Lange habe ich gezögert, ob ich überhaupt darüber schreiben soll. Denn eigentlich ist es Kindergarten. Kindergarten auf allerhöchster Ebene – mit Designertellern und Weltrettungsambitionen. Aber manchmal sagt ein solcher Kindergarten mehr über den Zustand unserer Gegenwart aus als jedes Strategiepapier.
Der Schauplatz: das berühmt-berüchtigte Weltwirtschaftsforum WEF in Davos. Die Szene: ein Dinner der globalen Entscheider, ausgerichtet von niemand Geringerem als BlackRock-Chef Larry Fink (mehr über ihn und seine Rolle hier in diesem Buch). Geladen: Staatschefs, Würdenträger, Hochfinanz. Und mitten im Menü erhebt sich der US-Handelsminister Howard Lutnick – und spricht Dinge aus, die man in diesem Zirkel nicht sagt. Die früher ganz normal gewesen wären. Aber heute Ketzerei sind in einem Europa, das hinter die Aufklärung zurückgefallen ist – aufgrund moralbesoffener Eliten. Oder genauer gesagt: Glaubenskriegern, denen Heerscharen von gut alimentierten Opportunisten und Karrieristen folgen.
Trumps streitbarer Minister kritisiert Europa. Scharf. Seine Aussagen: Die Welt solle sich stärker auf Kohle als auf erneuerbare Energien konzentrieren. Europa steige wirtschaftlich ab. Unangenehme Wahrheiten – in meinen Augen. Aber selbst für diejenigen, die es anders sehen, sollten es zumindest Thesen sein, über die man streiten könne. Die sie dann widerlegen müssten.
Doch das sind sie nicht mehr gewöhnt. Sie leben in einem totalitären Geisteszustand. Sie haben eine Gesellschaft geschaffen, die Kritik nicht mehr zulässt. In der Zweifel oder gar Diskussion als „Leugnung“ gelten. Diskutiert wird nicht. Stattdessen: Drama.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde verlässt das Dinner demonstrativ. Al Gore buht. Das Essen wird abgebrochen. Der Nachtisch entfällt. Ein diplomatischer GAU auf Porzellan. Und man fragt sich: Was ist aus der guten alten Streitkultur geworden?
Dünnhäutig bis zur Selbstparodie
Diese Szene steht sinnbildlich für ein neues, beunruhigendes Muster. Wer heute in „elitären“ Kreisen eine unbequeme Meinung äußert – sei es zu Energie, Klima, Migration oder ökonomischer Realität –, muss nicht mit einem klugen Gegenargument rechnen, sondern mit moralischer Ächtung. Kritik wird nicht mehr widerlegt – sie wird diffamiert. Gecancelt. Und der Kritiker ad hominem attackiert – oder, weniger fein ausgedrückt: Man pinkelt ihm gegen das Schienbein.
Lagardes Abgang ist kein Ausrutscher, sondern Ausdruck des Zeitgeists: Wer das richtige Narrativ stört, wer vom rot-grün-woken Katechismus abweicht, stört die Ordnung. Und wer die Ordnung stört, wird isoliert. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Wohlfühlkonsens. Um das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Moralisch. Worum es dabei wirklich geht: um die Komfortzone der Mächtigen.
Dass ein US-Minister ausgerechnet in Davos zur Kohle rät, ist natürlich die maximale Provokation für die Gläubigen der Klima-Religion. Ich verwende diesen bösen Begriff, weil genau dieser Moment zeigt: Es ist eine Religion, denn sonst wäre es der Augenblick gewesen, um energisch zu widersprechen statt beleidigt zu buhen oder wegzugehen. Auf Fakten zu verweisen, Argumente, Zahlen. Stattdessen: beleidigter Rückzug. Ein Kommunikationsstil wie im Pausenhof eines Gymnasiums, nicht aus der Chefetage der Europäischen Zentralbank.
Europa in der Rolle der Diva
Man kann über Howard Lutnick denken, was man will. Aber eins hat er offengelegt: Die Nerven liegen blank. Europa ist wirtschaftlich im Sinkflug. Die selbstauferlegte Energiewende produziert Rekorde – bei Strompreisen, Produktionsverlagerung und Wohlstandsverlust.
Die allergische Reaktion auf seine Diagnose zeigt: Die Selbstgewissheit der Eliten beginnt zu bröckeln. Ihre Nerven liegen blank. Sie sehen ihre (Klima-)Felle davonschwimmen.
Denn hätte Lutnick nachweislich Unsinn geredet, hätte man leise gelacht. Hätte er sich disqualifiziert, hätte man ihm souverän widersprochen. Dass stattdessen die Flucht ergriffen wird, zeigt: Er hat einen wunden Punkt getroffen. Oder wie Karl Kraus sagte: Was trifft, trifft zu.
Wer so reagiert, dem geht es nicht mehr um Argumente, sondern um Rituale der Entrüstung – gleichsam ein katholisches Exorzismus-Ballett gegen das Häretische.
Der Nachtisch fiel aus – wie der Diskurs
Dieses Davos-Dinner ist zum Symbol geworden: für eine abgehobene, selbstverliebte Elite, die sich vor Kritik schützt wie vor einer Viruserkrankung. Masken braucht es dazu heute nicht mehr – dafür gibt es moralische Entrüstung, cancel culture und den ultimativen Affront: das Verlassen des Tisches.
Was mich daran besonders frappiert: Diese völlige Unfähigkeit, Kritik als Anlass zur Reflexion zu begreifen. Wenn ein Amerikaner sagt, Europa verliere wirtschaftlich den Anschluss – dann kann man das für grob, unsensibel, politisch motiviert halten. Aber falsch ist es nun einmal nicht. Das Energiedesaster, die Deindustrialisierung, die wachsende bürokratische Selbstlähmung: All das sehen nüchterne Ökonomen längst. Und selbst die, die Lutnick inhaltlich ablehnen, müssten doch zugeben, dass Europa momentan vor allem durch Dekadenz, nicht durch Dynamik auffällt.
Und genau das scheint der Punkt zu sein: Lagarde steht nicht auf, obwohl Lutnick trifft, sondern weil er trifft. Es brodelt unter der Oberfläche – und wer so emotional auf einen Reiz reagiert, hat entweder ein Ego-Problem oder ein schlechtes Gewissen. Gestern fühlten sie sich mit ihrem Klima-Kult noch als Avantgarde. Heute spüren sie: Der Rest der Welt schüttelt den Kopf über sie. Sie wirken wie eine Mischung aus esoterischem Zirkel und Kindergarten. Und der US-Minister hat vor der ganzen Welt gezeigt: Der Kaiser ist nackt.
Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.
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