Die dänische Schriftstellerin Madame Nielsen seziert in ihren absurd-komischen Texten die deutsche Sprache, neurechte Ideologien und Marotten aus der Perspektive der Außenstehenden. Ein literarisches Geschenk, findet unsere Autorin


Die vielfach preisgekrönte Madema Nielsen ist bekannt für ihre schöngeistige Gehässigkeit

Foto: Sofie Amalie Klougart


Ach, was ist das für eine Qual, dass die schönsten deutschsprachigen Texte von Nicht-Muttersprachlern verfasst werden! Jedenfalls gilt das im höchsten Maße für die Texte der großen, ja, überlebensgroßen Madame Nielsen, deren sprachliche Größe im eigentümlichen Gegensatz zu der zarten Gestalt der Autorin steht.

In ihrem Essayband Porträts von den Deutschen und anderen Lebewesen zeichnet die vielfach preisgekrönte dänische Autorin und Künstlerin ein grotesk-trauriges Bild von diesem düsteren Völkchen. Das Deutsche, so lernt man hier, wuchert irgendwo zwischen Romantik und Idealismus, zwischen Kartoffelacker und Wald, zwischen rechter Identitätspolitik und dem Ausländerinnendasein der Autorin.

Als deutscher Wutbürger tritt auf – ausgerechnet! –: Maxim Biller. In weiteren Rollen sprechen: Marc Jongen, Ulay (ohne Marina Abramović) und Peter Handke (auch nicht ganz deutsch, aber doch traurig-düster). Es geht also um mehr oder weniger deutsche Männer.

Und große Köpfe, die Deutschen haben ja so große Köpfe, die allenthalben in Marmor- oder wenigstens Gipsbüsten verewigt werden müssen. Wer was auf sich hält, der hat sämtliche Marx-Engels-Bände in der heimischen Bibliothek stehen – wie gesagt, wer was auf sich hält. Das gilt auch für den Vermieter der Charlottenburger Wohnung, die Nielsen in Berlin bezieht und damit das Leben eines anderen anprobiert, wie ein abgelegtes Kleid, das man zu dem eigenen machen muss.

Besagte Wohnung hat nur ein Problem – den Nachbarn von obendrüber. Der junge Mann, es handelt sich um einen Mathematikstudenten, läuft in einer Tour auf und ab, auf und ab – und treibt die Autorin in den Wahnsinn.

Die neuen Rechten wollen doch nur Rouladen fressen

Denn der Deutsche muss beim Denken wandern, und sei’s auch nur auf der Stelle. Sie spricht mit dem Nachbarn, der offenkundig eine Sinnkrise durchlebt, ausgelöst von der höheren Mathematik. Ach nein, tiefere Mathematik, heißt es bei Nielsen. „Tiefe Mathematik, dachte ich, hört sich ein bisschen dunkel, gefährlich an, tiefe Mathematik, Blut und Boden, schwarze Wälder und Roggenfelder.“ Der junge Mann zerbricht sich den Kopf über Verkehrsplanung – ach Gott, immer diese deutschen Marotten! Warum aber besitzt die vergnüglich erzählte Geschichte den Charakter des Unheimlichen?

Das passiert allenthalben bei Madame Nielsens Texten: Immer stehen sie kurz davor, vom Absurd-Komischen ins Unheimliche zu kippen, ohne dass man so recht erklären könnte, was passiert. Die Methode macht sich unsichtbar. Man will lachen, aber das Lachen bleibt im Halse stecken, wie eine blassdurchsichtige Fischgräte.

Das Gleiche gilt für die Begegnung mit dem Philosophen Marc Jongen. Nielsen trifft den neurechten Denker und lässt ihn reden. Das ist der Witz an der Geschichte: Das, was der Philosoph da erzählt, das Deutschtum, das er sich herbeifantasiert, ist so abenteuerlich langweilig, dass man sich denkt: Vor solchen Rechten, die allenthalben im Wald spazieren und Kartoffeln anbauen wollen, vor solchen Rechten muss sich wahrlich niemand fürchten!

Die alten Rechten wollten wenigstens noch die Welt erobern, die neuen wollen nur Rouladen fressen. Jener Essay, Deutsche Zeitgeister, wurde von Hannes Langendörfer hervorragend übersetzt. Malerisch schön wird die Kürbissuppe, die der Deutsche im Herbst obsessiv löffelt, zur „Ockerrotglut“. Schöngeistige Gehässigkeit blitzt auf in den Zeilen über „die lesbische und exemplarisch arische Businessblondine Alice Weidel“.

