Die mitteldeutsche Chemieindustrie wankt auch in Sachsen-Anhalt, im Jahr der Landtagswahlen. Beschäftigte warnen: Ohne klare Entscheidungen drohen Jobverluste – ein Motor für die AfD
Wer sich fragt, wie es aussieht, wenn Cumol, Phenol, Aceton oder Cyclohexanon gemacht wird: So! Bei DOMO Chemicals in Leuna
Foto: Jan Woitas/dpa
Im Gewächshaus herrschen angenehm warme Temperaturen. Zwischen dichten grünen Stauden prangen ferrarirote Tomaten. Mitarbeiter*innen der Wittenberg Gemüse GmbH greifen routiniert nach den Früchten und schneiden sie ab. Unter Glasdächern wachsen hier auf rund 40 Hektar Tomaten, Paprika und Erdbeeren – Gemüse und Obst für die Region, mitten in Sachsen-Anhalt. Was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist: die Industrie, die das alles möglich macht. Konkret die nahe gelegenen Stickstoffwerke von SKW Piesteritz.
Die Abwärme der Stickstoffwerke strömt durch Leitungen zur Heizung in die Gewächshäuser, das Kohlendioxid aus der Produktion wird genutzt, um die Fotosynthese der Pflanzen zu fördern. Ohne die Chemieindustrie gäbe es diesen Ort nicht, zumindest nicht in dieser Form. Doch das Modell ist zerbrechlich: Vor gut einem Jahr drosselte SKW Piesteritz die Düngemittelproduktion, die Wärmezufuhr brach ein. Inzwischen laufen die Anlagen wieder, doch Unsicherheit bleibt.
Was sich hier im Kleinen zeigt, erleben viele Menschen in der Region – dem mitteldeutschen Chemiedreieck zwischen Halle, Merseburg und Bitterfeld – im Großen: Die hiesige Chemieindustrie steckt in einer ihrer schwersten Krisen seit der Wende. Unternehmen kämpfen mit hohen Energiepreisen, Konkurrenz aus dem Ausland, ausbleibenden Investitionen und einer unklaren Perspektive. In Sachsen-Anhalt wächst die Angst vor einem Dominoeffekt – dass ein Werk nach dem anderen schließt. Mehr als 63.000 Arbeitsplätze hängen an der Branche. Und all das in einem Jahr, in dem im Bundesland gewählt wird.
In der Branche gibt es nur noch Jahresverträge
Gedanken um die Zukunft macht sich auch Daniel Schulz. Der 43-Jährige lebt in Merseburg und arbeitet am Standort Schkopau in einem Eisenbahnunternehmen, das an die Chemieindustrie angebunden ist. Er sitzt in Jeans und blauem Kapuzenpullover in seinem Büro und blickt auf den Computer. „Ich habe erst heute gelesen, dass sich noch weitere Firmen aus der Region zurückziehen wollen“, sagt er.
Schulz arbeitet seit 25 Jahren in der Branche, die meiste Zeit hat er in Werkstätten und bei Außeneinsätzen Fahrzeuge repariert, elektronische Komponenten geprüft, Verschleißteile ausgewechselt. Seit zwei Jahren arbeitet er als Referent für Instandhaltung, kümmert sich um Dokumentation, koordiniert Aufgaben. „In unserer Firma ist die Lage noch moderat, auch wenn ein Hauptkunde von den Problemen betroffen ist“, sagt Schulz. Er bemerke, dass die Branche insgesamt vorsichtiger geworden sei. „Viele Firmen arbeiten nur noch mit Jahresverträgen, die Planungssicherheit ist eingeschränkter als vor zehn Jahren.“ Wenn eine Firma geschlossen werde, bewege das die Kolleg*innen.
Placeholder image-1
Wie weiter? Auch Wasserstoff wird teuer
Die neueste Hiobsbotschaft kam vergangene Woche: Die drei ostdeutschen Tochterunternehmen des belgischen Chemieunternehmens DOMO Chemicals meldeten Insolvenz an und wurden in den „Notbetrieb“ versetzt. Bei zwei der Unternehmen am Standort Leuna sind rund 500 Beschäftigte angestellt. Ob die Anlagen wieder ohne Schäden anfahren können, ist unklar.
