Bei der CDU in Niedersachsen taucht ein Deepfake-Video mit Material von der Fraktionswebseite auf. Was ist los mit euch Männern? Ihr verantwortet ein Gefühl ständiger Bedrohung: auf Arbeit, in öffentlichen Toiletten, in der eigenen Wohnung
Solidaritätskundgebung mit Collien Fernandes und gegen sexualisierte digitale Gewalt in Nürnberg Ende März 2026
Foto: Ardan Füßmann/Imago
„Krass“, platzt es laut und unkontrolliert aus mir heraus, als ich an diesem Morgen entgeistert auf mein Handy starre. Wieder ein sexistisches Deepfake-Video von einer Frau, erstellt von einem Mann. Nun aus den Reihen der CDU – Herr Merz wird es diesmal also schwerer haben, alle Schuld migrantischen Männern in die Schuhe zu schieben, um vom eigentlichen Kern der Debatte abzulenken, die kürzlich durch die Republik fegte.
Zum Hintergrund: In einer privaten Whatsapp-Gruppe ausschließlich männlicher Mitarbeiter der CDU-Landtagsfraktion Niedersachsen, so berichtet der NDR, kursierte ein KI-generiertes Deepfake-Video einer ihrer Kolleginnen. Das entsprechende Bildmaterial der Betroffenen zog sich der mutmaßliche Täter ganz geschmeidig von der fraktionseigenen Webseite herunter und montierte es anschließend auf einen tanzenden Frauenkörper – nur ganz leicht bekleidet im Bikini.
Der CDU-Bürgermeisterkandidat und die Whatsapp-Gruppe
Nach Informationen des NDR sei das Video schon im Januar erstellt worden. Davon haben die betroffene Mitarbeiterin und die Fraktionsspitze nach eigenen Angaben aber erst am vergangenen Freitag erfahren – was laut NDR auf einen mutmaßlichen Vertuschungsversuch hindeutet. Nach aktuellen Informationen soll der Dörverdener Bürgermeisterkandidat die Löschung des Videos veranlasst haben. Außerdem soll er die Mitglieder der Gruppe dazu aufgefordert haben, nicht über den Fall zu sprechen. Der Tatverdächtige behauptete, er hätte das Video nur erstellt, um die Gefahren der KI zu demonstrieren. Er wurde fristlos entlassen, ein anderer Mitarbeiter freigestellt.
Da sorgte ich mich bereits, die Debatte über Gewalt gegen Frauen würde so langsam wieder versickern, bevor sich etwas regt. Und siehe da, der nächste Schlag in die Magengruben aller Frauen und weiblich gelesenen Personen. Was ist los mit euch Männern? Sprachlos. Mal wieder. Obwohl es so viel zu sagen gibt. Mir wird schwindlig.
Wie bei Fernandez und Ulmen, bei Pelicot oder Epstein
Wie mir geht es vielen Frauen in meinem Umfeld und in den sozialen Medien. Sie zeigen sich erschüttert. Sprachlos und wütend. Und die Männer? Erstaunlich still. Wie bei Collin Fernandez und Christian Ulmen. Bei Gisèle Pelicot oder Jeffrey Epstein. Als würde es sie nicht betreffen. Als würde die Gewalt, Entmenschlichung und die Erniedrigung in einem luftleeren Raum entstehen und sei ganz einfach – ein Frauenproblem. Bei jedem dieser Fälle rechnete ich mit mehr Erschütterung und Anteilnahme aus den männlichen Reihen. Mein Erstaunen erstaunt mich im Nachhinein.
Von mir persönlich kann ich behaupten, dass jeder einzelne Fall mich auf eine Art und Weise existenziell berührte, dass ich um meine eigene körperliche Unversehrtheit mehr und mehr zu fürchten beginne. Dabei wuchsen wir als Mädchen schon mit dem Wissen auf, dass unsere körperliche Unversehrtheit beim Erkunden dieser Welt nicht garantiert ist – komm sicher nach Hause und nicht zu spät und nicht allein, und pass auf dein Getränk auf. Wir lernten früh, ein potenzielles Opfer zu sein, und was man tun muss, um keines zu werden. Nachts auf dem Heimweg den Schlüssel mit der Spitze nach außen in der Hand gekrallt, der Rock nicht zu knapp, das Make-up lieber dezent – die Verantwortung liegt bei uns.
