Unsere Autorin ist Tochter einer ostdeutschen Fleischwarenfachverkäuferin. Als sie von der Abwicklung der Eberswalder Wurstwerke durch den westdeutschen Tönnies-Konzern erfuhr, zuckte sie trotzdem erst einmal arrogant mit den Schultern

Collage: der Freitag, Material: iStock


„Marktbereinigung“, so nennt man das heute, wenn ein Großkonzern ein potenzielles Konkurrenzunternehmen aufkauft, nur um es einige Jahre später dichtzumachen. Da kann der Laie nur staunen: Von der Betriebswirtschaftslehre zur betriebswirtschaftlichen Leere ist es, jedenfalls im Osten, nie sonderlich weit. Das zeigt die Abwicklung der Eberswalder Wurstwerke im brandenburgischen Britz.

Über 500 Mitarbeiter stehen nun vor dem Nichts. Dabei war das Unternehmen erst 2023 vom Wurstgiganten Tönnies übernommen worden. Der versprach Investitionen in der eher strukturschwachen Region – und lieferte stattdessen Jobverluste. Besonders zynisch: Weil das Unternehmen die Übernahme als Neugründung etikettiert, kann es sich wohl die Abfindungen für langjährig Beschäftigte sparen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) schäumt vor Wut, zeigt sich allerdings ohnmächtig: „Wenn das, was hier passiert ist, erlaubt ist, gehört es verboten!“, so Landesbezirksvorsitzender Uwe Ledwig.

Endlich sinnvolle Bürokratie: Veggie Wurst darf nicht Wurst heißen

Mit Etikettenschwindel kennt man sich in der Wurstwarenindustrie ja aus. In der Bärchenwurst ist eher kein Bär zu finden, und im Leberkäs – na, Sie wissen schon. Zum Glück aber wurde der größte Schwindel hochoffiziell unterbunden, denn die vegetarische Wurst darf sich, laut EU-Parlamentsbeschluss, nun nicht mehr Wurst schimpfen: So wird dem arglosen Verbraucher nicht länger Erbsenprotein vorgesetzt, wo er in freudiger Erwartung der Gaumenbefriedigung durch eine Mischung aus Minderwertmuskelfleisch und Kochfett die Lefzen leckt.

Endlich einmal sinnvolle Bürokratie, schließlich kann niemand enden wollen wie der arme Woyzeck, der bekanntermaßen so lange mit Erbsen gefüttert wurde, bis er vor toller Tobsucht die Mutter seines Kindes abstach. Cruciferae! Vermaledeite Kreuzblüter, eh.

Aber ich schweife mal wieder ab. Als ich zuerst von der Eberswalder-Metzelei durch Tönnies erfuhr, zuckte ich – ignorant, wie ich nun einmal bin – die Schultern: Mir doch wurscht, wenn es ein fleischverarbeitendes Unternehmen weniger gibt? Und dass viele Menschen im Osten den Verlust der Traditionswurst betrauerten, schien mir eher Anlass für eine leicht arrogante Glosse nach der Art: Dass im Osten nun schon die Fleischwurst zum Kulturgut avanciert, spricht ja nicht für meine Landsleute …

Ostdeutsche wurden nicht das erste Mal für einen „Appel und ’n Ei“ verkauft

Aber diese Haltung ist, wie gesagt, arrogant und gleichermaßen ignorant. Es wird ja nicht weniger Wurst oder weniger Tierleid produziert, wenn nun in Brandenburg eine Fabrik schließt. Tönnies wird seine Produktion kurzerhand verlagern. Vielleicht zur Abwechslung nach Osteuropa, wo eventuell EU-Fördermittel winken?

Und die Brandenburger – mit ihnen viele andere Ostdeutsche – fühlen sich nicht zu Unrecht an Treuhandpraktiken erinnert: Damals wurden schließlich auch massenhaft volkseigene Betriebe für einen „Appel und ’n Ei“ verkauft, um sich unliebsame Konkurrenten vom Hals zu schaffen.

Wobei es den westdeutschen Konzernen gelang, „Schrödingers Betriebswirtschaftslehre“ zu formulieren: Denn die ostdeutschen Betriebe, die dem Vernehmen nach abgewirtschaftet, konkurrenzunfähig und hoffnungslos veraltet waren, lohnten auf wundersame Weise doch den Einkauf. Wenn dafür mal kein Wirtschaftsnobelpreis fällig wäre!

Wurstboykott, gerne auch mit Alternativprodukten auf Erbsenbasis

Lieber die Konkurrenz kontrollieren als das Tierwohl: Das sympathische Familienunternehmen Tönnies, das den eigenen Angaben nach „im Einklang mit Mensch und Tier“ produziert – vermutlich ist der Klang knackender Knochen gemeint –, ist ja bekanntlich der Wurstwarenproduzent unserer Herzen.

Zurecht erinnert es uns auf seiner Website daran, dass „ein verantwortungsbewusster Genuss von hochwertigen Fleischprodukten als wichtiger Quelle für Nährstoffen“ (sic!) regelrecht geboten ist.

Ich bin zwar keine Christin, dafür aber die Tochter einer ostdeutschen Fleischwarenfachverkäuferin. Und so glaube auch ich an das Wunder der Transsubstantiation: Wo Jesus Wasser in Wein verwandelte, gelingt Tönnies eben die Umwandlung von Schlachtabfall in Qualitätswurst, von Arbeitsplätzen in Arbeitslosigkeit und Sozialplänen in Sozialabbau.

