Nach dem phänomenalen weltweiten Erfolg und der Aktualität der TV-Adaption von Margaret Atwoods Roman A Handmaids Tale (deutscher Titel: Der Report der Magd) im Jahr 2017 werde sie als „eine Kombination aus Galionsfigur, Prophetin und Heilige“ angesehen, schreibt die kanadische Autorin in ihren kürzlich erschienenen Memoiren Book of Lives.
Auf 600 Seiten reichen diese „so etwas wie Memoiren“ von Atwoods Kindheit in der kanadischen Wildnis bis zu ihrer Trauer über den Tod ihres Mannes, des 2019 verstorbenen Schriftstellers Gaeme Gibson, mit dem sie 48 Jahre zusammen war. Dazwischen gab es viele Freundschaften, gelegentlich Streitigkeiten und mehr als 50 Bücher (darunter Cat’s Eye, Alias Grace und die mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Werke The Blind Assassin und The Testaments).
Die Autorin, die gerade 86 geworden ist, betrachtet die Dinge immer gerne aus einer Perspektive der Distanz, oft aus einer Entfernung von mehreren Jahrhunderten. Wie die US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Rebecca Solnit weiter unten anmerkt, hat Atwood einen langfristigen Blick auf unsere Zeit. Das Alter und die Freiheit, eine Schriftstellerin zu sein (sie könne schließlich nicht gekündigt werden, wie sie sagt) lassen sie furchtlos ihre Meinung sagen.
Sie hat Probleme mit ihrer Rolle als feministische Ikone
Die Vorstellung von prophetischen Kräften hat sie stets zurückgewiesen –„Dann hätte ich den Aktienmarkt im Griff“, erklärte sie, wobei sie in ihrem 2008 erschienenen BuchPaybackden Finanzcrash vorhergesagt hat. Auf keinen Fall möchte sie als Heilige zum Idol gemacht werden: Das ende selten gut. Außerdem sei sie nachtragend. Sie hat sogar Probleme mit ihrer Rolle als feministische Ikone, „von der erwartet wird, dass sie unter allen Umständen das Richtige für Frauen tut, wobei mir von Leser:innen und Zuschauer:innen viele verschiedene Vorstellungen davon, was das Richtige ist, zugeschrieben werden“, wie sie in Book of Lives schreibt.
Atwood ist so schwer zu bestimmen wie die Insekten, mit denen sie und ihr Bruder Harold als Kinder spielten, da ihr Vater als Insektenkundler arbeitete. Einerseits Naturwissenschaftlerin (viele in ihrer Familie haben etwas mit Wissenschaft zu tun) und Skeptikerin interessiert sie sich gleichzeitig auch für Aus-der-Hand-lesen und das Okkulte.
Es gibt nichts, was sie einem nicht über die Natur sagen kann, seien es das Sexleben von Schnecken oder seltene Vögel (siehe die Frage von Jonathan Franzen); oder Geschichte – besonders gut kennt sie sich mit den Hexenprozessen von Salem in Neuengland im Nordosten der USA und der Französischen Revolution aus.
Zum Schluss noch ein Ratschlag
Atwood kann witzig und streng sein, manchmal sogar innerhalb desselben Satzes, aber hinter all ihren Werken steht eine tiefe moralische Ernsthaftigkeit. Sie unterstützt viele gute Zwecke, junge Schriftsteller:innen und Umweltprojekte. Sie fährt immer noch jedes Jahr zum Polarkreis und jedes Frühjahr zur Vogelwanderung auf die Eriesee-Insel Pelee Island im kanadischen Bundestaat Ontario. Irgendwie hat sie auch die Zeit gefunden, einige der besten Bücher der letzten 50 Jahre zu schreiben: Gedichte, Dystopien, historische Romane, spekulative Fiktion, eine Graphic Novel, unzählige Essays und schließlich ihre Memoiren.
