Die Kalorie diente nicht nur der Ernährung. Sie rechtfertigte niedrige Löhne, disziplinierte Körper und war mit Sexismus und Rassismus verflochten. Eine politische Geschichte


In Zahlen lässt sich keine umfassende Wahrheit über unsere Körper und Bedürfnisse finden

Foto: David Orlando/Unsplash


Der menschliche Körper als vermessbarer Gegenstand: Diese Idee wurde während der Industrialisierung geboren, im Zeitalter von Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Wirtschaftswachstum. Das Optimierungsprinzip, mit dem Fabrikherren des 19. Jahrhunderts die Arbeiterschaft unterwarfen, grub sich nun in das Intimste des Menschen, in sein eigenes Fleisch.

Wenn uns heute Coca-Cola Zero, Mayo Zero oder Marmelade Zero im Supermarktregal begegnen, wenn uns je nach Jahreszeit Diäten, Detox oder Intervallfastkuren nahegelegt werden, dann hat das auch mit einer Einheit zu tun, deren Erfinder im Sinne der Maschinen ein Maximum an Effizienz aus Mensch und Nahrung herauszuholen suchten: mit der Kalorie.

Die kalorische Leitfrage

Als Tochter des späten 19. Jahrhunderts trägt die vom Chemiker Wilbur Atwater entwickelte Kalorie das Darwin’sche „survival of the fittest“ als Inschrift. Die kalorische Leitfrage: Wie lassen sich Arbeit und Ernährung optimieren? Die Erfinder der Kalorie schafften es, die Ernährung dem Optimierungsprinzip zu unterwerfen und die Verantwortung dafür in das Individuum zu verlegen. Die Kalorie festigte das Bild vom weißen, durchtrainierten Mann als Synonym für Zivilisation und Fitness. Und sie diente unzähligen Diät-Ratgebern als Grundlage, die heute Teil einer milliardenschweren Industrie sind.

Der Ursprung dieser Messeinheit liegt denn auch – in einer Maschine. Wilbur Atwater und sein Team stellten einen US-amerikanischen Studenten für fünf Tage in eine Box und ließen ihn abwechselnd Gewichte stemmen und anspruchsvolle Physikwälzer lesen. So entstand das erste Kalorimeter. Es ähnelte früheren Geräten, die die Effizienz von Dampfmaschinen messen sollten.

Nun sollte also der menschliche Körper als lebendige Brennkraftmaschine in Zahlen zusammengefasst werden. Zu essen bekam der Student während des Testzeitraums Frikadellen, Kartoffelpüree und Bohnen in akribisch dosierten Portionen. Er wurde rund um die Uhr beobachtet. Das Team maß genau ab, was er an Wärme produzierte, an CO₂ und weiteren Ausscheidungen. Das Ergebnis: ein „Kaloriengehalt“ der verschiedenen Nahrungsmittel und die Annahme, man könne für die Allgemeinheit genau ermitteln, wie viel und welche Nahrung jeder Mensch pro Tag brauche. Atwangers Traum: Lebensmittel sollten nach Zahlen ausgewählt werden und nicht länger nach Bauchgefühl.

Die Erfindung der Kalorie fiel in eine Zeit, in der die klassischen Hungerkrisen im Westen Europas Geschichte waren. Noch wenige Jahrzehnte zuvor war es auf den Straßen von Paris, Wien und Berlin noch regelmäßig zu Hungerrevolten gekommen. Man denke etwa an die Berliner Kartoffelrevolution von 1847: Angesichts ums Vierfache gestiegener Preise wurden auf einem Wochenmarkt die Stände umgeworfen, Kartoffelsäcke zerschnitten – und ohne Bezahlung eingepackt. In den Folgetagen gab es gar Plünderungen von Bäckereien und Fleischgeschäften. Der Kampf ums tägliche Brot wurde massenhaft auf den Straßen ausgefochten; immer dann, wenn Hunger drohte oder die Lebensmittelpreise drastisch anstiegen.

