Krieg wie in Call of Duty: So “bewirbt” die NATO den nahenden High-Tech-Krieg, auf den man sich wie ein Tom-Cruise-Charakter vorbereiten müsse. Dieser pseudo-hippe Stil mit futuristischen Erzählungen und jeder Menge bunten KI-Bildchen zieht sich durch: Das NATO Defense College publiziert sogar Comics. Nimmt das “Verteidigungsbündnis” seinen Auftrag noch ernst?
Ein Kommentar von Vanessa Renner
“From Foresight to Warfight” ist der Titel eines Propaganda-Videos der NATO, veröffentlicht im Oktober 2025. Das einstige Verteidigungsbündnis sinniert darin offen über die Kriegstüchtigkeit der Zukunft. Ein bedeutender Faktor wäre demnach der Klimawandel, der Handelsrouten, Nahrungsmittelversorgung und Infrastruktur beeinflusse zu neuen Konflikten führe, sowie die moderne Technologie, die die Art der Kriegsführung stark verändere und erweitere.
Man beschreibt nicht nur Drohnenschwärme mit Roboter-“Mutterschiffen” und autonome und KI-gesteuerte Waffensysteme, sondern auch Krieg im Cyberraum und sogar im Weltall. Von feindlichen Angriffen über Psychopharmaka, Attacken auf das Ökosystem und Biowaffen (Bakterien) ist die Rede. Die NATO hoffe zwar auf “kurze Kriege”, doch die Wirklichkeit habe das letzte Wort, so die Mahnung.
Das Video ist im Stil eines Videospiel-Werbespots gehalten und wirkt, als wolle man den modernen High-Tech-Krieg wie den neuesten Call-of-Duty-Teil anpreisen. Es endet mit den Worten: “Your challenge, should you choose to accept it, is to take this foresight to warfight.” Diese Formulierung kennt man zufälligerweise aus den populären “Mission: Impossible”-Filmen mit Tom Cruise. Wie viele Ethan Hunts hätte die NATO denn gern als Kanonenfutter für die Front ab 2030?
In der Kommentarspalte melden sich jedenfalls keine Freiwilligen. “We don´t need an imaginiation of the future of war but an imagination of the future in peace!”, so der oberste Kommentar – wir brauchen eine Vorstellung von einer friedlichen Zukunft.
Die Verantwortlichen sind laut Beschreibung:
Script: Florence Gaub. Creative Oversight: Florence Gaub and Heiko Bauer. Picture Motion and Sound: Ponywurst Production, Andreas O. Loff
Dass die Welt sich ändert und die NATO mit der Zeit gehen muss, steht außer Frage. Der Sinn dieses Clips erschließt sich jedoch nicht. Das Video mutet so überzogen an, dass man es für KI-Müll eines drittklassigen YouTubers halten könnte. Es erschien aber auf dem offiziellen YouTube-Kanal des NATO Defense Colleges und verweist auf die NATO Allied Command Transformation (ACT). Und die ist echt.
Das Drängen der NATO auf Zukunftsfähigkeit wird auf der ACT-Website deutlich. Dort wird eine “Warfare Development Agenda” beschrieben, im Zuge derer ein “NATO Warfighting Capstone Concept” implementiert werden soll. Das vollständige Konzept ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich; die publizierte Version auf der Website ist abermals im Call-of-Duty-Stil gehalten. In den Beschreibungen macht man keinen Hehl daraus, dass man seine Rolle als Verteidigungsbündnis für modernisierungsbedürftig hält:
Das sich wandelnde und weiterentwickelnde Sicherheitsumfeld gefährdet den anhaltenden Erfolg des Bündnisses. Die NATO bleibt zwar ein Verteidigungsbündnis, doch das operative Umfeld erfordert neue Denk-, Organisations- und Handlungsweisen. Russland und terroristische Gruppen und Organisationen werden das Bündnis weiterhin bedrohen, während insbesondere die Rolle und der Einfluss Chinas zunehmen werden. Weitergehende Sicherheitsherausforderungen, darunter solche im Zusammenhang mit Demografie, Klima, Ressourcen und Krisen im Bereich der öffentlichen Gesundheit wie COVID-19, werden bestehen bleiben.
NATO Defense College: Krieg, Klima, mRNA
Beim NATO Defense College zeigt man derweil mit einer fiktiven Zeitung vom 14. Februar 2031 ein globalistisches Bullshit-Bingo, das nicht nur die üblichen geopolitischen Konflikte von Russland bis zum Iran behandelt, sondern auch ganz hervorragende mRNA-Therapien gegen Krebs prognostiziert – oh, und selbstverständlich den wärmsten Februar bis August in München seit Aufzeichnungsbeginn. In Weißrussland sollen einem fiktiven Leak zufolge außerdem genmanipulierte Soldaten gezüchtet werden. Sogar ein Horoskop hat man abgedruckt. Wie ein ernst zu nehmender Gegner wirkt die NATO auf potenzielle Feinde so wohl nicht.