Die Autorin würde dieses Inventar ihrer Leistungen entschieden ablehnen – schließlich ist sie Kanadierin. Aber es ist nur natürlich, dass einige andere große Denker:innen und Schriftsteller:innen brennende Fragen an sie haben: Sei es, wie man einen Kater kuriert oder das Patriarchat stürzt. Zum Schluss noch ein Ratschlag aus dem letzten Epigraph zu Book of Lives: „Verärgert sie nicht, oder ihr werdet für immer leben.“
George Saunders: Herzlichen Glückwunsch zu „Book of Lives“. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Tag vor langer Zeit, als Sie mich mit einer Art homöopathischem Mittel vor dem Tod durch Kater in einem Auto auf dem Weg nach Salisbury gerettet haben? Ich habe Sie meisterhaft über zeitgenössische Biologie und Philosophie und viele andere Themen sprechen hören und bewundere die Art und Weise, wie diese Weisheit Ihre Romane und Geschichten durchdringt. Daher ist meine ernsthafte Frage: Wie sieht ihr Leseleben aus, wenn sie keine Literatur lesen? Außerdem (kleine Nachfrage): Was für Pillen waren das damals?
Margaret Atwood: Ich beantworte mal die letzte Frage zuerst: Ich erinnere mich gut an diesen Tag – unsere Fahrt von Hay-on-Wye nach Salisbury – und den sehr witzigen, aber wehmütigen Text, den Sie darüber für den New Yorker geschrieben haben. Es tut mir so leid, dass Sie von britischem Bier überfallen wurden. Sie hatten eine beunruhigende Farbe Grün. Was ich getan habe: 1. Haben wir Sie auf den Beifahrersitz nach vorn gesetzt. 2. Rieten wir Ihnen, den Blick auf den Horizont zu richten. 3. Der Ratschlag: Trinken Sie ausreichend.
Außerdem gab ich Ihnen ein paar Pillen aus meiner kleinen Reiseapotheke. Mütter machen das so, und diese Gewohnheit ist mir geblieben. Ich glaube, dabei waren Ingwer-Gravol gegen Seekrankheit, ein Antazidum wie Tums, eine Art Bonbon, um Elektrolyte zuzuführen, und alles andere, was meiner Meinung nach helfen könnte. Aber keine Schmerzmittel, denn ich dachte, die könnten Sie noch kränker machen.
Meine Leseliste der Nicht-Belletristik besteht aus vielen Stapeln auf dem Boden und in verschiedenen Regalabschnitten, locker organisiert: ziemlich viele Sagen, Mythologie, Volksballaden, Hexen und so weiter aus vielen Ländern – ein Kindheitsinteresse, das sich gehalten hat. Gerade ist das Thema Grönland neu dazugekommen. Außerdem habe ich eine große Sammlung zu den Themen Menschenrechte sowie Feminismus der zweiten Welle und Aktualisierungen dazu.
Wir leben in einer revolutionären Zeit leben – und nein, Revolutionen sind nicht immer ,links’
Einen noch größerer Anteil macht das Thema Krieg aus. Die beiden größten Abschnitte befassen sich mit dem Zweiten Weltkrieg (ich habe die Sammlung meines Schwiegervaters, eines kanadischen Generals, geerbt, siehe meine Kurzgeschichte A Dusty Lunch) sowie der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen. Letztere Zeit fasziniert mich derzeit sehr, da ich glaube, dass wir in einer revolutionären Zeit leben – und nein, Revolutionen sind nicht immer „links“.
Dann das Thema Natur: Kein Wunder wohl bei einem Vater und einem Bruder, die beide als Biologen arbeiteten, dazu Graeme als begeisterter Vogelbeobachter … Das macht mich zu einer pedantischen und wahrscheinlich nervigen Begleiterin für Spaziergänge in der Natur. (Aber die Apps Merlin und iNaturalist haben ja ganze Generationen von Bürger-Wissenschaftler:innen geschaffen).