Wer Hunger hat, ernährt sich bloß falsch

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dann der ärgste Hunger in weiten Teilen Europas vorerst überwunden – nun fürchteten die Obrigen nicht mehr den spontanen Grundnahrungs-Mundraub, sondern das organisierte Proletariat, das für bessere Bedingungen in den Fabriken und höhere Löhne kämpfte. In diesen Zusammenhang gehört die Kalorie: Mithilfe dieser neuen Messeinheit ließ sich der Nahrungsbedarf von Arbeitern „objektiv“ ermitteln. In New York besuchte Atwaters Team Arbeiterfamilien und ließ sie ihre Ernährung über jeweils zehn Tage dokumentieren. Zudem wurden ihre Lebensmittelausgaben ermittelt: Wie viele Kalorien kann eine Familie für 25 Cent bekommen? Das Fazit: Viele Arbeiter kauften angeblich schlicht falsch ein. Ihr Kalorienbedarf könne auch aus Haferflocken und billigem Fleisch gedeckt werden; Löhne müssten folglich nicht erhöht werden. Hunger? Allein individuelle Verantwortung, genauso wie die Körperform.

Denn auch diesbezüglich änderten sich die Ideale. Körperliche Robustheit galt noch im späten 19. Jahrhundert als erstrebenswert, Dünnsein hingegen als Zeichen des Verkümmerns. Das änderte sich um die Jahrhundertwende: Schlanksein galt nun als Statussymbol, Körperfett als Zeichen von Maßlosigkeit. Nun beginnt die Kalorie in dem Kontext aufzutreten, in dem westliche Gesellschaften sie bis heute kennen – als Hilfsmittel zum Gewichtsverlust. In der heraufziehenden Massenkonsumgesellschaft verfestigte sich ein neues Credo: Thin is in, für Männer wie Frauen.

Doch bei der optimalen Kalorienzufuhr unterschied die Forschung bald nach Geschlecht. Zunächst ging man so vor, dass alle Lebensmittel, die ein Haushalt konsumierte, zusammengerechnet und durch die Anzahl der männlichen Erwachsenen geteilt wurden. Unabhängig vom Körperbau oder der Arbeit, die sie verrichteten, wurde Frauen dabei nur 80 Prozent des männlichen Bedarfs zugestanden. Diese „Methodik“ reflektierte und förderte einen Alltag, in dem Ehefrauen zuerst dafür sorgten, dass die Ehemänner und andere männliche Erwachsene genug zu essen hatten, bevor sie den Rest zwischen sich selbst und den Kindern aufteilten.

Das Kalorienzählen als patriotische Tat

Erst 1910 hielt man tatsächliche Untersuchungen an Frauen für nötig. Doch während die Männer zwecks Messung Kraftübungen machen mussten, so schildert es die Historikerin und Kalorienexpertin Nina Mackert, wurde der Kalorienbedarf von Frauen bei Haushaltsaktivitäten wie dem Staubwischen gemessen – und fiel dementsprechend niedriger aus. Das passende Beiwerk schuf die US-amerikanische Ärztin Lulu Hunt Peters mit ihrem 1918 veröffentlichten Diätratgeber Diet and Health. With Key to the Calories – der übrigens fünf Jahre nach der Markteinführung der ersten Badezimmerwaage erschien. Nun konnten alle tagtäglich den persönlichen Ernährungserfolg – oder Misserfolg – quantifizieren.

Dieses Buch, das 1922 Bestsellerstatus erreichte und zwischen Werken von Mark Twain und Emily Post stand, war eine einzige emotionale Manipulation. Es sorgte für die innere Härte, mit der bald Millionen Menschen gegen ihren eigenen Körper vorgingen. Wir finden darin etwa folgenden Satz: „Wie kannst du es wagen, Fett zu horten, wenn die Nation es braucht?“ Oder: „Sag’ deinen Freunden laut und häufig, dass du es für unpatriotisch hältst, fett zu sein, während Tausende von Menschen hungern. Und, dass du dich auf ein normales Maß reduzieren wirst.“ Ihre Leserinnen forderte Peters dazu auf, Dicke auf offener Straße anzusprechen und zum Kalorienzählen aufzufordern. Viele brave Bürgerinnen kamen dem nach und berichteten in enthusiastischen Leserbriefen von ihrer Pflichterfüllung: Das Kalorienzählen wurde zuerst als eine patriotische, gar „soziale“ Tat ausgerufen – und mündete sofort in Praktiken eines öffentlichen Mobbings.

