Laura Poitras porträtiert in „Cover-Up“ Seymour Hersh, den Giganten des investigativen Journalismus. Seine Entdeckungen von My Lai bis Abu Ghuraib zeigen, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist – und wie dringend notwendig gerade heute


Das Bestechende der Netflix Doku „Cover-Up“ sind die Archivaufnahmen, mit denen Hershs legendäre Karriere nacherzählt wird

Fotos: Netflix


„Einen wie ihn gibt’s heute nicht mehr!“ Dieser Gedanke bildet naturgemäß das Leitmotiv, wenn es um ein Urgestein des Journalismus wie den bald 89-jährigen Seymour Hersh geht. Aber der Satz hallt nach dem Anschauen von Cover-Up auf besondere Weise nach.

Die Skandale, die Hersh im Laufe seiner über 50 Jahre währenden Karriere enthüllt hat, mögen zum großen Teil lang zurückliegen – My Lai deckte er 1969 auf, und selbst Abu Ghuraib ist schon über 20 Jahre her –, aber sie wirken in diesen Wochen aktueller denn je. Sei es die Einmischung in souveräne Staaten Südamerikas oder das Erschießen von unschuldigen Zivilisten unter dem Vorwand projizierter Bedrohung – heute wie damals braucht es einen wie Hersh, der am Schluss des Films als sein Hauptmotiv angibt: „Man kann sie doch nicht einfach davonkommen lassen!“

Die Motivation, Dinge aufzudecken, die die Mächtigen lieber für immer verborgen hätten, teilen die Filmemacher Obenhaus und Poitras mit dem Mann, den sie hier porträtieren. Obenhaus hat mit Hersh bei früheren Projekten bereits zusammengearbeitet, weshalb er ihn zu diesem Porträt überreden konnte. Poitras, das wird in der Doku erzählt, hatte schon vor 20 Jahren mal versucht, ihn vor die Kamera zu bekommen, aber Hersh hatte abgelehnt. Er ist das rare Beispiel eines eitlen Mannes, der nicht gern über sich selbst redet. Sein Stolz gilt ausschließlich seiner Arbeit.

Obenhaus und Poitras filmen ihn am Schreibtisch seines kleinen, mit Papieren vollgestopften Büros. Fragen zu seinem Privatleben beantwortet er so gut wie gar nicht, sein Ton hat durchweg etwas Kämpferisches, ja Trotziges. Am Rande erwähnt wird die Tatsache, dass er seit über 60 Jahren mit derselben Frau verheiratet und Vater dreier Kinder ist. Bis heute scheint sein Leben fast ausschließlich von der investigativen Arbeit geprägt. Immer wieder zeigen ihn die aktuellen Aufnahmen im Telefongespräch mit einer Quelle aus Nahost, die mit Enthüllungen aus Gaza lockt.

Tolles Archivmaterial aus den 60er und 70er Jahren

Aber das Bestechende dieses Films sind nicht diese letztlich ins Leere verlaufenden Teaser, sondern die Archivaufnahmen, mit denen Hershs legendäre Karriere nacherzählt wird. Es sind tolle Schnappschüsse darunter, sowohl aus den Medien der Zeit und ihrer Vietnamkriegsberichterstattung als auch von Hersh selbst. Beiläufig wird rekonstruiert, welchen Zufällen es der Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen und Litauen zu verdanken hatte, statt in der väterlichen Reinigung doch noch an der Universität von Chicago zu landen. Schon früh zeichnet sich sein Talent dafür ab, Quellen zu kultivieren, soll heißen: mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die eigentlich nicht mit Journalisten reden.

So wird aus Cover-Up deutlich, wie die Enthüllung der Kriegsverbrechen von My Lai nur dadurch zustande kam, weil Hersh abseits der etablierten Pfade Dinge zu hören bekam, die ihn auf die Spur setzten. Und selbst als die Fakten über die Ermordung von Zivilisten nicht mehr zu bestreiten waren, galt es immer noch darum zu kämpfen, eine solche Geschichte veröffentlicht zu bekommen. Anders als man es vielleicht beschönigend erinnern mag, rissen sich die amerikanischen Zeitungen nicht gerade darum, Brisantes zum Vietnamkrieg zu publizieren.