Es geht um die Entscheidung, ob Ostdeutschland weiter Industriestandort bleibt
Erst wenige Monate zuvor hatte der US-Chemieriese Dow angekündigt, seine Anlagen in Sachsen-Anhalt und Sachsen stillzulegen. Rund 550 Stellen sind betroffen. Die von Dow in einem „Steamcracker“ in Böhlen geschaffenen Grundstoffe werden von anderen Firmen weiter genutzt. „Die Standorte sind miteinander verflochten, die Lage ist ernst“, sagt die Linke-Bundestagsabgeordnete Janina Böttger zum Freitag.
Die Gewerkschaft IG BCE befürchtet, dass Dow die Anlage in Böhlen nicht verkaufen, sondern stilllegen will. „Eine Marktbereinigung zulasten der Chemieregion“, bestätigt Böttger. Um die Blockade bei der Investorensuche zu beenden, forderte ein Betriebsrat Ende November im Wirtschaftsausschuss des Landtages eine „Treuhand 2.0“ – ein Eingreifen des Staates. Böttger betont: „Es geht um die Entscheidung, ob Ostdeutschland weiter Industriestandort bleibt.“
Die ostdeutsche Chemieindustrie als industrielles Rückgrat
Die Chemiebranche in Mitteldeutschland war und ist eine zentrale Säule dieser Industrie. Bis 1989 gab es alleine in Leuna fast 30.000 Arbeitsplätze. Das Selbstverständnis der DDR-Staatsführung zeigte sich in dem Motto „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“. Mit der Wende wurde die Industrie zerschlagen, zwei Drittel der Beschäftigten verloren ihre Jobs. Nur ein Kern blieb bestehen, in den aber teilweise auch investiert wurde. Die ostdeutschen Chemieparks gehören mittlerweile hierzulande wieder zum industriellen Rückgrat.
Doch zeigten sich zuletzt immer mehr Krisenanzeichen der Branche, die energieintensiv arbeitet und stark von russischem Öl und Gas abhängig war. Seit 2022 brachen Umsätze und Produktion ein. „Hauptverantwortlich sind hohe Energiepreise seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sowie der steigende Wettbewerbsdruck aus China“, sagt Philipp Verpoort vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zum Freitag.
Klimaneutrale Chemieprodukte sind noch weit von einer Marktreife entfernt
Eine Umstellung auf klimaneutrale Produktion würde grünen Wasserstoff in großen Mengen und zu günstigen Preisen benötigen, sagt Verpoort. „Mittlerweile macht sich jedoch in der Branche die nüchterne Feststellung breit, dass Wasserstoff auf absehbare Zeit knapp und teuer bleiben wird.“ Darüber hinaus benötige die Industrie klimaneutrale Kohlenstoffquellen aus Biomasse oder Abfällen. In der Bioraffinerie Leuna wird Holz genutzt. „Klimaneutrale Chemieprodukte sind noch weit von einer Marktreife entfernt.“
Wie umgehen mit dem Dilemma? Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaft IG BCE hatten Mitte Dezember einen ostdeutschen Chemiegipfel abgehalten und der Bundesregierung einen Fünf-Punkte-Plan übergeben. Gefordert wurden staatliche Planungssicherheit, günstige Energie, langsamere Klimapolitik, weniger Regulierung und der Schutz von Standorten. Die Leiterin der IG BCE Nordost, Stephanie Albrecht-Suliak, überreichte der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), einen symbolischen Feuerlöscher. „Die Hütte brennt“, sagte Albrecht-Suliak.
Angeordnete Perspektivlosigkeit von oben
Werden diese Worte gehört? Die Wirtschaftsministerien von Land und Bund kündigten an, zu helfen. Dass aus diesen Worten etwas folgt, wird von vielen bezweifelt – ebenso wie die „Chemieagenda 2045“, die die Bundesregierung erarbeiten will. Das zeigt sich symptomatisch, wenn Mitte Januar Bundeskanzler Friedrich Merz und Teile der Landesregierung zum Neujahrsempfang der Wirtschaft nach Halle kommen – Bilder aus einer anderen Welt.
Die Erinnerungen an die Deindustrialisierungs-Erfahrungen der 1990er sind in der Bevölkerung präsent. Groß ist die Skepsis, wenn in Halle, Magdeburg oder Berlin von „Transformation“ gesprochen wird. In Leuna zum Beispiel kann man am Marktplatz öfters Arbeiter in oranger Industriekleidung antreffen. „Hat sich doch schon erledigt, ohne russisches Gas und Öl war’s das“, sagt einer davon auf Nachfrage.
