
Wie auch immer die Landtagswahl am kommenden Sonntag in Baden-Württemberg ausgeht: Den Wettbewerb der Spitzenkandidaten hat Cem Özdemir haushoch gewonnen.
Es gibt viele Politiker, aber nur wenige Führungspersönlichkeiten. In den Parlamenten tummeln sich vor allem graue Mäuse. Und weil das so ist, müssen selbst große Parteien wie die CDU in Baden-Württemberg heute mit solchen grauen Mäusen in den Wahlkampf ziehen.
Hätten die Grünen einen x-beliebigen Landespolitiker zu ihrem Spitzenkandidaten berufen, wäre das vielleicht gar nicht groß aufgefallen. Doch als Cem Özdemir aus Berlin zurück ins heimische Ländle wechselte, schmolz das Zutrauen der Menschen in den vorerst letzten Hoffnungsträger der Südwest-CDU wie der Schnee in der Frühlingssonne.
Kampf gegen die eigene Partei
Von über 30 Prozent sanken die Zustimmungswerte der CDU in den vergangenen Monaten auf 28 Prozent, während die von Werten um die 20 Prozent kommenden Grünen zum Schluss mit der CDU gleichzogen. Ganz egal, wie die Wahl am Sonntag letztlich ausgeht: Eine solche Aufholjagd legt nur einer hin, der deutlich mehr zu bieten hat als all die grauen Mäuschen.
Man muss Özdemir nicht mögen, um diese Leistung anzuerkennen. Seit er aus Berlin in die Heimat zurückkehrte, hat er pausenlos gekämpft. Zuallererst kämpfte gegen den von Robert Habeck und Annalena Baerbock ruinierten Ruf der eigenen Partei. In seiner Partei kämpfte er für einen realistischen Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse und für eine Politik, die Missstände erkennt und daraus die richtigen Schlüsse für die Wettbewerbsfähigkeit etwa der Automobilindustrie zieht.
Özdemir war immer ein Realo, nie ein verbohrter Öko-Ideologe. Schon früh hatte er erkannt, dass eine Partei für den politischen Erfolg zwangsläufig in die gesellschaftliche Mitte gehen muss. Und er wusste bereits als jungen Bundestagsabgeordneter, wie wichtig es für den eignen Aufstieg ist, sich selbst und seine Motive erklären, also vermarkten zu können.
Das Spiel mit den Medien
Mit eben dieser Fähigkeit, die Aufmerksamkeit der Menschen – und die der Medien – auf sich zu lenken, hat er Hagel mehr und mehr ins Abseits gedrängt. Özdemir nahm die Sorgen der Baden-Württemberger auf und gab Antworten. Er hat es geschafft, dass ihm die Leute zuhören, obwohl sie die Grünen nicht mehr mögen. Auch viele Konservative trauen ihm mehr zu als dem CDU-Kandidaten Hagel.
In der Endphase des Wahlkampfes inszenierte er die Verbrüderung mit dem Grünen-Paria Boris Palmer, einem der konservativsten Politiker im ganzen Land. Von ihm ließ er sich gar ein zweites Mal trauen. Und genau darin zeigt sich die ganze Überlegenheit des Grünen-Spitzenkandidaten gegenüber dem CDU-Mann. Özdemir spielt mit den Medien, mit der öffentlichen Aufmerksamkeit. Bei Hagel ist es umgekehrt. Die Medien spielen mit ihm.