Poitras und Obenhaus begegnen ihrem Helden mit Respekt, aber ohne übertriebene Verehrung; sie schildern seine großen Taten mit gebührender Sachlichkeit und einem Interesse für die Bedingungen des investigativen Arbeitens. Für eine Reflexion dessen, wie das Internet den Job seither verändert hat, bleibt am Ende keine Zeit mehr, aber die Frage, ob es heute, in Zeiten von KI und Fake News, überhaupt noch einen wie ihn geben kann, drängt sich auf.

Cover-Up Mark Obenhaus, Laura Poitras USA 2025, 117 Min., Netflix

ktueller denn je. Sei es die Einmischung in souveräne Staaten Südamerikas oder das Erschießen von unschuldigen Zivilisten unter dem Vorwand projizierter Bedrohung – heute wie damals braucht es einen wie Hersh, der am Schluss des Films als sein Hauptmotiv angibt: „Man kann sie doch nicht einfach davonkommen lassen!“Die Motivation, Dinge aufzudecken, die die Mächtigen lieber für immer verborgen hätten, teilen die Filmemacher Obenhaus und Poitras mit dem Mann, den sie hier porträtieren. Obenhaus hat mit Hersh bei früheren Projekten bereits zusammengearbeitet, weshalb er ihn zu diesem Porträt überreden konnte. Poitras, das wird in der Doku erzählt, hatte schon vor 20 Jahren mal versucht, ihn vor die Kamera zu bekommen, aber Hersh hatte abgelehnt. Er ist das rare Beispiel eines eitlen Mannes, der nicht gern über sich selbst redet. Sein Stolz gilt ausschließlich seiner Arbeit.Obenhaus und Poitras filmen ihn am Schreibtisch seines kleinen, mit Papieren vollgestopften Büros. Fragen zu seinem Privatleben beantwortet er so gut wie gar nicht, sein Ton hat durchweg etwas Kämpferisches, ja Trotziges. Am Rande erwähnt wird die Tatsache, dass er seit über 60 Jahren mit derselben Frau verheiratet und Vater dreier Kinder ist. Bis heute scheint sein Leben fast ausschließlich von der investigativen Arbeit geprägt. Immer wieder zeigen ihn die aktuellen Aufnahmen im Telefongespräch mit einer Quelle aus Nahost, die mit Enthüllungen aus Gaza lockt.Tolles Archivmaterial aus den 60er und 70er JahrenAber das Bestechende dieses Films sind nicht diese letztlich ins Leere verlaufenden Teaser, sondern die Archivaufnahmen, mit denen Hershs legendäre Karriere nacherzählt wird. Es sind tolle Schnappschüsse darunter, sowohl aus den Medien der Zeit und ihrer Vietnamkriegsberichterstattung als auch von Hersh selbst. Beiläufig wird rekonstruiert, welchen Zufällen es der Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen und Litauen zu verdanken hatte, statt in der väterlichen Reinigung doch noch an der Universität von Chicago zu landen. Schon früh zeichnet sich sein Talent dafür ab, Quellen zu kultivieren, soll heißen: mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die eigentlich nicht mit Journalisten reden.So wird aus Cover-Up deutlich, wie die Enthüllung der Kriegsverbrechen von My Lai nur dadurch zustande kam, weil Hersh abseits der etablierten Pfade Dinge zu hören bekam, die ihn auf die Spur setzten. Und selbst als die Fakten über die Ermordung von Zivilisten nicht mehr zu bestreiten waren, galt es immer noch darum zu kämpfen, eine solche Geschichte veröffentlicht zu bekommen. Anders als man es vielleicht beschönigend erinnern mag, rissen sich die amerikanischen Zeitungen nicht gerade darum, Brisantes zum Vietnamkrieg zu publizieren.Poitras und Obenhaus begegnen ihrem Helden mit Respekt, aber ohne übertriebene Verehrung; sie schildern seine großen Taten mit gebührender Sachlichkeit und einem Interesse für die Bedingungen des investigativen Arbeitens. Für eine Reflexion dessen, wie das Internet den Job seither verändert hat, bleibt am Ende keine Zeit mehr, aber die Frage, ob es heute, in Zeiten von KI und Fake News, überhaupt noch einen wie ihn geben kann, drängt sich auf.



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