Von Thomas Rießinger
Viele Worte ist sie nicht wert.
Vor einigen Tagen hat die – inzwischen ehemalige – Mannheimer SPD-Lokalpolitikerin Melek Hirvali Cicer auf Facebook Äußerungen publiziert, „in denen sie“, um die „Welt“ zu zitieren, „Israel im Tonfall rechtsradikaler Verschwörungsideologen attackierte.“ Nun würde sich die Dame wohl kaum selbst als rechtsradikal bezeichnen, sie gehört ja zum linken Spektrum, und der Tonfall war ihr ureigenster, aber das mochte man bei der „Welt“ wohl nur ungern zugeben. Geäußert hat sie unter anderem, Israel habe das größte Reservoir für Ersatzorgane und züchte „babysfressende, weltweit Kinder entführende Agenten“.
Immerhin reagierte die dortige SPD schnell und gründlich und forderte die Autorin auf, von ihren Ämtern zurückzutreten und die Partei zu verlassen, was auch umgehend geschah.
Das ist nur ein aktuelles Beispiel von linkem Antisemitismus, es ist nicht das erste und wird nicht das letzte bleiben. Aber wie kann das geschehen? Linke sind doch die Guten, die das Los der Menschen verbessern wollen, wie kann es da zu Antisemitismus und Judenhass kommen? Ist der nicht für Rechtsradikale reserviert?
Eindeutige Passagen
Werfen wir einen Blick auf einen alten Text aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, dessen Autor auch heute noch gelegentlich Erwähnung findet. Um wen es sich handelt, werde ich ein wenig später verraten. In diesem Text findet man Passagen, die sich explizit mit dem Judentum befassen.
„Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion“, so sagt uns der Autor, „sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden.
Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.
Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“
Die jüdische Religion erscheint dem Autor also als unerheblich, um das „Geheimnis der Juden“ zu ergründen. Stattdessen gibt er seinen Lesern ohne Umschweife den weltlichen „Kultus des Juden“ an: Es ist der Schacher, also das Feilschen, die Geschäftemacherei. Etwas Anderes will unser Autor den Juden offenbar nicht zugestehen. Doch er hat einen emanzipatorischen Auftrag.

„Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit.
Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewusstsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen.“
Eine allgemeine Emanzipation vom Schacher und vom Geld schwebt ihm vor, also eine Befreiung der Menschen aus der üblen Abhängigkeit von Schacher und Geld – und somit, nach seinen Vorstellungen – eine Emanzipation vom „praktischen, realen Judentum.“ Im 20. Jahrhundert hat man das gerade in Deutschland sehr wörtlich genommen. Unser Autor verrät uns allerdings, dass man „den Juden unmöglich“ machen könnte, indem man die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, denn er will uns ja die Ansicht nahebringen, die jüdische Religion bestehe eben nur aus der Religion des Schacherns und werde sich nach Abschaffung desselben einfach „wie ein fader Dunst“ auflösen. Selbstverständlich ist das ein klassisches antijüdisches Stereotyp, der Schacherjude, der nichts anderes kennt als seinen persönlichen Gewinn, und der Autor bemüht sich, diesem Stereotyp Wirkung zu verleihen.
Eifrige Mitarbeit
„Wir erkennen also im Judentum“, so fährt er kurz darauf fort, „ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muss.
Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum.“
Wie wir hören, ist das Judentum ein asoziales Element, so will es der Autor unbedingt sehen, und die „Emanzipation der Menschheit vom Judentum“ offenbar ein erstrebenswertes Ziel. Ich wiederhole: Emanzipation ist die Befreiung von Menschen aus einem Zustand der Abhängigkeit, und wer die Menschheit vom Judentum emanzipieren will, suggeriert, dass eben diese Menschheit sich in Abhängigkeit vom Judentum befindet, eine Abhängigkeit, aus der sie befreit werden sollte.
Denn die Juden selbst, meint der Autor, haben sich selbst bereits auf ihre ganz eigene Art emanzipiert. „Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind.“
Die Geldmacht haben sie sich angeeignet, das Geld ist – wenn auch nicht nur, aber doch auch durch die Juden – zur Weltmacht geworden, und das jüdische Denken hat so das christliche Denken infiltriert: Die Christen sind „zu Juden geworden“. Sollte man so etwas vielleicht als etwas schlichte Verschwörungstheorie bezeichnen?

