Die Attacke auf das Recht auf Teilzeit war strategisch schlauer, als viele Linke denken. Sie schürt Hass unter Lohnarbeitenden, und zwar gegeneinander. Was lässt sich daraus lernen?
Das Verwischen von Klassengrenzen ist reiner Populismus!
Foto: karlbarrett/iStock
Das Land ist seit Tagen in heller Aufregung über den Vorschlag des CDU-Wirtschaftsflügels, das Recht auf Teilzeitarbeit zu kippen. DGB und SPD kritisieren, einige Unionsgranden gehen auf Distanz. Und Linke fragen sich, wie eine Partei, die so etwas vorschlägt, von irgendeinem Arbeitnehmer noch gewählt werden kann.
Dabei zeigt dieser Vorstoß doch eigentlich das Gegenteil. Er macht deutlich, wie gut die rechtspopulistischen Instinkte in der Union entwickelt sind. Er zielt auf eine Spaltungsdebatte innerhalb der lohnarbeitenden Klassen, die auch noch negativ tickt: Es geht in dieser „Debatte“ nicht darum, dass eine Gruppe auf Kosten einer anderen besser gestellt werden sollte. Sondern darum, dass eine Gruppe der anderen ein schlechteres Leben wünscht.
Wie das?
Bei Überausgebeuteten lässt sich Hass auf „Selbstverwirklichung“ schüren
Vor zwei Jahren hat sich das Format „Lohnt sich das?“ des Bayrischen Rundfunks einmal exemplarisch die Berufe des Straßenreinigers und des Müllmanns angesehen. Beide standen vor fünf Uhr früh auf, verrichteten harte Arbeit, verdienten Gehälter in der Nähe des Mindestlohns – und gaben beide ungefähr die Hälfte ihres Nettogehalts für Miete aus. Also hatten beide zusätzliche Nebenjobs: einer als Fitnesstrainer, der andere räumte auf Minijobbasis Regale bei Rewe ein. Beide prügelten sich also durch knappe 50-Stunden-Wochen. Einer der beiden spendete dazu auch noch Plasma, der andere bekam Kindergeld. Reich wurden sie davon gewiss nicht.
Bei genau solchen überausgebeuteten Menschen könnte nun der Kampfbegriff der Lifestyle-Teilzeit genauso gut verfangen wie schon der Kampf gegen das „Bürgergeld“, das zwar wenig anderes war als umbenanntes ALG II, aber eben Bilder der Selbstverwirklichung erzeugte, die den Massen verhasst ist. Es stimmt sogar ganz genau, dass dieser Vorschlag darauf zielt, „die Poesie aus unserem Leben zu nehmen“. Aber gerade das zieht potenziell bei Menschen, die „Poesie“ verachten, weil sie dafür nie Zeit hatten.
Schließlich ist nicht nur das Einkommen, sondern auch das Arbeitsleid in modernen Gesellschaften ungleich verteilt. Dabei ist mancher kleiner und mittlerer Unternehmer genauso im Hamsterrad gefangen wie die Mitarbeiterin: Überstunden, Stress, Übermüdung, schlechter Schlaf, kein Durchatmen, Verweilen und den Augenblick genießen. Entsprechend ist die Solidarität der Menschen, die sich gezwungen sehen, zum Erhalt ihres Lebensstandards immer größere Anteile ihrer Lebenszeit preiszugeben, untereinander oft unbewusst klassenübergreifend. Und genau das ist ja rechter Populismus: das Verwischen von Klassengrenzen zur Schaffung eines neuen „Populus“.
Die Teilzeit-Debatte mobilisiert das Stockholmsyndrom des Kapitals
Wer sich hingegen dem Hamsterrad entzieht, wer sein Leben freiwillig entschleunigt, auf Verdienstmöglichkeiten verzichtet, zieht noch mehr Hass auf sich als die Privatiers, die gar nicht mehr arbeiten müssen. Privatiers wollen die müden Massen ja alle einmal werden. Privatiers erscheinen ihnen als Menschen, die bei der Selbstoptimierung erfolgreich waren; die oder deren Eltern es sich so hart gegeben haben, dass sie jetzt vom Leiden freigestellt sind.