In dieser Lage fordert das BSW in Sachsen-Anhalt eine „realistische Energiepolitik“, was meint: Abkehr vom „selbstzerstörerischen“ Importstopp für russisches Erdgas. Ebenso die AfD: „Schluss mit ideologischer Energiepolitik.“
Die Linke pocht dagegen auf ein stärkeres Eingreifen des Bundes: „Eine temporäre staatliche Beteiligung ist günstiger als der Verlust eines ganzen Chemieclusters“, sagt Böttger. Ein sofortiges Moratorium gegen die Demontagen sei notwendig, um Zeit zu gewinnen.
Gesucht: Langfristige Strategie für Energiewende, Sicherheit und Joberhalt
Aber wie kann es hier wirklich langfristig weitergehen? Die Standortnachteile in Deutschland aufgrund hoher Energiekosten werden wohl andauern, betont Philipp Verpoort vom PIK. Erneuerbarer Strom oder grüner Wasserstoff seien auch in Zukunft wohl in anderen Regionen günstiger. „Eine Chance für den Erhalt von Arbeitsplätzen könnte der Fokus auf Verfahren und Wertschöpfungsschritte sein, die viel Know-how und wenig Energie benötigen“, schlägt der Forscher vor – etwa Prozesse, die auf Recycling und Kreislaufwirtschaft aufbauen. Ob Politik, Unternehmen und Gewerkschaften so einen Weg gehen würden? Die EU hat eigentlich beschlossen, bis Ende 2027 russische Gasimporte zu stoppen. Mit einem etwaigen Ende des Ukrainekriegs könnte der erneute Bezug günstiger Energie für einige verlockend klingen.
Eine temporäre staatliche Beteiligung ist günstiger als der Verlust eines ganzen Chemieclusters
All diese Fragen werden breit diskutiert. „Die Gesellschaft ist im Wandel, der Markt verändert sich, Firmen sind gezwungen, sich anzupassen – so auch die Chemieindustrie“, sagt Daniel Schulz. Umso mehr falle es ihm negativ auf, wenn wenig investiert werde. „An unserem Standort ist nichts passiert in den vergangenen zehn Jahren“, kritisiert er. Politik und Arbeitgeber hätten kaum vorausschauend geplant. Die unklaren Zukunftsaussichten übersetzen sich nun in Wahlergebnisse. „Vom Frust profitiert die AfD“, sagt Schulz. Bei den letzten Kommunalwahlen in Leuna kam die auf 33 Prozent der Stimmen. Programmatisch könnten viele mit der AfD nichts anfangen, sie fülle aber eine Lücke, die die anderen Parteien hinterlassen. „Sie ist die einzige Partei, die die Unsicherheiten aufgreift.“ Außer rückwärtsgewandtem Denken habe sie nichts anzubieten, sagt Schulz. „Die AfD ist für mich als Arbeiter keine Alternative.“
Wer bestimmt die Transformation?
Was dann? „Die Politik muss Infrastruktur fördern und Entscheidungen treffen, die zukunftsorientiert sind“, sagt der Eisenbahner. „Sicher, russische Energie würde erst mal Leute beruhigen, aber wir brauchen Alternativen.“ Wandel gelinge jedoch nur mit Unterstützung, aktiven Gewerkschaften und ausreichend Mitbestimmungsmöglichkeiten, so Schulz, der selbst IG-BCE-Mitglied ist. „Die Transformation darf nicht gegen die Leute laufen, sie muss mit ihnen umgesetzt werden.“ Das könnte bedeuten, selbst über Gelder aus Fördertöpfen zu bestimmen. „Unser Wohlstand kommt von unten – dort sollte entschieden werden.“
In Leuna wie auch im Rest Ostdeutschlands reagiert man sensibel, wenn Entscheidungen als von oben angeordnet empfunden werden. Eine neue Fernwärmeleitung von Leuna nach Leipzig und der Bau der Stromtrasse Suedostlink von Sachsen-Anhalt nach Bayern sorgten für heftige Kritik – Anwohner*innen und Initiativen fühlten sich nicht ausreichend einbezogen.
