir als Gesellschaft widerstandsfähig bleiben?“, ist ja insofern falsch, als es dieses „Wir“ nicht gibt. Ich würde von der Gerechtigkeitsperspektive aus lieber fragen: Wer ist wie vom Klimawandel betroffen und wer muss was dagegen tun?

Das ist auch der Ansatz der Klimagerechtigkeitsbewegung. Warum ist es so wichtig, die Frage nach Gerechtigkeit zu stellen?

Solange man bei dem generischen „Wir“ bleibt – „Wir sitzen alle im selben Boot, und deshalb müssen wir alle etwas tun“ –, guckt man nicht genau hin: Wem gehört eigentlich das Boot? Wer ist der Kapitän, wer ist der Steuermann, wer sind die Passagiere, und wer schaufelt unten im Maschinenraum die Kohlen in die Öfen und sieht überhaupt nicht, wo das Schiff hinfährt? Das suggeriert, alle seien in der gleichen Weise verantwortlich. Aber schon 1992, bei der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio, haben die Länder des Globalen Nordens anerkannt, dass sie aufgrund ihrer Geschichte, ihrer technischen Möglichkeiten und ihres Reichtums einen massiveren Einfluss auf die Umwelt hatten als die ärmeren Länder – und auch viel mehr Möglichkeiten haben, etwas zu verändern. Diese geteilte, aber unterschiedliche Verantwortung kommt leider in dem Umweltdiskurs zu selten zur Sprache.

Menschen, die in Hochhäusern wohnen ohne jedes Grün, leiden viel mehr unter den Folgen des Klimawandels als die mit gedämmten Einfamilienhäusern und Pool im Garten

Die diesjährige Klimakonferenz ging im November zu Ende. Wie beurteilen Sie ihre Ergebnisse?

Für mich ist das schon immer wieder enttäuschend. Als Ethikerin liegt das so auf der Hand, dass das langfristige Wohl aller Vorrang haben muss vor kurzfristigen Interessen Einzelner. Dass dann doch wieder einzelne Länder ihre ökonomischen Interessen an einer Fortsetzung einer erdölbasierten Entwicklung so durchdrücken, ist frustrierend.

Weltweit wächst die soziale Ungleichheit: Laut Oxfam besitzt das reichste Prozent der Menschheit 45 Prozent des gesamten Vermögens, während 3,4 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze leben. Diese Ungleichheit – vor allem im globalen Maßstab – ist auch für die Klimakrise bedeutsam.

Ich würde das Problem der Ungleichheit nicht auf die Nord-Süd-Thematik beschränken wollen, denn es gibt diese Ungleichheit auch innerhalb der Länder: Auch in Deutschland haben die reicheren Leute einen größeren Fußabdruck als die mit einem geringeren Einkommen. Und Menschen, die in Hochhäusern wohnen ohne jedes Grün, leiden natürlich viel mehr unter den Folgen des Klimawandels als die mit gedämmten Einfamilienhäusern und Pool im Garten.

Wie könnten denn stärker bedrohte Bevölkerungsgruppen besser geschützt werden?

Zum Beispiel, indem wir in Großstädten für schattige, kühle Orte und Trinkwasserspender sorgen. Im Gebäudebereich ist eine konsequente Außenverschattung wichtig, damit es in Wohnungen, Schulen und Krankenhäusern kühl bleibt. Personen oder Kommunen, die dafür die Mittel nicht aufbringen können, müssten für solche Maßnahmen vom Staat Unterstützung erhalten.

Wir als Bürger und Bürgerinnen Deutschlands stehen in der weltweiten Vermögens- und Reichtumspyramide mehrheitlich ziemlich weit oben

Haben Sie eine Idee, wie man die Superreichen dazu bringen könnte, ihre Emissionen zu drosseln und ihr Geld für Klimaschutz, -anpassung und -entschädigungen zur Verfügung zu stellen?

Manchmal halte ich es für ein bisschen wohlfeil, nur auf die Superreichen zu gucken. Klar sind das beeindruckende Zahlen, und es ist evident, dass es nicht gerecht sein kann, dass ein paar wenige so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit und damit auch entsprechend einen immensen Fußabdruck haben! Aber wir dürfen uns auch nicht darum herummogeln, dass wir als Bürger und Bürgerinnen Deutschlands weltweit, wenn man die Vermögens- und Reichtumspyramide anschaut, mehrheitlich ziemlich weit oben sind und abgeben müssten.