Etabliert war damit eine Verbindung zwischen individueller Selbstführung und gesellschaftlicher „Verantwortung“ und Ordnung. Besonders in den Vereinigten Staaten, wo die Kalorie erfunden wurde und von denen die westliche Welt bis heute nicht nur Fast-Food-Trends übernimmt, sondern auch Impulse eines gegenläufigen Körperkults, durchlief die Kalorie alsbald eine Rassifizierung. Schlankheit verband sich mit Klischeebildern tugendhafter, weißer, angelsächsisch-protestantischer Frauen der Mittelschicht und ihrer männlichen Pendants. In medizinischen Kampagnen gegen „überschüssiges“ Fettgewebe schwangen immer auch hierarchische Konnotationen von Ethnie, Geschlecht und Klasse mit, so die US-amerikanische Soziologin Sabrina Strings: Der weiße Mann, der seinen eigenen Leib zu zügeln wusste, konnte sich in seiner Beherrschung anderer Körper durch deren Etikettierung als „faul“, „unzivilisiert“ oder „undiszipliniert“ gerechtfertigt sehen.

Maßstab einer weißen Norm

Da’Shaun L. Harrison zieht in Belly of the Beast. The Politics of Anti-Fatness as Anti-Blackness gar eine Verbindung solcher zeitgenössischen Körperpolitiken zum Ausgangspunkt des transkontinentalen Sklavenhandels: Ab dem Zeitpunkt, an dem Europäer auf Schwarze getroffen seien, habe „Fatness“ als Markierung des Unreinen, Animalischen, Gottlosen und Gierigen gedient, das zu beherrschen den Weißen vermeintlich aufgegeben war. In den USA hat sich die gesellschaftliche Erzählung, dass das Gewicht von Schwarzen ein Vorbote von Tod und Krankheit sei, laut Sabrina Strings bis heute gehalten. Sie lenke davon ab, reale gesellschaftliche Ungleichheiten zu bekämpfen.

Auch hierzulande schwingen beim Kampf gegen das Fette hierarchisierende Stereotype mit. „Dick“, „faul“ und „unselbstständig“ zu sein, wird oft mit dem Bezug von Transferleistungen assoziiert. An der Universität Oldenburg hat sich die Sportsoziologin Rea Kodalle kritisch mit Programmen der „Mobilisierung“ marginalierter Gruppen befasst, etwa mit Maßnahmen, die speziell auf migrantische Frauen zielten. Diese „In-Formung“ bringt körperliche und mentale, individuelle und soziale Aspekte einer „Integration“ so zusammen, dass die „Hilfe“ oft eng neben der Stigmatisierung liegt.

Aber auch innerhalb der mittleren und oberen Schichten wütet, was die Londoner Psychoanalytikerin Susie Orbach einst den „Körperterror” nannte: „Wir erleben eine nie da gewesene Hysterie um den Körper. Es gilt als normal, ihn nicht zu mögen. Millionen Menschen kämpfen täglich gegen ihn.“ Vor allem auf diese Schichten zielt eine milliardenschwere Abnehmindustrie, die eher ein chronisches Unglücklichsein mit sich selbst bewirkt als tatsächliches Wohlbefinden.

1979 brachte Orbach ein Gegenwerk zu den unzähligen kalorienbasierten Diätratgebern auf den Markt: das Anti-Diät-Buch. Auf Englisch: Fat is a Feminist Issue. Orbach, die selbst Essstörungen hatte, behandelte schon die an Bulimie leidende Lady Diana. „Mit Waagen wiegt man Fische, nicht Menschen“, sagte sie einst in einem Interview. Sie schreibt: „Wenn Verwirrung in Bezug auf die eigene Figur erzeugt wird, wenn diese auf Eingriffen in die eigene Biologie beruht statt auf dem Wissen, wann man hungrig und wann man satt ist, kann man keinen Frieden finden.“ Das Gefühl, einen Körper zu haben, dessen Bedürfnisse man adäquat wahrnimmt und dem man vertraut, werde so unerreichbar.