Eine andere aktuelle Veröffentlichung, die dafür den eigenen Bürgern Sorgen bereiten kann: Warnungen vor Information als Waffe – also sogenannter Desinformation, ganz besonders aus Russland. “Im Gegensatz zu autoritären Regimes sind demokratische Staaten und Bündnisse auf dem kognitiven Schlachtfeld mit erheblichen Nachteilen konfrontiert. Ihr Bekenntnis zu Informationsfreiheit, Meinungsvielfalt und minimaler Zensur schafft ein Umfeld, das die einfache Verbreitung von als Waffen eingesetzten Informationen durch ausländische Gegner ermöglicht”, bedauert man da. Wie praktisch scheint es da, dass man in Europa so hart dafür kämpft, Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt zu beschränken.
Kognitiver Verfall bei der NATO?
Die kuriosesten Beiträge weisen – ebenso wie das eingangs gezeigte Video zur Kriegspropaganda – in vielen Fällen ein und denselben Namen als Verantwortliche auf: Florence Gaub. Sie arbeitete schon von 2009 bis 2013 am NATO Defense College, war bis 2018 einige Jahre am Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien tätig und kehrte dann 2023 ans NATO Defense College zurück. Auch beim WEF war sie 2020 bis 2022 tätig (als Mitglied des Future Councils on Frontier Risks).
Sie gibt beim Defense College aktuell Zukunftsszenarien wie “What if…? Ten Dragon King scenarios für 2030” heraus, in dem Kriegs- und Krisen-Gedankenspiele mit kitschigen KI-generierten Drachenbildern präsentiert werden. 14-Jährige könnte das abholen – als erwachsener Mensch muss man sich dagegen wundern. Auch einen Comic hat Gaub mitverantwortet: “NATO 2099” heißt er.
Wussten Sie, dass es Aufgabe der NATO ist, Graphic Novels zu erstellen? Reicht’s bei den NATO-Personalien nicht mehr zur Lektüre von Texten und Analysen? Braucht man viele bunte Grafiken, um sich bei seiner drögen Arbeit nicht zu langweilen? Mag man womöglich lieber ein paar rote Knöpfe drücken, statt sich mit so Schnarchthemen wie “Frieden” zu befassen? Es ist nicht auszuschließen, dass Gaub und Kollegen den infantilen Stil auch verwenden, um dem allgemeinen Verfall von Aufmerksamkeitsspanne und Arbeitsmoral etwas entgegenzuwirken. Vertrauen schafft das allerdings nicht.
In einer Veröffentlichung aus Gaubs EUISS-Zeiten (“Conflicts to Come“) wird außerdem von zwei Autoren erörtert, dass Fiktion genutzt werden soll, um weiterzudenken – beispielsweise, um übliche militärische Schwächen zu analysieren. Man schwärmt von Waffen aus Mangas, Exoskeletten und bezieht sich auf Marvels Iron Man. Im Fokus stehen nicht die menschlichen Schicksale, die durch Krieg zerstört werden, sondern vielmehr die Möglichkeiten für noch effektivere Zerstörung, zu der Science Fiction inspirieren könnte.
Eine Zukunftsforscherin mit AfD-Phobie
Um Gaubs bunte Zukunftsszenarien auf Plausibilität einzuordnen, verweisen wir an dieser Stelle auf eine ältere Kreation von ihr: Im April 2024 veröffentlichte Gaub, auch damals unter anderem in Kooperation mit Andreas O. Loff und seiner Produktionsfirma “Ponywurst Production”, ein KI-Video, das auf den Potsdam-Märchen gegen die AfD beruhte und kurzerhand einen Exodus heraufbeschwor: Die “Blauen”, also die AfD, hätten eine Diktatur eingeführt und alle Menschen zum Auswandern nach Nordafrika gezwungen, so die absurde Geschichte, die aus Sicht einer Großmutter in Jahr 2060 erzählt wurde. Wir berichteten: “NATO-Wissenschaftlerin, Linksradikale und Z-Promis produzieren KI-Propagandafilm gegen Deutschland“
Wer auf Basis von (inzwischen auch gerichtlich ausreichend) widerlegten Falschbehauptungen solche “Zukunftsvisionen” veröffentlicht, genießt als Prophetin möglicherweise nicht die größte Glaubwürdigkeit. Egal: Bei der NATO punktet man jetzt wohl vor allem mit bunten Bildchen und CoD-Allüren. Das kann zu denken geben – ebenso wie die Entwicklung des “Verteidigungsbündnisses” insgesamt.