Nun ist ja die Angst vor Klimaschutz, also höheren Kosten und Einschränkungen der persönlichen Freiheit, in der Bevölkerung ziemlich groß. Wie kann es gelingen, die Menschen dennoch für den Klimaschutz zu gewinnen?

Ich argumentiere eher auf der ethischen Schiene, warum es gerechtfertigt ist, Menschen bestimmte Dinge zuzumuten.

Also gut. Warum finden Sie das?

Wenn ich mir klarmache, dass mein Lebensstil oder bestimmte Handlungen anderen Menschen schaden, dann ist es, moralisch gesprochen, klar, dass man das nicht tun darf. Es gibt ja keinen Grund, davon auszugehen, dass wir ein Recht darauf haben, als Mehrzahl der Menschen in unserer Gesellschaft so zu leben, wie noch vor 250 Jahren nur die Könige gelebt haben, mit fließend heißem Wasser und jeder mit einer eigenen Kutsche in der Garage! Und wenn ich mal verstanden habe, dass dieser Lebensstandard nur möglich ist, weil wir Menschen und Natur in einer Weise nutzen, die an Ausbeutung grenzt, dann kann ich einfach nicht mehr insistieren, dass ich ein Recht darauf habe, daran nichts zu ändern. Dass etwas moralisch geboten ist, heißt aber selbstverständlich nicht, dass alle entsprechend handeln. Das ist nicht nur beim Klimaschutz so.

In China werden zwar auch noch Kohlekraftwerke gebaut, aber das Thema Umweltschutz ist dort durchaus auch auf der politischen Agenda

Oft hört man das Argument, Deutschland sei ja nur ein ganz kleines Land, das im Vergleich etwa zu China nur ganz wenig emittieren würde …

Natürlich kann man ein so kleines Land wie Deutschland und ein so großes wie China nicht miteinander vergleichen. In China leben fast 1,5 Milliarden Menschen! Man muss den CO₂-Ausstoß ehrlicherweise auf die Pro-Kopf-Emissionen herunterrechnen. Da hat China erst vor fünf Jahren unser Emissionsniveau erreicht. Ich finde es auch relevant, im Sinne des Verursacherprinzips, dass diejenigen, die die jetzige Situation herbeigeführt haben, eine besondere Verantwortung haben, Maßnahmen zu ergreifen. Im Übrigen halte ich es für einen Mythos, dass in China überhaupt kein Umweltbewusstsein besteht. Da werden zwar auch noch Kohlekraftwerke gebaut, aber das Thema Umweltschutz ist dort durchaus auch auf der politischen Agenda.

Was halten Sie von dem bestehenden Instrument des CO₂-Preises?

Schwierig. Solche Ideen sind ja am beliebtesten, weil sie in einem von Preisen geregelten gesellschaftlichen Zusammenleben am anschlussfähigsten sind. Ich habe damit immer Bauchschmerzen. Wenn man es über den Preis regelt, heißt das, dass Leute, die viel Geld haben, Dinge, die man nicht tun soll, weiterhin tun können, weil sie es sich leisten können und die anderen nicht.

Ich finde die Individualisierung des Nachhaltigkeitskonsums total falsch

Was wäre denn die Alternative?

Verbindliche Regeln, an die sich alle halten müssen. Ein Tempolimit etwa, oder eine Deckelung der zulässigen Emissionen von Autos. Gerne ergänzt durch kostengünstige und verlässliche öffentliche Verkehrsmittel. Ich weiß, dass das Ökonomen ganz anders sehen, weil sie sagen, alles, was geregelt ist, ist investitionshemmend. Aber unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten erscheint mir das problematisch.

Überhaupt wird die Verantwortung gerne auf den Einzelnen abgewälzt. Mir erscheint es erfolgversprechender, Verantwortung breiter zu schultern. Wie kann das gehen?