Als Antidot zitiert Soziologin Strings die Prinzipien einer Black-Wellness-Initiative, an deren Gründung sie beteiligt ist: „Ruhe hilft uns, uns besser zu fühlen. Haben alle Menschen einen Zugang dazu? Haben wir sauberes Trinkwasser? Haben wir Zugang zu Obst und Gemüse? Wir befassen uns mit den Dingen, von denen wir sicher wissen, dass sie den Menschen helfen – ohne sie zu stigmatisieren.“

Vielleicht ist es Zeit, die Kalorie dort zu lassen, wo sie entstanden ist: im quantifizierungswütigen Industriezeitalter. Je mehr man jedenfalls über die Geschichte dieser Maßeinheit weiß, desto weniger wird man daran glauben, dass sich anhand ihrer so etwas finden ließe wie eine umfassende Wahrheit über unsere Körper und deren Bedürfnisse.

Dieser Text ist erstmals erschienen am 25. Oktober 2024.

trägt die vom Chemiker Wilbur Atwater entwickelte Kalorie das Darwin’sche „survival of the fittest“ als Inschrift. Die kalorische Leitfrage: Wie lassen sich Arbeit und Ernährung optimieren? Die Erfinder der Kalorie schafften es, die Ernährung dem Optimierungsprinzip zu unterwerfen und die Verantwortung dafür in das Individuum zu verlegen. Die Kalorie festigte das Bild vom weißen, durchtrainierten Mann als Synonym für Zivilisation und Fitness. Und sie diente unzähligen Diät-Ratgebern als Grundlage, die heute Teil einer milliardenschweren Industrie sind.Der Ursprung dieser Messeinheit liegt denn auch – in einer Maschine. Wilbur Atwater und sein Team stellten einen US-amerikanischen Studenten für fünf Tage in eine Box und ließen ihn abwechselnd Gewichte stemmen und anspruchsvolle Physikwälzer lesen. So entstand das erste Kalorimeter. Es ähnelte früheren Geräten, die die Effizienz von Dampfmaschinen messen sollten.Nun sollte also der menschliche Körper als lebendige Brennkraftmaschine in Zahlen zusammengefasst werden. Zu essen bekam der Student während des Testzeitraums Frikadellen, Kartoffelpüree und Bohnen in akribisch dosierten Portionen. Er wurde rund um die Uhr beobachtet. Das Team maß genau ab, was er an Wärme produzierte, an CO₂ und weiteren Ausscheidungen. Das Ergebnis: ein „Kaloriengehalt“ der verschiedenen Nahrungsmittel und die Annahme, man könne für die Allgemeinheit genau ermitteln, wie viel und welche Nahrung jeder Mensch pro Tag brauche. Atwangers Traum: Lebensmittel sollten nach Zahlen ausgewählt werden und nicht länger nach Bauchgefühl.Die Erfindung der Kalorie fiel in eine Zeit, in der die klassischen Hungerkrisen im Westen Europas Geschichte waren. Noch wenige Jahrzehnte zuvor war es auf den Straßen von Paris, Wien und Berlin noch regelmäßig zu Hungerrevolten gekommen. Man denke etwa an die Berliner Kartoffelrevolution von 1847: Angesichts ums Vierfache gestiegener Preise wurden auf einem Wochenmarkt die Stände umgeworfen, Kartoffelsäcke zerschnitten – und ohne Bezahlung eingepackt. In den Folgetagen gab es gar Plünderungen von Bäckereien und Fleischgeschäften. Der Kampf ums tägliche Brot wurde massenhaft auf den Straßen ausgefochten; immer dann, wenn Hunger drohte oder die Lebensmittelpreise drastisch anstiegen.Wer Hunger hat, ernährt sich bloß falschIn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dann der ärgste Hunger in weiten Teilen Europas vorerst überwunden – nun fürchteten die Obrigen nicht mehr den spontanen Grundnahrungs-Mundraub, sondern das organisierte Proletariat, das für bessere Bedingungen in den Fabriken und höhere Löhne kämpfte. In diesen Zusammenhang gehört die Kalorie: Mithilfe dieser neuen Messeinheit ließ sich der Nahrungsbedarf von Arbeitern „objektiv“ ermitteln. In New York besuchte Atwaters Team Arbeiterfamilien und ließ sie ihre Ernährung über jeweils zehn Tage dokumentieren. Zudem