Gelebte Literaturarchäologie: Ein Wiener Verlag macht die vergessene, jüdische Schriftstellerin Maria Lazar zur Schlüsselfigur seines Programms. Ihre wiederentdeckten Kurzgeschichten zeigen das ganze Können dieser großen Erzählerin
Maria Lazar gehört zu den deutschsprachigen jüdischen Autorinnen, die mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus nicht mehr publizieren konnten
Foto: Österreichische Exilbibliothek – Literaturhaus Wien
Für Liebhaber der kurzen Erzählung ist gerade im Wiener Verlag Das vergessene Buch der Band Gedankenstrahlen mit 30 Short Stories und einer Novelle von Maria Lazar (1895 – 1948) erschienen. Sie bieten dramatische Geschichten mit kraftvollen Figuren, in Sprache gesetzt, die genau ist, niemals selbstverliebt, und schließen fast immer mit einer Pointe.
Zum Beispiel Herr Prinz kommt ins Gerede. Herr Prinz lebt in einem Haus, auf dessen Hinterhof kürzlich ein Mord geschehen ist. Der Täter sitzt bereits hinter Schloss und Riegel. Trotzdem entwickelt eine Clique von Studenten den makabren Gedanken, dass es möglich ist, jeden verdächtig zu machen. Selbst die unsinnigste Verleumdung setzt sich durch. Das glaubt Herr Prinz nicht. Bis zum Ende der Geschichte muss er es erleben.
Oder die Geschichte von einem Vertreter für Parfüm, der sich in das Geschäft der Madame Bosquet verirrt. Er macht auf die Witwe großen Eindruck. Was sie anstellt, um das Gleiche auch bei ihm zu erreichen, wird mit Humor erzählt. Am Ende kippt die Geschichte in schwarzen Humor, denn es stellt sich heraus, dass der Vertreter noch einen Nebenberuf hat: Er ist ein berühmter Henker. Fast jede Geschichte hat einen ähnlich kräftigen Plot, der Maria Lazars Können als Erzählerin ausweist.
Die Verlagsgründung war ein finanzielles Risiko
Schaut man hinter die Entstehungsgeschichte des Prosabands Gedankenstrahlen, dann eröffnet sich selbst eine Geschichte. Maria Lazar gehört zu den deutschsprachigen jüdischen Autorinnen, die mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus nicht mehr publizieren konnten. Für ihre Short Stories musste sie sich hinter dem Pseudonym Esther Grenen verstecken. So konnte wenigstens ein Teil von ihnen zwischen 1937 und 1942 in der Sonntags-Beilage der Basler National-Zeitung erscheinen.
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Diese und noch einmal 20 weitere, die noch nie auf Deutsch erschienen sind, hat Albert C. Eibl als Herausgeber in ihrem Nachlass entdeckt. Auf Lazar aufmerksam gemacht hatte ihn sein Uni-Professor Johann Sonnleitner, der in Eibls Nachwort für seine Forschungen über vergessene österreichisch-jüdische Autorinnen gewürdigt wird.
Eibl hat als 26-jähriger Germanistik-Student vor zwölf Jahren den Verlag Das vergessene Buch gegründet, was finanziell ein beträchtliches Risiko bedeutete. Im Jahr 2014 verlegte er zum Start Maria Lazars Debütroman Die Vergiftung. Wie bei Debüts nicht selten, benutzte die Autorin ihre Familiengeschichte als Stoff, weitete sie aus zu einem Sittenbild des österreichischen Bürgertums am Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Maria Lazar schrieb wunderbare Kurzprosa
Bereits ein Jahr später folgte der Roman Die Eingeborenen von Maria Blut, in dem satirisch-überhöht erzählt wird, wie die Bewohner eines kleinen österreichischen Dorfes dem Nationalsozialismus ihre Türen und Herzen öffnen. Den Roman hat Maria Lazar 1935 im dänischen Exil geschrieben, wo sie für einige Zeit ihre Schulfreundin Helene Weigel und Bertolt Brecht als Nachbarn hatte. Er erschien nicht zu Lebzeiten. Ihre Schwester Auguste Lazar, eine bekannte Kinderbuchautorin in der DDR, setzte sich für sein Erscheinen ein. Es gelang 1958, als Maria Lazar bereits zehn Jahre tot war.
Für den Verleger Albert C. Eibl wurde Maria Lazar der Stern seines Verlags Das vergessene Buch. Er zeigte ihm den Weg, in der Zwischenkriegszeit zu Unrecht vergessene Werke von österreichischen Schriftstellerinnen, meist Jüdinnen, wieder sichtbar zu machen. Inzwischen hat er andere, vornehmlich Autorinnen, neu oder erstediert. Aus Österreich etwa Marta Karlweis und Else Jerusalem, aber auch die Amerikanerin Dorothy Thompson.