Darüber hinaus besitze ich eine große Sammlung kanadischer Bücher – Prosa, Geschichte, Poesie – der Großteil aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren, danach wurde es zu ausufernd. Dazu kommen Romane aus anderen Ländern. Die Geschichte der Kleidung. Und so weiter …
George Monbiot: Die allermeisten von uns sind keine Psychopathen. Warum wählen wir sie dann immer wieder in hohe politische Ämter und wie können wir damit aufhören?
Margaret Atwood: Bei Wahlen steht das, was die Menschen tatsächlich wollen, oft nicht als Wahlmöglichkeit zur Verfügung. Daher stimmen sie nicht für das Beste, sondern für das, was ihnen am wenigsten schlecht erscheint. Es überrascht nicht, dass sie sich dabei manchmal irren. Außerdem ist in Zeiten der Desinformation (siehe politische Pamphlete aus dem 18. Jahrhundert, nur als witziger Vergleich) die Wahrscheinlichkeit, dass Entscheidungen auf der Basis korrekter Informationen getroffen werden, recht gering.
Jonathan Franzen: Sie waren immer eine starke Verfechterin neuer Technologien für Schriftsteller:innen, insbesondere der sozialen Medien. Gibt Ihnen die zunehmend bösartige Macht der großen Technologiekonzerne zu denken?
Margaret Atwood: Aber sicher. Utopische Projekte – das frühe Internet, oh wie schön, jetzt können wir alle unsere schönen und hilfreichen Gedanken teilen – gehen häufig schief, weil, Überraschung, unsere geteilten Gedanken nicht immer schön und hilfreich sind. Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten … wie wäre es mit der Zeit vor Einführung der Landwirtschaft? Auch nicht ohne ihre Probleme, fürchte ich.
Welchen Vogel haben Sie noch nicht gesehen und würden es sehr gerne noch?
Den Dodo (Scherz). Den Riesenalk (ebenfalls Scherz, weil auch ausgestorben, d. Red). Ich habe noch nie einen Strauß in freier Wildbahn gesehen, aber einen Kasuar. Wie wäre es mit einem europäischen Bienenfresser? Sie sollen wunderschön sein.
Rebecca Solnit: Eine der Freuden/Schrecken eines langen Lebens ist es, Zeuge von Wandel zu sein. Was sind die größten Veränderungen, die sie gesehen haben? Die, die Ihnen am meisten Sorgen machen oder auf die wir am meisten achtgeben sollen?
Margaret Atwood: Im Moment habe ich das Gefühl: „Hier kam ich ins Spiel.“ Die Polarisierung der 1930er Jahre, dann der Zweite Weltkrieg. Ich wurde 1939 geboren, seitdem hat sich viel verändert! Um nur einige Beispiele zu nennen:
1. 1939 gab es noch kaum Plastik. Die erste Welle begann Anfang der 50er-Jahre. Alle hielten es für großartig.
2. Den Umstieg von Kohle auf Öl in den 50er-Jahren.
3. Die Ankunft des Fernsehens, auch das in den 50ern. Davor gab es nur Radio, mit den Familien, die sich mit flatternden Ohren um das Gerät herum versammelten.
4. Das Aufkommen von Antibiotika – eine Zauberkraft! – und weiteren Impfstoffen, darunter auch gegen Polio. Meine Generation von Kindern litt unter vielen „Kinderkrankheiten“, darunter Diphtherie, an der kleine Kinder starben. Vier meiner Cousins und Cousinen starben daran.
5. Bei meiner Generation drehte sich alles um Arbeitsmoral. Es wurde einfach erwartet, dass man hart arbeitete. Wir dachten, die Hippies der 60er-Jahre seien, was soll ich sagen, faul.