Es ging nie um die Väter, Brüder, Ehemänner, Freunde, Kollegen
Dabei ging es aber immer um den „fremden“ Mann, um den, der in den Schatten lauert und aus dem Gebüsch gesprungen kommt. Um den, der einem im Club etwas ins Getränk mixt. Um die „bösen“ Männer eben. Es ging nie um die Väter oder Ehemänner oder Brüder oder besten Freunde oder eben Kollegen. Von Fall zu Fall bröckelt das Vertrauen in das eigene Umfeld, das in Stein gemeißelt war. Man sträubt sich zu fragen: Wer könnte zu so etwas fähig sein? Das Gefühl der Unsicherheit, des ständigen Auf-der-Hut-Seins, das wächst ins Unermessliche.
Es geht aber nicht bloß um die körperliche Unversehrtheit, es geht auch um Privatsphäre. Um das sich ständig beobachtet Fühlen. Sich betrachtet Fühlen. Durch Popkultur, bejubelte Filme, Musik und Videospiele, in denen Frauen vornehmlich als anschauliches, austauschbares Beiwerk agieren, lernen wir früh, dass unsere Körper da sind, um angeschaut zu werden vom Subjekt. Vom Mann. Man sieht, was er fühlt, sie hingegen bleibt das mysteriöse „Andere“.
Als ich heute Morgen meinen Kaffee trank, erwischte ich meinen Nachbarn
Sehgewohnheiten prägen unser Handeln und so werden auch im echten Leben ständig betrachtet, bewertet und beäugt. Gerade heute, als ich genüsslich meinen Kaffee schlürfte und mich unbeobachtet in Sicherheit wähnte, erwischte ich mit einem Blick über die Schulter meinen Nachbarn, wie er so ganz ungeniert am Fenster gegenüberstand, um mich anzugaffen. Leider nicht das erste Mal. Unzählige Mittelfinger meinerseits ließen ihn unberührt. Meine Grenzen jucken ihn schlicht nicht. Ist ihm egal. Also bewege ich mich anders durch die Wohnung. Passe auf, bin auch da auf der Hut. In meinem eigenen Zuhause.
Auch die vor sechs Jahren erschienene Reportage von strg f, bei der aufgedeckt wurde, wie Männer auf Festivals, im öffentlichen, aber auch in privaten Räumen Frauen heimlich beim Toilettengang filmten, lässt mich bis heute nicht los. Mein erster Gedanke, wenn ich auf eine öffentliche Toilette gehen muss: Hängen hier Kameras? Bei einem dieser Männer im Film stellte sich heraus, dass er seine beste Freundin jahrelang bei sich zu Hause auf der Toilette filmte und die Videos anschließend auf Pornoseiten verscherbelte.
Unsere Körper, unsere Gesichter werden ohne unser Wissen für die kapitalistisch geprägte männliche Lust verheizt. Wie auch die betroffene CDU-Mitarbeiterin. Im Übrigen ist das Deepfake-Video kein Sexualdelikt, sagt die Staatsanwaltschaft, denn der Körper sei schließlich noch „bekleidet“ gewesen. Aber der Tatverdächtige wollte ja sowieso nur die „Gefahren der KI aufzeigen“ – stellt sich nur die Frage, wieso er dann nicht seinen eigenen Kopf auf den tanzenden Körper im Bikini montierte.
Die Frage, ob auch mein Körper, mein Gesicht irgendwo auf eine ähnliche Weise in Gruppen oder auf Plattformen schwirrt, hallt nach. Ich weiß es nicht. Das ist der Punkt. Die Unsicherheit, das Misstrauen, mit dem wir leben müssen, ist zermürbend. Können wir unseren besten Freunden noch trauen, dem Partner, der Familie, den Kollegen? Das Vertrauen in Männer bröckelt und Frauen fragen sich, wie sie eigentlich noch mit ihnen leben können. Heterofatalismus macht sich breit und die Bewegung, romantische Beziehungen zu Männern vollends zu boykottieren, ist auf dem Vormarsch.
Grüße an meinen Nachbarn: Such dir ein Hobby, verflucht!
