Eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert erfolgreich als Mann ausgibt? Sandra Hüller lässt es in Markus Schleinzers Film „Rose“ glaubhaft erscheinen – und bekam auf der Berlinale prompt den Schauspieler-Bären dafür


„In der Hose war mehr Freiheit. Ist ja nur ein Stückchen Stoff“, Sandra Hüller brachte ihre Hosenrolle die Auszeichnung als beste Schauspielerin ein

Foto: Gerald Kerkletz, Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film


Der Name des Mannes, der aus dem Dreißigjährigen Krieg heimkehrt, wird nie genannt. Er hat ein zerschossenes Gesicht und trägt die dafür verantwortliche Kugel um den Hals. Vor allem aber besitzt er eine Urkunde, die ihn als rechtmäßigen Eigentümer eines verwaisten Gutshofs ausweist.

Bald hat er zwei Knechte, mit denen er Haus und Stall repariert. „Was ist das Leben in Betrug und Lüge?“, raunt eine Frauenstimme aus dem Off. „Kann man Freiheit nennen, so zu leben?“ Das ist die entscheidende Frage in Rose, einem Film, der – als Variante der Geschichte des Kriegsheimkehrers Martin Guerre – erzählt, wie sich der geheimnisvolle Soldat mit Betrug und Lüge die Freiheit herausnimmt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Denn der bartlose Veteran, der mit der Pistole einen Bären erlegt und damit zum angesehenen Mitglied der Gemeinschaft wird, ist eine Frau. Gespielt von Sandra Hüller, der die auffällige Hosenrolle bei der Berlinale die Auszeichnung als beste Schauspielerin einbrachte.

Die Gier ist ein Rausch

Das erste Jahr ist trotz der schweren Arbeit das einfachste, denn Rose plant jeden Schritt mit viel Vorsicht. Das Land gedeiht, ein Platz in der Kirche auf der rechten Männerseite gehört ihr. Doch die allwissende Erzählerin, die mit gestelzten Phrasen wie in einer Moritat eine schauerliche Geschichte zum Besten gibt, weist wiederholt auf das kommende Unheil hin. „Ist der Notwendigkeit einmal Genüge getan, stellt sich gerne der Wunsch ein nach mehr. Denn die Gier ist ein Rausch.“

Die Geschichte hätte also gut ausgehen können, hätte Rose, die „an Überschuss dachte und an Gewinn“, nicht ein „gewaltiger Unternehmergeist“ überkommen. Nicht weil sie sich als Mann verkleidet, sondern weil sie sich wie ein Mann verhält, geht Rose ein hohes Risiko ein. Denn das stereotype männliche Streben nach Besitz und Macht lässt sie einen problematischen Pakt schließen: Um Zugang zum Bach zu erhalten, heiratet Rose die Tochter des Großbauern und teilt sich nun mit Suzanna (Caro Braun) das Haus, aber nicht das Bett. Das Damoklesschwert senkt sich ein Stück tiefer.

Schüler von Michael Haneke

Dieser Determinismus ist bei Markus Schleinzer als ehemaligem Schüler Michael Hanekes wenig erstaunlich – wirkt ausgerechnet in Rose jedoch auch befremdlich. Zwar erzählt Schleinzer vom Versuch einer Emanzipation, betrachtet diesen aber von Beginn an als zum Scheitern verurteilt. Nicht zufällig verbeugt er sich am Ende mit einer Hommage vor Carl Theodor Dreyers Jeanne d’Arc – und inszeniert eine Heldin als Widerstandskämpferin, die letztlich gegen die soziale Realität des 17. Jahrhunderts nicht ankommt.

„Wollt nicht Mann sein“, verteidigt Rose vor Gericht ihren angeblichen Verrat am König, an der Kirche und an der Gemeinschaft. „In der Hose war mehr Freiheit. Ist ja nur ein Stückchen Stoff.“ Ist sie natürlich nicht. Die Freiheit, die der Film seiner Protagonistin schenkt, währt indes kurz und ist kaum bedeutend genug, um erzählt zu werden. Spannender klingt das Scheitern der ungewöhnlichen Zweckgemeinschaft von Rose und Suzanna, die, selbst das Gefühl von Freiheit schnuppernd, Rose den Rücken freihält.

Roses fiktive Geschichte beruht auf einem Konglomerat einzelner Schicksale

Nach Michael, einem Film über einen einzelgängerischen Pädophilen, und Angelo, einem Historiendrama über den im 18. Jahrhundert nach Europa verschleppten afrikanischen Kammerdiener Angelo Soliman, erzählt Schleinzer mit Rose zum dritten Mal von einer randständigen Figur. Roses fiktive Geschichte, ein auf historischen Fällen beruhendes „Konglomerat einzelner Schicksale“, steht also stellvertretend für andere Erzählungen von scheinbar zeitloser, sicher aber zeitgeistiger Aktualität. Mit seinem Fatalismus deutet Rose dabei das transgressive Subgenre kaum progressiver als klassische Hosenrollen-Filme à la Viktor/Viktoria, in denen die Frauen am Ende gerne solche bleiben.