6. Die Bürgerrechte in den 60er-Jahren dagegen: Das fanden wir gut.
7. Als die Anti-Baby-Pille in den freien Verkauf für die Öffentlichkeit kam in den 60ern, etwa zur selben Zeit wie Strumpfhosen, gefolgt vom Minirock und kurz darauf von der zweiten Welle des Feminismus. Das war eine enorme Veränderung, die vor der Pille kaum möglich gewesen wäre.
8. Mit Präsident Ronald Reagan 1980 kam der Anfang vom Ende des New Deal und der Aufstieg der „religiösen Rechten“ als politischer Kraft. Das ist der Hintergrund von Der Report der Magd. Viele hielten damals so etwas für die USA als Führer der freien Welt für unmöglich.
9. Der Zusammenbruch der UdSSR und ihres Blocks 1989 bis 1990. Weitreichende Folgen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar waren. Zieht man eine Schachfigur, sind alle davon betroffen.
10. Hatte ich schon die Veränderung der Medien erwähnt: Im Musikbereich der Wandel von LPs zu Kassetten, dann CDs und dann das Aufkommen des Internets und Smartphones und die sozialen Medien?
Und jetzt der Aufstieg von Autoritären und Totalitären … Wie gesagt, da kam ich ins Spiel. Achten Sie auf die Muster von Machtergreifungen, internen Machtkämpfen und dem Zerfall der Rechtsstaatlichkeit. Siehe Macbeth. Und Ich, Claudius, Kaiser und Gott. Und die Ungleichheit in Bezug auf Reichtum und Macht kurz vor der Französischen Revolution. Und ja, lesen Sie 1984. Noch einmal.
Mein Körper ist alt. Alles nutzt sich ab.
Ottessa Moshfegh: Was ist an Ihrem Handwerk als Schriftstellerin unverändert geblieben, und was haben Sie, wenn überhaupt, bewusst verlernt?
Margaret Atwood: Ich muss keine manuelle Schreibmaschine mehr benutzen, daher habe ich das Kohlepapier mehr oder weniger vergessen. Ansonsten: schreiben, überarbeiten, zerknüllen, wegwerfen, schreiben, überarbeiten … und dann aufhören, um Mordserien im Fernsehen zu gucken.
Was essen Sie, wenn Sie an einem Roman schreiben?
Manchmal vergesse ich es … Sonst häufig Snacks, viele Nüsse und Äpfel. Außer, wenn meine Familie kocht und mich dann mit Pfiffen zum Abendessen ruft.
Und wie empfinden Sie Ihren Körper?
Mein Körper ist alt. Alles nutzt sich ab. Aber im Vergleich zu den Körpern einiger meiner Altersgenoss:innen und trotz des Herzschrittmachers ist er noch in recht gutem Zustand. Ich habe noch meine Kniescheiben, kann noch meine Zehen berühren und täglich 10.000 Schritte gehen. Nur nicht mehr so schnell wie früher. („Noch“ ist ein Wort, das man in meinem Alter oft verwendet.)
Junger Arzt: „Im Vergleich zu den meisten Menschen in Ihrer Altersgruppe ist Ihr Gehör recht gut.“
Ich: „Das liegt daran, dass die meisten Menschen in meiner Altersgruppe tot sind. Sie hören gar nichts mehr.“
Er: (verblüfft und schockiert)
Ai Weiwei: Wie sollten wir den heuchlerischen Umgang mit den universalen Idealen der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit den heutigen geopolitischen Realitäten, Kriegen und Völkermordvergehen interpretieren?
Margaret Atwood: Das zentrale Wort hier ist „Ideale“. Ideale sind immer etwas, wonach man strebt. Wie wir wissen, wurden sie nie vollständig umgesetzt. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Halten „wir“ – was eine recht große Gruppe ist – diese Ideale immer noch für ein erstrebenswertes oder erreichbares Ziel? Oder sind sie nur leere Worte, die bei feierlichen Anlässen hervorgeholt werden?