Doch was passiert, wenn wir uns als Gesellschaft noch weiter voneinander entfernen? Vor allem spielt das jenen in die Karten, die es von vornherein auf Spaltung abgesehen haben, um ihre politischen Interessen durchdrücken zu können. Wir sind darauf angewiesen, unserem Umfeld zu vertrauen. Zusammenzuarbeiten und uns auf unser Sicherheitsnetz verlassen zu können.
Liebe Männer, es ist also an der Zeit, dass ihr endlich laut werdet, etwas sagt, und euch regt. Und zwar nicht nur einmal, sondern ständig. Denn schließlich seid ihr es, denen kollektiv das Vertrauen schwindet. Kein Frauenthema also.
Ah, und liebe Grüße an meinen Nachbarn: Such dir ein Hobby, verflucht!
so berichtet der NDR, kursierte ein KI-generiertes Deepfake-Video einer ihrer Kolleginnen. Das entsprechende Bildmaterial der Betroffenen zog sich der mutmaßliche Täter ganz geschmeidig von der fraktionseigenen Webseite herunter und montierte es anschließend auf einen tanzenden Frauenkörper – nur ganz leicht bekleidet im Bikini. Der CDU-Bürgermeisterkandidat und die Whatsapp-GruppeNach Informationen des NDR sei das Video schon im Januar erstellt worden. Davon haben die betroffene Mitarbeiterin und die Fraktionsspitze nach eigenen Angaben aber erst am vergangenen Freitag erfahren – was laut NDR auf einen mutmaßlichen Vertuschungsversuch hindeutet. Nach aktuellen Informationen soll der Dörverdener Bürgermeisterkandidat die Löschung des Videos veranlasst haben. Außerdem soll er die Mitglieder der Gruppe dazu aufgefordert haben, nicht über den Fall zu sprechen. Der Tatverdächtige behauptete, er hätte das Video nur erstellt, um die Gefahren der KI zu demonstrieren. Er wurde fristlos entlassen, ein anderer Mitarbeiter freigestellt.Da sorgte ich mich bereits, die Debatte über Gewalt gegen Frauen würde so langsam wieder versickern, bevor sich etwas regt. Und siehe da, der nächste Schlag in die Magengruben aller Frauen und weiblich gelesenen Personen. Was ist los mit euch Männern? Sprachlos. Mal wieder. Obwohl es so viel zu sagen gibt. Mir wird schwindlig. Wie bei Fernandez und Ulmen, bei Pelicot oder EpsteinWie mir geht es vielen Frauen in meinem Umfeld und in den sozialen Medien. Sie zeigen sich erschüttert. Sprachlos und wütend. Und die Männer? Erstaunlich still. Wie bei Collin Fernandez und Christian Ulmen. Bei Gisèle Pelicot oder Jeffrey Epstein. Als würde es sie nicht betreffen. Als würde die Gewalt, Entmenschlichung und die Erniedrigung in einem luftleeren Raum entstehen und sei ganz einfach – ein Frauenproblem. Bei jedem dieser Fälle rechnete ich mit mehr Erschütterung und Anteilnahme aus den männlichen Reihen. Mein Erstaunen erstaunt mich im Nachhinein.Von mir persönlich kann ich behaupten, dass jeder einzelne Fall mich auf eine Art und Weise existenziell berührte, dass ich um meine eigene körperliche Unversehrtheit mehr und mehr zu fürchten beginne. Dabei wuchsen wir als Mädchen schon mit dem Wissen auf, dass unsere körperliche Unversehrtheit beim Erkunden dieser Welt nicht garantiert ist – komm sicher nach Hause und nicht zu spät und nicht allein, und pass auf dein Getränk auf. Wir lernten früh, ein potenzielles Opfer zu sein, und was man tun muss, um keines zu werden. Nachts auf dem Heimweg den Schlüssel mit der Spitze nach außen in der Hand gekrallt, der Rock nicht zu knapp, das Make-up lieber dezent – die Verantwortung liegt bei uns. Es ging nie um die Väter, Brüder, Ehemänner, Freunde, KollegenDabei ging es aber immer um den „fremden“ Mann, um den, der in den Schatten lauert und aus dem Gebüsch gesprungen kommt. Um den, der einem im Club etwas ins Getränk mixt. Um die „bösen“ Männer eben. Es ging nie um die Väter oder Ehemänner oder Brüder oder besten Freunde oder eben Kollegen. Von Fall zu Fall bröckelt das Vertrauen in das eigene Umfeld, das in Stein gemeißelt war. Man sträubt sich zu fragen: Wer könnte zu so etwas fähig sein? Das Gefühl der Unsicherheit, des ständigen Auf-der-Hut-Seins, das wächst ins Unermessliche. Es geht aber nicht bloß um die körperliche Unversehrtheit, es geht auch um Privatsphäre. Um das sich ständig beobachtet Fühlen. Sich betrachtet Fühlen. Durch Popkultur, bejubelte Filme, Musik und Videospiele, in denen Frauen vornehmlich als anschauliches, austauschbares Beiwerk agieren, lernen wir früh, dass unsere Körper da sind, um angeschaut zu werden vom Subjekt. Vom Mann. Man sieht, was er fühlt, sie hingegen bleibt das mysteriöse „Andere“.Als ich heute Morgen meinen Kaffee trank, erwischte ich meinen NachbarnSehgewohnheiten prägen unser Handeln und so werden auch im echten Leben ständig betrachtet, bewertet und beäugt. Gerade heute, als ich genüsslich meinen Kaffee schlürfte und mich unbeobachtet in Sicherheit wähnte, erwischte ich mit einem Blick über die Schulter meinen Nachbarn, wie er so ganz ungeniert am Fenster gegenüberstand, um mich anzugaffen. Leider nicht das erste Mal. Unzählige Mittelfinger meinerseits ließen ihn unberührt. Meine Grenzen jucken ihn schlicht nicht. Ist ihm egal. Also bewege ich mich anders durch die Wohnung. Passe auf, bin auch da auf der Hut. In meinem eigenen Zuhause.Auch die vor sechs Jahren erschienene Reportage von strg f, bei der aufgedeckt wurde, wie Männer auf Festivals, im öffentlichen, aber auch in privaten Räumen Frauen heimlich beim Toilettengang filmten, lässt mich bis heute nicht los. Mein erster Gedanke, wenn ich auf eine öffentliche Toilette gehen muss: Hängen hier Kameras? Bei einem dieser Männer im Film stellte sich heraus, dass er seine beste Freundin jahrelang bei sich zu Hause auf der Toilette filmte und die Videos anschließend auf Pornoseiten verscherbelte.Unsere Körper, unsere Gesichter werden ohne unser Wissen für die kapitalistisch geprägte männliche Lust verheizt. Wie auch die betroffene CDU-Mitarbeiterin. Im Übrigen ist das Deepfake-Video kein Sexualdelikt, sagt die Staatsanwaltschaft, denn der Körper sei schließlich noch „bekleidet“ gewesen. Aber der Tatverdächtige wollte ja sowieso nur die „Gefahren der KI aufzeigen“ – stellt sich nur die Frage, wieso er dann nicht seinen eigenen Kopf auf den tanzenden Körper im Bikini montierte. Die Frage, ob auch mein Körper, mein Gesicht irgendwo auf eine ähnliche Weise in Gruppen oder auf Plattformen schwirrt, hallt nach. Ich weiß es nicht. Das ist der Punkt. Die Unsicherheit, das Misstrauen, mit dem wir leben müssen, ist zermürbend. Können wir unseren besten Freunden noch trauen, dem Partner, der Familie, den Kollegen? Das Vertrauen in Männer bröckelt und Frauen fragen sich, wie sie eigentlich noch mit ihnen leben können. Heterofatalismus macht sich breit und die Bewegung, romantische Beziehungen zu Männern vollends zu boykottieren, ist auf dem Vormarsch.Grüße an meinen Nachbarn: Such dir ein Hobby, verflucht!Doch was passiert, wenn wir uns als Gesellschaft noch weiter voneinander entfernen? Vor allem spielt das jenen in die Karten, die es von vornherein auf Spaltung abgesehen haben, um ihre politischen Interessen durchdrücken zu können. Wir sind darauf angewiesen, unserem Umfeld zu vertrauen. Zusammenzuarbeiten und uns auf unser Sicherheitsnetz verlassen zu können.Liebe Männer, es ist also an der Zeit, dass ihr endlich laut werdet, etwas sagt, und euch regt. Und zwar nicht nur einmal, sondern ständig. Denn schließlich seid ihr es, denen kollektiv das Vertrauen schwindet. Kein Frauenthema also.Ah, und liebe Grüße an meinen Nachbarn: Such dir ein Hobby, verflucht!