Die syrisch-kurdische Geschichte ist geprägt von Unterdrückung, staatlicher Verleumdung und dem Streben nach Selbstverwaltung. Nach der Aufteilung der Siedlungsgebiete in den 1920er Jahren wurden Kurden in Syrien, insbesondere nach 1969, systematisch „arabisiert“ und ihrer Rechte beraubt. Rojava (wörtlich: „Sonnenuntergang“ in der kurdischen Sprache Kurmancî) ist seit 2012 ein von Kurden selbstverwaltetes, multiethnisches Gebiet im Nordosten Syriens.
Das Assad-Regime ließ die Selbstverwaltung zwar missbilligend gewähren, doch auch international war die Region seit 2016 türkischen Militärangegriffen ausgesetzt. Unter der aktuellen Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa war die Region nun im Januar durch die syrischen Streitkräfte unter Beschuss, es kam erneut zu massiven Bedrohungen und Vertreibungen der kurdischen Bevölkerung.
Seit Ende Januar soll nun ein Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung für eine stückweise Integration der Selbstverwaltung in das syrische Staatengebilde sorgen. Die tatsächliche Autonomie Rojavas wird dabei faktisch eingeschränkt, auch wenn zivile Funktionen und bestimmte Rechte der Bevölkerung anerkannt werden sollen.
der Freitag: Frau Abd Elkader, Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt durch den syrischen Bürgerkrieg. Inwiefern hatte diese Zeit Einfluss auf Ihre Arbeit als Journalistin heute?
Heva Abd Elkader: Da ich während des Kriegs oft unter sehr widrigen Umständen für die Schule lernen musste, sind mir die Worte meines Vaters aus dieser Zeit stark in Erinnerung geblieben. Er sagte mir damals fast jeden Tag: „Bildung ist die Waffe der Frau. Du musst lernen, egal unter welchen Umständen“.
So habe ich mich an meiner Bildung festgehalten, wahrscheinlich war das auch eine Art Flucht vor dem Krieg. Während des Kriegs habe ich meine Gedanken oft auf lose Zettel geschrieben, die ich wegwarf, wenn ich die negativen Gefühle wieder überwunden hatte. Dass ich später einmal Journalistin werde, hätte ich nie gedacht – auch, wenn ich schon immer über die Realität schrieb, die ich erlebte.
Seit den 1970er-Jahren bis zum Sturz im Dezember 2024 wurde Syrien von der Familie Assad in einer totalitären Diktatur regiert. Welchen Lebensumständen und Erfahrungen waren Sie und Ihre Familie unter der Herrschaft von Bashar al-Assad ausgesetzt?
Als kurdische Familie in Aleppo, einer Stadt, in der die Mehrheit der Bevölkerung arabisch war, waren wir damals jeden Tag in Lebensgefahr, also wurde das Überleben zu meinem größten Traum. Eines Tages, da musste ich gerade in der fünften oder sechsten Klasse gewesen sein, kam eine Freundin zu mir und sagte, ich dürfe in der Schule kein Kurdisch mehr sprechen, sonst würden sie mich und auch meine Eltern mitnehmen.
Zu Hause haben meine Eltern ab diesem Tag gesagt: „Verratet niemandem, dass wir Kurden sind. Sprecht draußen mit niemandem Kurdisch.“ Dabei möchte ich betonen, dass die Unterdrückung von der Assad-Regierung ausging, nicht von der arabischen Gesellschaft.
Nach der Schule haben Sie weiterhin in Aleppo studiert. Aleppo liegt im Norden Syriens, außerhalb der Region Rojava.
Ja, erst nach meinem Wirtschaftsstudium bin ich dann in die Stadt Amuda gezogen, die im Gouvernement Al-Hasaka liegt – in der Region Rojava.
Mit Beginn des Bürgerkriegs 2011 in Syrien wurde 2014 im Nordosten dann die kurdisch selbstverwaltete Region Rojava ausgerufen. Was bedeutet dieses Gebiet für Sie?
Für mich gehört Rojava nicht nur den Kurden – dort leben wir zusammen mit Arabern, Assyrern, Armeniern, Turkmenen und anderen Gemeinschaften. Für mich als Kurdin ist Rojava Teil meiner Persönlichkeit und meiner Kultur. Ich liebe Rojava, sie ist meine Heimat und meine Zukunft.
Seit drei Jahren arbeiten Sie bei dem unabhängigen Radiosender ARTA FM. Konnten Sie Ihre Arbeit unbehelligt ausführen?
