In Moskau deuten Journalisten die Möglichkeit einer Vereinbarung zum Ende des Ukraine-Krieges an. Das „patriotische Lager“ bereitet die Menschen darauf vor


In St. Petersburg werben die russischen Streitkräfte um Nachwuchs

Foto: Dmitri Lovetsky/AP/picture alliance


Bringt der Frühling den Frieden? Wer staatsnahe russische Medien nutzt, wird diese Frage kaum bejahen. Stereotyp melden Zeitungen und Fernsehsender den Fortgang der „Militärischen Spezialoperation“, die Einnahme oft zerstörter und entvölkerter Dörfer im Donbass und die Auszeichnung neuer „Helden Russlands“.

Wer hingegen das imperial ausgerichtete Wochenblatt Sawtra (Der morgige Tag) aufmerksam liest, bemerkt einen neuen Ton beim knapp 88-jährigen Herausgeber Alexander Prochanow, der im Vorjahr bei einem gemeinsamen Auftritt mit Wladimir Putin vom Staatschef den Titel „Held der Arbeit“ verliehen bekam. Prochanow, einst Kriegskorrespondent der Literaturnaja Gaseta in Afghanistan, dazu Autor von Kolportageromanen, hat sein Ansehen im Kreml dafür genutzt, einen Leitartikel zu schreiben und unbequeme Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen: Der Sieg in der Ukraine sei auch nach vier Jahren „nicht nähergerückt“, die Front habe sich „nur millimeterweise vorwärts bewegt“.

Russland sei in eine „geopolitische Falle“ geraten und habe letztlich nicht mit der Ukraine, sondern „mit der gigantischen Maschinerie der NATO“ gekämpft. Daher sei Russland nicht in der Lage gewesen, „die Ukraine zu zerschlagen“. Die Verhandlungen, die Moskau und Kiew jetzt „unter der Patronage Amerikas“ begonnen hätten, seien das Ergebnis „eines quälenden, blutigen Kampfes, den Russland, sein Volk, die Armee und Rüstungsindustrie vier Jahre lang führten“. Bemerkenswert ist der Imperfekt.

Auch gibt Prochanow dem militärischen Konflikt schon einen abschließenden Namen und nennt ihn „Donbass-Krieg“, getragen von der Annahme, dass dieser Krieg nicht mit der vollständigen Eroberung der Ukraine endet. Der als Hardliner bekannte Sawtra-Herausgeber, dessen Blatt das Wohlwollen von Sergej Kirijenko genießt, dem stellvertretenden Leiter der Präsidentenverwaltung, hat offenkundig die Aufgabe übernommen, seine Leser im „patriotischen Lager“ auf die Notwendigkeit eines Friedensschlusses vorzubereiten.

Nicht den „Turbopatrioten“ folgen

Dazu passt, was ein Diplomat aus dem russischen Außenministerium sagt, mit dem der Freitag sprechen konnte: „Russlands Führung ist die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung bewusst, ebenso wie der Umstand, dass sie diplomatische Chancen nutzen muss, die sich durch Donald Trump bieten.“

Die russische Regierung sei keineswegs geneigt, sich politische Optionen von „Turbopatrioten“ ausreden zu lassen, die Weitsicht durch Emotionen ersetzen. Hinzu käme, dass die „Turbopatrioten“ schlecht organisiert seien und über keine Strategie verfügten. Eher stimme sich der Kreml derzeit mit der chinesischen Führung ab, die seit Jahren für eine „friedliche Lösung des Ukraine-Konfliktes“ plädiert.

Präsident Putin hatte am 4. Februar in einem Videogespräch mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping das gesamte Spektrum außenpolitischer Themen erörtert, darunter auch die Verhandlungen mit der Ukraine.

In einer für Moskauer Verhältnisse ungewohnt vorsichtig abwägenden Kolumne erörtert der außenpolitische Kommentator der populären Tageszeitung Moskowskij Komsomolez, Michail Rostowskij, die Aussichten für die Gespräche in Abu Dhabi. Rostowskij gilt in Moskau als einer der am besten mit der politischen Elite vernetzten Journalisten.

Wolodymyr Selenskyj, den Rostowskij nicht als Präsidenten, sondern nur als „Kiewer Chef“ bezeichnet, sei offensichtlich „der Realität des Verhandlungsprozesses entrückt“, so der Autor. Die ukrainische Führung beginne sich während der Verhandlungen und durch sie zu „fragmentieren“, hinzu käme noch ein sich vertiefender Riss zwischen der Kiewer Führung und ihren europäischen Unterstützern, die nicht bereit seien, der Ukraine Garantien nach dem Vorbild des Artikels 5 der NATO zu geben.

Selenskyj habe „faktisch die Unterstützung der USA verloren“. Dies könnte dazu führen, so Rostowskij, „dass er gezwungen ist, eine schwere Entscheidung zu treffen – teilweise den Forderungen Russlands nachzugeben“, zumal Russland den Druck auf die Ukraine erhöhe. Daher, so der Kolumnist, sei in den kommenden Wochen ein „Durchbruch“ denkbar, von der Art, „wie sie manchmal unvorhergesehen kommen“.

Beziehungen zu den USA maßgebend

Dazu passt auch der dosierte Optimismus, mit dem Kirill Dmitrjiew, in Kiew geborener Beauftragter des russischen Präsidenten für die Verhandlungen mit den USA, die Öffentlichkeit mit knappen Äußerungen in den sozialen Medien versorgt. Dmitrjiew, dem die USA seit einem Aufenthalt als Austauschschüler 1989 vertraut sind, bezeichnet die Gespräche mit den Amerikanern vor allem über Wirtschaftsbeziehungen immer wieder als „konstruktiv“ und „positiv“, ohne ins Detail zu gehen.