Was die Heuchelei betrifft, ist sie ein konstanter Aspekt in menschlichen Gesellschaften. Aber es gibt Höhen und Tiefen. Jetzt, wo wir sehen, wie sich die größte Demokratie der Neuzeit von diesen Idealen abwendet, erscheinen diese Ideale als Ziele besser als seit langem. Was werden wir ohne sie tun und wer werden wir sein? Und werden wir das bald herausfinden?
Book of Lives. So etwas wie Memoiren Margaret Atwood Helmut Krausser und Beatrice Renauer (Übers.), Berlin Verlag 2025, 768 S., 36 €
Jahre zusammen war. Dazwischen gab es viele Freundschaften, gelegentlich Streitigkeiten und mehr als 50 Bücher (darunter Cat’s Eye, Alias Grace und die mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Werke The Blind Assassin und The Testaments).Die Autorin, die gerade 86 geworden ist, betrachtet die Dinge immer gerne aus einer Perspektive der Distanz, oft aus einer Entfernung von mehreren Jahrhunderten. Wie die US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Rebecca Solnit weiter unten anmerkt, hat Atwood einen langfristigen Blick auf unsere Zeit. Das Alter und die Freiheit, eine Schriftstellerin zu sein (sie könne schließlich nicht gekündigt werden, wie sie sagt) lassen sie furchtlos ihre Meinung sagen.Sie hat Probleme mit ihrer Rolle als feministische IkoneDie Vorstellung von prophetischen Kräften hat sie stets zurückgewiesen –„Dann hätte ich den Aktienmarkt im Griff“, erklärte sie, wobei sie in ihrem 2008 erschienenen BuchPaybackden Finanzcrash vorhergesagt hat. Auf keinen Fall möchte sie als Heilige zum Idol gemacht werden: Das ende selten gut. Außerdem sei sie nachtragend. Sie hat sogar Probleme mit ihrer Rolle als feministische Ikone, „von der erwartet wird, dass sie unter allen Umständen das Richtige für Frauen tut, wobei mir von Leser:innen und Zuschauer:innen viele verschiedene Vorstellungen davon, was das Richtige ist, zugeschrieben werden“, wie sie in Book of Lives schreibt.Atwood ist so schwer zu bestimmen wie die Insekten, mit denen sie und ihr Bruder Harold als Kinder spielten, da ihr Vater als Insektenkundler arbeitete. Einerseits Naturwissenschaftlerin (viele in ihrer Familie haben etwas mit Wissenschaft zu tun) und Skeptikerin interessiert sie sich gleichzeitig auch für Aus-der-Hand-lesen und das Okkulte. Es gibt nichts, was sie einem nicht über die Natur sagen kann, seien es das Sexleben von Schnecken oder seltene Vögel (siehe die Frage von Jonathan Franzen); oder Geschichte – besonders gut kennt sie sich mit den Hexenprozessen von Salem in Neuengland im Nordosten der USA und der Französischen Revolution aus.Zum Schluss noch ein Ratschlag Atwood kann witzig und streng sein, manchmal sogar innerhalb desselben Satzes, aber hinter all ihren Werken steht eine tiefe moralische Ernsthaftigkeit. Sie unterstützt viele gute Zwecke, junge Schriftsteller:innen und Umweltprojekte. Sie fährt immer noch jedes Jahr zum Polarkreis und jedes Frühjahr zur Vogelwanderung auf die Eriesee-Insel Pelee Island im kanadischen Bundestaat Ontario. Irgendwie hat sie auch die Zeit gefunden, einige der besten Bücher der letzten 50 Jahre zu schreiben: Gedichte, Dystopien, historische Romane, spekulative Fiktion, eine Graphic Novel, unzählige Essays und schließlich ihre Memoiren.Die Autorin würde dieses Inventar ihrer Leistungen entschieden ablehnen – schließlich ist sie Kanadierin. Aber es ist nur natürlich, dass einige andere große Denker:innen und Schriftsteller:innen brennende Fragen an sie haben: Sei es, wie man einen Kater kuriert oder das Patriarchat stürzt. Zum Schluss noch ein Ratschlag aus dem letzten Epigraph zu Book of Lives: „Verärgert sie nicht, oder ihr werdet für immer leben.