wurden ihre Lebensmittelausgaben ermittelt: Wie viele Kalorien kann eine Familie für 25 Cent bekommen? Das Fazit: Viele Arbeiter kauften angeblich schlicht falsch ein. Ihr Kalorienbedarf könne auch aus Haferflocken und billigem Fleisch gedeckt werden; Löhne müssten folglich nicht erhöht werden. Hunger? Allein individuelle Verantwortung, genauso wie die Körperform.Denn auch diesbezüglich änderten sich die Ideale. Körperliche Robustheit galt noch im späten 19. Jahrhundert als erstrebenswert, Dünnsein hingegen als Zeichen des Verkümmerns. Das änderte sich um die Jahrhundertwende: Schlanksein galt nun als Statussymbol, Körperfett als Zeichen von Maßlosigkeit. Nun beginnt die Kalorie in dem Kontext aufzutreten, in dem westliche Gesellschaften sie bis heute kennen – als Hilfsmittel zum Gewichtsverlust. In der heraufziehenden Massenkonsumgesellschaft verfestigte sich ein neues Credo: Thin is in, für Männer wie Frauen.Doch bei der optimalen Kalorienzufuhr unterschied die Forschung bald nach Geschlecht. Zunächst ging man so vor, dass alle Lebensmittel, die ein Haushalt konsumierte, zusammengerechnet und durch die Anzahl der männlichen Erwachsenen geteilt wurden. Unabhängig vom Körperbau oder der Arbeit, die sie verrichteten, wurde Frauen dabei nur 80 Prozent des männlichen Bedarfs zugestanden. Diese „Methodik“ reflektierte und förderte einen Alltag, in dem Ehefrauen zuerst dafür sorgten, dass die Ehemänner und andere männliche Erwachsene genug zu essen hatten, bevor sie den Rest zwischen sich selbst und den Kindern aufteilten.Das Kalorienzählen als patriotische TatErst 1910 hielt man tatsächliche Untersuchungen an Frauen für nötig. Doch während die Männer zwecks Messung Kraftübungen machen mussten, so schildert es die Historikerin und Kalorienexpertin Nina Mackert, wurde der Kalorienbedarf von Frauen bei Haushaltsaktivitäten wie dem Staubwischen gemessen – und fiel dementsprechend niedriger aus. Das passende Beiwerk schuf die US-amerikanische Ärztin Lulu Hunt Peters mit ihrem 1918 veröffentlichten Diätratgeber Diet and Health. With Key to the Calories – der übrigens fünf Jahre nach der Markteinführung der ersten Badezimmerwaage erschien. Nun konnten alle tagtäglich den persönlichen Ernährungserfolg – oder Misserfolg – quantifizieren.Dieses Buch, das 1922 Bestsellerstatus erreichte und zwischen Werken von Mark Twain und Emily Post stand, war eine einzige emotionale Manipulation. Es sorgte für die innere Härte, mit der bald Millionen Menschen gegen ihren eigenen Körper vorgingen. Wir finden darin etwa folgenden Satz: „Wie kannst du es wagen, Fett zu horten, wenn die Nation es braucht?“ Oder: „Sag’ deinen Freunden laut und häufig, dass du es für unpatriotisch hältst, fett zu sein, während Tausende von Menschen hungern. Und, dass du dich auf ein normales Maß reduzieren wirst.“ Ihre Leserinnen forderte Peters dazu auf, Dicke auf offener Straße anzusprechen und zum Kalorienzählen aufzufordern. Viele brave Bürgerinnen kamen dem nach und berichteten in enthusiastischen Leserbriefen von ihrer Pflichterfüllung: Das Kalorienzählen wurde zuerst als eine patriotische, gar „soziale“ Tat ausgerufen – und mündete sofort in Praktiken eines öffentlichen Mobbings.Etabliert war damit eine Verbindung zwischen individueller Selbstführung und gesellschaftlicher „Verantwortung“ und Ordnung. Besonders in den Vereinigten Staaten, wo die Kalorie erfunden wurde und von denen die westliche Welt bis heute nicht nur Fast-Food-Trends übernimmt, sondern auch Impulse eines gegenläufigen Körperkults, durchlief die Kalorie alsbald eine Rassifizierung. Schlankheit verband sich mit Klischeebildern tugendhafter, weißer, angelsächsisch-protestantischer