Gelebte Literaturarchäologie nennt er sein Tun, das ihm zur Obsession geworden ist. Bei Maria Lazar ist es über die in England lebende Enkelin gelungen, den kompletten Nachlass an die Exilbibliothek im Literaturhaus Wien zu übergeben. Daraus hat er jetzt den Band wunderbarer Gedankenstrahlen mit Kurzprosa zusammengestellt.
Gedankenstrahlen Maria Lazar Das vergessene Buch 2025, 412 S., 26 €
s zum Ende der Geschichte muss er es erleben.Oder die Geschichte von einem Vertreter für Parfüm, der sich in das Geschäft der Madame Bosquet verirrt. Er macht auf die Witwe großen Eindruck. Was sie anstellt, um das Gleiche auch bei ihm zu erreichen, wird mit Humor erzählt. Am Ende kippt die Geschichte in schwarzen Humor, denn es stellt sich heraus, dass der Vertreter noch einen Nebenberuf hat: Er ist ein berühmter Henker. Fast jede Geschichte hat einen ähnlich kräftigen Plot, der Maria Lazars Können als Erzählerin ausweist.Die Verlagsgründung war ein finanzielles RisikoSchaut man hinter die Entstehungsgeschichte des Prosabands Gedankenstrahlen, dann eröffnet sich selbst eine Geschichte. Maria Lazar gehört zu den deutschsprachigen jüdischen Autorinnen, die mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus nicht mehr publizieren konnten. Für ihre Short Stories musste sie sich hinter dem Pseudonym Esther Grenen verstecken. So konnte wenigstens ein Teil von ihnen zwischen 1937 und 1942 in der Sonntags-Beilage der Basler National-Zeitung erscheinen.Placeholder image-1Diese und noch einmal 20 weitere, die noch nie auf Deutsch erschienen sind, hat Albert C. Eibl als Herausgeber in ihrem Nachlass entdeckt. Auf Lazar aufmerksam gemacht hatte ihn sein Uni-Professor Johann Sonnleitner, der in Eibls Nachwort für seine Forschungen über vergessene österreichisch-jüdische Autorinnen gewürdigt wird.Eibl hat als 26-jähriger Germanistik-Student vor zwölf Jahren den Verlag Das vergessene Buch gegründet, was finanziell ein beträchtliches Risiko bedeutete. Im Jahr 2014 verlegte er zum Start Maria Lazars Debütroman Die Vergiftung. Wie bei Debüts nicht selten, benutzte die Autorin ihre Familiengeschichte als Stoff, weitete sie aus zu einem Sittenbild des österreichischen Bürgertums am Beginn des Zweiten Weltkriegs.Maria Lazar schrieb wunderbare KurzprosaBereits ein Jahr später folgte der Roman Die Eingeborenen von Maria Blut, in dem satirisch-überhöht erzählt wird, wie die Bewohner eines kleinen österreichischen Dorfes dem Nationalsozialismus ihre Türen und Herzen öffnen. Den Roman hat Maria Lazar 1935 im dänischen Exil geschrieben, wo sie für einige Zeit ihre Schulfreundin Helene Weigel und Bertolt Brecht als Nachbarn hatte. Er erschien nicht zu Lebzeiten. Ihre Schwester Auguste Lazar, eine bekannte Kinderbuchautorin in der DDR, setzte sich für sein Erscheinen ein. Es gelang 1958, als Maria Lazar bereits zehn Jahre tot war.Für den Verleger Albert C. Eibl wurde Maria Lazar der Stern seines Verlags Das vergessene Buch. Er zeigte ihm den Weg, in der Zwischenkriegszeit zu Unrecht vergessene Werke von österreichischen Schriftstellerinnen, meist Jüdinnen, wieder sichtbar zu machen. Inzwischen hat er andere, vornehmlich Autorinnen, neu oder erstediert. Aus Österreich etwa Marta Karlweis und Else Jerusalem, aber auch die Amerikanerin Dorothy Thompson.Gelebte Literaturarchäologie nennt er sein Tun, das ihm zur Obsession geworden ist. Bei Maria Lazar ist es über die in England lebende Enkelin gelungen, den kompletten Nachlass an die Exilbibliothek im Literaturhaus Wien zu übergeben. Daraus hat er jetzt den Band wunderbarer Gedankenstrahlen mit Kurzprosa zusammengestellt.