Heute früh habe ich den Fehler gemacht, auf die Seite von X – früher Twitter – zu gehen. Iran. USA. Krieg. Weltuntergang. Und bei jedem zweiten Beitrag staune ich, wie viele Menschen plötzlich Nahost-Experten sind. Strategen. Völkerrechtler. Geheimdienstkenner.
Nein, das machte mich nicht „wütend“ – obwohl da sehr viel Wut zu spüren war. Es machte mich traurig. Und ratlos: Die gereizte Tonlage, die so klingt, als genieße man die Aufregung. Die Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Die Aggressivität gegen diejenigen, die eine andere Meinung haben. Die in Zement gefassten Weltbilder. Der reflexhafte Hass auf die jeweils andere Seite, das reflexhafte Schwarz-Weiß.
Ich saß vor dem Computer, las all das und dachte: Das ist nicht (mehr) meine Welt. Nicht, weil ich keine Meinung hätte. Sondern weil ich nicht Teil dieser Dauererregung sein will. Und weil ich mich frage, ob ich es nicht war. Zumindest teilweise ja, leider.
Mehrere Leser haben mich gefragt, warum ich nichts zum Iran schreibe.
Die Antwort ist unspektakulär: Ich bin kein Iran-Fachmann. Ich bin kein Nahost-Analyst. Und kein USA-Experte. Ich habe keine eigenen Quellen in Teheran oder Washington. Ich kann nichts beitragen, was nicht zehn andere bereits gesagt haben – meist lauter, oft schriller.
Und ich habe mir vorgenommen, nur dort zu schreiben, wo ich etwas Substanzielles beisteuern kann.
Früher hätte ich vielleicht trotzdem etwas geschrieben. Weil es erwartet wird. Weil man Position zeigen muss. Weil das Publikum wissen will, „wo man steht“.
Aber genau das finde ich erschreckend: Wir leben in einer Zeit mit einem „Haltungs-Druck“ – wo wie in Religionskriegen erwartet wird, dass man öffentlich Position bezieht. Und wehe, man tut das nicht. Dann ist man für viele sofort ein Feind. Einer der „anderen“. Ein Aussätziger.
Früher hielt ich das für ein Monopol von Rot-Grün-Links. Aber da war ich wohl etwas naiv und einseitig. Denn leider, leider, herrscht auch im anderen Lager, dem, dem ich mich selbst zuordne, alles andere als Resilienz gegen diese Unsitte. Ich würde fast sagen: Das ist ein kultur- und lagerübergreifendes Phänomen.
Leider.
Ich will da nicht (mehr) mitspielen. Ich muss nicht zu allem eine Haltung demonstrieren. Ich muss nicht jeden globalen Konflikt kommentieren, nur weil er Trend ist. Und ich muss mich nicht in ein Milieu begeben, in dem Differenzierung sofort als Verrat gilt.
Das ist kein Rückzug. Es ist eine bewusste Begrenzung. Eine Entscheidung für die Freiheit, meine Themen selbst zu wählen. Und vielleicht: Reifung.
Ich schreibe über das, was ich durchdrungen habe. Über das, wo ich Erfahrung, Kontext, eigene Recherche einbringen kann. Und ich lasse Themen liegen, bei denen ich nur eine weitere Stimme im Chor wäre.
Meine private Meinung dazu ist klar: Ich kann schwer verstehen, wie man Mitgefühl empfinden kann mit einem Regime, das Kritiker niedermetzelt und die Vernichtung Israels zum Staatsziel erklärt hat. Und wie man die Opfer der Militärschläge lauter beweint als die Demonstranten, die von diesem Regime getötet wurden.
Das wird anderswo laut genug gesagt. Ich muss es nicht noch verstärken. Ich sage es hier einmal – ohne Missionseifer und ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit.
Zigtausende frieren – und unsere Medien spülen alles weich. Weil’s linker Terror war, nicht rechter.
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