Die „poetischen“ Menschen also, die die Optimierung verweigern; die bewusst die falsche Strategie wählen; die es, ohne es sich leisten zu können, wagen, Künstler sein zu wollen, Geisteswissenschaften zu studieren, ein Leben jenseits des Merkantilen zu suchen; Stunden reduzieren, um mehr Zeit für sich und die Liebsten zu haben; die belastende Jobs einfach kündigen, um für wenig Geld im Kindergarten zu kochen: Die geben doch vor, etwas Besseres zu sein als alle anderen. Deren Zeit soll teurer sein, als was der Markt dafür geben will. Deren psychische und physische Gesundheit soll geschont werden, während die anderen sich kaputtschuften?!
Diesen Leuten, so die instinktive Ansicht der übermüdeten Mehrheit, geht es einfach zu gut. Deswegen sind sie dafür, dass es ihnen aus Prinzip schlechter geht. Wenn man so will, ist diese Missgunst das Stockholmsyndrom des Kapitals: Die im Takt der Maschine stampfenden identifizieren sich mit der Maschine und grollen allen, die Akkumulationsmöglichkeiten verweigern. Deswegen wollen sie auch keine Kulturförderung haben, keine gewerkschaftlichen Standards im öffentlichen Dienst, keinen humanen Umgang mit den Arbeitslosen: Alle sollen in die Produktion, alle sollen leiden. Alles andere erscheint ihnen als nicht gerecht.
Die Linke muss sich dem Problem stellen, dass das Arbeitsleid ungleich verteilt ist
Deswegen ist es mehr als wahrscheinlich, dass wir den Begriff der Lifestyle-Teilzeit nicht zum letzten Mal gehört haben. Mag er von der Union gerade auch verworfen worden sein, wird die AfD ihn wahrscheinlich aufgreifen wie jede schlechte Idee.
Die politische Linke wiederum muss die Problematik erkennen und Antworten darauf finden. Sie kann und soll diese Ressentiments der Überausgebeuteten natürlich nicht reiten. Sie muss aber das Problem der Umverteilung des Leids angehen. Sie muss eine Sprache finden, die die Menschen in 50-Stunden-Wochen wieder für eine Welt gewinnt, in der keiner 50-Stunden-Wochen schieben muss; in der schon 40-Stunden-Wochen hart übertrieben sind. Schließlich haben wir alle nichts zu verlieren als unsere Ketten. Und die sind nicht einmal echt.
eitenden Klassen, die auch noch negativ tickt: Es geht in dieser „Debatte“ nicht darum, dass eine Gruppe auf Kosten einer anderen besser gestellt werden sollte. Sondern darum, dass eine Gruppe der anderen ein schlechteres Leben wünscht. Wie das?Bei Überausgebeuteten lässt sich Hass auf „Selbstverwirklichung“ schüren Vor zwei Jahren hat sich das Format „Lohnt sich das?“ des Bayrischen Rundfunks einmal exemplarisch die Berufe des Straßenreinigers und des Müllmanns angesehen. Beide standen vor fünf Uhr früh auf, verrichteten harte Arbeit, verdienten Gehälter in der Nähe des Mindestlohns – und gaben beide ungefähr die Hälfte ihres Nettogehalts für Miete aus. Also hatten beide zusätzliche Nebenjobs: einer als Fitnesstrainer, der andere räumte auf Minijobbasis Regale bei Rewe ein. Beide prügelten sich also durch knappe 50-Stunden-Wochen. Einer der beiden spendete dazu auch noch Plasma, der andere bekam Kindergeld. Reich wurden sie davon gewiss nicht.Bei genau solchen überausgebeuteten Menschen könnte nun der Kampfbegriff der Lifestyle-Teilzeit genauso gut verfangen wie schon der Kampf gegen das „Bürgergeld“, das zwar wenig anderes war als umbenanntes ALG II, aber eben Bilder der Selbstverwirklichung erzeugte, die den Massen verhasst ist. Es stimmt sogar ganz genau, dass dieser Vorschlag darauf