Damit es auch nicht in Vergessenheit gerät, betont unser Autor kurz darauf noch einmal: „Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus.“ Ein anderes Motiv mag er sich nicht vorstellen, es würde ja auch nicht in sein Denken passen. Und er verrät uns in aller Klarheit, worin das „praktische Bedürfnis“ besteht: „Der Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld.“ Das kann allerdings nicht überraschen, denn woran sollte der vom Autor heraufbeschworene Schacherjude wohl sonst interessiert sein als am Geld, das gleich darauf sogar zum Gott Israels erhoben wird.
„Das Geld“, so führt er aus, „ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verwandelt sie in eine Ware. Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“ Und daran müssen wohl die Juden schuld sein, denn schließlich ist das Geld „der eifrige Gott Israels“ und der „Gott des praktischen Bedürfnisses“, das der Autor als „Grundlage der jüdischen Religion“ bezeichnet hat. Aber er geht noch etwas weiter, es genügt ihm nicht, den Juden eine Art von Anbetung des Geldes zu unterstellen, er muss auch noch verdeutlichen, was sie nicht können.
Bezeichnender Handelsgegenstand
„Was in der jüdischen Religion abstrakt liegt, die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbstzweck, das ist der wirkliche bewusste Standpunkt, die Tugend des Geldmenschen. Das Gattungsverhältnis selbst, das Verhältnis von Mann und Weib etc. wird zu einem Handelsgegenstand! Das Weib wird verschachert.“ Abstrakt verborgen sollen in der jüdischen Religion also „die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbstzweck“ liegen, aber im Geldmenschen – wer sollte das für unseren Autor wohl sein? – wird alles zum bewussten Standpunkt. Und selbst das Verhältnis von Mann und Frau wird zum „Handelsgegenstand! Das Weib wird verschachert.“
Ist er damit sehr weit entfernt von der eingangs zitierten Melek Hirvali Cicer? Bei ihr entführen israelische Agenten weltweit Kinder, bei unserem Autor wird die Frau verschachert. Es geht immer nur ums Geld und schuld sind in seinen Augen die Juden.
Das alte Bild vom Schacherjuden, die alleinige Konzentration der Juden auf den „Schacher“, auf Geld und Profit, die „Emanzipation des Menschen vom Judentum“, die Verachtung der Juden für alles, was man nicht in Geld umsetzen kann – der Autor greift tief in die Kiste des Judenhasses. Aber muss es nicht auf der Hand liegen, dass dieser Mann kein Vorbild für eine Sozialdemokratin sein kann? Oder vielleicht doch? Denn der Autor war kein anderer als Karl Marx, schon bei der Passage über „das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins“ kann man vielleicht einen ersten Verdacht hegen. Karl Marx, wohl nicht der Urvater, aber doch einer der wichtigsten geistigen Väter des Sozialismus und des Kommunismus, den auch heute noch viele verehren. Er äußerte diese Auffassungen in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ von 1844, die zwar ursprünglich eine Rezension von zwei Schriften des zeitgenössischen Autors Bruno Bauer war, zu deren Ende aber Marx seine eigenen Vorstellungen zu dieser Judenfrage entwickelte, über die ich gerade berichtet habe.
Man hat viel darüber gestritten, ob diese Passagen nun antisemitisch waren oder nicht. Hannah Arendt hat die Frage energisch bejaht, andere, insbesondere Vertreter des linken Spektrums, waren anderer Meinung. Ich erlaube mir, das Urteil den Lesern zu überlassen, möchte aber noch ein anderes Zitat des Altmeisters Karl Marx anführen. Es entstammt einem Brief von Karl Marx an Friedrich Engels aus dem Jahr 1862 und befasst sich mit Ferdinand Lassalle, einem Wortführer der frühen Arbeiterbewegung. Dort schreibt Marx: „Der jüdische Nigger Lassalle, der glücklicherweise Ende dieser Woche abreist, hat glücklich wieder 5000 Taler in einer falschen Spekulation verloren. Der Kerl würde eher das Geld in den Dreck werfen, als es einem „Freunde“ pumpen, selbst wenn ihm Zinsen und Kapital garantiert würden. … Es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.“
Freundliche Worte des großen Karl Marx, selbstverständlich weit entfernt vom auch nur leisesten Anflug von Judenhass und Rassismus.
Er ist der Held der Linken. Das passt.
Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert. Sein Buch „Wetten, dass Sie Mathe können – Zahlenakrobatik für den Alltag“ finden Sie hier. Über diesen Link finden Sie eine Übersicht über seine Fachbücher.
Bild: Shutterstock/Grok/Reitschuster
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