„Ich hoffe, noch bis zur Rente in meinem Beruf arbeiten zu können“, sagt Daniel Schulz. Sein Betrieb sucht bereits nach weiteren Auftraggebern. Ob das reicht, ist offen. Einmal heruntergefahrene Chemieanlagen lassen sich nicht einfach wieder hochfahren – mit ihnen verschwinden Wissen, Arbeitsplätze, industrielle Kerne. Der Preis davon wäre hoch. Versiegt die Wärme der Chemie, wird es nicht nur in den Gewächshäusern von Wittenberg kalt.
ie Fotosynthese der Pflanzen zu fördern. Ohne die Chemieindustrie gäbe es diesen Ort nicht, zumindest nicht in dieser Form. Doch das Modell ist zerbrechlich: Vor gut einem Jahr drosselte SKW Piesteritz die Düngemittelproduktion, die Wärmezufuhr brach ein. Inzwischen laufen die Anlagen wieder, doch Unsicherheit bleibt.Was sich hier im Kleinen zeigt, erleben viele Menschen in der Region – dem mitteldeutschen Chemiedreieck zwischen Halle, Merseburg und Bitterfeld – im Großen: Die hiesige Chemieindustrie steckt in einer ihrer schwersten Krisen seit der Wende. Unternehmen kämpfen mit hohen Energiepreisen, Konkurrenz aus dem Ausland, ausbleibenden Investitionen und einer unklaren Perspektive. In Sachsen-Anhalt wächst die Angst vor einem Dominoeffekt – dass ein Werk nach dem anderen schließt. Mehr als 63.000 Arbeitsplätze hängen an der Branche. Und all das in einem Jahr, in dem im Bundesland gewählt wird.In der Branche gibt es nur noch JahresverträgeGedanken um die Zukunft macht sich auch Daniel Schulz. Der 43-Jährige lebt in Merseburg und arbeitet am Standort Schkopau in einem Eisenbahnunternehmen, das an die Chemieindustrie angebunden ist. Er sitzt in Jeans und blauem Kapuzenpullover in seinem Büro und blickt auf den Computer. „Ich habe erst heute gelesen, dass sich noch weitere Firmen aus der Region zurückziehen wollen“, sagt er.Schulz arbeitet seit 25 Jahren in der Branche, die meiste Zeit hat er in Werkstätten und bei Außeneinsätzen Fahrzeuge repariert, elektronische Komponenten geprüft, Verschleißteile ausgewechselt. Seit zwei Jahren arbeitet er als Referent für Instandhaltung, kümmert sich um Dokumentation, koordiniert Aufgaben. „In unserer Firma ist die Lage noch moderat, auch wenn ein Hauptkunde von den Problemen betroffen ist“, sagt Schulz. Er bemerke, dass die Branche insgesamt vorsichtiger geworden sei. „Viele Firmen arbeiten nur noch mit Jahresverträgen, die Planungssicherheit ist eingeschränkter als vor zehn Jahren.“ Wenn eine Firma geschlossen werde, bewege das die Kolleg*innen.Placeholder image-1Wie weiter? Auch Wasserstoff wird teuerDie neueste Hiobsbotschaft kam vergangene Woche: Die drei ostdeutschen Tochterunternehmen des belgischen Chemieunternehmens DOMO Chemicals meldeten Insolvenz an und wurden in den „Notbetrieb“ versetzt. Bei zwei der Unternehmen am Standort Leuna sind rund 500 Beschäftigte angestellt. Ob die Anlagen wieder ohne Schäden anfahren können, ist unklar.Es geht um die Entscheidung, ob Ostdeutschland weiter Industriestandort bleibtJanina Böttger, Bundestagsabgeordnete Die LinkeErst wenige Monate zuvor hatte der US-Chemieriese Dow angekündigt, seine Anlagen in Sachsen-Anhalt und Sachsen stillzulegen. Rund 550 Stellen sind betroffen. Die von Dow in einem „Steamcracker“ in Böhlen geschaffenen Grundstoffe werden von anderen Firmen weiter genutzt. „Die Standorte sind miteinander verflochten, die Lage ist ernst“, sagt die Linke-Bundestagsabgeordnete Janina Böttger zum Freitag.Die Gewerkschaft IG BCE befürchtet, dass Dow die Anlage in Böhlen nicht verkaufen, sondern stilllegen will. „Eine Marktbereinigung zulasten der Chemieregion“, bestätigt Böttger. Um die Blockade bei der Investorensuche zu beenden, forderte ein Betriebsrat Ende November im Wirtschaftsausschuss des Landtages eine „Treuhand 2.0“ – ein Eingreifen des Staates. Böttger betont: „Es geht um die Entscheidung, ob Ostdeutschland weiter Industriestandort bleibt.