Als ich bei ARTA FM begann, erzählte ich niemandem davon, da ich Rojava oft verlassen musste, um meine Familie in Aleppo zu besuchen. An Flughäfen hatte ich ständig Angst, dass man mich herausziehen würde, denn jederzeit hätte mein Beruf zu Verhaftungen oder sogar zum Tod führen können.
Mit dem Sturz des ehemaligen Machthabers Bashar al-Assad im Dezember 2024 ist Ahmed al-Scharaa, ein ehemaliger Al-Quaida-Kämpfer, Präsident einer syrischen Übergangsregierung. Kann das gut gehen?
Das ist die Realität, mit der Syrien nun umgehen muss. Hinzu kommt, dass der Westen ihn unterstützt. Nicht seine Vergangenheit ist entscheidend, sondern, ob er jetzt bereit ist, die Rechtsstaatlichkeit in Syrien zu stärken, und die gesellschaftliche Diversität zu respektieren. Der Übergang muss an seinen politischen Handlungen gemessen werden.
Im Januar startete die syrische Armee eine Blitzoffensive im Norden und Nordosten. Noch bevor sie Rojava angriffen, griffen sie Aleppo und mehrere Städte im Osten Syriens an. Das kurdische Militärbündnis, die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) verteidigte die Gebiete auf kurdischer Seite. Was war das für ein Moment?
Am 6. Januar begannen die Angriffe ohne Vorwarnung und griffen rasant in dem Stadtteil von Aleppo über, in dem auch meine Familie lebt. Ich hätte sie auf einen Schlag verlieren können. Danach weiteten sich die Angriffe auch in Nordostsyrien aus. In Amuda, im Gouvernement al-Hasaka, hatten wir große Angst, alles zu verlieren, was wir in 13 Jahren mühsam aufgebaut hatten. In den Gefängnissen der Region Hasaka befinden sich zudem viele Gefangene des „Islamischen Staates“ – die Freilassung der Insassen brachte uns in Lebensgefahr.
Der Oberbefehlshaber der SDF, Mazlum Abdi, erklärte daraufhin den Kriegszustand.
Ja. Abdi argumentierte, dass die syrische Regierung die Region wieder so kontrollieren wolle wie vor dem Bürgerkrieg. Nach der Kriegserklärung wurde in der Region Generalmobilmachung ausgerufen – für alle, die eine Waffe tragen konnten: Männer, Frauen, sogar Jugendliche. Wir bereiteten uns auf einen Bürgerkrieg vor.
Nach wochenlangen Kämpfen hieß es nun Ende Januar, dass man sich auf ein Abkommen geeinigt hätte – eine umfassende Waffenruhe gilt seither zwischen den SDF und der syrischen Armee. Die Truppen beider Seiten werden sich im Rahmen des Abkommens zurückziehen und die SDF in die syrische Armee eingegliedert werden. Wie sehen Sie diesen Integrationsbestrebungen entgegen?
Positiv, weil das Blutvergießen aufgehört hat. Der Krieg wurde gestoppt. Es gibt keinen Grund, dass wir uns weiter gegenseitig töten. Wir sehen Anzeichen einer Eingliederung in die syrische Regierung, aber das wird uns nicht davon abhalten, weiterhin unsere vollständigen Rechte einzufordern. Es ist nicht das Ende des kurdischen Widerstands und nicht das Ende des Kampfes für kurdische Rechte.
Aber ist es das Ende von Rojava?
Das ist eine wichtige und große Frage. Aber ich habe keine endgültige Antwort darauf. Meiner Meinung nach ist Rojava ein Teil Syriens und wird Teil Syriens bleiben. Wenn die SDF eines Tages nicht mehr existieren sollten, wird Rojava nicht verschwinden. Solange wir existieren, existiert Rojava.
Die autonome Selbstverwaltung in Nordostsyrien galt als progressiv – auch was ihre Frauenpolitik anbelangt. So sind die kurdischen Frauenverteidigungskräfte YPJ Teil der SDF. Wie schätzen Sie die Stellung der Frauen in einem geplanten Zentralstaat Syriens ein?
Frauen sind ein untrennbarer Bestandteil dieser Strukturen, und ich glaube nicht, dass man in diesem Punkt leicht Kompromisse eingeht. Auch bei unserem Radiosender haben wir spezielle Trainingsprogramme und das Projekt „Radio Zîn“, in dem Frauen journalistisch ausgebildet werden und über ihre eigenen Themen sprechen können.
Wie sehen Sie als Journalistin die Zukunft Syriens?
Ich bin optimistisch. Wir befinden uns in einer Phase des Wiederaufbaus. Was den Journalismus anbelangt: Ich glaube an eine freie Presselandschaft in Syrien, weil es Menschen gibt, die hart daran arbeiten. Wir werden Unterstützung aus dem Ausland benötigen, um junge und engagierte Menschen in Syrien professionell auszubilden. Wir müssen an eine Zukunft glauben. Auf Kurdisch sagen wir: „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit.
