In Kürze:
- Wer früh zu arbeiten beginnt, soll auch früher abschlagsfrei in Rente gehen können
- Kanzler Merz plädiert aber für mindestens 45 Arbeitsjahre
- Die Idee stammt aus dem Umfeld des Koalitionspartners SPD und ist seit Dezember bekannt
- Kritik kommt unter anderem von den Linken
Ziel: Verlängerung der Lebensarbeitszeit
Merz betonte, dass auch der Koalitionspartner SPD diesem Konzept grundsätzlich offen gegenüberstehe. Die Idee zur Reform stammt ursprünglich von Ökonom Jens Südekum, der seit Mai 2025 als persönlicher Wirtschaftsberater von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) tätig ist.
Im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung bekräftigte Südekum, dass die Lebensarbeitszeit „mindestens 45 Jahre“ betragen müsse. Ziel sei eine „effektive Verlängerung“ der Lebensarbeitszeit. Er erwarte zudem, dass die Rentenkommission entsprechende Berechnungen erstellt und Vorschläge macht. Die endgültige Festlegung einer Jahreszahl liege jedoch bei der Politik.
Südekum ergänzte: „Ich schlage vor, die starre Altersgrenze – die manche auf 70 Jahre anheben möchten und damit die Gerechtigkeitslücke vergrößern würden – durch eine fixe Zahl an Beitragsjahren zu ersetzen. Nur wer diese erreicht, soll abschlagsfrei in Rente gehen. Manche schaffen das bereits vor 67, andere erst später.“
Starres Rentenalter von 67 Jahren als Problem
Südekum wies zurück, dass sein Modell Akademiker bestrafen würde, die später ins Berufsleben einsteigen. „So ist es mitnichten. Zeiten für Ausbildung und Studium, aber auch für die Kindererziehung, können in meinem Modell angerechnet werden.“ Gleichzeitig müsse jedoch neu geklärt werden: „Wer kann wann abschlagsfrei in Rente gehen und die angesammelten Rentenpunkte – umgangssprachlich formuliert – nutzen? Gegenwärtig lautet die pauschale Antwort für alle: mit 67 Jahren.“
Aus Sicht des Ökonomen ist das starre Rentenalter aus zwei Gründen problematisch: „Wer mit 17 anfängt, muss bis 67 fünf Jahrzehnte lang arbeiten. Langzeitstudenten arbeiten womöglich nur 30 oder 35 Jahre bis zum regulären Renteneintritt.“ Zudem lebten Menschen mit höherem Einkommen – meist Akademiker – im Durchschnitt länger als körperlich arbeitende Menschen. „Besserverdiener zahlen also kürzer in die Rentenkasse ein und beziehen gleichzeitig länger Rente.“
Dass sein Konzept breite Zustimmung finde, erklärt Südekum damit, dass er „tatsächlich noch nie so viel positive Resonanz, so viele dankbare und anerkennende Briefe und Mails“ erhalten habe wie auf diesen Vorschlag – „hauptsächlich von Leuten, die nicht studiert haben.“
DIW-Präsident warnt vor neuen Ungerechtigkeiten
Die ursprünglich als „Rente mit 63“ eingeführte Regelung war darauf ausgerichtet, Menschen entgegenzukommen, die über viele Jahre körperlich belastende Tätigkeiten ausgeübt haben – eine Gruppe, die auch vom neuen Modell profitieren würde. Allerdings könnten andere Bevölkerungsgruppen durch eine an Beitragsjahren orientierte Rentenregelung benachteiligt werden, etwa Personen mit unterbrochenen oder unsteten Erwerbsbiografien, Mütter, pflegende Angehörige oder Menschen mit längeren Phasen der Arbeitslosigkeit oder gesundheitlichen Einschränkungen.
Linke warnen vor Spaltung der Beschäftigten
Auch die Grünen äußerten Bedenken: Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann sagte, es müsse sichergestellt werden, dass Menschen das Renteneintrittsalter von 67 Jahren überhaupt erreichen können. Sie wies auf das derzeitige durchschnittliche Renteneintrittsalter von 64,7 Jahren hin und betonte, dass Gesundheitsprävention sowie Umschulungs- und Weiterbildungsangebote notwendig seien, damit Menschen länger arbeiten können und wollen.