“Die ostdeutsche Chemieindustrie als industrielles Rückgrat Die Chemiebranche in Mitteldeutschland war und ist eine zentrale Säule dieser Industrie. Bis 1989 gab es alleine in Leuna fast 30.000 Arbeitsplätze. Das Selbstverständnis der DDR-Staatsführung zeigte sich in dem Motto „Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit“. Mit der Wende wurde die Industrie zerschlagen, zwei Drittel der Beschäftigten verloren ihre Jobs. Nur ein Kern blieb bestehen, in den aber teilweise auch investiert wurde. Die ostdeutschen Chemieparks gehören mittlerweile hierzulande wieder zum industriellen Rückgrat.Doch zeigten sich zuletzt immer mehr Krisenanzeichen der Branche, die energieintensiv arbeitet und stark von russischem Öl und Gas abhängig war. Seit 2022 brachen Umsätze und Produktion ein. „Hauptverantwortlich sind hohe Energiepreise seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sowie der steigende Wettbewerbsdruck aus China“, sagt Philipp Verpoort vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zum Freitag.Klimaneutrale Chemieprodukte sind noch weit von einer Marktreife entferntPhilipp Verpoort, PIK Eine Umstellung auf klimaneutrale Produktion würde grünen Wasserstoff in großen Mengen und zu günstigen Preisen benötigen, sagt Verpoort. „Mittlerweile macht sich jedoch in der Branche die nüchterne Feststellung breit, dass Wasserstoff auf absehbare Zeit knapp und teuer bleiben wird.“ Darüber hinaus benötige die Industrie klimaneutrale Kohlenstoffquellen aus Biomasse oder Abfällen. In der Bioraffinerie Leuna wird Holz genutzt. „Klimaneutrale Chemieprodukte sind noch weit von einer Marktreife entfernt.“Wie umgehen mit dem Dilemma? Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaft IG BCE hatten Mitte Dezember einen ostdeutschen Chemiegipfel abgehalten und der Bundesregierung einen Fünf-Punkte-Plan übergeben. Gefordert wurden staatliche Planungssicherheit, günstige Energie, langsamere Klimapolitik, weniger Regulierung und der Schutz von Standorten. Die Leiterin der IG BCE Nordost, Stephanie Albrecht-Suliak, überreichte der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), einen symbolischen Feuerlöscher. „Die Hütte brennt“, sagte Albrecht-Suliak.Angeordnete Perspektivlosigkeit von obenWerden diese Worte gehört? Die Wirtschaftsministerien von Land und Bund kündigten an, zu helfen. Dass aus diesen Worten etwas folgt, wird von vielen bezweifelt – ebenso wie die „Chemieagenda 2045“, die die Bundesregierung erarbeiten will. Das zeigt sich symptomatisch, wenn Mitte Januar Bundeskanzler Friedrich Merz und Teile der Landesregierung zum Neujahrsempfang der Wirtschaft nach Halle kommen – Bilder aus einer anderen Welt.Die Erinnerungen an die Deindustrialisierungs-Erfahrungen der 1990er sind in der Bevölkerung präsent. Groß ist die Skepsis, wenn in Halle, Magdeburg oder Berlin von „Transformation“ gesprochen wird. In Leuna zum Beispiel kann man am Marktplatz öfters Arbeiter in oranger Industriekleidung antreffen. „Hat sich doch schon erledigt, ohne russisches Gas und Öl war’s das“, sagt einer davon auf Nachfrage.In dieser Lage fordert das BSW in Sachsen-Anhalt eine „realistische Energiepolitik“, was meint: Abkehr vom „selbstzerstörerischen“ Importstopp für russisches Erdgas. Ebenso die AfD: „Schluss mit ideologischer Energiepolitik.