Heva Abd Alkader ist kurdische Journalistin und arbeitet für den Radiosender ARTA FM, der unter anderem aus der Region Al-Hasaka im Nordosten Syriens ein Programm in den Sprachen Kurdisch, Arabisch, Armenisch und Aramäisch sendet. Im Rahmen einer Delegationsreise der DW Akademie war sie Anfang Februar für eine Woche in Berlin.
etzt. Unter der aktuellen Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa war die Region nun im Januar durch die syrischen Streitkräfte unter Beschuss, es kam erneut zu massiven Bedrohungen und Vertreibungen der kurdischen Bevölkerung.Seit Ende Januar soll nun ein Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung für eine stückweise Integration der Selbstverwaltung in das syrische Staatengebilde sorgen. Die tatsächliche Autonomie Rojavas wird dabei faktisch eingeschränkt, auch wenn zivile Funktionen und bestimmte Rechte der Bevölkerung anerkannt werden sollen.der Freitag: Frau Abd Elkader, Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt durch den syrischen Bürgerkrieg. Inwiefern hatte diese Zeit Einfluss auf Ihre Arbeit als Journalistin heute?Heva Abd Elkader: Da ich während des Kriegs oft unter sehr widrigen Umständen für die Schule lernen musste, sind mir die Worte meines Vaters aus dieser Zeit stark in Erinnerung geblieben. Er sagte mir damals fast jeden Tag: „Bildung ist die Waffe der Frau. Du musst lernen, egal unter welchen Umständen“.So habe ich mich an meiner Bildung festgehalten, wahrscheinlich war das auch eine Art Flucht vor dem Krieg. Während des Kriegs habe ich meine Gedanken oft auf lose Zettel geschrieben, die ich wegwarf, wenn ich die negativen Gefühle wieder überwunden hatte. Dass ich später einmal Journalistin werde, hätte ich nie gedacht – auch, wenn ich schon immer über die Realität schrieb, die ich erlebte.Seit den 1970er-Jahren bis zum Sturz im Dezember 2024 wurde Syrien von der Familie Assad in einer totalitären Diktatur regiert. Welchen Lebensumständen und Erfahrungen waren Sie und Ihre Familie unter der Herrschaft von Bashar al-Assad ausgesetzt?Als kurdische Familie in Aleppo, einer Stadt, in der die Mehrheit der Bevölkerung arabisch war, waren wir damals jeden Tag in Lebensgefahr, also wurde das Überleben zu meinem größten Traum. Eines Tages, da musste ich gerade in der fünften oder sechsten Klasse gewesen sein, kam eine Freundin zu mir und sagte, ich dürfe in der Schule kein Kurdisch mehr sprechen, sonst würden sie mich und auch meine Eltern mitnehmen.Zu Hause haben meine Eltern ab diesem Tag gesagt: „Verratet niemandem, dass wir Kurden sind. Sprecht draußen mit niemandem Kurdisch.“ Dabei möchte ich betonen, dass die Unterdrückung von der Assad-Regierung ausging, nicht von der arabischen Gesellschaft.Nach der Schule haben Sie weiterhin in Aleppo studiert. Aleppo liegt im Norden Syriens, außerhalb der Region Rojava.Ja, erst nach meinem Wirtschaftsstudium bin ich dann in die Stadt Amuda gezogen, die im Gouvernement Al-Hasaka liegt – in der Region Rojava.Mit Beginn des Bürgerkriegs 2011 in Syrien wurde 2014 im Nordosten dann die kurdisch selbstverwaltete Region Rojava ausgerufen. Was bedeutet dieses Gebiet für Sie?Für mich gehört Rojava nicht nur den Kurden – dort leben wir zusammen mit Arabern, Assyrern, Armeniern, Turkmenen und anderen Gemeinschaften. Für mich als Kurdin ist Rojava Teil meiner Persönlichkeit und meiner Kultur. Ich liebe Rojava, sie ist meine Heimat und meine Zukunft.Seit drei Jahren arbeiten Sie bei dem unabhängigen Radiosender ARTA FM. Konnten Sie Ihre Arbeit unbehelligt ausführen?Als ich bei ARTA FM begann, erzählte ich niemandem davon, da ich Rojava oft verlassen musste, um meine Familie in Aleppo zu besuchen. An Flughäfen hatte ich ständig Angst, dass man mich herausziehen würde, denn jederzeit hätte mein Beruf zu Verhaftungen oder sogar zum Tod führen können.Mit dem Sturz des ehemaligen Machthabers Bashar al-Assad im Dezember 2024 ist