
Nepal versinkt in Chaos und Korruption. Eine verzweifelte Jugend protestiert, Barrikaden brennen, und China und Indien lauern im Hintergrund.
In Nepal brodelt es. Massenproteste haben das Land in den letzten Wochen erschüttert, gewaltvolle Unruhen begleiten einen tiefen politischen Umbruch. Was als Jugendwiderstand gegen einen umstrittenen Social-Media-Shutdown begann, hat sich zu einer umfassenden Revolte gegen die etablierten Eliten, Günstlingswirtschaft und wahrgenommenes Staatsversagen ausgeweitet. Inmitten dieses Sturms wird eine Idee laut, die viele für überwunden hielten: die Rückkehr zur Monarchie.
Generation Z will nicht mehr
Auslöser war eine Regierungsverordnung, die das vorübergehende Verbot zahlreicher Social-Media-Plattformen vorsah. Dieses Verbot traf jene Generation besonders hart, die über digitale Medien protestiert, organisiert und sichtbar macht, was vielen Nepalesen als Alltagsrealität gilt: Korruption, Vetternwirtschaft und ein Gefühl, dass Politik von wenigen privilegierten Familien gemacht wird. Die Proteste, maßgeblich getragen von Jugendlichen und Social-Media-Aktivisten, stiegen rasch zu landesweiten Demonstrationen auf – mit Dutzenden Todesopfern, hunderten Verletzten und erheblichen Sachbeschädigungen. Regierungseinrichtungen wurden angegriffen, die öffentliche Ordnung zerbrach in mehreren Regionen.
Als Reaktion trat Premierminister K.P. Sharma Oli zurück, der ein alter Kämpfer der Maoisten gegen die Monarchie ist. Nepal gelten Peking und Neu Delhi als Pufferstaat, den beide Länder seit Jahrhunderten beeinflussen. Traditionell hat Indien als hinduistischer Staat größeren Einfluss auf das vom Hinduismus geprägte Nachbarland im Norden.
In der Zeit der Hindu-Monarchie verstanden sich Indien und Nepal als Brüdervölker, die sich als Bollwerk gegen den Islam und das kommunistische China sahen. Als die Monarchie am Ende des Bürgerkriegs 2008 abgeschafft wurde, erhielt Peking durch die maoistische Regierung in Kathmandu direkten Zugang zu Politik und Wirtschaft des südlichen Nachbarn. Indien geriet ins Hintertreffen, was die Rivalität mit China weiter anstachelte.
Für beide Großmächte entscheidet sich an Nepal, wer langfristig der Hegemon in der Himalaya-Region ist: die Hindu-Nationalisten in New Delhi mit ihrem Traum von Großindien, das über Pakistan bis nach Tibet reicht, oder Peking, das eine Vormachtstellung und Sicherung seines politischen und wirtschaftlichen Einflusses in Südasien festigen will. China hat ein erhebliches Interesse, dass die säkulare Republik mit einer marxistischen Regierung in Kathmandu bestehen bleibt. Indien hat begonnen, wieder auf den abgesetzten Hindu-König und seine Freunde in Politik und Militär zu setzen. Sowohl Neu Delhi wie Peking unterstützen die jeweils andere Seite diskret ideell wie finanziell.
Monarchistische Sehnsucht als Protestsymbol
Parallel zu den jüngsten Protesten haben sich in Nepal nun Forderungen nach einer Rückkehr zur Monarchie erneuert. Gruppen wie das Rastriya Prajatantra Party (RPP) sowie andere pro-monarchistische Kräfte fordern die Wiedereinsetzung eines konstitutionellen Königs – in vielen Vorstellungen gekoppelt mit der Wiederherstellung des hinduistischen Staates, der bei noch vielen Nepalesen tief verankert ist.
Der ehemalige König Gyanendra Shah, der einst absolute Macht beanspruchte und umstritten regierte, erscheint den Monarchisten als Symbolfigur, auch wenn sein tatsächlicher politischer Einfluss derzeit begrenzt ist. Einzelne öffentliche Reden und seine Präsenz bei Sympathisanten werden als Hinweis darauf gesehen, dass der Monarchiegedanke nicht nur nostalgisches Pathos, sondern reale politische Option ist.