“Die Linke pocht dagegen auf ein stärkeres Eingreifen des Bundes: „Eine temporäre staatliche Beteiligung ist günstiger als der Verlust eines ganzen Chemieclusters“, sagt Böttger. Ein sofortiges Moratorium gegen die Demontagen sei notwendig, um Zeit zu gewinnen.Gesucht: Langfristige Strategie für Energiewende, Sicherheit und JoberhaltAber wie kann es hier wirklich langfristig weitergehen? Die Standortnachteile in Deutschland aufgrund hoher Energiekosten werden wohl andauern, betont Philipp Verpoort vom PIK. Erneuerbarer Strom oder grüner Wasserstoff seien auch in Zukunft wohl in anderen Regionen günstiger. „Eine Chance für den Erhalt von Arbeitsplätzen könnte der Fokus auf Verfahren und Wertschöpfungsschritte sein, die viel Know-how und wenig Energie benötigen“, schlägt der Forscher vor – etwa Prozesse, die auf Recycling und Kreislaufwirtschaft aufbauen. Ob Politik, Unternehmen und Gewerkschaften so einen Weg gehen würden? Die EU hat eigentlich beschlossen, bis Ende 2027 russische Gasimporte zu stoppen. Mit einem etwaigen Ende des Ukrainekriegs könnte der erneute Bezug günstiger Energie für einige verlockend klingen.Eine temporäre staatliche Beteiligung ist günstiger als der Verlust eines ganzen ChemieclustersJanina Böttger, Bundestagsabgeordnete Die LinkeAll diese Fragen werden breit diskutiert. „Die Gesellschaft ist im Wandel, der Markt verändert sich, Firmen sind gezwungen, sich anzupassen – so auch die Chemieindustrie“, sagt Daniel Schulz. Umso mehr falle es ihm negativ auf, wenn wenig investiert werde. „An unserem Standort ist nichts passiert in den vergangenen zehn Jahren“, kritisiert er. Politik und Arbeitgeber hätten kaum vorausschauend geplant. Die unklaren Zukunftsaussichten übersetzen sich nun in Wahlergebnisse. „Vom Frust profitiert die AfD“, sagt Schulz. Bei den letzten Kommunalwahlen in Leuna kam die auf 33 Prozent der Stimmen. Programmatisch könnten viele mit der AfD nichts anfangen, sie fülle aber eine Lücke, die die anderen Parteien hinterlassen. „Sie ist die einzige Partei, die die Unsicherheiten aufgreift.“ Außer rückwärtsgewandtem Denken habe sie nichts anzubieten, sagt Schulz. „Die AfD ist für mich als Arbeiter keine Alternative.“Wer bestimmt die Transformation?Was dann? „Die Politik muss Infrastruktur fördern und Entscheidungen treffen, die zukunftsorientiert sind“, sagt der Eisenbahner. „Sicher, russische Energie würde erst mal Leute beruhigen, aber wir brauchen Alternativen.“ Wandel gelinge jedoch nur mit Unterstützung, aktiven Gewerkschaften und ausreichend Mitbestimmungsmöglichkeiten, so Schulz, der selbst IG-BCE-Mitglied ist. „Die Transformation darf nicht gegen die Leute laufen, sie muss mit ihnen umgesetzt werden.“ Das könnte bedeuten, selbst über Gelder aus Fördertöpfen zu bestimmen. „Unser Wohlstand kommt von unten – dort sollte entschieden werden.“In Leuna wie auch im Rest Ostdeutschlands reagiert man sensibel, wenn Entscheidungen als von oben angeordnet empfunden werden. Eine neue Fernwärmeleitung von Leuna nach Leipzig und der Bau der Stromtrasse Suedostlink von Sachsen-Anhalt nach Bayern sorgten für heftige Kritik – Anwohner*innen und Initiativen fühlten sich nicht ausreichend einbezogen.„Ich hoffe, noch bis zur Rente in meinem Beruf arbeiten zu können“, sagt Daniel Schulz. Sein Betrieb sucht bereits nach weiteren Auftraggebern. Ob das reicht, ist offen. Einmal heruntergefahrene Chemieanlagen lassen sich nicht einfach wieder hochfahren – mit ihnen verschwinden Wissen, Arbeitsplätze, industrielle Kerne. Der Preis davon wäre hoch. Versiegt die Wärme der Chemie, wird es nicht nur in den Gewächshäusern von Wittenberg kalt.