Die Ereignisse im Iran haben eine neue, düstere Qualität erreicht. Inmitten einer Eskalation staatlicher Gewalt, wie sie selbst für die blutige Geschichte der Islamischen Republik außergewöhnlich ist, tritt eine Figur wieder auf die politische Bühne, die viele bereits als Relikt der Vergangenheit betrachtet hatten: Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs von Persien. Seine Ankündigung, nach über vier Jahrzehnten im Exil in den Iran zurückkehren zu wollen, wirkt wie ein Paukenschlag in einem Land, das längst am Rand des Zusammenbruchs steht. Die Worte, mit denen er diesen Schritt beschreibt – „das ist die letzte Schlacht“ – sind nicht nur pathetisch, sondern spiegeln die Dramatik eines historischen Moments wider, in dem sich politische Hoffnung, existenzielle Angst und unvorstellbare Gewalt überlagern. Er ließ sich gar ins Fernsehen schleusen.

Ein Regime im offenen Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Was sich derzeit im Iran abspielt, ist weit mehr als eine Phase sozialer Unruhen oder politischer Proteste.

Die Konsequenz ist fatal. Sicherheitskräfte gehen nicht mehr mit dem Ziel vor, Demonstrationen aufzulösen oder Kontrolle wiederherzustellen, sondern setzen Waffen ein, die aus militärischen Konflikten bekannt sind. Zivilisten werden zu Feinden erklärt, junge Menschen zu legitimen Zielen. Die Protestierenden sind dabei überwiegend unter 30 Jahre alt – eine Generation, die nichts anderes kennt als die Islamische Republik, aber zunehmend nicht mehr bereit ist, sich mit ihr abzufinden.

Die systematische Abschottung der Wahrheit

Parallel zur physischen Gewalt hat das Regime eine zweite Front eröffnet: den Kampf gegen Information. Seit dem 8. Januar wurde der Internetzugang im Iran weitgehend blockiert. Diese Maßnahme dient nicht der öffentlichen Sicherheit, sondern ausschließlich der Verschleierung. Bilder, Videos, Augenzeugenberichte – all das, was moderne Protestbewegungen sichtbar macht, soll unterdrückt werden. Der Iran wird in eine digitale Dunkelheit gezwungen, hinter der sich Gewalt ungestört entfalten kann.

Dass dennoch Informationen nach außen dringen, ist dem Einsatz technischer Ausweichmöglichkeiten zu verdanken. Über Satellitenverbindungen wie Starlink konnten Daten das Land verlassen. Ärzte, die in Kliniken und Notaufnahmen arbeiten, haben unter hohem persönlichem Risiko Zahlen und Berichte zusammengetragen. Diese Informationen zeichnen ein Bild, das kaum zu ertragen ist.

Nach Angaben eines iranischen Ärztenetzwerks sollen bei den jüngsten Protesten mindestens 16.500 Menschen getötet worden sein. Weitere 330.000 sollen Verletzungen erlitten haben. Diese Zahlen sind keine abstrakten Statistiken, sondern stehen für individuelle Schicksale: junge Menschen mit Schusswunden, Familien, die Angehörige verlieren, Ärzte, die unter extremem Druck versuchen zu helfen und dabei selbst ins Visier der Behörden geraten.

Besonders erschütternd ist, dass diese Zahlen als vorsichtige Mindestschätzungen gelten. Viele Verletzte suchen aus Angst vor Verhaftung oder Repression keine medizinische Hilfe auf. Krankenhäuser werden überwacht, Verletzungen registriert, Namen weitergegeben. Wer überlebt, riskiert dennoch Gefängnis oder Schlimmeres. In dieser Atmosphäre wird selbst medizinische Versorgung zu einem Akt des Widerstands.

Ein Vergleich mit früheren Protestwellen zeigt, wie drastisch sich das Vorgehen des Regimes verändert hat. Noch 2022 wurden Demonstrationen überwiegend mit sogenannten „nicht-tödlichen“ Mitteln bekämpft – Gummigeschosse, Schrotmunition, massive Gewalt, aber mit einem gewissen Maß an Zurückhaltung. Heute scheint diese Schwelle überschritten. Militärische Waffen kommen zum Einsatz, und es wird gezielt auf Kopf, Hals und Brust gezielt. Das Ziel ist offensichtlich nicht mehr Abschreckung, sondern Ausschaltung.

Ärzte mit Erfahrung aus Kriegs- und Krisengebieten berichten, dass selbst sie von der Schwere der Verletzungen schockiert sind. Die Art der Wunden, die Häufigkeit tödlicher Treffer, die systematische Anwendung tödlicher Gewalt gegen unbewaffnete Menschen – all das lässt den Begriff „Massaker“ nicht mehr als Übertreibung erscheinen.

Der Ausdruck, den ein beteiligter Arzt für das Geschehen findet, ist drastisch, aber bezeichnend: ein „Genozid unter dem Schutz der digitalen Dunkelheit“. Damit ist nicht nur die physische Vernichtung gemeint, sondern auch der Versuch, Erinnerung, Dokumentation und internationale Reaktion zu verhindern. Ohne Bilder, ohne Videos, ohne Echtzeitberichte droht selbst größtes Leid im globalen Nachrichtenrauschen unterzugehen.

Hier zeigt sich die besondere Grausamkeit moderner Repression: Sie verbindet physische Gewalt mit technischer Kontrolle. Das Regime weiß, dass internationale Aufmerksamkeit ein Schutzfaktor sein kann – und tut alles, um sie zu unterbinden.

Reza Pahlavi als Symbolfigur einer anderen Zukunft

In diesem Kontext erhält die Ankündigung von Reza Pahlavi eine besondere Bedeutung. Er tritt nicht als militärischer Anführer auf, nicht als Politiker mit einem detaillierten Regierungsprogramm, sondern als Symbol. Seine Botschaft richtet sich nicht nur gegen das aktuelle Regime, sondern gegen das gesamte System, das seit 1979 den Iran prägt. Er spricht von einem grundlegenden Neuanfang, von einer politischen Ordnung, die Legitimität zurückgewinnen muss.

Mit fast zwei Millionen Followern auf der Plattform X verfügt Pahlavi über eine Reichweite, die ihn zu einer der sichtbarsten oppositionellen Stimmen macht. Seine Videobotschaft ist kein taktisches Manöver, sondern ein bewusster Schritt in die Öffentlichkeit – mit allen Risiken, die damit verbunden sind.

Ob Pahlavi tatsächlich in den Iran zurückkehren kann, ist völlig offen. Die Machthaber in Teheran dürften ihm die Einreise kaum gestatten. Sollte er dennoch iranischen Boden betreten, wären die Risiken enorm: Verhaftung, Hausarrest oder Schlimmeres sind realistische Szenarien. Dennoch scheint allein die Ankündigung einer Rückkehr eine Wirkung zu entfalten. Sie signalisiert: Die Opposition denkt nicht mehr nur in Kategorien des Exils, sondern beansprucht wieder physische Präsenz.

Diese Symbolik ist nicht zu unterschätzen.





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