Bei Schleinzer dient Roses Schicksal zuvorderst als Versuchsanordnung: Penibel wird, der Schönheit der Bilder zum Trotz, die Abwärtsspirale beobachtet.

Rose Markus Schleinzer Deutschland/Österreich 2026, 94 Minuten

svolle Soldat mit Betrug und Lüge die Freiheit herausnimmt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.Denn der bartlose Veteran, der mit der Pistole einen Bären erlegt und damit zum angesehenen Mitglied der Gemeinschaft wird, ist eine Frau. Gespielt von Sandra Hüller, der die auffällige Hosenrolle bei der Berlinale die Auszeichnung als beste Schauspielerin einbrachte.Die Gier ist ein RauschDas erste Jahr ist trotz der schweren Arbeit das einfachste, denn Rose plant jeden Schritt mit viel Vorsicht. Das Land gedeiht, ein Platz in der Kirche auf der rechten Männerseite gehört ihr. Doch die allwissende Erzählerin, die mit gestelzten Phrasen wie in einer Moritat eine schauerliche Geschichte zum Besten gibt, weist wiederholt auf das kommende Unheil hin. „Ist der Notwendigkeit einmal Genüge getan, stellt sich gerne der Wunsch ein nach mehr. Denn die Gier ist ein Rausch.“Die Geschichte hätte also gut ausgehen können, hätte Rose, die „an Überschuss dachte und an Gewinn“, nicht ein „gewaltiger Unternehmergeist“ überkommen. Nicht weil sie sich als Mann verkleidet, sondern weil sie sich wie ein Mann verhält, geht Rose ein hohes Risiko ein. Denn das stereotype männliche Streben nach Besitz und Macht lässt sie einen problematischen Pakt schließen: Um Zugang zum Bach zu erhalten, heiratet Rose die Tochter des Großbauern und teilt sich nun mit Suzanna (Caro Braun) das Haus, aber nicht das Bett. Das Damoklesschwert senkt sich ein Stück tiefer.Schüler von Michael HanekeDieser Determinismus ist bei Markus Schleinzer als ehemaligem Schüler Michael Hanekes wenig erstaunlich – wirkt ausgerechnet in Rose jedoch auch befremdlich. Zwar erzählt Schleinzer vom Versuch einer Emanzipation, betrachtet diesen aber von Beginn an als zum Scheitern verurteilt. Nicht zufällig verbeugt er sich am Ende mit einer Hommage vor Carl Theodor Dreyers Jeanne d’Arc – und inszeniert eine Heldin als Widerstandskämpferin, die letztlich gegen die soziale Realität des 17. Jahrhunderts nicht ankommt.„Wollt nicht Mann sein“, verteidigt Rose vor Gericht ihren angeblichen Verrat am König, an der Kirche und an der Gemeinschaft. „In der Hose war mehr Freiheit. Ist ja nur ein Stückchen Stoff.“ Ist sie natürlich nicht. Die Freiheit, die der Film seiner Protagonistin schenkt, währt indes kurz und ist kaum bedeutend genug, um erzählt zu werden. Spannender klingt das Scheitern der ungewöhnlichen Zweckgemeinschaft von Rose und Suzanna, die, selbst das Gefühl von Freiheit schnuppernd, Rose den Rücken freihält.Roses fiktive Geschichte beruht auf einem Konglomerat einzelner SchicksaleNach Michael, einem Film über einen einzelgängerischen Pädophilen, und Angelo, einem Historiendrama über den im 18. Jahrhundert nach Europa verschleppten afrikanischen Kammerdiener Angelo Soliman, erzählt Schleinzer mit Rose zum dritten Mal von einer randständigen Figur. Roses fiktive Geschichte, ein auf historischen Fällen beruhendes „Konglomerat einzelner Schicksale“, steht also stellvertretend für andere Erzählungen von scheinbar zeitloser, sicher aber zeitgeistiger Aktualität. Mit seinem Fatalismus deutet Rose dabei das transgressive Subgenre kaum progressiver als klassische Hosenrollen-Filme à la Viktor/Viktoria, in denen die Frauen am Ende gerne solche bleiben.Bei Schleinzer dient Roses Schicksal zuvorderst als Versuchsanordnung: Penibel wird, der Schönheit der Bilder zum Trotz, die Abwärtsspirale beobachtet.



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