Dass wir Ossis, Heiden, wie wir nun einmal sind, an solche wundersamen Werke nicht glauben, ist ja wohl kaum die Schuld des Unternehmens. Wer sich, trotz all der Wunder, von Tönnies nicht länger die Teewurst-Messe lesen lassen möchte, dem steht es frei, dessen Produkte in Zukunft zu boykottieren. Gerne auch mithilfe alternativer Wurstwaren auf Cruciferae-Basis.

Dieser Text ist zuerst erschienen am 20. Januar 2026

onders zynisch: Weil das Unternehmen die Übernahme als Neugründung etikettiert, kann es sich wohl die Abfindungen für langjährig Beschäftigte sparen.Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) schäumt vor Wut, zeigt sich allerdings ohnmächtig: „Wenn das, was hier passiert ist, erlaubt ist, gehört es verboten!“, so Landesbezirksvorsitzender Uwe Ledwig.Endlich sinnvolle Bürokratie: Veggie Wurst darf nicht Wurst heißenMit Etikettenschwindel kennt man sich in der Wurstwarenindustrie ja aus. In der Bärchenwurst ist eher kein Bär zu finden, und im Leberkäs – na, Sie wissen schon. Zum Glück aber wurde der größte Schwindel hochoffiziell unterbunden, denn die vegetarische Wurst darf sich, laut EU-Parlamentsbeschluss, nun nicht mehr Wurst schimpfen: So wird dem arglosen Verbraucher nicht länger Erbsenprotein vorgesetzt, wo er in freudiger Erwartung der Gaumenbefriedigung durch eine Mischung aus Minderwertmuskelfleisch und Kochfett die Lefzen leckt.Endlich einmal sinnvolle Bürokratie, schließlich kann niemand enden wollen wie der arme Woyzeck, der bekanntermaßen so lange mit Erbsen gefüttert wurde, bis er vor toller Tobsucht die Mutter seines Kindes abstach. Cruciferae! Vermaledeite Kreuzblüter, eh.Aber ich schweife mal wieder ab. Als ich zuerst von der Eberswalder-Metzelei durch Tönnies erfuhr, zuckte ich – ignorant, wie ich nun einmal bin – die Schultern: Mir doch wurscht, wenn es ein fleischverarbeitendes Unternehmen weniger gibt? Und dass viele Menschen im Osten den Verlust der Traditionswurst betrauerten, schien mir eher Anlass für eine leicht arrogante Glosse nach der Art: Dass im Osten nun schon die Fleischwurst zum Kulturgut avanciert, spricht ja nicht für meine Landsleute …Ostdeutsche wurden nicht das erste Mal für einen „Appel und ’n Ei“ verkauftAber diese Haltung ist, wie gesagt, arrogant und gleichermaßen ignorant. Es wird ja nicht weniger Wurst oder weniger Tierleid produziert, wenn nun in Brandenburg eine Fabrik schließt. Tönnies wird seine Produktion kurzerhand verlagern. Vielleicht zur Abwechslung nach Osteuropa, wo eventuell EU-Fördermittel winken?Und die Brandenburger – mit ihnen viele andere Ostdeutsche – fühlen sich nicht zu Unrecht an Treuhandpraktiken erinnert: Damals wurden schließlich auch massenhaft volkseigene Betriebe für einen „Appel und ’n Ei“ verkauft, um sich unliebsame Konkurrenten vom Hals zu schaffen. Wobei es den westdeutschen Konzernen gelang, „Schrödingers Betriebswirtschaftslehre“ zu formulieren: Denn die ostdeutschen Betriebe, die dem Vernehmen nach abgewirtschaftet, konkurrenzunfähig und hoffnungslos veraltet waren, lohnten auf wundersame Weise doch den Einkauf. Wenn dafür mal kein Wirtschaftsnobelpreis fällig wäre!Wurstboykott, gerne auch mit Alternativprodukten auf Erbsenbasis Lieber die Konkurrenz kontrollieren als das Tierwohl: Das sympathische Familienunternehmen Tönnies, das den eigenen Angaben nach „im Einklang mit Mensch und Tier“ produziert – vermutlich ist der Klang knackender Knochen gemeint –, ist ja bekanntlich der Wurstwarenproduzent unserer Herzen.Zurecht erinnert es uns auf seiner Website daran, dass „ein verantwortungsbewusster Genuss von hochwertigen Fleischprodukten als wichtiger Quelle für Nährstoffen“ (sic!) regelrecht geboten ist.Ich bin zwar keine Christin, dafür aber die Tochter einer ostdeutschen Fleischwarenfachverkäuferin. Und so glaube auch ich an das Wunder der Transsubstantiation: Wo Jesus Wasser in Wein verwandelte, gelingt Tönnies eben die Umwandlung von Schlachtabfall in Qualitätswurst, von Arbeitsplätzen in Arbeitslosigkeit und Sozialplänen in Sozialabbau.Dass wir Ossis, Heiden, wie wir nun einmal sind, an solche wundersamen Werke nicht glauben, ist ja wohl kaum die Schuld des Unternehmens. Wer sich, trotz all der Wunder, von Tönnies nicht länger die Teewurst-Messe lesen lassen möchte, dem steht es frei, dessen Produkte in Zukunft zu boykottieren. Gerne auch mithilfe alternativer Wurstwaren auf Cruciferae-Basis.Dieser Text ist zuerst erschienen am 20. Januar 2026



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