zielt, „die Poesie aus unserem Leben zu nehmen“. Aber gerade das zieht potenziell bei Menschen, die „Poesie“ verachten, weil sie dafür nie Zeit hatten. Schließlich ist nicht nur das Einkommen, sondern auch das Arbeitsleid in modernen Gesellschaften ungleich verteilt. Dabei ist mancher kleiner und mittlerer Unternehmer genauso im Hamsterrad gefangen wie die Mitarbeiterin: Überstunden, Stress, Übermüdung, schlechter Schlaf, kein Durchatmen, Verweilen und den Augenblick genießen. Entsprechend ist die Solidarität der Menschen, die sich gezwungen sehen, zum Erhalt ihres Lebensstandards immer größere Anteile ihrer Lebenszeit preiszugeben, untereinander oft unbewusst klassenübergreifend. Und genau das ist ja rechter Populismus: das Verwischen von Klassengrenzen zur Schaffung eines neuen „Populus“. Die Teilzeit-Debatte mobilisiert das Stockholmsyndrom des Kapitals Wer sich hingegen dem Hamsterrad entzieht, wer sein Leben freiwillig entschleunigt, auf Verdienstmöglichkeiten verzichtet, zieht noch mehr Hass auf sich als die Privatiers, die gar nicht mehr arbeiten müssen. Privatiers wollen die müden Massen ja alle einmal werden. Privatiers erscheinen ihnen als Menschen, die bei der Selbstoptimierung erfolgreich waren; die oder deren Eltern es sich so hart gegeben haben, dass sie jetzt vom Leiden freigestellt sind.Die „poetischen“ Menschen also, die die Optimierung verweigern; die bewusst die falsche Strategie wählen; die es, ohne es sich leisten zu können, wagen, Künstler sein zu wollen, Geisteswissenschaften zu studieren, ein Leben jenseits des Merkantilen zu suchen; Stunden reduzieren, um mehr Zeit für sich und die Liebsten zu haben; die belastende Jobs einfach kündigen, um für wenig Geld im Kindergarten zu kochen: Die geben doch vor, etwas Besseres zu sein als alle anderen. Deren Zeit soll teurer sein, als was der Markt dafür geben will. Deren psychische und physische Gesundheit soll geschont werden, während die anderen sich kaputtschuften?!Diesen Leuten, so die instinktive Ansicht der übermüdeten Mehrheit, geht es einfach zu gut. Deswegen sind sie dafür, dass es ihnen aus Prinzip schlechter geht. Wenn man so will, ist diese Missgunst das Stockholmsyndrom des Kapitals: Die im Takt der Maschine stampfenden identifizieren sich mit der Maschine und grollen allen, die Akkumulationsmöglichkeiten verweigern. Deswegen wollen sie auch keine Kulturförderung haben, keine gewerkschaftlichen Standards im öffentlichen Dienst, keinen humanen Umgang mit den Arbeitslosen: Alle sollen in die Produktion, alle sollen leiden. Alles andere erscheint ihnen als nicht gerecht.Die Linke muss sich dem Problem stellen, dass das Arbeitsleid ungleich verteilt ist Deswegen ist es mehr als wahrscheinlich, dass wir den Begriff der Lifestyle-Teilzeit nicht zum letzten Mal gehört haben. Mag er von der Union gerade auch verworfen worden sein, wird die AfD ihn wahrscheinlich aufgreifen wie jede schlechte Idee.Die politische Linke wiederum muss die Problematik erkennen und Antworten darauf finden. Sie kann und soll diese Ressentiments der Überausgebeuteten natürlich nicht reiten. Sie muss aber das Problem der Umverteilung des Leids angehen. Sie muss eine Sprache finden, die die Menschen in 50-Stunden-Wochen wieder für eine Welt gewinnt, in der keiner 50-Stunden-Wochen schieben muss; in der schon 40-Stunden-Wochen hart übertrieben sind. Schließlich haben wir alle nichts zu verlieren als unsere Ketten. Und die sind nicht einmal echt.