(Zu) viele Stolpersteine
Obwohl die Forderungen lauter werden, ist eine Rückkehr zur Monarchie mit erheblichen rechtlichen, institutionellen und gesellschaftlichen Hürden verbunden. Seit 2008 ist Nepal offiziell Republik und die Verfassung sieht kein Amt für einen König vor, weder mit realer Machtfülle noch für eine symbolische Rolle. Jede Änderung müsste durch den legislativen Weg erfolgen mit einem tief polarisierten Parlament, das seit Ausrufung der Republik wenig gemeinsame Basis zeigt.
Gyanendra Shahs Vergangenheit, insbesondere als er 2005/06 die Regierung entmachtete, um seine eigene Macht zu festigen und später nach Massendemonstrationen abgedankt hatte, belastet seine Person bei vielen Nepalesen. Für manche ist er Teil des Problems, nicht der Lösung. Hinzu kommt, dass die Königsfamilie insgesamt schwer an Ansehen verloren hat durch das berüchtigte Massaker des damaligen Kronprinzen an einem Großteil seiner Familie. Bis heute halten sich Gerüchte, dass der abwesende Gyanendra die Finger im Spiel gehabt haben soll.
Viele Demonstranten fordern nicht primär einen König, sondern gute Regierungsführung und ein Ende der Korruption. Es ist unklar, ob die monarchistische Alternative breite Unterstützung hätte, insbesondere in ländlichen Gebieten oder unter ärmeren Bevölkerungsgruppen, die während es Bürgerkrieges die Maoisten unterstützten. Die Landbevölkerung ist von den linken Regierungen enttäuscht, da sich an ihren wirtschaftlichen Verhältnissen seit 2008 nicht viel verbessert hat.
Haupteinnahmequelle für die Staatskasse ist der Tourismus, der sich auf die kurze Saison von März bis Mai für die Besteigung des Mount Everest konzentriert. Die Südroute zum höchsten Berg der Welt hat inzwischen Konkurrenz bekommen durch die chinesische Nordroute, die von Peking massiv touristisch aufgerüstet wird.
Die Idee der Rückkehr zur Hindu-Monarchie beinhaltet auch religiöse und ethnische Spannungen. Nepal ist ethnisch, sprachlich und religiös vielfältig. Rückgriffe auf eine zentralisierte Staatsreligion könnten Minderheiten weiter marginalisieren. Unter diesen Gruppen könnte eine Rückkehr zur Monarchie als Verrat an ihrem Kampf und als Auslöser für neue Kämpfe gelten.
Zurück zur alten Ordnung?
Derzeit wirken monarchistische Töne eher wie Ventile gesellschaftlicher Entrüstung. Es sind Protestbewegungen, die die Monarchie als Symbol nutzen – gegen Korruption, gegen instabile Regierungen, gegen das Gefühl der Machtlosigkeit. Ein praktischer Plan zur Umsetzung ist bislang kaum sichtbar. Es mangelt an klaren politischen Mehrheiten, verfassungsrechtlicher Vorbereitung und internationalen Rückhalt.
Dennoch: Die Proteste haben die institutionelle Krise Nepals offengelegt. Eine Demokratie, die versagt, kann eine Monarchie kaum erneut als attraktive Alternative erscheinen lassen – jedenfalls für jene, die sich vom derzeitigen republikanischen System betrogen fühlen. Die kommenden Monate könnten zeigen, ob Nepal bei der Gestaltung seines politischen Systems eine Brücke zur Monarchie als Symbol für eine zerrissene Nation schlagen wird. Oder ob die Bewegung letztlich eine Phase markiert, in der die Forderung nach Wandel lauter und verzweifelter wird, ohne konkrete Verfassungsänderung und ohne konkrete Reformen im Sinne der Unzufriedenen.
Nepal steht an einem Scheideweg und mit dem Land die ganze Region: Die republikanische Ordnung wird herausgefordert, nicht unbedingt durch organisierte Politiker, sondern durch eine junge Generation, die symbolisch versucht, mit historischen Formen gegen ein gegenwärtiges Versagen anzukämpfen. Die Rückkehr zur Monarchie bleibt momentan zwar unwahrscheinlich in formeller Hinsicht, aber sie ist politisch wieder relevant: als Ausdruck von Frustration und Sehnsucht nach Stabilität in einem Land, dem es nach dem Ende der Monarchie an Identität mangelt.