Nielsens Ukraine-Essay Auf der Weltbühne oder Tragödien und Komödien in der Ukraine hat wiederum Gerd Weinreich aus dem Dänischen übertragen. Und das in ein solch atemlos temporeiches Deutsch, dass es einem beim Lesen ganz und gar schwindelig wird. Fabelhaft! Andere Texte dagegen hat Nielsen im Original auf Deutsch verfasst. Mag schon sein, dass das dunkle Funkeln der Texte Madame Nielsens gerade daraus entsteht, dass sie uns die Sprache, die wir mit der Muttermilch aufsogen, auf eigentümliche Art fremd macht – wenn die Worte nicht buchstäblich, sondern „buchstapellich“ zu verstehen sind, das Wellprofilblech zum „Wellenblech“ wird.

Das Deutsche ist eine Keule

Oder wenn die Grammatik gebogen und geflext wird, sodass es dem Muttersprachler beinahe mulmig wird; die Word-Grammatikprüfung würde passiv-aggressiv auffordern, den Fall von Substantiv und Adjektiv aneinander anzupassen; aber in diesem Spalt, in dem der Grammatikfehler haust, da tut sich noch mehr auf: das Unbehagen gegenüber der Sprache, die so gewaltig und gewalttätig ist. Das Deutsche, eine regelrechte Keule, verglichen mit dem Dänischen, das im deutschen Ohr wie ein fröhliches Kinderlachen klingt. Dann wieder ein Erstaunen ob der Schönheit der Lautbilder.

Da erklingt „die knusprige Musik von Reifen über Pflasterstein“ und „Literaturwisser“ treten „pudelhundwedelnd“ unterwürfig auf. Nein, man kann in einer Rezension keinen Eindruck vermitteln von dem traurigen Vergnügen der Lektüre, man kann nur unbedingt empfehlen, diesen Essayband zu lesen. Dessen Höhepunkt bildet fraglos der Text, in dem sie den Tod des Vaters verhandelt, der aber eigentlich von der Geburt der Autorin erzählt. Der Vater liegt im Sterben und sie soll an sein Sterbebett eilen. Doch bevor sie aufbricht, will sie schreiben, will vom Leben des Vaters erzählen, ergreift symbolische Wiederbelebungsmaßnahmen, bevor die Geräte abgestellt werden.

Natürlich kommt sie (Spoiler! Oder doch nicht?) zu spät, weil man in solchen Fällen schreibend immer nur zu spät kommen kann. Der Vater ist tot. Doch sie lebt, ja, sie lebt noch, hat geschrieben. Und darum geht es eigentlich: die Wiedergeburt der Autorin aus der Asche des Claus Beck-Nielsen, der sie einmal war, bevor sie sich in eine andere verwandelte. Auf eigentümliche Art präfiguriert nun der Tod des alten Ichs im Text den Tod des Vaters, der im Schreiben, wie die Autorin selbst, unsterblich wird.

Porträts von den Deutschen und anderen Lebewesen.Madame Nielsen, Gerd Weinreich, Hannes Langendörfer (Übers.), Matthes & Seitz 2025, 142 S., 20 €