Da bin ich voll bei Ihnen. Ich finde auch die Individualisierung des Nachhaltigkeitskonsums total falsch – dass jeder individuell überlegen muss, soll ich mir dieses Produkt kaufen oder jenes, und welches ist jetzt denn das umweltfreundlichste. Das überfordert die Einzelnen. Genau das ist die Funktion von Regeln: dass sie die Einzelnen von dieser individuellen Verantwortung entlasten. Man einigt sich auf Regeln, die es allen leichter machen, das Richtige zu tun, leichter im Sinne davon, die Dinge verfügbarer und auch preiswerter zu machen, von denen man will, dass sie die Leute tun, wie zum Beispiel Zug statt Auto zu fahren. Und das kann eben nur Politik.

Was wünschen Sie sich im Hinblick auf den Klimawandel?

Mit Wunschzetteln hab ich mich schon als Kind schwergetan … Weihnachten ist ja immer so ein Fest, wo es um die Hoffnung geht. Dabei fällt mir Hannah Arendt ein: Mit jedem Menschen kommt die Möglichkeit des Handelns und damit auch Hoffnung in die Welt. Diese Hoffnung kommt nur zustande, wenn alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten das tun, was sie tun können. Wenn jeder immer nur wartet, bis die anderen anfangen, dann passiert auf jeden Fall nichts. Insofern würde ich mir wünschen, dass von diesem Hoffen – im Sinne von Handeln, als wäre Rettung möglich – bei allen wieder ein bisschen mehr zum Vorschein kommt, statt immer nur auf den finsteren Ausgang zu starren und zu denken: „Wir haben das 1,5-Grad-Ziel gerissen, jetzt können wir es auch gerade bleiben lassen.“

Uta Eser, geboren 1964 in Eltville am Rhein, ist promovierte Biologin und Umweltethikerin. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit ethischen Fragen an der Schnittstelle von Ökologie und Politik. Ihr besonderes Interesse gilt dabei dem Schutz der biologischen Vielfalt und den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung. 2024 wurde sie in den Deutschen Ethikrat berufen.