Dmitrjiew setzt Putins Strategie um, die USA für verbesserte Beziehungen mit Russland zu gewinnen, auf der Basis wirtschaftlicher Interessen. In dem Maße, wie dies gelänge, wüchse der Druck auf das von Washington mehr und mehr isolierte Kiew. Dies, so das offensichtliche Moskauer Kalkül, könnte die Ukraine-Führung in Zugzwang bringen, sich mit Russland durch Kompromisse auf ein Kriegsende zu einigen.

rtageromanen, hat sein Ansehen im Kreml dafür genutzt, einen Leitartikel zu schreiben und unbequeme Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen: Der Sieg in der Ukraine sei auch nach vier Jahren „nicht nähergerückt“, die Front habe sich „nur millimeterweise vorwärts bewegt“. Russland sei in eine „geopolitische Falle“ geraten und habe letztlich nicht mit der Ukraine, sondern „mit der gigantischen Maschinerie der NATO“ gekämpft. Daher sei Russland nicht in der Lage gewesen, „die Ukraine zu zerschlagen“. Die Verhandlungen, die Moskau und Kiew jetzt „unter der Patronage Amerikas“ begonnen hätten, seien das Ergebnis „eines quälenden, blutigen Kampfes, den Russland, sein Volk, die Armee und Rüstungsindustrie vier Jahre lang führten“. Bemerkenswert ist der Imperfekt.Auch gibt Prochanow dem militärischen Konflikt schon einen abschließenden Namen und nennt ihn „Donbass-Krieg“, getragen von der Annahme, dass dieser Krieg nicht mit der vollständigen Eroberung der Ukraine endet. Der als Hardliner bekannte Sawtra-Herausgeber, dessen Blatt das Wohlwollen von Sergej Kirijenko genießt, dem stellvertretenden Leiter der Präsidentenverwaltung, hat offenkundig die Aufgabe übernommen, seine Leser im „patriotischen Lager“ auf die Notwendigkeit eines Friedensschlusses vorzubereiten.Nicht den „Turbopatrioten“ folgenDazu passt, was ein Diplomat aus dem russischen Außenministerium sagt, mit dem der Freitag sprechen konnte: „Russlands Führung ist die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung bewusst, ebenso wie der Umstand, dass sie diplomatische Chancen nutzen muss, die sich durch Donald Trump bieten.“Die russische Regierung sei keineswegs geneigt, sich politische Optionen von „Turbopatrioten“ ausreden zu lassen, die Weitsicht durch Emotionen ersetzen. Hinzu käme, dass die „Turbopatrioten“ schlecht organisiert seien und über keine Strategie verfügten. Eher stimme sich der Kreml derzeit mit der chinesischen Führung ab, die seit Jahren für eine „friedliche Lösung des Ukraine-Konfliktes“ plädiert.Präsident Putin hatte am 4. Februar in einem Videogespräch mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping das gesamte Spektrum außenpolitischer Themen erörtert, darunter auch die Verhandlungen mit der Ukraine.In einer für Moskauer Verhältnisse ungewohnt vorsichtig abwägenden Kolumne erörtert der außenpolitische Kommentator der populären Tageszeitung Moskowskij Komsomolez, Michail Rostowskij, die Aussichten für die Gespräche in Abu Dhabi. Rostowskij gilt in Moskau als einer der am besten mit der politischen Elite vernetzten Journalisten.Wolodymyr Selenskyj, den Rostowskij nicht als Präsidenten, sondern nur als „Kiewer Chef“ bezeichnet, sei offensichtlich „der Realität des Verhandlungsprozesses entrückt“, so der Autor. Die ukrainische Führung beginne sich während der Verhandlungen und durch sie zu „fragmentieren“, hinzu käme noch ein sich vertiefender Riss zwischen der Kiewer Führung und ihren europäischen Unterstützern, die nicht bereit seien, der Ukraine Garantien nach dem Vorbild des Artikels 5 der NATO zu geben.Selenskyj habe „faktisch die Unterstützung der USA verloren“. Dies könnte dazu führen, so Rostowskij, „dass er gezwungen ist, eine schwere Entscheidung zu treffen – teilweise den Forderungen Russlands nachzugeben“, zumal Russland den Druck auf die Ukraine erhöhe. Daher, so der Kolumnist, sei in den kommenden Wochen ein „Durchbruch“ denkbar, von der Art, „wie sie manchmal unvorhergesehen kommen“. Beziehungen zu den USA maßgebendDazu passt auch der dosierte Optimismus, mit dem Kirill Dmitrjiew, in Kiew geborener Beauftragter des russischen Präsidenten für die Verhandlungen mit den USA, die Öffentlichkeit mit knappen Äußerungen in den sozialen Medien versorgt. Dmitrjiew, dem die USA seit einem Aufenthalt als Austauschschüler 1989 vertraut sind, bezeichnet die Gespräche mit den Amerikanern vor allem über Wirtschaftsbeziehungen immer wieder als „konstruktiv“ und „positiv“, ohne ins Detail zu gehen.Dmitrjiew setzt Putins Strategie um, die USA für verbesserte Beziehungen mit Russland zu gewinnen, auf der Basis wirtschaftlicher Interessen. In dem Maße, wie dies gelänge, wüchse der Druck auf das von Washington mehr und mehr isolierte Kiew. Dies, so das offensichtliche Moskauer Kalkül, könnte die Ukraine-Führung in Zugzwang bringen, sich mit Russland durch Kompromisse auf ein Kriegsende zu einigen.



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