Digitaler Gewalt ist kein Einzelfall. Unsere Autorin berichtet, wie sie auf Instagram ein Fake-Profil von sich entdeckte, das ihren Followern pornografische Inhalte versprach. Wo bleiben die juristischen Maßnahmen?
Kaum ein Mann problematisiert gefälschte pornografische Videos
Foto: Josué Soto
Weiter verbreitet, als man denkt: digitale Gewalt gegen Frauen. Das musste ich selbst erleben. Vor drei Jahren erstellte eine unbekannte Person auf Instagram ein Fake-Profil von mir. In der Instagram-Story bewarb die Person pornografischen Content von mir auf einer OnlyFans-ähnlichen Plattform.
Mein Gesicht wurde auf pornografische Inhalte montiert. Und mit meinem Gesicht auf einem fremden nackten Körper Geld verdient. Dieses Profil schrieb meine männlichen Follower an, versprach ihnen exklusiven Zugang zu vermeintlich sexuellen Inhalten von mir.
Frauen sind in dieser Gesellschaft nicht sicher. Ein Satz, der sich in meinem Kopf festsetzte, als der Fall um Collien Fernandes bekannt wurde. Tag für Tag gelangen Bruchstücke abartiger Gewalt an Frauen an die Öffentlichkeit. Es sind keine Einzelfälle.
Gewalt an Frauen hat nie abgenommen, sondern wurde durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Deepfakes vervielfältigt und anonymisiert. Was soll noch passieren? Eine Frage, die ich nicht beantworten oder weiterdenken will.
Ich wusste: Ich war nicht die einzige Frau, der dies passierte
Ich fühlte mich überfordert und machtlos. Diese unbekannte Person hatte die Macht über meinen Körper an sich gerissen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich forderte meine Follower:innen auf, das Profil zu melden und zu blockieren. Ich versuchte, die Inhalte auf der Plattform sperren zu lassen, ohne zu wissen, ob das letztendlich funktionierte. Anzeige habe ich nicht erstattet.
In meinem Kopf war die ähnliche Erfahrung einer Bekannten präsent. Sie ging zur Polizei, bei der ihre einzige Möglichkeit eine Anzeige gegen „Unbekannt“ war. Mehr könne man nicht machen. In diesem Wissen sah ich keinen Sinn darin, meine Erfahrung digitaler Gewalt anzuzeigen.
Ich hatte das Gefühl, ich müsste dieser undurchsichtigen Bedrohung mehr Raum geben, als für mich förderlich wäre. Als ich tragen könnte. So groß war meine Scham ohnehin, dass ich mir nicht vorstellen wollte, wer die Videos gesehen hatte, geschweige denn sie anderen zeigen zu müssen. Also schwieg ich. Was ich jedoch weiß: Ich war nicht die einzige Frau, der dies passierte.
Das ist kein „Kink“, sondern struktureller Frauenhass
Auch Collien Fernandes erstattete Anzeige gegen „Unbekannt“. Dass dieser Akt die einzige Handlungsmacht für Betroffene ist, verdeutlicht die diffuse Bedrohung durch digitale Gewalt. Um später zu erfahren, dass mutmaßlich der eigene Ehemann, Christian Ulmen, ihr das angetan haben soll – über zehn Jahre lang.
Während Ulmen den Raub und die Ausbeutung der digitalen Identität seiner Frau als „Kink“ abzustempeln scheint, muss eines klar sein: Das ist kein „Kink“, sondern struktureller Frauenhass. Es ist der Versuch, Macht über den Körper einer Frau auszuüben und ihn für sich zu beanspruchen. Frauen als ein sexuelles Objekt zu sehen, ihre Körper zu nutzen. Immer wieder. Und mit Internet, KI und Deepfakes anonymer denn je.
Es macht mich wütend, dass kaum ein Mann die gefälschten pornografischen Videos und Telefonate als Problem gewertet und darauf aufmerksam gemacht hat. Stattdessen nutzten sie die Gewaltfantasien eines anderen Mannes für sich. Noch schlimmer ist, dass das keine Neuigkeit ist. Misogyne Gewalt passiert in männlichen Kreisen, wird dort gehalten und geschützt. Ich frage euch Männer: Was muss passieren, damit auch ihr Gewalt an Frauen ernst nehmt, sie aufzeigt, laut und wütend seid?