die 2,5 Grad wärmer wäre. Wie müssen wir uns das denn vorstellen? Und warum ist die Rede von Resilienz?Uta Eser: Der Begriff „Resilienz“ wird von der Klimakrise bis zur psychischen Gesundheit für sehr unterschiedliche Phänomene angewendet. Solche Breitbandkonzepte sind mir etwas suspekt. Sie klingen wissenschaftlich, aber sagen wenig aus. Deshalb frage ich in meinem Vortrag nicht, wie eine resiliente Welt aussehen kann, sondern warum die Anpassung an den Klimawandel eine ethische Frage ist. Die Frage: „Wie können wir als Gesellschaft widerstandsfähig bleiben?“, ist ja insofern falsch, als es dieses „Wir“ nicht gibt. Ich würde von der Gerechtigkeitsperspektive aus lieber fragen: Wer ist wie vom Klimawandel betroffen und wer muss was dagegen tun?Das ist auch der Ansatz der Klimagerechtigkeitsbewegung. Warum ist es so wichtig, die Frage nach Gerechtigkeit zu stellen?Solange man bei dem generischen „Wir“ bleibt – „Wir sitzen alle im selben Boot, und deshalb müssen wir alle etwas tun“ –, guckt man nicht genau hin: Wem gehört eigentlich das Boot? Wer ist der Kapitän, wer ist der Steuermann, wer sind die Passagiere, und wer schaufelt unten im Maschinenraum die Kohlen in die Öfen und sieht überhaupt nicht, wo das Schiff hinfährt? Das suggeriert, alle seien in der gleichen Weise verantwortlich. Aber schon 1992, bei der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio, haben die Länder des Globalen Nordens anerkannt, dass sie aufgrund ihrer Geschichte, ihrer technischen Möglichkeiten und ihres Reichtums einen massiveren Einfluss auf die Umwelt hatten als die ärmeren Länder – und auch viel mehr Möglichkeiten haben, etwas zu verändern. Diese geteilte, aber unterschiedliche Verantwortung kommt leider in dem Umweltdiskurs zu selten zur Sprache.Menschen, die in Hochhäusern wohnen ohne jedes Grün, leiden viel mehr unter den Folgen des Klimawandels als die mit gedämmten Einfamilienhäusern und Pool im GartenDie diesjährige Klimakonferenz ging im November zu Ende. Wie beurteilen Sie ihre Ergebnisse?Für mich ist das schon immer wieder enttäuschend. Als Ethikerin liegt das so auf der Hand, dass das langfristige Wohl aller Vorrang haben muss vor kurzfristigen Interessen Einzelner. Dass dann doch wieder einzelne Länder ihre ökonomischen Interessen an einer Fortsetzung einer erdölbasierten Entwicklung so durchdrücken, ist frustrierend.Weltweit wächst die soziale Ungleichheit: Laut Oxfam besitzt das reichste Prozent der Menschheit 45 Prozent des gesamten Vermögens, während 3,4 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze leben. Diese Ungleichheit – vor allem im globalen Maßstab – ist auch für die Klimakrise bedeutsam.Ich würde das Problem der Ungleichheit nicht auf die Nord-Süd-Thematik beschränken wollen, denn es gibt diese Ungleichheit auch innerhalb der Länder: Auch in Deutschland haben die reicheren Leute einen größeren Fußabdruck als die mit einem geringeren Einkommen. Und Menschen, die in Hochhäusern wohnen ohne jedes Grün, leiden natürlich viel mehr unter den Folgen des Klimawandels als die mit gedämmten Einfamilienhäusern und Pool im Garten.Wie könnten denn stärker bedrohte Bevölkerungsgruppen besser geschützt werden?Zum Beispiel, indem wir in Großstädten für schattige, kühle Orte und Trinkwasserspender sorgen. Im Gebäudebereich ist eine konsequente Außenverschattung wichtig, damit es in Wohnungen, Schulen und Krankenhäusern kühl bleibt. Personen oder Kommunen, die dafür die Mittel nicht aufbringen können, müssten für solche Maßnahmen vom Staat Unterstützung erhalten.Wir als Bürger und Bürgerinnen Deutschlands stehen in der weltweiten Vermögens- und Reichtumspyramide mehrheitlich ziemlich weit obenHaben Sie eine Idee, wie man die Superreichen dazu bringen könnte, ihre Emissionen zu drosseln und ihr Geld für Klimaschutz, -anpassung und -entschädigungen zur Verfügung zu stellen?Manchmal halte ich es für ein bisschen wohlfeil, nur auf die Superreichen zu gucken. Klar sind das beeindruckende Zahlen, und es ist evident, dass es nicht gerecht sein kann, dass ein paar wenige so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit und damit auch entsprechend einen immensen Fußabdruck haben! Aber wir dürfen uns auch nicht darum herummogeln, dass wir als Bürger und Bürgerinnen Deutschlands weltweit, wenn man die Vermögens- und Reichtumspyramide anschaut, mehrheitlich ziemlich weit oben sind und abgeben müssten.Nun ist ja die Angst vor Klimaschutz, also höheren Kosten und Einschränkungen der persönlichen Freiheit, in der Bevölkerung ziemlich groß. Wie kann es gelingen, die Menschen dennoch für den Klimaschutz zu gewinnen?Ich argumentiere eher auf