Frauen der Mittelschicht und ihrer männlichen Pendants. In medizinischen Kampagnen gegen „überschüssiges“ Fettgewebe schwangen immer auch hierarchische Konnotationen von Ethnie, Geschlecht und Klasse mit, so die US-amerikanische Soziologin Sabrina Strings: Der weiße Mann, der seinen eigenen Leib zu zügeln wusste, konnte sich in seiner Beherrschung anderer Körper durch deren Etikettierung als „faul“, „unzivilisiert“ oder „undiszipliniert“ gerechtfertigt sehen.Maßstab einer weißen Norm Da’Shaun L. Harrison zieht in Belly of the Beast. The Politics of Anti-Fatness as Anti-Blackness gar eine Verbindung solcher zeitgenössischen Körperpolitiken zum Ausgangspunkt des transkontinentalen Sklavenhandels: Ab dem Zeitpunkt, an dem Europäer auf Schwarze getroffen seien, habe „Fatness“ als Markierung des Unreinen, Animalischen, Gottlosen und Gierigen gedient, das zu beherrschen den Weißen vermeintlich aufgegeben war. In den USA hat sich die gesellschaftliche Erzählung, dass das Gewicht von Schwarzen ein Vorbote von Tod und Krankheit sei, laut Sabrina Strings bis heute gehalten. Sie lenke davon ab, reale gesellschaftliche Ungleichheiten zu bekämpfen.Auch hierzulande schwingen beim Kampf gegen das Fette hierarchisierende Stereotype mit. „Dick“, „faul“ und „unselbstständig“ zu sein, wird oft mit dem Bezug von Transferleistungen assoziiert. An der Universität Oldenburg hat sich die Sportsoziologin Rea Kodalle kritisch mit Programmen der „Mobilisierung“ marginalierter Gruppen befasst, etwa mit Maßnahmen, die speziell auf migrantische Frauen zielten. Diese „In-Formung“ bringt körperliche und mentale, individuelle und soziale Aspekte einer „Integration“ so zusammen, dass die „Hilfe“ oft eng neben der Stigmatisierung liegt.Aber auch innerhalb der mittleren und oberen Schichten wütet, was die Londoner Psychoanalytikerin Susie Orbach einst den „Körperterror” nannte: „Wir erleben eine nie da gewesene Hysterie um den Körper. Es gilt als normal, ihn nicht zu mögen. Millionen Menschen kämpfen täglich gegen ihn.“ Vor allem auf diese Schichten zielt eine milliardenschwere Abnehmindustrie, die eher ein chronisches Unglücklichsein mit sich selbst bewirkt als tatsächliches Wohlbefinden. 1979 brachte Orbach ein Gegenwerk zu den unzähligen kalorienbasierten Diätratgebern auf den Markt: das Anti-Diät-Buch. Auf Englisch: Fat is a Feminist Issue. Orbach, die selbst Essstörungen hatte, behandelte schon die an Bulimie leidende Lady Diana. „Mit Waagen wiegt man Fische, nicht Menschen“, sagte sie einst in einem Interview. Sie schreibt: „Wenn Verwirrung in Bezug auf die eigene Figur erzeugt wird, wenn diese auf Eingriffen in die eigene Biologie beruht statt auf dem Wissen, wann man hungrig und wann man satt ist, kann man keinen Frieden finden.“ Das Gefühl, einen Körper zu haben, dessen Bedürfnisse man adäquat wahrnimmt und dem man vertraut, werde so unerreichbar.Als Antidot zitiert Soziologin Strings die Prinzipien einer Black-Wellness-Initiative, an deren Gründung sie beteiligt ist: „Ruhe hilft uns, uns besser zu fühlen. Haben alle Menschen einen Zugang dazu? Haben wir sauberes Trinkwasser? Haben wir Zugang zu Obst und Gemüse? Wir befassen uns mit den Dingen, von denen wir sicher wissen, dass sie den Menschen helfen – ohne sie zu stigmatisieren.“Vielleicht ist es Zeit, die Kalorie dort zu lassen, wo sie entstanden ist: im quantifizierungswütigen Industriezeitalter. Je mehr man jedenfalls über die Geschichte dieser Maßeinheit weiß, desto weniger wird man daran glauben, dass sich anhand ihrer so etwas finden ließe wie eine umfassende Wahrheit über unsere Körper und deren Bedürfnisse.



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