Es ist mehr als überfällig. Die patriarchalen Machtstrukturen, die unsere Gesellschaft durchziehen, schaffen Räume, in denen Gewalt an Frauen verübt und verherrlicht wird. Es braucht rechtliche Konsequenzen, die Frauen in allen Räumen schützen, sei es öffentlich, in den eigenen vier Wänden oder digital.
Fall um Collien Fernandes bekannt wurde. Tag für Tag gelangen Bruchstücke abartiger Gewalt an Frauen an die Öffentlichkeit. Es sind keine Einzelfälle.Gewalt an Frauen hat nie abgenommen, sondern wurde durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Deepfakes vervielfältigt und anonymisiert. Was soll noch passieren? Eine Frage, die ich nicht beantworten oder weiterdenken will. Ich wusste: Ich war nicht die einzige Frau, der dies passierteIch fühlte mich überfordert und machtlos. Diese unbekannte Person hatte die Macht über meinen Körper an sich gerissen, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich forderte meine Follower:innen auf, das Profil zu melden und zu blockieren. Ich versuchte, die Inhalte auf der Plattform sperren zu lassen, ohne zu wissen, ob das letztendlich funktionierte. Anzeige habe ich nicht erstattet.In meinem Kopf war die ähnliche Erfahrung einer Bekannten präsent. Sie ging zur Polizei, bei der ihre einzige Möglichkeit eine Anzeige gegen „Unbekannt“ war. Mehr könne man nicht machen. In diesem Wissen sah ich keinen Sinn darin, meine Erfahrung digitaler Gewalt anzuzeigen.Ich hatte das Gefühl, ich müsste dieser undurchsichtigen Bedrohung mehr Raum geben, als für mich förderlich wäre. Als ich tragen könnte. So groß war meine Scham ohnehin, dass ich mir nicht vorstellen wollte, wer die Videos gesehen hatte, geschweige denn sie anderen zeigen zu müssen. Also schwieg ich. Was ich jedoch weiß: Ich war nicht die einzige Frau, der dies passierte.Das ist kein „Kink“, sondern struktureller FrauenhassAuch Collien Fernandes erstattete Anzeige gegen „Unbekannt“. Dass dieser Akt die einzige Handlungsmacht für Betroffene ist, verdeutlicht die diffuse Bedrohung durch digitale Gewalt. Um später zu erfahren, dass mutmaßlich der eigene Ehemann, Christian Ulmen, ihr das angetan haben soll – über zehn Jahre lang.Während Ulmen den Raub und die Ausbeutung der digitalen Identität seiner Frau als „Kink“ abzustempeln scheint, muss eines klar sein: Das ist kein „Kink“, sondern struktureller Frauenhass. Es ist der Versuch, Macht über den Körper einer Frau auszuüben und ihn für sich zu beanspruchen. Frauen als ein sexuelles Objekt zu sehen, ihre Körper zu nutzen. Immer wieder. Und mit Internet, KI und Deepfakes anonymer denn je.Es macht mich wütend, dass kaum ein Mann die gefälschten pornografischen Videos und Telefonate als Problem gewertet und darauf aufmerksam gemacht hat. Stattdessen nutzten sie die Gewaltfantasien eines anderen Mannes für sich. Noch schlimmer ist, dass das keine Neuigkeit ist. Misogyne Gewalt passiert in männlichen Kreisen, wird dort gehalten und geschützt. Ich frage euch Männer: Was muss passieren, damit auch ihr Gewalt an Frauen ernst nehmt, sie aufzeigt, laut und wütend seid?Es ist mehr als überfällig. Die patriarchalen Machtstrukturen, die unsere Gesellschaft durchziehen, schaffen Räume, in denen Gewalt an Frauen verübt und verherrlicht wird. Es braucht rechtliche Konsequenzen, die Frauen in allen Räumen schützen, sei es öffentlich, in den eigenen vier Wänden oder digital.