Ahmed al-Scharaa, ein ehemaliger Al-Quaida-Kämpfer, Präsident einer syrischen Übergangsregierung. Kann das gut gehen?Das ist die Realität, mit der Syrien nun umgehen muss. Hinzu kommt, dass der Westen ihn unterstützt. Nicht seine Vergangenheit ist entscheidend, sondern, ob er jetzt bereit ist, die Rechtsstaatlichkeit in Syrien zu stärken, und die gesellschaftliche Diversität zu respektieren. Der Übergang muss an seinen politischen Handlungen gemessen werden.Im Januar startete die syrische Armee eine Blitzoffensive im Norden und Nordosten. Noch bevor sie Rojava angriffen, griffen sie Aleppo und mehrere Städte im Osten Syriens an. Das kurdische Militärbündnis, die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) verteidigte die Gebiete auf kurdischer Seite. Was war das für ein Moment?Am 6. Januar begannen die Angriffe ohne Vorwarnung und griffen rasant in dem Stadtteil von Aleppo über, in dem auch meine Familie lebt. Ich hätte sie auf einen Schlag verlieren können. Danach weiteten sich die Angriffe auch in Nordostsyrien aus. In Amuda, im Gouvernement al-Hasaka, hatten wir große Angst, alles zu verlieren, was wir in 13 Jahren mühsam aufgebaut hatten. In den Gefängnissen der Region Hasaka befinden sich zudem viele Gefangene des „Islamischen Staates“ – die Freilassung der Insassen brachte uns in Lebensgefahr.Der Oberbefehlshaber der SDF, Mazlum Abdi, erklärte daraufhin den Kriegszustand.Ja. Abdi argumentierte, dass die syrische Regierung die Region wieder so kontrollieren wolle wie vor dem Bürgerkrieg. Nach der Kriegserklärung wurde in der Region Generalmobilmachung ausgerufen – für alle, die eine Waffe tragen konnten: Männer, Frauen, sogar Jugendliche. Wir bereiteten uns auf einen Bürgerkrieg vor.Nach wochenlangen Kämpfen hieß es nun Ende Januar, dass man sich auf ein Abkommen geeinigt hätte – eine umfassende Waffenruhe gilt seither zwischen den SDF und der syrischen Armee. Die Truppen beider Seiten werden sich im Rahmen des Abkommens zurückziehen und die SDF in die syrische Armee eingegliedert werden. Wie sehen Sie diesen Integrationsbestrebungen entgegen?Positiv, weil das Blutvergießen aufgehört hat. Der Krieg wurde gestoppt. Es gibt keinen Grund, dass wir uns weiter gegenseitig töten. Wir sehen Anzeichen einer Eingliederung in die syrische Regierung, aber das wird uns nicht davon abhalten, weiterhin unsere vollständigen Rechte einzufordern. Es ist nicht das Ende des kurdischen Widerstands und nicht das Ende des Kampfes für kurdische Rechte.Aber ist es das Ende von Rojava?Das ist eine wichtige und große Frage. Aber ich habe keine endgültige Antwort darauf. Meiner Meinung nach ist Rojava ein Teil Syriens und wird Teil Syriens bleiben. Wenn die SDF eines Tages nicht mehr existieren sollten, wird Rojava nicht verschwinden. Solange wir existieren, existiert Rojava.Die autonome Selbstverwaltung in Nordostsyrien galt als progressiv – auch was ihre Frauenpolitik anbelangt. So sind die kurdischen Frauenverteidigungskräfte YPJ Teil der SDF. Wie schätzen Sie die Stellung der Frauen in einem geplanten Zentralstaat Syriens ein?Frauen sind ein untrennbarer Bestandteil dieser Strukturen, und ich glaube nicht, dass man in diesem Punkt leicht Kompromisse eingeht. Auch bei unserem Radiosender haben wir spezielle Trainingsprogramme und das Projekt „Radio Zîn“, in dem Frauen journalistisch ausgebildet werden und über ihre eigenen Themen sprechen können.Wie sehen Sie als Journalistin die Zukunft Syriens?Ich bin optimistisch. Wir befinden uns in einer Phase des Wiederaufbaus. Was den Journalismus anbelangt: Ich glaube an eine freie Presselandschaft in Syrien, weil es Menschen gibt, die hart daran arbeiten. Wir werden Unterstützung aus dem Ausland benötigen, um junge und engagierte Menschen in Syrien professionell auszubilden. Wir müssen an eine Zukunft glauben. Auf Kurdisch sagen wir: „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit.