In Kürze:

  • Etwas mehr als 8 Millionen Wahlberechtigte entscheiden über Ungarns Zukunft.
  • Die oppositionelle Tisza-Partei liegt in Umfragen vor Orbáns Fidesz-Partei.
  • Der Ausgang hängt stark von ländlichen Regionen und Mobilisierung ab.
  • Die Wahl könnte auch das  Kräfteverhältnis innerhalb der EU beeinflussen.

 

Am Sonntag, 12. April, sind rund 7,6 Millionen Stimmberechtigte Ungarn dazu aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Während die regierende Fidesz von Ministerpräsident Viktor Orbán zusammen mit der kleineren KDNP-Partei seit 2010 stets stabile Zweidrittelmehrheiten erzielte, könnte sich dieses Mal ein Wechsel im Amt des Regierungschefs ereignen.

In Umfragen liegt die oppositionelle Tisza-Partei von Péter Magyar mit stabilem Vorsprung vorn. Allerdings sind diese mit einem hohen Unsicherheitsfaktor behaftet. Einerseits stehen viele Meinungsforscher im Verdacht, entweder der Regierung oder der Opposition nahezustehen. Andererseits gibt es in Ungarn erfahrungsgemäß ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Dies führt dazu, dass am Ende die Wahlbeteiligung und die Wahlarithmetik über das Ergebnis entscheiden und nicht zwingend die landesweiten Stimmenmehrheiten.

Wie das Wahlrecht in Ungarn Mehrheiten ermöglicht

Tisza werden zwischen 45 und 50 Prozent der Stimmen zugetraut. Je weiter Magyars Partei jedoch unter der absoluten Mehrheit bleibt, desto unsicherer werden die Perspektiven für eine parlamentarische Mehrheit. Grund dafür sind die Eigentümlichkeiten des ungarischen Wahlsystems.

Dort gilt nämlich eine Art Grabenwahlsystem, bei dem mehrere Wahlverfahren nebeneinander existieren. Für das ungarische Parlament, die Nationalversammlung, sind 199 Sitze vorgesehen. 106 davon werden mithilfe des Mehrheitswahlsystems in den Stimmkreisen bestimmt, 93 mithilfe eines modifizierten Proportionalwahlverfahrens.

Es ist deshalb möglich, dass Tisza selbst dann, wenn sich die Umfragen bewahrheiten, die ihr bis zu 10 Prozent Vorsprung einräumen, nur auf eine knappe Mehrheit käme. 

Geschwächte Linke und extreme Rechte brachten Orbán bislang nicht in Gefahr

Das Bündnis aus Fidesz und der kleineren Christlich-Demokratischen Volkspartei (KDNP) mit Viktor Orbán an der Spitze erreichte bei der Wahl 2010 erstmals eine Zweidrittelmehrheit. Diese gab es bis heute nicht ab.

Orbán profitierte dabei lange Zeit von der Schwäche der Opposition. Die Linke konnte nur noch in den Groß- und Universitätsstädten Achtungserfolge erzielen. Gleichzeitig bildete sich mit der ultranationalistischen Jobbik, ein Block auf der extremen Rechten, der bis zu 20 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Dadurch wurde es Fidesz zusätzlich erleichtert, sich gegenüber der Wählerschaft im Inland ebenso wie gegenüber der EU als einzig regierungsfähige Kraft darzustellen.

Im Jahr 2022 bildete die Opposition ein Mehrparteienbündnis, das sogar die sich mittlerweile als konservativ inszenierende Jobbik umfasste – und trotzdem scheiterte. Fidesz konnte sogar noch einmal zulegen und zusammen mit der KDNP mit 54,13 Prozent ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erzielen.

Was die Situation in diesem Jahr von bisherigen Wahlgängen unterscheidet, ist, dass der Herausforderer Orbáns ein früherer enger Weggefährte war.

Die „Partei für Respekt und Freiheit“, deren Abkürzung „Tisza“ auch der ungarische Name des zweitgrößten Flusses des Landes (Theiß) ist, existiert seit 2021, war jedoch über Jahre hinweg so unbedeutend, dass sie nicht einmal die Registrierung zu den Wahlen 2022 schaffte. Im Jahr 2024 begann jedoch Magyar, der frühere Ehemann der ehemaligen Justizministerin Judit Varga, Demonstrationen gegen die Regierung zu organisieren.

Magyar geht auf Distanz zu „alter Opposition“ in Ungarn

Anlass dafür war eine Begnadigung, die Ungarns damalige Präsidentin Katalin Novák unterzeichnet hatte. Von dieser profitierte auch eine Person, die beschuldigt wurde, pädophile Übergriffe in einem Kinderheim vertuscht zu haben.

Zudem veröffentlichte Magyar Aufzeichnungen privater Gespräche mit seiner früheren Ehefrau, die den Verdacht einer Einflussnahme der Regierung auf Korruptionsverfahren nahelegten. Die Enthüllungen hatten weitere Proteste zur Folge.

Im Vorfeld der EU-Wahlen im Juni 2024 kündigte Magyar seinen Beitritt zu Tisza an. Die Partei erzielte auf Anhieb 30 Prozent der Stimmen.

Anders als etwa der 2022 gescheiterte Orbán-Herausforderer Péter Márki-Zay lehnte Magyar Bündnisse mit bisherigen Oppositionsparteien ab. Tisza ließ Bürger online über Forderungen abstimmen und gestaltete offene Vorwahlen, um die Kandidaten zu bestimmen. Zahlreiche ehemalige Oppositionsparteien erklärten daraufhin, von sich aus auf ihre Kandidatur zugunsten von Tisza-Kandidaten zu verzichten.

Tisza-Abgeordnete im EU-Parlament stimmten oft mit Fidesz ab

Bislang schadeten Magyar weder Vorwürfe häuslicher Gewalt und toxischen Verhaltens vonseiten seiner früheren Ehefrau, noch die Anschuldigungen der Regierungspartei, er sei ein von ausländischen Geheimdiensten gesteuerter Sachwalter.

Magyar bemüht sich bislang, keine zu drastischen Abweichungen von der Fidesz-Linie in Sachfragen zu kommunizieren. So stimmten Tisza-Abgeordnete im Europäischen Parlament in Fragen wie Migration, Ukraine-Hilfe und Handelsabkommen öfter zusammen mit den Fidesz-Abgeordneten ab.

Magyar sprach sich zudem ebenso wie Orbán gegen Waffenlieferungen oder die Bereitstellung von Truppen für die Ukraine aus. Ebenso lehnt Tisza einen beschleunigten EU-Beitritt des kriegsgebeutelten Landes ab.

Fidesz versucht im Wahlkampf, dieses Vorgehen als taktisch darzustellen. Orbán beschuldigt Magyar, dieser werde im Falle einer Regierungsübernahme eine 180-Grad-Wende in diesen Bereichen vollziehen.

Gleichzeitig kritisiert Magyar Orbáns Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und stellt in Aussicht, die Vorgaben der EU zur „Rechtsstaatlichkeit“ erfüllen zu wollen. Auf diese Weise plant er, die eingefrorenen Fördermittel zu mobilisieren, die Ungarn aus Brüssel zustehen. Auch ist davon auszugehen, dass er – anders als Orbán – die Druschba-Pipeline-Problematik nicht zum Anlass für ein Veto gegen das Hilfspaket für die Ukraine nehmen würde.

Magyar versucht sich als „Fidesz ohne Korruption“ zu inszenieren

Tisza versucht sich weder als links noch als rechts darzustellen, sondern vorwiegend als Anti-Orbán-Partei. Viele unzufriedene Wähler können sich damit identifizieren, und hoffen, dass sich die Lage nach einer Abwahl Orbáns verbessert. Das ist ein wichtiger Teil der Anziehungskraft von Tisza.

Zu Magyars Selbstdarstellung als „Fidesz ohne Korruption“ zählt auch die Unterstützung populärer Orbán-Regelungen – beispielsweise die 13. Monatsrente, Familienleistungen und Treibstoffsubventionen. Zu Reizthemen wie den Rechten von LSBTIQ+ oder dem Verbot des Budapest Pride äußert er sich nicht. Außerdem kündigt er an, die restriktive Migrationspolitik von Fidesz fortsetzen zu wollen.

Magyar tritt für Grenzzäune, die Ablehnung von Migrationspakten und von Quoten auf EU-Ebene ein. Tisza kritisierte im Wahlkampf Fidesz sogar dafür, legale Arbeitseinwanderung aus Drittstaaten zugelassen zu haben. In diesem Zusammenhang schreckte Magyar nicht vor Behauptungen wie jener zurück, philippinische Arbeiter einer Batteriefabrik in Göd hätten Enten und Goldfische aus dem Budapester Zoo gegessen.

Wahl wird auf dem Land entschieden

Es ist davon auszugehen, dass die Wahl am Sonntag vorwiegend in Kleinstädten und ländlichen Regionen entschieden wird. Hier kommt es vor allem auf die Mobilisierung an, und das Stimmverhalten von älteren Wählern sowie von Erst- und Wechselwählern wird eine entscheidende Rolle spielen. Ungewiss ist auch, wer die Wähler mit geringen Einkommen, die von wirtschaftlicher Stagnation betroffen sind und als Beamte ein niedrigeres Einkommen als der EU-Schnitt beziehen, an die Urne bringen kann.

Ein weiteres Fragezeichen ist, welche Auswirkungen die Stimmen für die rechtsgerichtete Partei Mi Hazánk Mozgalom (Unsere Heimat) auf die Mehrheit im Parlament haben werden. Die Partei vertritt migrations-, EU- und globalisierungskritische Positionen. Mehrere ihrer Initiativen dienten als Ideengeber für spätere Reformen der Regierung Orbáns, darunter der verfassungsrechtliche Schutz der Bargeldnutzung.

In Umfragen liegt die Partei derzeit bei etwa 5 bis 8 Prozent, und ihre Popularität nimmt zu. Es spricht wenig dafür, dass deren Anhänger bei den Parteistimmen zur taktischen Wahl übergehen werden. Sollte Tisza eine absolute Parlamentsmehrheit verfehlen, könnte Mi Hazánk zu einem Machtfaktor werden.

Warum man in Brüssel mit Spannung auf die Wahl blickt

Die Parlamentswahl in Ungarn gilt als richtungsweisend für ganz Europa, da sie über den künftigen Kurs eines zentralen EU-Mitgliedstaates entscheidet. Unter Orbán hat sich das Land in den vergangenen Jahren als eigenständiger Akteur positioniert, der in zentralen Fragen wie Migration, Ukraine-Politik oder Sanktionsregime wiederholt von der Linie in Brüssel abgewichen ist.

Ein Machtwechsel hin zu Magyar könnte diese Position zumindest in einigen Bereichen deutlich verändern – etwa durch eine stärkere Anbindung an die EU-Institutionen oder die Frage der Freigabe blockierter Fördermittel. Damit stünde nicht weniger als die künftige Geschlossenheit der Staatengemeinschaft auf dem Spiel.

Zugleich hat Ungarn innerhalb der EU eine strategische Rolle, da Beschlüsse in wichtigen Bereichen Einstimmigkeit erfordern. Die Haltung Budapests kann daher direkte Auswirkungen auf europäische Entscheidungen haben – von der Unterstützung der Ukraine bis hin zur Energiepolitik.

Ob der bisherige Kurs in Budapest fortgesetzt wird, oder in eine andere Richtung gesteuert wird, beeinflusst somit nicht nur die innenpolitische Entwicklung Ungarns, sondern auch das Kräfteverhältnis innerhalb der EU insgesamt.



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