der ethischen Schiene, warum es gerechtfertigt ist, Menschen bestimmte Dinge zuzumuten.Also gut. Warum finden Sie das?Wenn ich mir klarmache, dass mein Lebensstil oder bestimmte Handlungen anderen Menschen schaden, dann ist es, moralisch gesprochen, klar, dass man das nicht tun darf. Es gibt ja keinen Grund, davon auszugehen, dass wir ein Recht darauf haben, als Mehrzahl der Menschen in unserer Gesellschaft so zu leben, wie noch vor 250 Jahren nur die Könige gelebt haben, mit fließend heißem Wasser und jeder mit einer eigenen Kutsche in der Garage! Und wenn ich mal verstanden habe, dass dieser Lebensstandard nur möglich ist, weil wir Menschen und Natur in einer Weise nutzen, die an Ausbeutung grenzt, dann kann ich einfach nicht mehr insistieren, dass ich ein Recht darauf habe, daran nichts zu ändern. Dass etwas moralisch geboten ist, heißt aber selbstverständlich nicht, dass alle entsprechend handeln. Das ist nicht nur beim Klimaschutz so.In China werden zwar auch noch Kohlekraftwerke gebaut, aber das Thema Umweltschutz ist dort durchaus auch auf der politischen AgendaOft hört man das Argument, Deutschland sei ja nur ein ganz kleines Land, das im Vergleich etwa zu China nur ganz wenig emittieren würde …Natürlich kann man ein so kleines Land wie Deutschland und ein so großes wie China nicht miteinander vergleichen. In China leben fast 1,5 Milliarden Menschen! Man muss den CO₂-Ausstoß ehrlicherweise auf die Pro-Kopf-Emissionen herunterrechnen. Da hat China erst vor fünf Jahren unser Emissionsniveau erreicht. Ich finde es auch relevant, im Sinne des Verursacherprinzips, dass diejenigen, die die jetzige Situation herbeigeführt haben, eine besondere Verantwortung haben, Maßnahmen zu ergreifen. Im Übrigen halte ich es für einen Mythos, dass in China überhaupt kein Umweltbewusstsein besteht. Da werden zwar auch noch Kohlekraftwerke gebaut, aber das Thema Umweltschutz ist dort durchaus auch auf der politischen Agenda.Was halten Sie von dem bestehenden Instrument des CO₂-Preises?Schwierig. Solche Ideen sind ja am beliebtesten, weil sie in einem von Preisen geregelten gesellschaftlichen Zusammenleben am anschlussfähigsten sind. Ich habe damit immer Bauchschmerzen. Wenn man es über den Preis regelt, heißt das, dass Leute, die viel Geld haben, Dinge, die man nicht tun soll, weiterhin tun können, weil sie es sich leisten können und die anderen nicht.Ich finde die Individualisierung des Nachhaltigkeitskonsums total falschWas wäre denn die Alternative?Verbindliche Regeln, an die sich alle halten müssen. Ein Tempolimit etwa, oder eine Deckelung der zulässigen Emissionen von Autos. Gerne ergänzt durch kostengünstige und verlässliche öffentliche Verkehrsmittel. Ich weiß, dass das Ökonomen ganz anders sehen, weil sie sagen, alles, was geregelt ist, ist investitionshemmend. Aber unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten erscheint mir das problematisch.Überhaupt wird die Verantwortung gerne auf den Einzelnen abgewälzt. Mir erscheint es erfolgversprechender, Verantwortung breiter zu schultern. Wie kann das gehen?Da bin ich voll bei Ihnen. Ich finde auch die Individualisierung des Nachhaltigkeitskonsums total falsch – dass jeder individuell überlegen muss, soll ich mir dieses Produkt kaufen oder jenes, und welches ist jetzt denn das umweltfreundlichste. Das überfordert die Einzelnen. Genau das ist die Funktion von Regeln: dass sie die Einzelnen von dieser individuellen Verantwortung entlasten. Man einigt sich auf Regeln, die es allen leichter machen, das Richtige zu tun, leichter im Sinne davon, die Dinge verfügbarer und auch preiswerter zu machen, von denen man will, dass sie die Leute tun, wie zum Beispiel Zug statt Auto zu fahren. Und das kann eben nur Politik.Was wünschen Sie sich im Hinblick auf den Klimawandel?Mit Wunschzetteln hab ich mich schon als Kind schwergetan … Weihnachten ist ja immer so ein Fest, wo es um die Hoffnung geht. Dabei fällt mir Hannah Arendt ein: Mit jedem Menschen kommt die Möglichkeit des Handelns und damit auch Hoffnung in die Welt. Diese Hoffnung kommt nur zustande, wenn alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten das tun, was sie tun können. Wenn jeder immer nur wartet, bis die anderen anfangen, dann passiert auf jeden Fall nichts. Insofern würde ich mir wünschen, dass von diesem Hoffen – im Sinne von Handeln, als wäre Rettung möglich – bei allen wieder ein bisschen mehr zum Vorschein kommt, statt immer nur auf den finsteren Ausgang zu starren und zu denken: „Wir haben das 1,5-Grad-Ziel gerissen, jetzt können wir es auch gerade bleiben lassen.“



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