der Autorin.Als deutscher Wutbürger tritt auf – ausgerechnet! –: Maxim Biller. In weiteren Rollen sprechen: Marc Jongen, Ulay (ohne Marina Abramović) und Peter Handke (auch nicht ganz deutsch, aber doch traurig-düster). Es geht also um mehr oder weniger deutsche Männer.Und große Köpfe, die Deutschen haben ja so große Köpfe, die allenthalben in Marmor- oder wenigstens Gipsbüsten verewigt werden müssen. Wer was auf sich hält, der hat sämtliche Marx-Engels-Bände in der heimischen Bibliothek stehen – wie gesagt, wer was auf sich hält. Das gilt auch für den Vermieter der Charlottenburger Wohnung, die Nielsen in Berlin bezieht und damit das Leben eines anderen anprobiert, wie ein abgelegtes Kleid, das man zu dem eigenen machen muss.Besagte Wohnung hat nur ein Problem – den Nachbarn von obendrüber. Der junge Mann, es handelt sich um einen Mathematikstudenten, läuft in einer Tour auf und ab, auf und ab – und treibt die Autorin in den Wahnsinn.Die neuen Rechten wollen doch nur Rouladen fressenDenn der Deutsche muss beim Denken wandern, und sei’s auch nur auf der Stelle. Sie spricht mit dem Nachbarn, der offenkundig eine Sinnkrise durchlebt, ausgelöst von der höheren Mathematik. Ach nein, tiefere Mathematik, heißt es bei Nielsen. „Tiefe Mathematik, dachte ich, hört sich ein bisschen dunkel, gefährlich an, tiefe Mathematik, Blut und Boden, schwarze Wälder und Roggenfelder.“ Der junge Mann zerbricht sich den Kopf über Verkehrsplanung – ach Gott, immer diese deutschen Marotten! Warum aber besitzt die vergnüglich erzählte Geschichte den Charakter des Unheimlichen?Das passiert allenthalben bei Madame Nielsens Texten: Immer stehen sie kurz davor, vom Absurd-Komischen ins Unheimliche zu kippen, ohne dass man so recht erklären könnte, was passiert. Die Methode macht sich unsichtbar. Man will lachen, aber das Lachen bleibt im Halse stecken, wie eine blassdurchsichtige Fischgräte.Das Gleiche gilt für die Begegnung mit dem Philosophen Marc Jongen. Nielsen trifft den neurechten Denker und lässt ihn reden. Das ist der Witz an der Geschichte: Das, was der Philosoph da erzählt, das Deutschtum, das er sich herbeifantasiert, ist so abenteuerlich langweilig, dass man sich denkt: Vor solchen Rechten, die allenthalben im Wald spazieren und Kartoffeln anbauen wollen, vor solchen Rechten muss sich wahrlich niemand fürchten!Die alten Rechten wollten wenigstens noch die Welt erobern, die neuen wollen nur Rouladen fressen. Jener Essay, Deutsche Zeitgeister, wurde von Hannes Langendörfer hervorragend übersetzt. Malerisch schön wird die Kürbissuppe, die der Deutsche im Herbst obsessiv löffelt, zur „Ockerrotglut“. Schöngeistige Gehässigkeit blitzt auf in den Zeilen über „die lesbische und exemplarisch arische Businessblondine Alice Weidel“.Nielsens Ukraine-Essay Auf der Weltbühne oder Tragödien und Komödien in der Ukraine hat wiederum Gerd Weinreich aus dem Dänischen übertragen. Und das in ein solch atemlos temporeiches Deutsch, dass es einem beim Lesen ganz und gar schwindelig wird. Fabelhaft! Andere Texte dagegen hat Nielsen im Original auf Deutsch verfasst. Mag schon sein, dass das dunkle Funkeln der Texte Madame Nielsens gerade daraus entsteht, dass sie uns die Sprache, die wir mit der Muttermilch aufsogen, auf eigentümliche Art fremd macht – wenn die Worte nicht buchstäblich, sondern „buchstapellich“ zu verstehen sind, das Wellprofilblech zum „Wellenblech“ wird.Das Deutsche ist eine KeuleOder wenn die Grammatik gebogen und geflext wird, sodass es dem Muttersprachler beinahe mulmig wird; die Word-Grammatikprüfung würde passiv-aggressiv auffordern, den Fall von Substantiv und Adjektiv aneinander anzupassen; aber in diesem Spalt, in dem der Grammatikfehler haust, da tut sich noch mehr auf: das Unbehagen gegenüber der Sprache, die so gewaltig und gewalttätig ist. Das Deutsche, eine regelrechte Keule, verglichen mit dem Dänischen, das im deutschen Ohr wie ein fröhliches Kinderlachen klingt. Dann wieder ein Erstaunen ob der Schönheit der Lautbilder.Da erklingt „die knusprige Musik von Reifen über Pflasterstein“ und „Literaturwisser“ treten „pudelhundwedelnd“ unterwürfig auf. Nein, man kann in einer Rezension keinen Eindruck vermitteln von dem traurigen Vergnügen der Lektüre, man kann nur unbedingt empfehlen, diesen Essayband zu lesen. Dessen Höhepunkt bildet fraglos der Text, in dem sie den Tod des Vaters verhandelt, der aber eigentlich von der Geburt der Autorin erzählt. Der Vater liegt im Sterben und sie soll an sein Sterbebett eilen. Doch bevor sie aufbricht, will sie schreiben, will vom Leben des Vaters erzählen, ergreift symbolische Wiederbelebungsmaßnahmen, bevor die Geräte abgestellt werden.Natürlich kommt sie (Spoiler! Oder doch nicht?) zu spät, weil man in solchen Fällen schreibend immer nur zu spät kommen kann. Der Vater ist tot. Doch sie lebt, ja, sie lebt noch, hat geschrieben. Und darum geht es eigentlich: die Wiedergeburt der Autorin aus der Asche des Claus Beck-Nielsen, der sie einmal war, bevor sie sich in eine andere verwandelte. Auf eigentümliche Art präfiguriert nun der Tod des alten Ichs im Text den Tod des Vaters, der im Schreiben, wie die Autorin selbst, unsterblich wird.



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