Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hat sich erneut mit einer Diagnose zur Lage der deutschen Volkswirtschaft zu Wort gemeldet – und sorgt damit für Kopfschütteln weit über Fachkreise hinaus. In seinem jüngsten Beitrag zeichnet er das Bild eines Landes, das weniger an strukturellen Fehlentscheidungen leidet als an einer kollektiven Vertrauenskrise. Nicht politische Weichenstellungen, nicht Regulierungsexzesse oder Kostenexplosionen seien demnach das Kernproblem, sondern eine pessimistische Grundhaltung von Bürgern und Unternehmen. Eine Sichtweise, die viele als bemerkenswerte Verdrehung der Realität empfinden.

Vertrauen als Ersatz für Reformen

Fratzscher erklärt das fehlende Vertrauen zur zentralen Wachstumsbremse und erhebt es damit zum Hauptschuldigen für Investitionszurückhaltung, Konsumflaute und schwache Produktivität. Die implizite Botschaft lautet: Würden Unternehmen und Haushalte optimistischer in die Zukunft blicken, käme die Konjunktur von selbst wieder in Gang. Dass Vertrauen jedoch nicht aus Appellen entsteht, sondern aus verlässlichen Rahmenbedingungen, bleibt in dieser Argumentation weitgehend unberücksichtigt. Wirtschaftliche Zuversicht wächst dort, wo Planungssicherheit, wettbewerbsfähige Kosten und politische Konsistenz herrschen – alles Punkte, bei denen Deutschland seit Jahren an Boden verliert.

Besonders irritierend wirkt Fratzschers Warnung vor einer „pauschalen Schuldzuweisung an die Politik“. In einer Demokratie ist Kritik an wirtschaftspolitischen Entscheidungen kein Störfaktor, sondern Voraussetzung für Kurskorrekturen. Energiepreise auf Rekordniveau, langwierige Genehmigungsverfahren, steigende Abgaben und eine kaum noch überschaubare Regulierungsdichte sind keine Naturereignisse, sondern Resultate konkreter politischer Entscheidungen. Wer diese Zusammenhänge ausblendet, entzieht der Debatte ihren Kern.

Stattdessen geraten erneut einzelne Branchen ins Visier. Vor allem der Industrie wird vorgeworfen, technologische Trends verschlafen und sich strategisch falsch ausgerichtet zu haben. Dass unternehmerische Anpassung jedoch nur innerhalb eines tragfähigen wirtschaftlichen Umfelds gelingt, findet wenig Beachtung. Hohe Standortkosten, unsichere Energieversorgung und volatile politische Vorgaben lassen sich nicht durch „mehr Mut“ kompensieren.

Konsequent setzt Fratzscher auf bekannte Rezepte: stärkere Umverteilung, höhere Belastung großer Vermögen und eine Ausweitung des Arbeitsangebots. Diese Vorschläge folgen einer bekannten Denkschule, beantworten jedoch kaum die Frage, wie neue Wertschöpfung entstehen soll. Selbst Fratzschers eigene Prognose – Jahre schleppenden Wachstums mit staatlich gestützten Mini-Impulsen – wirkt wie ein stilles Eingeständnis, dass Vertrauen allein keine Volkswirtschaft trägt.

Die Debatte zeigt vor allem eines: Ohne ehrliche Analyse der Ursachen wird auch das beste Vertrauen keine Trendwende herbeiführen.





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