“George Saunders: Herzlichen Glückwunsch zu „Book of Lives“. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Tag vor langer Zeit, als Sie mich mit einer Art homöopathischem Mittel vor dem Tod durch Kater in einem Auto auf dem Weg nach Salisbury gerettet haben? Ich habe Sie meisterhaft über zeitgenössische Biologie und Philosophie und viele andere Themen sprechen hören und bewundere die Art und Weise, wie diese Weisheit Ihre Romane und Geschichten durchdringt. Daher ist meine ernsthafte Frage: Wie sieht ihr Leseleben aus, wenn sie keine Literatur lesen? Außerdem (kleine Nachfrage): Was für Pillen waren das damals?Margaret Atwood: Ich beantworte mal die letzte Frage zuerst: Ich erinnere mich gut an diesen Tag – unsere Fahrt von Hay-on-Wye nach Salisbury – und den sehr witzigen, aber wehmütigen Text, den Sie darüber für den New Yorker geschrieben haben. Es tut mir so leid, dass Sie von britischem Bier überfallen wurden. Sie hatten eine beunruhigende Farbe Grün. Was ich getan habe: 1. Haben wir Sie auf den Beifahrersitz nach vorn gesetzt. 2. Rieten wir Ihnen, den Blick auf den Horizont zu richten. 3. Der Ratschlag: Trinken Sie ausreichend.Außerdem gab ich Ihnen ein paar Pillen aus meiner kleinen Reiseapotheke. Mütter machen das so, und diese Gewohnheit ist mir geblieben. Ich glaube, dabei waren Ingwer-Gravol gegen Seekrankheit, ein Antazidum wie Tums, eine Art Bonbon, um Elektrolyte zuzuführen, und alles andere, was meiner Meinung nach helfen könnte. Aber keine Schmerzmittel, denn ich dachte, die könnten Sie noch kränker machen.Meine Leseliste der Nicht-Belletristik besteht aus vielen Stapeln auf dem Boden und in verschiedenen Regalabschnitten, locker organisiert: ziemlich viele Sagen, Mythologie, Volksballaden, Hexen und so weiter aus vielen Ländern – ein Kindheitsinteresse, das sich gehalten hat. Gerade ist das Thema Grönland neu dazugekommen. Außerdem habe ich eine große Sammlung zu den Themen Menschenrechte sowie Feminismus der zweiten Welle und Aktualisierungen dazu.Wir leben in einer revolutionären Zeit leben – und nein, Revolutionen sind nicht immer ,links’Margaret AtwoodEinen noch größerer Anteil macht das Thema Krieg aus. Die beiden größten Abschnitte befassen sich mit dem Zweiten Weltkrieg (ich habe die Sammlung meines Schwiegervaters, eines kanadischen Generals, geerbt, siehe meine Kurzgeschichte A Dusty Lunch) sowie der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen. Letztere Zeit fasziniert mich derzeit sehr, da ich glaube, dass wir in einer revolutionären Zeit leben – und nein, Revolutionen sind nicht immer „links“.Dann das Thema Natur: Kein Wunder wohl bei einem Vater und einem Bruder, die beide als Biologen arbeiteten, dazu Graeme als begeisterter Vogelbeobachter … Das macht mich zu einer pedantischen und wahrscheinlich nervigen Begleiterin für Spaziergänge in der Natur. (Aber die Apps Merlin und iNaturalist haben ja ganze Generationen von Bürger-Wissenschaftler:innen geschaffen). Darüber hinaus besitze ich eine große Sammlung kanadischer Bücher – Prosa, Geschichte, Poesie – der Großteil aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren, danach wurde es zu ausufernd. Dazu kommen Romane aus anderen Ländern. Die Geschichte der Kleidung. Und so weiter …George Monbiot: Die allermeisten von uns sind keine Psychopathen. Warum wählen wir sie dann immer wieder in hohe politische Ämter und wie können wir damit aufhören?Margaret Atwood: Bei Wahlen steht das, was die Menschen tatsächlich wollen, oft nicht als Wahlmöglichkeit zur Verfügung. Daher stimmen sie nicht für das Beste, sondern für das, was ihnen am wenigsten schlecht erscheint. Es überrascht nicht, dass sie sich dabei manchmal irren. Außerdem ist in Zeiten der Desinformation (siehe politische Pamphlete aus dem 18. Jahrhundert, nur als witziger Vergleich) die Wahrscheinlichkeit, dass Entscheidungen auf der Basis korrekter Informationen getroffen werden, recht gering.Jonathan Franzen: Sie waren immer eine starke Verfechterin neuer Technologien für Schriftsteller:innen, insbesondere der sozialen Medien. Gibt Ihnen die zunehmend bösartige Macht der großen Technologiekonzerne zu denken?Margaret Atwood: Aber sicher. Utopische Projekte – das frühe Internet, oh wie schön, jetzt können wir alle unsere schönen und hilfreichen Gedanken teilen – gehen häufig schief, weil, Überraschung, unsere geteilten Gedanken nicht immer schön und hilfreich sind. Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten … wie wäre es mit der Zeit vor Einführung der Landwirtschaft? Auch nicht ohne ihre Probleme, fürchte ich. Welchen Vogel haben Sie noch nicht gesehen und würden es sehr gerne noch?Den Dodo (Scherz). Den Riesenalk (ebenfalls Scherz, weil auch ausgestorben, d. Red). Ich habe noch nie einen Strauß in freier Wildbahn gesehen, aber einen Kasuar. Wie wäre es mit einem europäischen Bienenfresser? Sie sollen wunderschön sein.Rebecca Solnit: Eine der Freuden/Schrecken eines langen Lebens ist es, Zeuge von Wandel zu sein. Was sind die größten Veränderungen, die sie gesehen haben? Die, die Ihnen am meisten Sorgen machen oder auf die wir am meisten achtgeben sollen?Margaret Atwood: Im Moment habe ich das Gefühl: „Hier kam ich ins Spiel.“ Die Polarisierung der 1930er Jahre, dann der Zweite Weltkrieg. Ich wurde 1939 geboren, seitdem hat sich viel verändert! Um nur einige Beispiele zu nennen:1. 1939 gab es noch kaum Plastik. Die erste Welle begann Anfang der 50er-Jahre. Alle hielten es für großartig.2. Den Umstieg von Kohle auf Öl in den 50er-Jahren.3. Die Ankunft des Fernsehens, auch das in den 50ern. Davor gab es nur Radio, mit den Familien, die sich mit flatternden Ohren um das Gerät herum versammelten.4. Das Aufkommen von Antibiotika – eine Zauberkraft! – und weiteren Impfstoffen, darunter auch gegen Polio. Meine Generation von Kindern litt unter vielen „Kinderkrankheiten“, darunter Diphtherie, an der kleine Kinder starben. Vier meiner Cousins und Cousinen starben daran.5. Bei meiner Generation drehte sich alles um Arbeitsmoral. Es wurde einfach erwartet, dass man hart arbeitete. Wir dachten, die Hippies der 60er-Jahre seien, was soll ich sagen, faul. 6. Die Bürgerrechte in den 60er-Jahren dagegen: Das fanden wir gut.7. Als die Anti-Baby-Pille in den freien Verkauf für die Öffentlichkeit kam in den 60ern, etwa zur selben Zeit wie Strumpfhosen, gefolgt vom Minirock und kurz darauf von der zweiten Welle des Feminismus. Das war eine enorme Veränderung, die vor der Pille kaum möglich