
Papst Leo XIV. denkt längst nicht mehr von Rom aus nach Europa, sondern von einer Weltkirche aus in viele Richtungen zugleich. Alles andere käme langfristig dem Untergang der Römischen Kirche gleich.
Ein neuer Löwe
Wer einen neuen Pontifex Maximus einordnen will, der sollte zuerst auf die Namenswahl schauen: Leo. Es gibt zwei Leos, die für Robert Francis Prevost maßgeblich gewesen sein dürften. Zum einen der XIII. Leo, der im späten 19. Jahrhundert die katholische Soziallehre begründete und den Wert der Arbeit thematisierte. Zum anderen Leo I., der Große, der dem Papsttum, so wie wir es kennen, zum Durchbruch verholfen hat.
Um eine päpstliche Programmatik ansatzweise zu verstehen, sind außerdem relevante Aussagen hilfreich. In seiner Zeit als oberster Augustiner kommentierte Prevost die Massenmedien: Diese seien „außerordentlich effektiv“ darin, Sympathien für Lebensstile und Überzeugungen hervorzurufen, die der Botschaft der Bibel widersprächen. Als Beispiele nannte er den „homosexuellen Lebensstil“, Abtreibung sowie Sterbehilfe. Prevost lehnte zudem positive oder sympathisierende Darstellungen von „Regenbogenfamilien“ in Film und Fernsehen ab.
In diesen Aspekten ist er auf einer Linie mit seinen päpstlichen Vorgängern. Auch mit Franziskus, der bei aller Konzilianz gegenüber Homosexuellen als Mitmenschen, die „Regenbogen-Ideologie” ausdrücklich ablehnte.
Angekommen im Amt
Sechs Monate auf dem Stuhle Petri sind im Maßstab der Kirchengeschichte kaum mehr als ein Atemzug. Und doch reicht diese Zeit, um zu erkennen, welche Fragen ein Pontifikat prägen werden. Papst Leo XIV. regiert leise, fast unauffällig. Aber über seiner Amtszeit liegt von Beginn an ein Spannungsbogen, der lauter ist als jede päpstliche Rede: Während die Kirche in westlichen Ländern wie Deutschland oder Niederlande Mitglieder in Scharen verliert, wächst sie anderswo – und steht zugleich unter massivem Konkurrenzdruck.
In Europa, besonders in Deutschland, ist der Kirchenaustritt längst kein Tabu mehr, sondern Routine. Leo XIV. kommentiert diese Entwicklung nicht mit kulturpessimistischer Klage. Er stellt Fragen. Fragen, die auch seine Vorgänger Franziskus und Benedikt XVI. gestellt haben. Warum wenden sich Menschen nicht nur innerlich ab, sondern vollziehen bewusst den formalen Bruch? Welche Rolle spielt eine Kirche, die institutionell stark, finanziell abgesichert, aber spirituell oft defensiv wirkt? Und was bedeutet es für den Glauben, wenn Zugehörigkeit primär über Steuerbescheide und Verwaltungsakte definiert wird?
Störende Konkurrenz?
Doch der Blick dieses Papstes bleibt nicht am Westen hängen. Leo XIV. denkt die Kirche global – und dort zeigt sich ein sehr viel widersprüchlicheres Bild. In Südamerika und Teilen Afrikas verliert die katholische Kirche seit Jahren Gläubige an evangelikale und pfingstkirchliche Bewegungen. Diese sind emotionaler, unmittelbarer, oft sozial präsenter. Und ihnen haftet nicht der Hautgout des Kindesmissbrauchs an. Diese neuen Bewegungen versprechen Heilung, Gemeinschaft, klare Antworten. Dagegen wirkt die katholische Kirche mancherorts schwerfällig, hierarchisch, fern vom Alltag der Menschen.
Leo scheint diese Konkurrenz sehr ernst zu nehmen. Er kennt die Lage nur allzu gut. Als Allzweckwaffe seines Augustiner-Ordens wirkte der gebürtige US-Amerikaner in der ganzen katholischen Welt. Kaum ein Papst jüngerer Zeit war so welterfahren wie Robert Francis Prevost. In all seinen Funktionen vom Generalprior der Augustiner über seine Bischofszeit in Peru hin zum einflussreichen Amt des Vorstehers der Bischofskongregation in Rom, ist der Tenor einhellig: tief verankert im Glauben, unbestechlich, mit großer sozialer Verantwortung, die er in seiner peruanischen Bischofszeit zupackend und pragmatisch umgesetzt hat. Leo ist anderes als Franziskus nicht polemisch, sondern analytisch in der drängenden Frage des Glaubens: Was suchen Menschen bei Bewegungen jenseits des Katholizismus, was sie in der Papst-Kirche nicht mehr finden?
Rundumblick aus Rom
Gleichzeitig verschiebt sich das Zentrum des Wachstums. In Indien, China und weiten Teilen Südostasiens nimmt die Zahl der Katholiken zu – oft leise, ohne große mediale Aufmerksamkeit. Dort ist die Römische Kirche eine Minderheit, nicht eine gesellschaftliche Macht. Sie lebt von persönlicher Bindung, nicht von politischen und ökonomisch gesättigten Selbstverständlichkeiten wie im Westen. Genau diese Konstellation scheint den 267. Pontifex besonders herauszufordern. Eine Kirche ohne Privilegien, aber mit klarer geistlicher Kontur – vielleicht sieht er darin ein Zukunftsmodell auch für den Westen.
Theologisch zieht er daraus keine simplen Schlussfolgerungen. Er glaubt nicht, dass Anpassung an religiöse Marktdynamiken der richtige Weg ist. Aber ebenso wenig setzt er auf bloße Traditionspflege. Seine Reden kreisen um Verbindlichkeit, um Glauben als Entscheidung, nicht bloß als kulturelles Erbe. Kirchenaustritte sind für ihn kein reines Managementproblem, sondern ein Hinweis auf eine tiefere Frage: Wird Christsein noch als existenziell relevant erfahren?
Nr. 267 und die Zukunft
Nach einem halben Jahr zeigt sich: Leo XIV. führt die Kirche nicht entlang nationaler Debatten, sondern entlang globaler Bruchlinien. Schrumpfung hier, Wachstum dort, Konkurrenz überall. Sein Pontifikat ist kein Aufbruch im modernistischen Sinn, eher eine Neuverortung. Die Weltkirche ist größer, spannungsgeladener, konfliktreicher geworden. Die vielen Pilger aus aller Herren Länder während des Heiligen Jahres 2025 zeigen dies eindringlich. Dieser Papst scheint die vielschichtigen Herausforderungen nicht beklagen, sondern verstehen zu wollen. Ob das genügt, um die Kirche im Westen neu zu verankern, ist offen.
Sicher ist nur: Leo XIV. denkt längst nicht mehr von Rom aus nach Europa, sondern von einer Weltkirche aus in viele Richtungen zugleich. Alles andere käme langfristig dem Untergang der Römischen Kirche gleich. Und nicht zuletzt die Beantwortung der Frage: Was kann der christliche, der katholische Glaube den Menschen heute und in Zukunft bieten.