gewesen wäre.8. Mit Präsident Ronald Reagan 1980 kam der Anfang vom Ende des New Deal und der Aufstieg der „religiösen Rechten“ als politischer Kraft. Das ist der Hintergrund von Der Report der Magd. Viele hielten damals so etwas für die USA als Führer der freien Welt für unmöglich.9. Der Zusammenbruch der UdSSR und ihres Blocks 1989 bis 1990. Weitreichende Folgen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar waren. Zieht man eine Schachfigur, sind alle davon betroffen.10. Hatte ich schon die Veränderung der Medien erwähnt: Im Musikbereich der Wandel von LPs zu Kassetten, dann CDs und dann das Aufkommen des Internets und Smartphones und die sozialen Medien?Und jetzt der Aufstieg von Autoritären und Totalitären … Wie gesagt, da kam ich ins Spiel. Achten Sie auf die Muster von Machtergreifungen, internen Machtkämpfen und dem Zerfall der Rechtsstaatlichkeit. Siehe Macbeth. Und Ich, Claudius, Kaiser und Gott. Und die Ungleichheit in Bezug auf Reichtum und Macht kurz vor der Französischen Revolution. Und ja, lesen Sie 1984. Noch einmal. Mein Körper ist alt. Alles nutzt sich ab.Margaret AtwoodOttessa Moshfegh: Was ist an Ihrem Handwerk als Schriftstellerin unverändert geblieben, und was haben Sie, wenn überhaupt, bewusst verlernt?Margaret Atwood: Ich muss keine manuelle Schreibmaschine mehr benutzen, daher habe ich das Kohlepapier mehr oder weniger vergessen. Ansonsten: schreiben, überarbeiten, zerknüllen, wegwerfen, schreiben, überarbeiten … und dann aufhören, um Mordserien im Fernsehen zu gucken. Was essen Sie, wenn Sie an einem Roman schreiben? Manchmal vergesse ich es … Sonst häufig Snacks, viele Nüsse und Äpfel. Außer, wenn meine Familie kocht und mich dann mit Pfiffen zum Abendessen ruft.Und wie empfinden Sie Ihren Körper?Mein Körper ist alt. Alles nutzt sich ab. Aber im Vergleich zu den Körpern einiger meiner Altersgenoss:innen und trotz des Herzschrittmachers ist er noch in recht gutem Zustand. Ich habe noch meine Kniescheiben, kann noch meine Zehen berühren und täglich 10.000 Schritte gehen. Nur nicht mehr so schnell wie früher. („Noch“ ist ein Wort, das man in meinem Alter oft verwendet.)Junger Arzt: „Im Vergleich zu den meisten Menschen in Ihrer Altersgruppe ist Ihr Gehör recht gut.“Ich: „Das liegt daran, dass die meisten Menschen in meiner Altersgruppe tot sind. Sie hören gar nichts mehr.“Er: (verblüfft und schockiert)Ai Weiwei: Wie sollten wir den heuchlerischen Umgang mit den universalen Idealen der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit den heutigen geopolitischen Realitäten, Kriegen und Völkermordvergehen interpretieren? Margaret Atwood: Das zentrale Wort hier ist „Ideale“. Ideale sind immer etwas, wonach man strebt. Wie wir wissen, wurden sie nie vollständig umgesetzt. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Halten „wir“ – was eine recht große Gruppe ist – diese Ideale immer noch für ein erstrebenswertes oder erreichbares Ziel? Oder sind sie nur leere Worte, die bei feierlichen Anlässen hervorgeholt werden?Was die Heuchelei betrifft, ist sie ein konstanter Aspekt in menschlichen Gesellschaften. Aber es gibt Höhen und Tiefen. Jetzt, wo wir sehen, wie sich die größte Demokratie der Neuzeit von diesen Idealen abwendet, erscheinen diese Ideale als Ziele besser als seit langem. Was werden wir ohne sie tun und wer werden wir sein? Und werden wir das bald herausfinden?